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Hildegard Goss-Mayr: 90 Jahre gelebte Gewaltfreiheit

Hildegard Goss-Mayr, Ehrenpräsidentin des Internationalen Versöhnungsbundes, feiert am 22. Januar 2020 ihren 90. Geburtstag. Geprägt von den Eindrücken ihrer Kindheit im Nationalsozialismus und der Friedensarbeit ihres Vaters, Kaspar Mayr, engagierte sich Hildegard Goss-Mayr ihr Leben lang für Frieden und Gewaltfreiheit. Zusammen mit ihrem Mann Jean Goss (verstorben 1991), unterstützte sie den Aufbau gewaltfreier Bewegungen in vielen Krisen-und Konfliktgebieten. Sie half bei der Vorbereitung friedlicher Revolutionen, etwa in mehreren Ländern Lateinamerikas, auf den Philippinen und in Madagaskar.

Für ihre Arbeit war die Wienerin bereits zwei Mal für den Friedensnobelpreis nominiert. Außerdem wurde ihr, gemeinsam mit ihrem Mann, 1979 der Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte überreicht. 1991 wurde Hildegard Goss-Mayr mit dem Niwano-Friedenspreis ausgezeichnet, der von der Niwano Peace Foundation mit Sitz in Tokio für Verdienste um die interreligiöse Zusammenarbeit für den Frieden verliehen wird.

Hildegard Goss-Mayr studierte Philosophie, Philologie und Geschichte und war 1953 die erste Frau, die an der Universität Wien "sub auspiciis" promovierte. Gleich anschließend nahm sie ihre Arbeit beim Internationalen Versöhnungsbund auf, ihr weiteres Leben widmete sie ganz der Friedensarbeit, beginnend im "Dialog mit Andersdenkenden" zur Zeit des Kalten Krieges für eine Ost-West-Verständigung und der Verankerung der Gewaltfreiheit in den Kirchen durch Lobbyarbeit beim Zweiten Vatikanischen Konzil.

Wichtig war ihr stets die Unterstützung von Betroffenen, die aus eigener Kraft versuchen, Unrechtssituationen zu überwinden. 1962 begann sie gemeinsam mit ihrem Mann Jean Goss, sich für den Aufbau gewaltloser Befreiungsbewegungen in Lateinamerika zu engagieren, aus denen die Organisation Servicio Paz y Justicia hervorging. Deren erster Vorsitzender und Friedensnobelpreisträger 1980, Adolfo Pérez Esquivel, schickt ihr Grüße zum Geburtstag: "Du bist immer in unserem Geist und unserem Herzen präsent. Wir erinnern uns an die großartige Arbeit, die du zusammen mit Jean Goss auf diesem Kontinent geleistet hast."

An dieses Engagement in Lateinamerika anknüpfend, hielt Hildegard Goss-Mayr Schulungen in aktiver Gewaltfreiheit auf der ganzen Welt, z.B. 1984-86 zur Zeit der gewaltfreien Revolution auf den Philippinen, die als "Rosenkranzrevolution" oder "People Power" in die Geschichte einging, sowie 1991 in Madagaskar für die gewaltfreie Überwindung des Regimes unter Didier Ratsiraka. Hildegard Goss-Mayr hielt Seminare und Vorträge zur aktiven Gewaltfreiheit in vielen Ländern in Afrika, Amerika, Asien und Europa und unterstützte damit den Aufbau von Versöhnungsbund-Zweigen.

Bei ihrer Arbeit ging es stets darum, dass Menschen die gewaltfreien Wurzeln in ihrer Religion und Kultur herausarbeiten und, auf diesen Wurzeln aufbauend, Strategien für die Überwindung von Unrecht und Gewalt entwickeln.

Zu Ehren ihres runden Geburtstags findet am 15. Februar 2020 um 10:30 Uhr ein Dankgottesdienst, gehalten von Bischof Hermann Glettler, mit anschließender Festmatinee in der Pfarrkirche Sandleiten, Sandleitengasse 53, 1160 Wien statt, bei dem sich hiesige Unterstützer*innen, Freundinnen und Freunde den Glückwünschen aus aller Welt anschließen können.

Auszüge aus der Biografie von Hildegard Goss-Mayr

Hildegard Goss-Mayr wurde 1930 in Wien geboren. Ihr Vater, Kaspar Mayr, war Mitbegründer der christlichen Friedensbewegung Internationaler Versöhnungsbund. Dadurch erlebte sie als Kind und Jugendliche nicht nur die Weite ökumenischer und internationaler Friedensarbeit, sondern auch nach 1938 die Verfolgung der Familie durch das nationalsozialistische Regime sowie das Grauen des Zweiten Weltkrieges.

Diese Erfahrungen bewogen sie, sich nach ihrem Studium der Philologie in Wien und New Haven, USA, in den Dienst der Friedensarbeit aus der Kraft der Gewaltfreiheit zu stellen. Ab 1953 wurde sie Mitarbeiterin des internationalen Büros des Versöhnungsbundes. 1958 heiratete sie den französischen Friedensarbeiter Jean Goss, mit dem sie bis 1991 die Arbeit gemeinsam durchführte. 1960 bekam das Ehepaar zwei Kinder.

Schwerpunkt Ost-West-Kontakte während des Kalten Krieges

Von Wien aus wurden in schwieriger Pionierarbeit über den Eisernen Vorhang hinweg Kontakte und Dialog mit Christ*innen und Nicht-Christ*innen in Osteuropa aufgebaut.

  • 1957: Erste deutsch-polnische Begegnung in Wien
  • ab 1959 mehrere theologische Ost-West-Tagungen zur Friedensfrage
  • 1968: Zweite theologische Konferenz der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirchen aus Ost und West in Wien über die Gewaltfreiheit aus dem Evangelium

Schwerpunkt Arbeit beim Zweiten Vatikanischen Konzil in Rom (1961-65)

Dem Appell Papst Johannes XXIII. folgend, Anliegen der Kirche in das Konzil einzubringen, bauten Jean und Hildegard Goss-Mayr in Rom eine Friedenslobby auf. Die Friedensfrage, eines der brennendsten Menschheitsprobleme, wurde in die Konzilsarbeit aufgenommen. Die Themen Abrüstung, Wehrdienstverweigerung und Gewaltfreiheit wurden behandelt und führten zu Ansätzen einer Friedenstheologie.

Schwerpunkt Aufbau der gewaltlosen Befreiungsbewegung "Servicio Paz y Justicia-Serpaj" (Dienst für Frieden und Gerechtigkeit Serpaj) in Lateinamerika (1962-80)

Angesichts der dramatischen Sozialprobleme und der unterdrückerischen Militärregimes in Lateinamerika wurden Jean und Hildegard Goss-Mayr eingeladen, am Aufbau einer kontinentalen gewaltlosen Befreiungsbewegung mitzuarbeiten. Dies u.a. in Zusammenarbeit mit Dom Helder Câmara, Kardinal Lorscheider und Kardinal Arns. 1974 wurde Serpaj gegründet und die Leitung von Adolfo Pérez Esquivel (Friedensnobelpreis 1980) übernommen. Der gewaltfreie Widerstand hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Militärdiktaturen weitgehend unblutig überwunden wurden.

  • 1964-1965: Aufenthalt in Brasilien mit ihren Kindern
  • 1966: Montevideo, erstes internationales Treffen über die revolutionäre Gewaltfreiheit
  • 1967: Brasilien, erstes offizielles nationales Seminar über die revolutionäre Gewaltfreiheit
  • 1970-1971: Aufenthalt in Mexiko mit den Kindern
  • 1974: Zweites Koordinationstreffen der gewaltfreien Bewegungen Südamerikas in Medellín (Kolumbien), Gründung von Serpaj. Sekretär: Adolfo Pérez Esquivel, Friedensnobelpreisträger 1980
  • 1978: Bogotá, Seminar für Bischöfe über die Kraft des Evangeliums der gewaltlosen Befreiung

Schwerpunkt: Asien

  • People Power auf den Philippinen (1984-1986)
  • Mithilfe bei der Schulung jener Gruppen, die 1986 auf den Philippinen durch die Volksbewegung "People Power" die Diktatur von Ferdinand Marcos unblutig überwanden
  • 1985-1988: Arbeit in Thailand, Bangladesch und den Philippinen

Schwerpunkt: Arbeit in Afrika

  • 1973-1974: Arbeit in Angola, Mozambique und Südafrika
  • 1976: Arbeit in Südafrika, Rhodesien und Tansania
  • 1991: Kurz vor der geplanten Abreise nach Madagaskar verstirbt Jean Goss am 3. April 1991 in Paris. Im November reist Hildegard Goss-Mayr nach Madagaskar, um mit gewaltfreien Gruppen Strategien für die gewaltfreie Überwindung der Regimes von Didier Ratsiraka zu entwickeln.
  • Bis zum Jahr 2000 führte Hildegard Goss Mayr Schulungen in aktiver Gewaltfreiheit, gewaltfreier Konfliktlösung und inter-ethnischer Versöhnungsarbeit vorwiegend im Gebiet der Großen Seen (Rwanda, Burundi, Ost-Zaire/Demokratische Republik Kongo) durch.

2001- bis heute: Vorträge, Seminare und Interviews zur aktiven Gewaltfreiheit vorwiegend in Österreich und Europa.

Publikationen:

  • Die Macht der Gewaltlosen (1968)
  • Revolution ohne Gewalt (1968)
  • Der Mensch vor dem Unrecht -Spiritualität und Praxis gewaltloser Befreiung (1976)
  • Geschenk der Armen an die Reichen. Zeugnisse aus dem gewaltfreien Kampf in Lateinamerika (1979)
  • Wie Feinde Freunde werden. Mein Leben mit Jean Goss für Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit und Versöhnung (2. Auflage 2020 im LIT-Verlag)

Preise:

  • 1976 Friedenspreis Xirinax (Pax Christi Spanien)
  • 1979 Dr. Bruno Kreisky Preis für Menschenrechte
  • 1986: Pope Paul VI Teacher of Peace Award (Pax Christi USA)
  • 1991 Niwano Peace Prize (Buddhistische Laienbewegung in Tokio, Japan)

Quelle: Internationaler Versöhnungsbund - Österreichischer Zweig - Pressemitteilung vom 16.01.2020.

Als Teil der internationalen Friedensbewegung arbeitet der österreichische Versöhnungsbund seit über 100 Jahren aktiv gewaltfrei für einen gerechten und nachhaltigen Frieden. Der österreichische Zweig des Versöhnungsbundes engagiert sich für Friedenspolitik und Demilitarisierung, in Projekten zur Unterstützung von Friedensaktivist*innen in Kolumbien, Israel/Palästina und dem Westbalkan, sowie für den Aufbau einer Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit

Veröffentlicht am

21. Januar 2020

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