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Die Afghanistan Papers müssen auch für Deutschland ein Thema werden

Von Emran Feroz

In der vergangenen Woche veröffentlichte die Washington Post die sogenannten Afghanistan Papers. Obwohl die Dokumente medial eine große Runde machten, blieb eine angemessene Reaktion weiterhin aus. Immerhin sind es nicht nur die USA, die die Öffentlichkeit belogen und betrogen haben, sondern auch Verbündete wie Deutschland, das "die Freiheit am Hindukusch verteidigte".

Seit der Veröffentlichung der Afghanistan Papers scheinen sich plötzlich viele darüber einig zu sein, dass der Krieg in Afghanistan falsch läuft, und zwar schon seit langem. Man habe es lediglich nicht gewusst. Ein Mann, dem diese Schlussfolgerung nicht passt, heißt John Sopko. Er ist in gewisser Art und Weise der Protagonist der Papers. Als Sonder-Generalinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans (kurz SIGAR) hat Sopko ebenjenen Bericht erstellt, den die US-Regierung zensieren wollte und der nun von der Washington Post veröffentlicht wurde. Sopko und sein Team haben über 400 Insider interviewt, die allesamt mehr oder weniger zugaben, dass der Krieg am Hindukusch eine Katastrophe sei. Nun hat sich Sopko selbst zu Wort gemeldet, und zwar in einem Stück, das er für ebenjene Washington Post verfasst hat. Sopko betont die Wichtigkeit der Veröffentlichung der Papers, allerdings kritisiert er auch den damit verbundenen Sensationalismus der Washington Post und meint, dass die meisten veröffentlichten Fakten eben nicht "geheim" gewesen seien. Wer die regelmäßig erschienenen SIGAR-Berichte aufmerksam gelesen hätte, wäre zu ähnlichen Schlüssen gekommen. Hinzu kommt, dass laut Sopko die Papers (oder besser gesagt: die Journalisten, die sie aufgearbeitet haben) die Arbeit seines Teams, das teils unter extrem schwierigen und gefährlichen Bedingungen in Afghanistan vor Ort recherchierte, ignorieren oder geringschätzen würden.

Sopkos Kritik ist richtig und wichtig. Man muss sich nämlich gewiss etwas blöd vorkommen, wenn man jahrelang die eigene Regierung sowie die Öffentlichkeit auf die Misere in Afghanistan aufmerksam macht - und zwar mit knallharten Zahlen und Fakten durch aufwendige Recherche - und dann am Ende von ein paar Journalisten hochgenommen wird, die meinen, sie hätten eine vermeintlich geheime Story enthüllt und würden nun Geschichte schreiben. All dies macht nur abermals deutlich, inwiefern gewisse Medien eine enorme Deutungshoheit haben und Realitäten schaffen oder neu erfinden können. Diese Feststellung soll keineswegs als Relativierung der Afghanistan Papers aufgenommen werden. Im Vergleich zu vielen Medien, vor allem im deutschsprachigen Raum, leisten Washington Post, New York Times und Co. oftmals hervorragende Arbeit zum Krieg in Afghanistan. In diesem Fall wollte das betroffene Medium allerdings die erlangten Daten besonders ausschlachten, und das, obwohl es sich eben bei vielen der genannten Fakten keineswegs um neue Erkenntnisse gehandelt hat.

Seit dem Beginn meiner journalistischen Arbeit befasse ich mich mit dem Krieg in Afghanistan, und seit jeher kritisiere ich ihn. Bereits vor Jahren berichtete ich über korrupte Warlords, die mit den Amerikanern zusammenarbeiten. Ich schrieb über die Taliban und deren zunehmenden Machteinfluss oder über den Mythos der Demokratisierung und der Frauenbefreiung. Hinzu kam die große Anzahl der zivilen Opfer im Land, die eben nicht nur durch Taliban und anderweitige aufständische Gruppierungen zustande kommt, sondern auch durch US-Drohnen, NATO-Truppen und CIA-Milizen. So gut wie all meine Beobachtungen und Annahmen wurden von den Afghanistan Papers bestätigt. Das ist gut und schlecht.

Einerseits fühlt man sich bestätigt und hofft, dass die Öffentlichkeit nun gewisse Dinge endlich einsehen wird. Andererseits fragt man sich auch, wofür man all die Jahre gearbeitet hat. Die Arbeit als Kriegsreporter ist nicht nur schwierig, sie ist auch lebensgefährlich. Man geht an die Front, besucht abgelegene Gebiete, die von Drohnen heimgesucht werden oder trinkt Tee mit Taliban-Kämpfern. In solchen Momenten blendet man alle Gefahren aus. Man versucht, zu arbeiten. Am Ende verkauft man seinen Text an den Meistbietenden, und der zahlt meistens immer noch mickrig. Wer sich einer solchen Arbeit widmet, tut dies gewiss nicht des Geldes wegen. Natürlich hofft man, dass die Berichterstattung irgendwann eine Auswirkung zeigt, ja, die Realität in irgendeiner Art und Weise verändert. Letztendlich hat man allerdings den ganz persönlichen "Sopko-Moment".

Umso wichtiger ist es nun, den Blick nicht nur auf die USA zu werfen. Dutzende von Nationen beteiligen sich an dem Krieg in Afghanistan und tragen eine große Mitschuld. Dies betrifft auch Deutschland, weshalb es wichtig ist, die aktuelle Berichterstattung hierzulande etwas genauer zu betrachten. Viele Beobachter aus Politik und Medien scheinen sich einig darüber zu sein, dass die US-Regierung ihre eigene Bevölkerung jahrelang belogen hat und dass das nicht in Ordnung ist. Natürlich haben alle Medien, einschließlich ZDF, ARD und Co., in irgendeiner Art und Weise über die Papers berichtet. Bahnbrechend war diese Berichterstattung allerdings keineswegs. Hinzu kommt, dass man den Fall isoliert betrachtet. "Die Amerikaner haben die Öffentlichkeit belogen? Schön, aber damit haben wir nichts zu tun." Das stimmt natürlich. Denn am Hindukusch wird weiterhin die deutsche Freiheit verteidigt. Deutsche Soldaten haben in den letzten Jahren lediglich Brunnen und Schulen gebaut, und keine Zivilisten ermordet. Kunduz, 150 Tote und ein mittlerweile zum General beförderter Georg Klein? Gibt es nicht. Tausende von Drohnen-Toten, die es ohne Ramstein nicht geben würde? Wir wissen nichts davon. Brutale Warlords, die aufgrund ihrer Kriegsverbrechen nicht nach Den Haag gebracht, sondern mit Millionen belohnt wurden, während sie mit der Bundeswehr zusammenarbeiten? Wir kennen sie nicht.

Anstatt den Moment zu nutzen und mit all den bekannten Afghanistan-Mythen hierzulande aufzuräumen, hat man die eigene Schuld und die damit verbundene Verantwortung einfach ignoriert und ging zum Alltag über. Dies ist nicht wirklich überraschend - und dennoch bitter.

Quelle:  NachDenkSeiten - 20.12.2019. Dieser Beitrag ist auch verfügbar als Audio-Podcast .

Veröffentlicht am

21. Dezember 2019

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