Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Mission Mauerfall - Einsatz vor Ort

Die steinerne Mauer ist weg. Aber das ist nicht das Ende der Geschichte.

Von Robert Ruoff

Infosperber-Autor Robert Ruoff war als einer der wenigen Journalisten in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 in Ost-Berlin. Hier erzählt er sein unvergessliches Erlebnis beim Fall der Berliner Mauer. Sein damals gemachter Fernseh-Bericht kann unten angeklickt und angeschaut werden.

Es war eine dieser Missionen, die man gerne erfüllt, aber mit begrenzten Erwartungen. Man hatte mich auf die Reise geschickt, weil ich Berlin kannte; ich hatte dort während des Studiums und für journalistische Arbeit 13 Jahre lang gelebt. Außerdem waren die Ost-West-Beziehungen, russisch-amerikanische Gipfeltreffen zwischen Reagan und Gorbatschow, Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa bis hin zur inneren Auflösung des Ostblocks meine Themengebiete in meiner Zeit bei der "Tagesschau". Jetzt, im Herbst 1989, erwarteten wir, dass die immer noch regierende Sozialistische Einheitspartei Deutschlands SED einen Terminplan für den Rücktritt von Erich Honecker als Partei- und Staatschef der DDR im kommenden Jahr beschließen und vielleicht sogar schon den Namen des Nachfolgers bekanntgeben würde.

Im Taxi vom Flughafen Tegel (West-Berlin) in die Hauptstadt der DDR (Ost-Berlin) hörte ich dann im Autoradio die Meldung, dass Honecker vom Politbüro der SED entmachtet und sein Stellvertreter Egon Krenz als Nachfolger eingesetzt worden sei. - Also gab es zumindest etwas zu berichten.

Und dann beschleunigten sich die Ereignisse zum entscheidenden Wirbel der friedlichen Revolution, die die Berliner Mauer überwand, das Regime der SED-Herrschaft hinwegfegte und schließlich zu der "Wiedervereinigung" führte, die der Historiker Ilko-Sascha KowalczukIlko-Sascha Kowalczuk: Die Übernahme. C.H. Beck, München 2019. Kowalczuks Buch ist eine zuverlässige Stütze der eigenen Erinnerung oder eines neuen Einstiegs in die Geschichte der "Wiedervereinigung".  "die Übernahme" nennt. Wirtschaftlich eine Übernahme durch das westliche kapitalistische Wirtschaftssystem und die Führungspositionen in Wirtschaft und Gesellschaft, politisch durch die Eingliederung der ehemaligen DDR in die repräsentative Demokratie der Bundesrepublik Deutschland und ihr Parteiensystem.

Blockade: Im Kampf um die Macht

Egon Krenz war nun also der Mann, der im Herbst 1989 den real existierenden Sozialismus in der DDR in die Zukunft retten sollte. Im Frühjahr hatte er als oberster Wahlleiter bei den Kommunalwahlen plumpe und grobe Wahlfälschungen verantwortet, um für die Staatsparteien den gewünschten Wahlsieg von 99 Prozent sicherzustellen. Im Sommer 1989 rechtfertigte er als Chef der DDR-Sicherheitskräfte das Massaker auf dem "Platz des himmlischen Friedens in Peking" als Maßnahme, "um die Ordnung wiederherzustellen". Und Anfang Oktober, im Umfeld des 40-Jahre-Jubiläums der "Deutschen Demokratischen Republik" (6. - 9. Oktober 1989) war er mitverantwortlich dafür, dass die Nationale Volksarmee gegen allfällige Demonstrationen in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt wurde. Dieser gleiche Egon Krenz sollte nun also eine "Wende" einleiten, um in der DDR die Herrschaft des SED-Regimes zu stabilisieren und "die politische und ideologische Herrschaft wieder (zu) erlangen". "Wende" war das Wort, das er benutzte.

Aber wer die Macht nicht rechtzeitig teilt, verliert sie ganz. Trotz der Angst vor einer "chinesischen Lösung" wie auf dem "Platz des himmlischen Friedens" gründeten Oppositionelle eine Vielzahl politischer Initiativen wie das "Neue Forum", "Demokratie Jetzt", die "Vereinigte Linke" mit unterschiedlicher politischer Färbung. Eine Minderheit des Volkes wagte sich zu den Versammlungen in die Kirchen und dann zu den regelmäßigen Montagsdemonstrationen in Leipzig, die sich vom September an auch in andere Städte verbreiteten. Und Zehntausende "stimmten mit den Füssen ab", das heißt: sie verließen die DDR auf dem Weg über Prag, Warschau, Budapest. Ungarn hatte bereits im Mai 1989 mit dem Abbau des Eisernen Vorhangs begonnen. Die DDR war der letzte mitteleuropäische real-sozialistische Staat, der die rigorose Ausreisekontrolle aufrecht zu halten versuchte. Aber auch die DDR-Führung begann, zumindest aus taktischen Gründen über eine vorübergehende und kontrollierte Ausreisemöglichkeit nachzudenken. Eine Lösung wurde immer dringender, weil der Wunsch nach Ausreise zu einer Massenbewegung wurde und in Dresden sogar zu Straßenschlachten zwischen Sondereinheiten der Armee und Tausenden von Ausreisewilligen führte.

Beschleunigung: Zur friedlichen Revolution

Es war das Verdienst besonnener Köpfe, die über eine neue Zukunft für den ostdeutschen Staat nachdachten, dass "die Wende" weitgehend gewaltfrei ablief. Markus "Mischa" Wolf gehörte dazu, der als Generaloberst von 1952 bis 1986 den Auslandsnachrichtendienst im Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) leitete, und der offenbar die stalinistische Opposition gegen Gorbatschows Reformkurs nicht mittragen wollte und deshalb auf Distanz ging. Es war Gregor Gysi, Mitglied der SED, der als freier Rechtsanwalt führende Oppositionelle und Mitglieder der Bürgerrechtsbewegung wie Robert Havemann, Rudolf Bahro, Ulrike Poppe oder Bärbel Bohley vertrat und der später die SED zur "Partei des demokratischen Sozialismus PDS" machte, die schließlich auf dem Weg über die "Linkspartei PDS" zu "Die Linke" mutierte. Es war Bärbel Bohley selber, die mit anderen für Bürger- und Menschenrechte in der DDR kämpfte und die große Demonstration vom 4. November mitorganisierte, bei der all diese Persönlichkeiten noch einmal zusammen kamen. Zusammen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern wie Christa Wolf und Stefan Heym und 200.000 anderen oder einer halben Million oder, wie die Veranstalter sagten, gar einer Million Menschen. Zusammen mit Pastoren der Evangelischen Kirche, die der Bürgerrechtsbewegung Schutz und Raum boten, Gewaltfreiheit predigten oder, wie Friedrich Schorlemmer, das Wort von der "Wende" aufnahmen, das Egon Krenz für den SED-Führungsanspruch missbraucht hatte, und das deshalb jetzt steht für einen gewaltfreien Weg von der Diktatur zur bürgerlichen Demokratie: eine friedliche Revolution.

Es war im Vorfeld und im Umfeld dieser Entwicklung, in dem die SRG wie damals üblich eine Delegation von drei Journalisten aus der italienischen, der französischen und der deutschen Schweiz mit einem gemeinsamen Kamerateam nach Berlin sandte, um zu berichten von der Sitzung des Politbüros, von der wir nicht viel mehr erwarteten als die Entscheidung, wer wann die Nachfolge von Erich Honecker als Staats- und Parteichef der DDR antreten würde, vielleicht irgendwann im Frühling 1990. Journalistische Spekulationen, die im Sturm der Ereignisse schnell zerstoben.

Am Abend des 9. November 1989 habe ich vom Zimmer im Hotel "Metropol" in Ost-Berlin aus noch einen Telefonbericht gemacht für die Spätausgabe der "Tagesschau", irgendwann um 22 Uhr. Es war ein Bericht über eine trockene, realitätsferne Diskussionsrunde aller DDR-Parteien (ohne SED) in der Französischen Kirche in Ost-Berlin über die Zukunft ihres Staates. So sehr abgeschottet von der Realität draußen vor der Tür, dass nicht einmal eine Andeutung fiel über das, was da draußen vor sich ging. Und so war ich als Journalist für zwei Stunden Teil dieser politischen Ahnungslosigkeit.

Befreiung: In den Lichtern der Nacht

Irgendein journalistischer Instinkt hat mich aber dann noch einmal hinausgetrieben in die Nacht, zum Brandenburger Tor und zum Übergang am Checkpoint Charlie. Dort die Autoschlange der Ossies, die nach Westen fuhren, kurzer Wortwechsel mit dem Grenzwächter - "Ja, die fahren in den Westen… ja, die kommen wieder zurück", also zurück ins Hotel, die Kollegen von TSR und TSi und den Kamermann aus den Betten geholt, und wieder los zur Mauer, auf der Ostseite.

Dort standen sie noch: die letzten Grenzsoldaten, ratlos. Die Truppe bestand aus jungen Dienstpflichtigen: leicht zu steuern und für die Aufgabe der Grenzsicherung zu indoktrinieren gegen den Klassenfeind (wir würden sie "Rekruten" nennen).

Auf der Westseite brannte das Licht des bengalischen Feuers, und in diesem Gegenlicht waren die ersten schwarzen Gestalten zu sehen, die Wessies, die von Westen her auf die Mauer kletterten. Unser Kameramann hat das alles so perfekt eingefangen, wie man nur konnte.

Es war der 10. November, kurz nach Mitternacht. Die Grenzübergänge waren schon vorher offen, am 9. November, abends, nachdem das Politbüro-Mitglied Günter Schabowski auf der Pressekonferenz gesagt hatte, die freie Ausreise sei möglich, "Das tritt…nach meiner Kenntnis ist das sofort…, unverzüglich…"

Dann, eine halbe Stunde nach Mitternacht, wurden die letzten Grenzsoldaten abgezogen, in Einerkolonne. Der Weg war frei. Der Tanz um das Brandenburger Tor konnte beginnen (tatsächlich, und die Tanzenden sangen: "Auf der Mauer, auf der Lauer, sitzt ne kleine Wanze"). Und die ersten Mauerkletterer halfen einander auf Händen über die Mauer. - Die Triumph- und Freuden-Bilder, die dann überall auf der Welt zu sehen waren, wurden sämtliche später gedreht, als die Teams der Anstalten und Korrespondenten in Berlin auch vor Ort eintrafen. Es waren praktisch alles Wessies, die da auf der Mauer triumphierten.

Die Ossies gingen durch die bekannten offiziellen Grenzübergänge, die nun offen waren. Dahin zogen wir - die Kollegen von TSR und TSI, der Kameramann und ich- weiter durch die Nacht, in der alles in Bewegung war, zum nahe gelegenen Grenzübergang an der Invalidenstraße, wo die Grenzbeamten zu Verkehrspolizisten wurden. Dort habe ich den Schriftsteller Stefan Heym in der Menge entdeckt und mit ihm ein spontanes Interview geführt, das eigentlich schon alle Themen anspricht, die uns von damals bis heute beschäftigten: Soll die DDR ein selbständiger Staat werden? Wie soll der im Prinzip aussehen? Ist eine Wiedervereinigung zu erwarten?

Die Antwort der realen Politik kennen wir alle. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte.

  • Hier kann die Sendung von Robert Ruoff und seinen Kollegen als Video angeschaut werden. Sie dauert sechs Minuten. Hier anklicken

Robert Ruoff war bis 2004 Mitarbeiter von SRG/SRF.

Quelle: Infosperber.ch - 08.11.2019.

Fußnoten

Veröffentlicht am

10. November 2019

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von