Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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“Suche Frieden und jage ihm nach!” (Die Bibel in Psalm 34, Vers 15)

Von Katrin Warnatzsch, Sozialer Friedensdienst im Lebenshaus (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 102, Sept. 2019 Der gesamte Rundbrief Nr. 100 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 542 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren .)

Gerade hatte ich eine Arbeit am Computer beendet, da klingelt das daneben stehende Telefon. Eine vertraute, tiefe Stimme am anderen Ende. Ich kenne die stockende Redeweise und das mühsame Luftholen: COPD, eine Lungenerkrankung, nur mühsam beim Sprechen unterdrückt. Inhaberin der Stimme ist eine seit vielen Jahren sich mit mir verbunden fühlende Frau, die durch vielfältige tragische Beziehungskonflikte und psychische wie soziale Abhängigkeiten geht. An einem Wendepunkt in ihrer Familie hatten wir miteinander zu tun, als ihre Kinder damals in Sicherheit gebracht wurden. Immer wieder schafft sie es, einengende und doch trotzdem länger andauernde Partnerschaften zu beenden und sich zu "befreien", allerdings dann entweder nach vorne in die nächste Beziehung hinein oder zurück in eine alte. In großen Abständen ruft sie mich an, wenn sich wieder etwas verändert hat in ihrem Leben, wie sie meint. Ich verstehe die Tragik ihres scheinbar aufregenden Lebens erst, seit ich über lange Zeit beobachte, dass sich im Grunde an ihrem Verhaltensmuster nichts ändert. Trotzdem ist sie eine Frau, die ihren Alltag so gut wie möglich anpackt, aufrecht erhält und nicht aufgibt.

Eine ebenso nicht abreißende Verbindung habe ich zu einer alleinlebenden Frau mit einer ebenso tiefen wie tief traurigen Stimme. Die Langzeitfolgen des Vertriebenseins aus der Heimat nach dem Krieg in Serbien, die sie nicht vergessen kann, haben sie krank und vor allem sehr einsam gemacht. Bis vor zwei Jahren hat sie mich noch mit dem Fahrrad besucht. Jetzt wird die Wohnung kaum noch verlassen, Rollläden verdunkeln alle Zimmer und mit "Ich weiß es nicht…" endet fast jeder ihrer Sätze.

Wie in jedem Jahr benötigt sie vom Lebenshaus ein Darlehen, das ihr ermöglicht, für zwei Wochen in die Heimat zu fliegen. Das ganze Jahr freut sie sich auf diese kurze Zeit und hält sich daran fest, obwohl sie mir ihre Erlebnisse dort ambivalent erzählt. Diese heftige Wegbewegung aus ihrem Alltag scheint sie am Leben zu halten.

Was bedeutet der Ort, an dem nun der "Lebensmittelpunkt" ist?

Die Großeltern seien verstorben, ein bedeutungsvoller Einschnitt im Leben einer afghanischen Großfamilie. Die Verpflichtungen der Kinder und Enkel, Anteilnahme zu bezeigen, seien Gesetz. Verzweifelt und voller Tränen steht ein nicht mehr jung aussehender Mann an meiner Tür. Seit mehr als drei Jahren hat er seine familiären Verpflichtungen nicht mehr persönlich erfüllen können, denn er war nach Deutschland geflohen. An diesem Punkt aber, wo es um gemeinschaftliche Trauer geht, fehlt ihm nun sein Handy, um überhaupt Kontakt mit seinen Eltern aufnehmen zu können. Es sei von der Polizei zur Durchsuchung eingezogen worden, schon vor Monaten.

Was kann ich da tun? Ich gehe mit ihm zum örtlichen Polizeiposten, um nach dem Handy zu fragen. Natürlich ohne Erfolg, denn auf offensichtlich gestorbene Großeltern nehmen unsere Behörden keine Rücksicht. Wie lange das noch dauern kann, ist völlig ungewiss. Wie so vieles.

Weinend und zitternd geht der Mann neben mir her durch die abendlichen Straßen, niemand scheint Anteil zu nehmen. Mir fällt nichts mehr zu seinem Trost ein. Da kommen wir an der Kirche vorbei, wo es eine Mariengrotte gibt. In diese gehen wir zusammen hinein und zünden eine Kerze an. Ich hoffe für ihn, dass er den inneren Kontakt zu seiner Familie in der Stille aufnehmen und halten kann. Er fällt sofort voller Respekt auf seine Knie, bückt sich und faltet seine Hände und fängt an, eine Litanei zu sprechen… Ich helfe ihm auf und fordere ihn auf, tief in seinen Bauch einzuatmen, seine Hände darauf zu legen und sich so zu beruhigen. Er könne so an diesem Ort jederzeit versuchen, Kontakt zu seinen Eltern und Liebsten aufzunehmen, innerlich, ohne Handy. Dankbar für diesen Ort, den er noch nicht kannte, und dafür, dass er als Moslem dort ebenso willkommen ist, verabschiedet er sich von mir. 

Zehn zugewandte Menschen begleiteten einen vor dem Verwaltungsgericht Sigmaringen gegen seinen Ablehnungsbescheid klagenden Afghanen. Gemeinsam warteten wir lange auf den Beginn, gemeinsam spürten wir die Spannung im Raum und hielten miteinander bis zum Ende aus. Zeitweise dachte ich, wir seien in ein Strafverfahren geraten, denn die zuständige Richterin befragte den Asylsuchenden in scharfer und bohrender Weise. Hier geht es jedoch um eine Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland, dessen Vertreterin vom BAMF nicht anwesend war. Misstrauen und teilweise spürbares Unverständnis schwappten uns entgegen. Ein Bleiberecht wird es trotzdem wohl am Ende geben, aber auf das Urteil muss noch einmal monatelang gewartet werden. Alle miteinander fühlten wir uns am Ende müde und ratlos. Die Erleichterung ist ausgeblieben, denn es wurde nicht deutlich, ob die Flüchtlingseigenschaft und damit die Möglichkeit des Familiennachzuges gewährt werden würde. Seine seit Jahren in großer Angst und Not in Afghanistan lebende Frau mit drei Kindern ist davon betroffen. Der Familienvater weiß nicht, wie er ihr die Situation erklären soll. "Papa, jetzt komme ich bald!", hatte die Tochter voller Hoffnung am Telefon gesagt, als sie vom bevorstehenden Gerichtstermin erfahren hatte.

"Bevor ich nicht weiß, ob ich in Deutschland bleiben kann, ist es mir nicht möglich, weiter in die Schule zu gehen, Prüfungen zu machen oder mich etwa für eine Ausbildung zu entscheiden!", so ein junger Mann, der wegen seiner Gewalterfahrungen und Bedrohungen seine afghanische Heimat Hals über Kopf verlassen musste. Das Kopfkino mit den immer wieder kehrenden Erinnerungen lässt ihn schlecht schlafen, zwingt ihn, sich abzulenken und hindert ihn, sich zu konzentrieren. Eine dringend notwendige Psychotherapie wäre hilfreich, aber weil er keinen Arbeitsvertrag für längere Zeit hat, stimmen die dafür notwendigen äußeren Bedingungen noch nicht. Daran arbeiten wir, an einem sicheren "Setting", und danach wollen wir einen ortsnahen Therapieplatz suchen. Für ihn ist es zumindest klar, dass er unbedingt am jetzigen Wohnort bleiben will, da er hier von einigen Menschen auch während einer späteren Ausbildung Unterstützung erhoffen kann. Die tiefe Verunsicherung, typisch für Menschen, die Gewalterfahrungen ausgeliefert waren, ist, je länger sie andauert, fast schon ein Persönlichkeitsmerkmal geworden. Wie sehr ist zu hoffen, dass auch er noch eine Chance bekommt, seinem Leben selbstbestimmt eine erfreuliche Wendung zu geben!

Wurzelwerk

An einem dieser heißesten Wochenenden im Juli besuchten Michael und ich eine Tagung in Soest/NRW, zum 50. Todestag des Gründers des Versöhnungsbundes, Friedrich Siegmund-Schultze. Ich hatte mich seit Jahresanfang mit dessen Leben und Wirken beschäftigt, weil ich dort als Co-Referentin eingeladen worden war und die Verknüpfung dieser historischen Persönlichkeit mit der Idee des Projektes Lebenshaus darstellen konnte. In einem sehr schönen Tagungshaus in Soest versammelte sich eine überschaubare interessierte Gruppe von älteren, friedensbewegten Menschen. Für mich war dies eine Entdeckung von Wurzeln und Humus, von dem wir uns seit langen Jahren ernähren. Friedrich Siegmund-Schultze ist unter anderem der Gründervater der Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost gewesen, die einer der Vorläufer der heute bestehenden Sozialen Arbeit und Gemeinwesenarbeit in Deutschland ist. Sein bewegtes Leben und unermüdliches Wirken im Raum der Ökumene prägte die heute für uns so selbstverständlichen sozialen kirchlichen und weltlichen Strukturen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine seiner Überzeugungen war: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

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Fußnoten

Veröffentlicht am

15. September 2019

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