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Bruchteil des Klimaziels - und schon “Aufruhr am Erdölmarkt”

Der Klimavertrag erfordert eine Halbierung des Ölkonsums bis 2030. Das relativiert den Produktionsverlust in Saudi-Arabien.

Von Hanspeter Guggenbühl

"Aufruhr am Erdölmarkt", titelte die NZZ am Montag, 16. September, auf der ersten Wirtschafts-Seite. Den Anlass liefert ein Drohnenangriff am Wochenende, der die wichtigste Erdölraffinerie in Saudi-Arabien in Brand setzte. Damit sinke die Ölproduktion in seinem Land vorübergehend um 5,7 Millionen Fass pro Tag, erklärte der saudische Energieminister am Sonntag. Das entspricht einem Anteil von rund fünf Prozent an der globalen Erdölförderung.

Seither werweißen Ökonomen und Medienschaffende aufgeregt darüber, ob und wie sich dieser temporäre Ausfall von 5,7 Millionen Fass ausgleichen lässt. Der allgemeine Tenor der aktuellen Debatte: Kurzfristig genügten die gut gefüllten Erdöllager, um den Produktionsverlust auszugleichen. Zudem könnten allenfalls andere Staaten ihre Förderung erhöhen und so den Ausfall kompensieren. Doch wenn die Raffinerie in Saudi-Arabien für längere Zeit ausfällt, werde Erdöl auf dem Weltmarkt knapp, der Ölpreis steigen und die globale Wirtschaft in eine Krise stürzen. Darum droht - mit den Worten der NZZ - "Aufruhr".

Kleine Einbuße im Vergleich zum Klimavertrag

Der Leser blickt zurück und staunt: 2015 erarbeiteten die Regierungschefs dieser Welt in Paris einen globalen Klimavertrag. Dieser Vertrag trat, nachdem die meisten Staaten inklusive die Schweiz ihn ratifiziert hatten, 2016 in Kraft. Er verlangt, die weltweite Klimaerwärmung müsse auf "deutlich weniger als 2 Grad Celsius", möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden gegenüber der vorindustriellen Zeit.

Um dieses Ziel zu erreichen, so rechnen die im Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) vereinten Klimawissenschaftler in ihren neusten Studien, müsse der Ausstoß der Treibhausgase jedes Jahrzehnt halbiert werden. Oder konkreter: Im Jahr 2021 muss die Welt den Ausstoß aller Treibhausgase bereits um fünf Prozent unter das Niveau von 2020 senken, im Jahr 2022 um weitere fünf Prozent, etc. etc. (siehe auch folgende Grafik).

Je später, desto steiler: Die Grafik illustriert, wie sich die Treibhausgase vermindern müssen, um die globale Klimaerwärmung auf 1,5 bis 2,0 Grad zu begrenzen. (Grafik: S. Rahmsdorf aufgrund von IPCC-Daten)

Das CO2 (Kohlendioxid), das allein aus der Verbrennung von Ölprodukten (Heizöl, Benzin, etc.) in die Atmosphäre entweicht, hat einen Anteil von rund einem Drittel am globalen Ausstoß aller Treibhausgase. Das heißt: Der temporäre Ausfall der saudi-arabischen Erdölproduktion wirkt sich nur etwa ein Drittel so stark aus wie die fünfprozentige Reduktion aller Treibhausgase im Jahr 2021 gegenüber dem Jahr 2020, wie sie der Klimavertrag von Paris erfordert.

Warum kein "Aufruhr" beim Klimavertrag?

Ein Aufschrei des Entsetzens blieb aber aus, als dieser globale Klimavertrag 2016 in Kraft trat und das IPCC über dessen Konsequenzen bezüglich Treibhausgas-Emissionen informierte. Warum wohl? Es gibt dafür zwei mögliche Erklärungen:

  • Nicht begriffen Entweder hat NZZ-Wirtschaftsredaktor Werner Enz - und mit ihm viele Kolleginnen und Kollegen auf andern Wirtschaftsredaktionen - nicht zur Kenntnis genommen, dass die Begrenzung des Klimawandels langfristig den Ausstieg aus Erdöl sowie Kohle und Erdgas verlangt. Und dass die Ölförderung schon mittelfristig weit stärker gedrosselt werden muss, als es der Ausfall der Raffinerie in Saudi-Arabien jetzt bewirkt. Mit etwas Job-Rotation zwischen Wissenschafts- und Wirtschaftsredaktion ließe sich dieser Informationsmangel beheben.
  • Nicht ernst genommen Oder die Sachwalter der Weltpolitik und die Medien haben den Klimavertrag von Paris zwar zur Kenntnis aber nicht ernst genommen. Denn sie wissen aus Erfahrung, dass langfristig verbindliche Umweltverträge missachtet werden, sobald ein Schmiermittel wie etwa das Erdöl das Wachstum der Wirtschaft gefährdet.

Ich fürchte, die zweite Erklärung trifft zu.

Weiterführende Informationen

 Quelle: Infosperber.ch - 16.09.2019.

Veröffentlicht am

18. September 2019

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