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Die Seele in neoliberalen Zeiten

Von Georg Rammer

Verrohung der Weltpolitik: Der Präsident der führenden Weltmacht droht 80 Millionen Menschen die Auslöschung an (Trump gegen Iran). Die EU lässt Tausende Flüchtlinge ertrinken, stellt die Daseinsvorsorge dem Markt anheim und verwertet die Menschen als Humankapital. In Teilen der Gesellschaft steigt der Hasspegel. Was befeuert die geballte Wucht der menschenfeindlichen Impulse und Taten? Vielleicht dies: Die Propagandisten des "homo oeconomicus" haben geflissentlich übersehen, dass der Mensch eine Seele hat.

Wie die meisten Kriege beginnt auch der Siegeszug des Neoliberalismus mit einer Lüge. Weder führt die angeblich reine Marktorientierung (die aber ständig massive Staatseingriffe beansprucht) zu einer gerechten Verteilung, noch bewirkt sie allgemeine Zufriedenheit durch die Freiheit von Angst und Unterdrückung. Eher schon den Sozialrassismus, den der Staat durch "Narrative" zu verschleiern sucht. Der Neoliberalismus hat die Herrschaft der Konzerne etabliert und von der parlamentarischen Demokratie nur noch eine Hülle übrig gelassen. Aber die Frage bleibt: Wie kommt eine pseudowissenschaftliche Wirtschaftstheorie in die Köpfe und beeinflusst Denken, Fühlen und Verhalten?

Abwertung und Verachtung

Schauen wir die Entwicklung in den neuen Bundesländern an. Die grundgesetzlich geforderte "Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse" bleibt auch nach 30 Jahren leeres Versprechen - vom verlogenen Narrativ der blühenden Landschaften ganz zu schweigen. Große Teile der Bevölkerung sind desillusioniert, die real existierende Demokratie verliert an Überzeugungskraft, was rechte Demagogen für sich nutzen. Der Hintergrund: Vor 30 Jahren wurde nicht die Wiedervereinigung gleichberechtigter Partner vollzogen, sondern die brutale Übernahme eines Staates, die Deindustrialisierung, hohe Arbeitslosigkeit und Abbau öffentlicher Dienstleistungen bewirkte und zur Abwanderung von 1,2 Millionen Menschen führte. Die Bevölkerung (1989: gut 16 Millionen) ist in 25 Jahren um 2,3 Millionen geschrumpft.

Die Bewohner erlebten eine krasse Abwertung durch die Arroganz der neuen westlichen Elite, die sozialrassistische Züge annahm. Diese verletzende Überheblichkeit wird aber auch in dem "Lob" von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck spürbar: "Keiner hat ihnen [den Ostdeutschen] beigebracht, eigenständig zu denken, und trotzdem sind sie Journalisten und Autoren geworden" (BNN, 24.7.2019). Die Soziologin Yana Milev beschreibt eine "kulturkoloniale Dominanz" der Westdeutschen, die zu einer Entwertung der Lebensleistung der Ostdeutschen führte (junge Welt, 24.7.2019). Während vor der Übernahme ein Gemeinschaftsgefühl und ein kollektives Selbstbewusstsein die Menschen verbunden habe, bewirkte der politische Umschwung einen irreparablen Vertrauensbruch im Namen der Demokratie und Gefühle von Ausgrenzung und Zurücksetzung - getoppt durch den Spott über die undankbaren Jammer-Ossis. Die Wirtschaft wurde gezielt zerstört - und den Menschen eine traumatische Erfahrung zugefügt.

Ein anderes Beispiel: Eine Flut von Hassmails, Morddrohungen per Facebook, eine rechte Hasswelle überrollt Bürgerrechtler, Flüchtlingshelfer, kritische Journalisten und auch Kommunalpolitiker. Begünstigt durch Anonymität und technische Verbreitung überbieten sich die Autoren der primitiven Mails in ihren brutalen Gewaltphantasien; die Betroffenen sind ihnen meist wehrlos ausgesetzt. Drückt sich hier eine in der Gesellschaft verbreitete Stimmung als Symptom einer "enthemmten Mitte" aus, wie sie die Leipziger "Mitte"-Studie beschrieben hat? Besteht womöglich ein Zusammenhang zum Menschen- und Gesellschaftsbild der neoliberalen Ideologie, wie er in der Langzeitstudie "Deutsche Zustände" (Wilhelm Heitmeyer et al.) konstatiert wurde?

Entwertung, Enthemmung, Entleerung

Der Siegeszug des Neoliberalismus verdankt sich mitnichten dem überzeugenden wirtschaftlichen Erfolg: Er bewirkte weltweit wachsende soziale Ungleichheit, bedrohliche Krisen, Zerfall der Daseinsvorsorge und der Infrastruktur. Der totale (und totalitäre) "Erfolg" gründet vielmehr darauf, dass er der Machtelite eine scheinwissenschaftliche Legitimation zum rücksichtslosen Egoismus lieferte. Dieser sei in der menschlichen Natur verankert; nur ein radikal freier Markt stelle eine hierarchische Ordnung her, von der dann alle profitieren würden. Diese angeblich alternativlose menschenfeindliche Ideologie griffen die Macher an den Schalthebeln der Macht begierig auf; es folgten die Raubzüge, in deren Verlauf die Bevölkerung allenthalben ausgebeutet, das gemeinschaftliche Vermögen enteignet und die superreichen Oligarchen mit neuen Milliarden und politischer Macht ausgestattet wurden.

Der Neoliberalismus kennt keine Moral außer der Freiheit des Marktes, er ist asozial aus Überzeugung und predigt den Sozialdarwinismus: Die Sieger haben das Recht, sich alles anzueignen, die Verlierer verdienen kein Mitleid, und soziale Absicherung stört nur die natürliche Auslese. Empathielosigkeit ist die neue Moral, und der Mensch gilt genauso als Ware auf dem Markt wie alles andere auch. War diese Haltung schon vorher latente Grundlage kapitalistischer Wirtschaftsweise, so wurde sie jetzt Gesetz. Ein gnadenloser Erfolgsdruck zwingt Politiker und Bürger, sich gut zu verkaufen und überzeugend zu lügen, ohne schlechtes Gewissen. Seit der Umsetzung dieser Ideologie in den führenden westlichen Ländern durch die Regierungen Reagan, Thatcher und Schröder gilt die radikale Lehre als Staatsdoktrin; sie begründete die Agenda 2010 ebenso wie imperiale Kriege, krasse Bereicherung durch Steuergesetze und -verbrechen und die Zersetzung des Völkerrechts und der Menschenrechte.

Die neuen Normen rücksichtsloser Konkurrenz und Selbstoptimierung fanden Verbreitung; die neoliberale Politik hat nicht nur die Wirtschaft und die Schutzgesetze dereguliert, sondern auch das soziale Zusammenleben. Für Erfolg ist alles erlaubt. Niedriglohn, prekäre Arbeitsverhältnisse, Privatisierung und neokoloniale Kriege um Rohstoffe fanden ihre Entsprechung im Privaten in Form krasser Enthemmung (zum Beispiel Hassmails), radikaler Entwertung (von Arbeitslosen, Flüchtlingen, Minderheiten) und einer Entleerung von "Wahrheit": Narrative der Politik und auf Manipulation zielende Worthülsen wollen Emotionen wecken und Meinungen beeinflussen, unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Die Menschen sind von klein auf der Bearbeitung für wirtschaftliche wie politische Interessen ausgesetzt. Deren Ziel ist nicht Aufklärung über Fakten und Zusammenhänge. Kaum jemand vermag sich gegen die allgegenwärtige Manipulation zu wehren.

Angst und Aggression

Jeder Mensch kennt Gefühle wie Wut und Antipathie, durchaus auch aggressive Impulse. Es ist ein Ergebnis gelungener Sozialisation, diese Impulse kontrollieren zu können. Jetzt gilt aber die Norm, solche Impulse auszuleben - und sei es nur, um wahrgenommen zu werden, aufzufallen und sich als stark erleben zu können (übrigens auch an der Spitze vieler Staaten). Die von der Politik vermittelte Abwertung und Verachtung der Mitmenschlichkeit darf weitergegeben werden: Es gibt Minderwertige, und das wird man doch noch sagen dürfen. Und was mit Verlierern und Opfern passiert, das zeigt das Agieren der USA und der EU Armen, Flüchtlingen, Kritikern oder "Kolonisierten" gegenüber.

Ressentiments und wachsende Hass- und Gewaltbereitschaft sind Symptome einer kranken Gesellschaft. Die gnadenlose Konkurrenz und Selbstoptimierung kosten Kraft, sie wirken als chronischer Stress, und sie haben ihren Preis - sowohl bei den "Minderleistern" als auch bei den "Siegern": Die Zahl seelisch Überforderter steigt. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung berichtet, jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche klage über Kopfschmerzen. Laut Deutscher Gesellschaft für soziale Psychiatrie verschreiben Ärzte derzeit siebenmal so viel Antidepressiva wie noch 1991. Auch die materiell abgesicherte Mittelschicht verspürt Angst, kann sie aber "kultivierter" in Aggression umzusetzen als die Abgehängten. Als materialisiertes Symbol dafür kann die Verstopfung der Straßen durch hochgerüstete SUVs gelten, mit klimaschädlichem Verbrauch und Automaßen, die eine Vergrößerung der Parkplätze erzwingen. Die nicht immer bewusst erlebte Angst durch allgegenwärtigen Wettbewerb wird in der SUV-Festung gemildert und kann in aggressives Potenzgehabe umgesetzt werden - in Form eines Fahrzeugs, das jeden Kleinwagen plattmachen kann, wie die Unfallstatistiken zeigen.

Politik und Konzernherrschaft haben nicht nur die Tarifverträge ausgehöhlt, sondern auch die Demokratie. Die Staatsbürger, von denen alle Macht ausgehen sollte, haben nichts zu melden gegenüber der unkontrollierten Herrschaft globaler Konzerne; sie wissen und spüren es, empfinden die Ohnmacht und reagieren auf die Verachtung seitens der Politik, ihre Degradierung zu Kunden und Verbrauchern und Entwertung zu Arbeitskräften mit Aggression oder Angst. Der kapitalistische Staat weiß diese Angst zu nutzen, denn ängstliche Menschen lassen sich besser lenken, begehren nicht auf und neigen zu Aggression gegen Schwache und nicht gegen diejenigen, die ihr Leid verursachen; eine Grundlage für den autoritären Staat. Die Machtelite entwickelt ein umfangreiches Repertoire an Methoden der Angsterzeugung und Manipulation, etwa durch Feinbilder oder sozialen Ausschluss. Die begründete Realangst verwandelt sich in "Binnenangst", die scheinbar keine Verbindung hat zu den Anlässen: eine zentrale Herrschaftstechnik, wie Rainer Mausfeld in "Angst und Macht" (Westend Verlag, 2019) zeigt.

Es gibt seelische Grundbedürfnisse. Als deren wichtigste gelten das Bedürfnis nach Selbstbestimmung, also der Wunsch, die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten; weiterhin das Bedürfnis nach Anerkennung, als Mensch wertgeschätzt zu sein, und schließlich der Wunsch nach sozialer Eingebundenheit. Genau diese essentiellen, tief in der Seele verankerten Sehnsüchte zerstört der Neoliberalismus und sucht sie durch Konsum und/oder Angst zu ersetzen. Er verachtet Empathie und Solidarität, macht damit die Seele und die Gesellschaft krank. Sein "Alleinstellungsmerkmal" ist asozial und rassistisch. Widerstand gegen diese totalitäre Herrschaft dient der Bewahrung der Würde.

Quelle: Ossietzky - Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft , 15/2019. Wir veröffentlichen den Artikel mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

28. August 2019

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