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Uri Avnery, du fehlst uns!

Von Nehemia Shtrasler

Der Schriftsteller, Knessetabgeordnete und Friedensaktivist Uri Avnery starb am 20. August vor einem Jahr. Was hätte er wohl zur gegenwärtigen Situation, zu Netanyahu und zu den Wahlen gesagt? Eines ist sicher: Seine Kommentare wären originell und interessant, wie sie es eh und je waren.

In seinem Letzten Willen ordnete er an, dass sein Leichnam verbrannt und seine Asche ins Meer gestreut würde. Er sagte einmal zu mir: "Ich habe mein Leben lang Fisch gegessen und er hat mir geschmeckt. Wenn einmal die Zeit gekommen sein wird, wäre es durchaus passend, wenn ich dem Fisch schmeckte." Jetzt ist die Zeit gekommen, darüber zu berichten, wie sein Letzter Wille ausgeführt wurde.

Mittwoch um 9 Uhr morgens, neun Tage nach Uri Avnerys Tod. Ich war mit drei Freunden Avnerys verabredet: mit Osnat Har, der alles arrangierte und der sich hingebungsvoll um Avnery gekümmert hatte, nachdem dessen Frau Rachel gestorben war, mit Avnerys Freundin und Rechtsanwälting Gaby Lasky und mit Schlomi vom Bestattungsinstitut Alei Shalehet.

Wir trafen uns an der Ecke Hayarkon- und Gordon-Straße in Tel Aviv, in der Nähe des Büros von Avnerys Wochenzeitschrift Ha’olam Hazeh [Diese Welt] Gordon-Straße 3. Von dort aus war Avnery jeden Tag am späten Nachmittag zu seinem Spaziergang am Meer aufgebrochen.

Von dem kleinen Platz an der Hayarkon-Straße gingen wir den gewundenen Pfad hinunter, der an den Stufen endet, die zum Strand hinunter führen. Unten zogen wir die Sandalen aus, krempelten die Hosen hoch und steuerten aufs Meer zu. Schlomi trug einen Pappkarton mit einer Plastiktüte darin. Wir hatten weder eine Urne noch ein anderes Gefäß.

Ich war sicher, Schlomi würde das Übrige tun und war deshalb überrascht, als er sagte: "Nehemia, du verstreust die Asche." Ich erschrak. Ich sollte Avnerys Asche verstreuen? Musste man dafür nicht ausgebildet sein?

Aber Schlomi wartete meine Antwort nicht ab. Er übergab mir den Karton. Ich hielt ihn voller Ehrfurcht und Verehrung in den Händen. Etwa vier oder fünf Meter vom Ufer entfernt blieben wir stehen. Ich öffnete den Karton und schickte mich an, ihn ins Wasser auszuleeren. Schlomi sagte: "Das ist zu hoch. So wird ‚es’ auf uns geblasen." Was wird auf uns geblasen, dachte ich, Avnery?

Dieser verwirrende Gedanke veranlasste mich, mich tief übers Wasser zu beugen und ganz vorsichtig und allmählich den Karton in die sanften Wellen, die sich an unseren Beinen brachen, auszuleeren. Avnery glitt wie eine leichte Wolke heraus und schwebte mit der Brise über die Wellen, bevor er sich aufs Wasser senkte und verschwand.

Es dauerte eine Minute, eine sehr lange Minute, und als sie vorüber war, richtete ich mich auf und sagte: "Oh, das war sehr anrührend!" Wir machten eine Pause und sahen schweigend in die Wellen. Dann sagte Gaby Lasky: "Das Meer wird nie mehr dasselbe sein."

Und damit hatte sie recht. Wenn Avnery heute noch unter uns wäre, würde ihn die Tatsache wütend machen, dass der Konflikt mit den Palästinensern kein zentrales Thema, ja nicht einmal ein Nebenthema des Wahlkampfes ist. Schließlich hatte er sein gesamtes Leben damit verbracht, eine Lösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt anzustreben, denn er besaß die tiefreichende Erkenntnis, dass nur eine Friedensvereinbarung den Konflikt beenden und Israel eine dauerhafte Existenz sichern könnte.

Er war ein großartiger, ausdauernder und tapferer Kämpfer für Frieden. Er war auch der Mann (in den glücklichen Tagen der Mapai-Partei), gegen Korruption der Regierung und religiösen Zwang zu kämpfen. Allerdings hat sich herausgestellt, dass sich jahrzehntelang nicht wirklich irgendetwas verändert hat: Es gibt keinen Frieden; Korruption der Regierung und religiösen Zwang gibt es jedoch weiterhin.

Seit den 1950er Jahren hat Avnery über die Errichtung eines palästinensischen Staates im Westjordanland und in Gaza und die Integration Israels in eine "semitische Region" gepredigt. Nach dem Sechstagekrieg prägte er den Ausdruck "zwei Staaten für zwei Völker". Aber einmal hat er auch traurig bemerkt: "Meine Gedanken haben zwar die öffentliche Meinung für sich gewonnen, auf der politischen Ebene dagegen wurden sie besiegt."

Avnery kämpfte mit all seiner Kraft gegen die Einstaatlösung, die sich inzwischen ein Teil des linken Flügels zum Ziel gesetzt hat. Die Umsetzung der Einstaatlösung würde endlosen Bürgerkrieg zur Folge haben, schrieb Avnery.

Er erklärte, dass Nation und Staat das tiefe menschliche Bedürfnis erfüllten, zu einer bestimmten Gruppe zu gehören, die in schwierigen Zeiten Sicherheit und ein sozioökonomisches Sicherheitsnetz zu bieten hat - so wie in prähistorischer Zeit der Stamm. Avnery schrieb: "Ein einziger Staat ist Wahnsinn, eine Idee ohne jede Grundlage, eine Utopie ohne jede Chance."

Auch in schwierigen Zeiten glaubte Avnery immer daran, dass die beiden Völker früher oder später gezwungen sein würden, zu einer Einigung zu finden und ein Friedensbündnis zu schmieden; Jerusalem würde dann die Hauptstadt beider Länder. Und bis dahin - wenn du zufällig am Gordonstrand im Wasser watest und etwas an den Füßen fühlst, dann weißt du jetzt, was es ist.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Haaretz . Originalartikel: We miss you, Uri Avnrey .

Veröffentlicht am

25. August 2019

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