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Fortgesetzter Appell für die Abschaffung der Atomwaffen in Los Alamos

Von John Dear

Diese Woche fuhren wir wieder in die abgelegenen Berge zur "Atomstadt" in New Mexico. Wir fuhren zu unserer jährlichen Friedenswache, dem jährlichen Sit-in und der jährlichen Kundgebung. Es war unser 16. Jahr in Folge. Jedes Mal, wenn ich nach Los Alamos fahre, ergreift mich aufs Neue seine Schönheit, seine Normalität - und seine erschreckende zombie-hafte Todeskultur.

Für mich ist und bleibt Los Alamos das größte Terroristenlager der Welt, der Welt finsterster Ort, die Verkörperung des Bösen. Denn während die Menschen gut und die umgebenden Klippen, Felsen, Wälder und Berge überwältigend sind, machen die nationalen Laboratorien, für die wir Hunderte Milliarden ausgeben, um Atomwaffen zu bauen, den Ort zum schlimmsten Ort auf Erden. Dort bereiten wir das Ende der Welt vor, als wäre es etwas vollkommen Normales. Dort erreicht unsere Verzweiflung ihren Höhepunkt und wir geben uns unserer Todessucht anheim und sagen: Nur zu, jagt das Ganze in die Luft!

Die Fahrt ins Gebirge bietet eine fantastische Aussicht. Die zweispurige Fahrbahn bringt uns an steilen Klippen auf der einen Seite der majestätischen Schlucht vorüber. Weit unten auf dem Boden der Schlucht sehen wir Kiefern, Wachholder und Salbeisträucher. Gegenüber erhebt sich die andere Seite der Schluchtwand - eine Wand von geheimnisvollem hellbraunem, fast orangem und weißem Felsen.

Es ist ein heißer Augusttag, aber wie gewöhnlich drohen massive weiße Regenwolkentürme über uns mit Regen, wie es nun einmal in dieser Jahreszeit hier üblich ist. Oppenheimer wählte seinen abgelegenen Ort eben deshalb, damit niemand hier heraufwandern würde. Einige tun es trotzdem.

Wenn man oben ankommt, begrüßt einen ein großes Schild, auf dem steht: "Willkommen in Los Alamos, wo Entdeckungen gemacht werden." Wir sammelten uns zum jährlichen Hiroshima/Nagasaki-Gedenken im Ashley Pond Park. Dies ist genau der Ort, an dem Oppenheimer und seine wahnsinnigen Wissenschaftler vor langer Zeit die Hiroshima-Bombe gebaut haben. Jetzt wird die stolze Leistung mit Straßennamen wie Oppenheimer- und Trinity-Drive geehrt.

Dieses Jahr haben wir festgestellt, dass der Nationalpark-Dienst den Ashley Pond Park übernommen und ein kleines Besucherzentrum errichtet hat, in dem die Atombombe gefeiert wird. Kein Besucher kann sich denken, dass sie jemals abgeworfen wurde. Nein, von den 200.000 Schwestern und Brüdern, die vor 74 Jahren durch Atombomben getötet wurden, werden keine Fotos ausgestellt. Nein, es gibt weder einen Hinweis auf das Geschehen noch den Ausdruck des Bedauerns noch eine Selbstverpflichtung dazu, dass dergleichen Gräuel nie wieder geschehen würden. Für mich ist das, als würde ich das Museum in Auschwitz besuchen und feststellen müssen, dass im Museum das, was damals geschehen ist, gutgeheißen würde. Ich sagte dem freundlichen Parkwächter, ich fände das alles äußerst verstörend und wir seien im Begriff, draußen gegen diesen wahnsinnigen Todesrausch zu protestieren. Darüber lachte er laut.

Ich ging raus in den Park und die blitzenden Strahlen der umgebenden Hügel. Dunkle Wolken schwebten über uns und alle paar Minuten unterbrach Donner die Stille. Ein leichter Regen setzte ein. Wir entschieden, dass es in mehr als 2000 Metern überm Meeresspiegel zu gefährlich sei, während es blitzte umherzuwandern, und unterließen den geplanten Spaziergang. Wir sammelten uns nahe der Bühne von Ashley Pond, um Zeugnis abzulegen.

Wir nehmen unser Friedensplakat, kleiden uns in Sackleinwand, streuen Asche auf den Boden um uns und sitzen dreißig Minuten lang in stillem Gebet in Reue für die Todsünde der Atomwaffen, ebenso wie die Menschen in Ninive, von denen im Buch Jona erzählt wird. Wir bitten den Gott des Friedens um das Geschenk der atomaren Abrüstung. Natürlich sehen wir lächerlich aus, aber ohne dass es den Vorübergehenden klar wird, haben wir eine symbolisch-politische Protesthandlung ausgeführt - die älteste in der Geschichte bekannte Form von Protest.

Dann hörten wir etwas aus unseren Lautsprechern. Jay Coghlan von Nukewatch New Mexico sprach über den Ernst und die Dummheit der Entscheidung der Trump-Regierung in der letzten Woche, aus dem Rüstungskontrollvertrag auszusteigen. Diese Entscheidung ist zwischen all den anderen schlechten Nachrichten verlorengegangen (siehe www.nukewatch.org ). Joni Arends von den Concerned Citizens for Nuclear Safety (Um-nukleare-Sicherheit-besorgte-BürgerInnen), New Mexico, sprach vom neuesten Schwindel der "Laboratorien", mit dem sie die gesetzliche Aufsicht ihres Wasserreinigungssystems umgangen haben, sodass mit Plutonium kontaminiertes Wasser weiterhin das Land vergiften kann (siehe www.nuclearactive.org ). Alicia von Nukewatch erklärte den neuesten Fortschritt beim UN-Vertrag über das Verbot von Kernwaffen, der von der Gruppe International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (siehe www.icanw.org ), die 2017 den Friedensnobelpreis gewonnen hat, organisiert wurde.

Da wir nur eine kleine Gruppe von etwa vierzig Teilnehmern waren, teilten wir bei dieser feierlichen Gelegenheit einander unsere Überlegungen darüber mit, wie sich die Erfahrung, an dem Ort zu sitzen, an dem die Originalbombe gebaut worden war, zu unseren persönlichen Bemühungen um Frieden verhalte. Eine Freundin sprach von dem Geld, das die Stadt Los Alamos für die Verschönerung des Parks ausgegeben hatte. "Ich hasse all diese Schönheit", sagte sie mit Tränen in den Augen, "weil sie all das Böse verdeckt, das hier geschehen ist und das weiterhin hier geschieht." Alle nickten zustimmend.

Im letzten Jahr begannen wir, regelmäßig Organisations-Versammlungen abzuhalten, um die Veranstaltungen für das folgende Jahr zu planen, in diesem Fall Veranstaltungen vom 6. bis 9. August 2020. Dann ist der 75. Jahrestag des Trinity-TestsDer Trinity-Test war die erste jemals durchgeführte Atomwaffenexplosion. Der Atomwaffentest wurde am 16. Juli 1945 um 5:29:45 Uhr Ortszeit von den USA im Rahmen des Manhattan-Projekts, des Projektes der USA zur Atomwaffenforschung, durchgeführt. und von Hiroshima und Nagasaki. Wir planen einen Gang durch den Ashley-Pond-Park - wir wollen vielleicht 500 oder mehr Teilnehmende sein - und wir wollen uns schweigend an den Händen halten, um das Ereignis zu begehen, und dann eine Kundgebung mit Rednern und Musik abhalten.

In diesen Tagen wollen wir die Campaign Nonviolence National Conference in Albuquerque abhalten, wo neben anderen folgende Redner sprechen werden: der Schauspieler Martin Sheen, die Bürgerrechtsführerin Dolores Huerta, der religiöse Führer Rev. Richard Rohr, die Sozialwissenschaftlerin Dr. Erica Chenoweth, Rev. Lennox Yearwood vom HipHop Caucus und ich.

Wir luden die Leiterin der International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN), der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, Beatrice Finn ein, aus Genf anzureisen und zu uns zu sprechen. Sie schrieb mir, der Bürgermeister von Hiroshima habe sie ebenfalls zu einer Rede eingeladen, sie werde also in der fraglichen Zeit in Japan sein. Sie empfahl uns, Dr. Ira Helfand von ICAN zu einer Rede einzuladen, das taten wir und sie nahm die Einladung gerne an.

Beatrice Finn sagte auch: Tatsächlich gibt es nur zwei Orte auf dem Planeten, an denen man am 6. und 9. August 2020 sein und zur vollkommenen Abschaffung von Atomwaffen aufrufen kann: Hiroshima in Japan und Los Alamos in New Mexico.

Wir bitten alle, die im nächsten Jahr nicht nach Japan fliegen, Orte zu schaffen und an unserem nationalen Marsch und Gedenken in Los Alamos, NM, teilzunehmen. (Einzelheiten und Anmeldung auf www.paceebene.org/cnvconference2020 ). Ich hoffe, alle Friedens-, Gerechtigkeits- und Umweltgruppen im Land können eine Delegation schicken.

Erst später erfuhren wir, dass ein mit einer Schusswaffe Bewaffneter, während wir beteten und mit unserem öffentlichen gewaltfreien Zeugnis und unserer Aktion in Los Alamos für nukleare Abrüstung eintraten, die Autobahn 25 in südlicher Richtung runter, gleich hinter Las Cruces, NM, nach El Paso, Texas, im dortigen Walmart das Feuer auf Menschen eröffnet hatte. Es war ein eklatant rassistisches, gegen Einwanderer gerichtetes, terroristisches Massaker, das vom Hass des rassistischen Präsidenten und der rassistischen Republikanischen Partei befeuert worden war. Wie alle anderen auch trauere ich um alle Getöteten und Verletzten in El Paso, Dayton und an allen anderen betroffenen Orten. Ich sehe eine direkte Verbindung zwischen Los Alamos und El Paso und zwischen dem Wahnsinn unserer Schusswaffen- und atomaren Gewalttätigkeit.

Die geisteskranken Menschen, die die Reglementierung von Waffenbesitz verhindern und den Erwerb von Sturmgewehren unterstützen, sind dieselben Menschen, die Bau und Erhalt der Atomwaffen unterstützen, jener Waffen, die Millionen Menschen der Gefahr eines unvorstellbaren künftigen Massakers aussetzen. Der Wahnsinn unserer weit verbreiteten Schusswaffen-Gewalt-Epidemie ist eng mit dem Wahnsinn der Atomwaffenherstellung verbunden und unsere Dumpfheit und Verzweiflung ermöglichen diesen todbringenden Epidemien, uns alle zu bedrohen.

Wir müssen einander wecken, jetzt dringender denn je, und uns gegen Gewalt in allen ihren Formen wenden und ihr Widerstand entgegensetzen und wir müssen eine neue Kultur der Gewaltfreiheit fordern, in der nicht nur Maschinengewehre und Atomwaffen verboten sind, sondern in der anständige Arbeitsplätze, Wohnungen, Bildung, Gesundheitsfürsorge und Würde für alle Menschen und überall finanziert werden - und gewaltfreie Konfliktlösung als der Weg, der weiterführt.

In unserer nationalen Aktionswoche (14.-22. September) wird CampaignNonviolence.org mehr als 3.000 Märsche, Kundgebungen und öffentliche Veranstaltungen zu Themen eines weiten Spektrums organisieren - zu Rassismus, Krieg, Armut, Atomwaffen und Umweltzerstörung -, um zu einer neuen Kultur von Gerechtigkeit, Frieden und Gewaltfreiheit aufzurufen. Wir wollen die Bewegung in Bewegung halten, das Gemeinsame der verschiedenen Kämpfe hervorheben, unsere Gewaltfreiheit praktizieren und die globale Basisbewegung der kreativen Gewaltfreiheit aufbauen. Wandel hat sich immer auf diese Weise vollzogen: Ganz normale Menschen bekommen öffentlichen Einfluss, indem sie machtvolle Basisbewegungen aufbauen. Schließt euch uns an! ( www.campaignnonviolence.org )

Es ist seltsam: Als ich nach einem Tag voller Versammlungen und nun nach einem Nachmittag öffentlicher Zeugenschaft für Frieden bergabwärts fuhr, fühlte ich mich getröstet, dankbar und sogar hoffnungsvoll. Das war eigentlich nicht zu erwarten, nachdem ich mich so intensiv den Gedanken an Hiroshima und Los Alamos ausgesetzt hatte.

Ich erinnerte mich der Worte meines Freundes und Lehrers Fr. Daniel Berrigan an mich vor langer Zeit: "Wenn du Hoffnung schöpfen willst, musst du Hoffnungsvolles tun."

Also gehen wir vorwärts, tun unsere kleinen hoffnungsvollen Dinge, ganz gleich was passiert, hoffen auf das Beste, komme, was da wolle. Und wir fassen neuen Mut.

Rev. John Dear verkörpert eine international bekannte Stimme des Friedens und der Gewaltfreiheit und ist Mitarbeiter von Campaign Nonviolence. Er ist Priester, Friedensstifter, Organisator, Dozent und Leiter von Einkehrtagen, außerdem Autor oder Herausgeber von 30 Büchern, darunter seine Autobiografie "A Persistent Peace". Siehe auch seine Website http://www.fatherjohndear.org

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Quelle: Waging Nonviolence . Originalartikel:  The ongoing call for nuclear abolition at Los Alamos .

Fußnoten

Veröffentlicht am

19. August 2019

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