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Dankesrede von Klaus Vack anlässlich der Verleihung des Fritz-Bauer-Preises 1996

Von Klaus Vack

Liebe Freundinnen, liebe Freunde!

Vorab ein Dankeschön für euer hier sein, ein Dankeschön an die Humanistische Union für den Fritz-Bauer-Preis an Hanne und mich und ein Dankeschön für Lob und Anerkennung.
Ich erlaube mir zu sagen, das alles tut gut.

Zur Zeit schwirren meine Gedanken allerdings noch in anderen Sphären. Hanne und ich sind erst vor drei Tagen zurückgekommen. Zurück von Orten unseres hauptsächlichen Wirkens in den letzten mehr als vier Jahren. Zurück aus dem ehemaligen Jugoslawien. Mit knappen Unterbrechungen haben wir diesmal sieben Wochen an den Stränden der Inseln Hvar und Korcula sowie an der dalmatinischen und der montenegrinischen Küste verbracht.

Es ging nicht um privaten Urlaub. Vielmehr war die Spendenbereitschaft aus unserem humanistischen, friedenspolitischen und menschenrechtlichen Umfeld so groß, dass wir in die Lage versetzt wurden, etwa 3.000 Kriegs- und Flüchtlingskindern in 13 Freizeiten je 14 Tage Urlaub zu ermöglichen.

Gewiss, lediglich ein winziger helfender Beitrag im Vergleich zu Zerstörung, Not, Hunger, Heimatlosigkeit und den unermesslichen seelischen Verletzungen.

Jedoch auch: Sonne, Meer, Freiheit, gutes Essen, Zuneigung, Sport, Singen, Tanzen, Basteln und Spielen. Das alles für Kinder, deren Erfahrungen mit zivilem Leben oft Jahre zurückliegen. Und nun: Ein geöffneter Vorhang. Ein fernes Erinnern an frühere bessere Zeiten. Ein Blick in eine erhoffte bessere Zukunft.

Und für uns. Arbeit noch und noch. Viel Ärger mit den neuen Bürokraten. Die selbst gestellte Frage, ob die Hilfe auch ausreichend Gutes bewirkt und anhält. Deshalb auch Angst vor der selbst übernommenen Verantwortung. Besorgnis, ob wir unser Bestes tun können.

Zugleich wieder schöne Bilder. Offene, fröhliche Gesichter. Freundschaften zwischen Kindern verschiedener Volksgruppen, die man - wie es heißt - ethnisch getrennt hat und die sich nun plötzlich, zumindest zum Teil, begegnen und Freundschaften schließen. Freundschaften aber auch mit uns. Und letztlich immer erneut: Tränenreiche Abschiede.

Wenn ich das so daher erzähle, will ich nicht etwa einen großen goldenen und alles überstrahlenden Stern an den Himmel malen, der uns den von Menschen verursachten Schmutz auf der Erde vergessen lässt.

Selbst bei diesen erlebnisreich und friedlich angelegten Freizeiten mussten wir feststellen, wie tief die allzu menschlichen, durch den Krieg extrem gesteigerten inneren Ängste und Abneigungen sind und von Erwachsenen, im Falle der Freizeiten zum Teil von Betreuerinnen und Betreuern, auch auf die Kinder übertragen werden.

Aber dürfen wir, nur weil unsere Möglichkeiten nicht ausreichen, resignieren? Geht es menschenrechtlich gesehen mitten in der unübersehbaren Masse der Verhetzten, der seelisch Verletzten, der in Not und Elend Geworfenen nicht auch um jeden einzelnen Menschen? Und um wie viel mehr gilt dies für Kinder, die ebenso unschuldigen wie verletzbarsten Opfer dieses Krieges? Ich weiß um den emotionalen Zugriff solcher Erfahrung auf meine eigene Befindlichkeit. Und ich spüre, dass ich heute, kurz nach unserer Rückkehr, in Gedanken noch weit entfernt bin, bei den 300 Kindern einer Freizeit in Ulcinj (das ist ein Badeort in Montenegro, nur knapp zehn Kilometer von Albanien entfernt).

Deshalb stehe ich heute irgendwie schwankend auf diesem Boden und hinter diesem Podium, von dem am 30. August 1983 Heinrich Albertz uns Entschlossene zusätzlich ermutigt und Unentschlossene ermuntert hat zum Mitmachen bei der am 1. September beginnenden Großblockade des US-Airfield Mutlangen, einem der drei geplanten Stationierungsorte für die Pershing-2-Atomraketen.

An dieser Stelle muss ich die Befürchtung aussprechen, dass ich möglicherweise diejenigen, die nicht nur wegen der Preisverleihung hierher gekommen sind, sondern auch oder eventuell vor allem wegen des vom Preisgeber und übrigens völlig im Sinne von Hanne und mir ausgewählten Veranstaltungsortes, enttäuschen werde, denn ich möchte in meinen Dankesworten zu Mutlangen und Schwäbisch Gmünd nur wenig sagen.

Dies, obwohl die gewaltfreien Sitzblockaden gegen die Pershing-2-Mittelstreckenraketen ebenso wie die Nötigungsprozesse gerade aus einem solchen Anlass einer Würdigung wert wären. Immerhin war Mutlangen von August 1983 bis Ende 1987, also mehr als vier Jahre, auch für uns beide der absolute Schwerpunkt unseres politischen Handelns. Nach einer Ausrechnung, die ich in unserem umfangreichen Mutlangen-Archiv gefunden habe, war ich in jener Zeit, aus meinem Heimatdorf im hessischen Odenwald kommend, 271 mal nach Mutlangen beziehungsweise Schwäbisch Gmünd gereist und habe dort 479 Tage verbracht. Ich habe an 61 Sitzblockaden teilgenommen, wurde 16 mal festgenommen und erhielt insgesamt 13 Strafbefehle mit zusammen 340 Tagessätzen, die ich jedoch trotz mehrfacher Verurteilungen aufgrund der Bundesverfassungsgerichtsentscheidung nicht bezahlen musste oder zurückerstattet bekommen habe.

Es gibt also in der Tat noch viel aufzuarbeiten an den damals neuen Erfahrungen und sozialen Lernprozessen, denn nach Mutlangen kamen zehntausende Menschen. Ein nicht abreißender Strom einzelner und kleiner Gruppen, von denen sich die meisten überwunden und an Sitzdemonstrationen teilgenommen haben, was zu etwa 3.000 Strafverfolgungen unter Bezug auf den unseligen Nötigungsparagraphen des Strafgesetzbuches führte. Nicht zu vergessen auch die Dauerpräsenz in der Pressehütte, die Kampagne "Ziviler Ungehorsam bis zur Abrüstung", die vielen Aktivitäten des Vereins "Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen" und ebenso nicht zu vergessen das strikt eingehaltene Prinzip des gewaltfreien Widerstands.

Wie ich schon angedeutet habe, agieren Hanne und ich heute in einer Art "anderen Welt". Unser Tun im ehemaligen Jugoslawien. Dabei geht es uns so wie allen Menschen, die sich einsetzen, nämlich dass durch das, was man gerade mit viel Leidenschaft tut, das Vorangegangene in den Hintergrund gerät. Dieses Vorangegangene ist damit nicht vergessen oder gar verdrängt. Aber solange politisches Handeln, zumindest nach unserem Verständnis, auch immer Erfahrung durch Lernen bedeutet, gründet die neue, noch unsichere Erfahrung auf dem gesicherten Vorangegangenen. Ich möchte dies als "Linie-Halten" bezeichnen. Unser bisheriger Lebensweg, und ich füge hinzu, "nein, ich bereue nichts", also das, was wir getan haben, war nur möglich, weil wir neben dem politischen Denken uns auch die Träume bewahrten, weil wir trotz der weit verbreiteten politischen Kälte, die auf unserer Gesellschaft lastet, uns tausenden Freundinnen und Freunden durch eine Art Wärmestrom verbunden fühlen, weil wir nie Bosheit oder gar Hass mit gleicher Münze heimgezahlt haben, weil wir schlussendlich trotz der tristen allgemeinen und großen Hoffnungslosigkeit unsere kleine Hoffnung auf die Veränderbarkeit zum Besseren nicht aufgeben wollen.

Es geht uns nicht darum, "die Starken", "die Besseren" sein zu wollen. Ich fühle mich jedenfalls nicht stark und gestehe frank und frei, dass ich in meinem politischen Leben viele Ängste zu überwinden hatte. Ich konnte mich auch nie angst frei vor Militärfahrzeuge, Pershing-2- und Cruise -Missiles-Transporte oder vor Bombenzüge, die für den Golfkrieg rollten, setzen. Für mich galt stets: Zukunft schaffen die, die Angst haben und dennoch handeln.

Heute, 13 Jahre nach der ersten großen Sitzblockade vor dem Mutlangen-Depot, weiß ich, wie schwer es ist, unsere damalige Parole zu verwirklichen, die wir auf ein Tuch gedruckt hatten: "Das weiche Wasser bricht den Stein". Denn der Stein ist hart, und er ist heiß.

Das, was wir heute tun, ich meine konkret unser Handeln im ehemaligen Jugoslawien, ist ebenfalls eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Schlimmer noch: Der harte, heiße Stein wächst weltweit.

So sind wir wieder bei Hoffnungen und Träumen. Ich glaube, es geht in dieser Situation der Kriege und einer bereits mit allzu viel ökologischer Zerstörung überzogenen Erde um so mehr darum, nicht nur diese schlimmen Sachen anzuprangern, sondern ganz praktisch an unverkürzten Menschenrechten, das heißt an demokratisch-pazifistischer Politik festzuhalten.

Hannes und mein Lernen, unsere vielfältigen Erfahrungen haben für uns dazu geführt, auf die Chancen eines anscheinhaften Einflusses zu verzichten.

Zu verzichten auf viele mächtig motivierende Illusionen des Einflusses. Wir denken, dass gerade machtpolitische Enthaltsamkeit uns frei macht, wenigstens das zu tun, was trotz alledem nottut.

Aber wie soll das gehen, wenn alles radikal-demokratische Handeln nur der erwähnte Tropfen auf den heißen Stein ist? Ich denke: Die politische Philosophie und Strategie des Tropfens umschließt im Kern das Wissen, dass solche Tropfen über die Jahrzehnte, ja die Jahrhunderte hinweg eine Art menschenrechtlich-pazifistische Zeichensprache bilden. Und diese spricht immer wieder zu neuen Menschen, die sich darum scharen.

In diesem Sinne lebt diese politische Philosophie des Tropfens von der Gewissheit, dass Frieden nur dann möglich wird, wenn man ihn praktiziert. Oder, um Gandhi zu zitieren: "Es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg." Also kann sich im Tropfen eine konkrete Utopie verdichten.

Der Tropfen wird zum Meer, das die schlechte kriegerische Politik aufhebt. Das ist mit Sicherheit nicht die herrschende politische Realität, aber eine Hoffnung, die ermutigt und für die es lohnt, weiterzumachen.

Der allzu selbstverständliche Einwand: Sind wir im Auf und Ab der basispolitischen Bewegungen seit der großen Friedensbewegung der 80er Jahre nicht sichtbar weniger geworden? Eine Antwort vielleicht: Viele sind noch da. Neue kommen hinzu. Denken wir zum Beispiel an die zahllosen kleinen Gruppen, die sich im Umweltschutz engagieren, oder an die Gruppen, die durch direkte Hilfe für Flüchtlinge und Asylsuchende de facto-Abschaffung des Menschenrechts auf Asyl praktisch widersprechen.

Denken wir zum Beispiel an den lokalen und zugleich bundesweiten Widerstand in Gorleben oder anderswo. Denken wir an die immer erneuten mutigen Aktionen gegen Atombombentests, die sicher mit dazu beigetragen haben, dass der Internationale Gerichtshof kürzlich den Einsatz von Atomwaffen als Verstoß gegen das Völkerrecht verurteilt hat, was letztlich die Forderung nach Abschaffung aller Atomwaffen bedeutet.

Aber auch - und ich weiß nicht, ob dies von allen genügend beachtet wird: Beginnend mit einigen wenigen ersten totalen Kriegsdienstverweigerern verbreitert sich seit einigen Jahren bei einem erheblichen Teil der jungen Leute ein radikaler gewaltfreier Antimilitarismus, der selbst den Herren auf der Hardthöhe bereits Sorgen macht. Ende der 50er bis weit in die 60er Jahre waren die wenigen tausend Kriegsdienstverweigerer als Drückeberger diffamiert. Heute stelle ich mir oft die Frage - allerdings ohne jemanden diffamieren zu wollen: Sind nicht vielmehr jene Drückeberger, die dem Einberufungsbefehl zur Bundeswehr willenlos folgen? Sicher erfüllt sich die Forderung nach einer Bundesrepublik Deutschland ohne Armee nicht durch eine Vernunftentscheidung auf der Ebene der hohen Politik. Aber wie wenig wert ist eine Armee, der die Jugend davon läuft und der eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger den Respekt versagt?

Wenn ich diese von mir so beobachtete Rekonstruktion von graswurzlerischem Handeln hierzulande mit meinen Erfahrungen bei bislang 68 humanitären und politischen Reisen ins ehemalige Jugoslawien vergleiche, so kann ich auch dort feststellen, dass vor allem aus der westeuropäischen Friedens- und Menschenrechtsbewegung Tausende junger Leute aus freien Stücken und ohne jede Vergütung in den Flüchtlingslagern gearbeitet haben. Noch mehr Hilfsaktionen von kleinen Gruppen hat es gegeben und oft kamen sie von friedensbewegten Menschen. Aber auch, dass mitten im Krieg in den ex-jugoslawischen Nachfolgerepubliken zahlreiche Antikriegs-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen entstanden sind, ist meines Wissens in der weltweiten Friedensbewegung ein Novum. Diese Arbeit ist nicht chancenlos.

Es wird zwar sehr, sehr lange dauern, bis der anfangs von den Oberen gepredigte Hass, der dann durch den mörderischen Krieg seine "Bestätigung" erfahren sollte, abgebaut ist. Aber es begegnen uns immer mehr Menschen, die nur eines wünschen: Frieden und letztlich auch Verständigung. Ein kleines Beispiel: Bei einer Freizeit an der Küste bei Makarska in Kroatien mit 200 muslimischen Flüchtlingskindern aus Tuzla war der etwa 25jährige Discjockey über die Tanzerei und Freude der Kinder so gerührt, dass er uns sagte, ihm sei nun endgültig klar geworden, welcher Irrsinn es war, dass er auf kroatischer Seite gegen die Väter dieser muslimischen Kinder gekämpft hätte, und er habe davon endgültig die Schnauze voll, wie die meisten seiner Freunde.

Wie gesagt, seit 1991 habe ich Hilfsreisen ins ehemalige Jugoslawien unternommen. Die überbrachte Hilfe, die sowohl humanitären Zwecken als auch Friedens- und Menschenrechtsgruppen zugutekommt, beläuft sich inzwischen auf 11,6 Millionen D-Mark. Alleine für die Kinderfreizeiten in diesem Sommer wurden rund 900.000 D-Mark eingesetzt.

Das gesamte Geld kommt von Spenden vorwiegend von einzelnen und Gruppen der Friedens- und Menschenrechtsbewegung in der Bundesrepublik. Einerseits spricht diese Hilfe für sich. Andererseits hat sie vielen Gruppen geholfen, die praktische Friedensarbeit gegen die offizielle Hasspropaganda durchzuhalten.

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die diesjährigen 13 Freizeiten für 2992 Kriegskinder die größte derartige Aktion im gesamten ehemaligen Jugoslawien war. Dabei geht es nicht in erster Linie um Quantität.

Die Kinder kamen aus allen drei großen Volksgruppen, also muslimische Kinder, kroatische Kinder und serbische Kinder. Es haben ebenso Kinder ungarischer, slowenischer, slowakischer Herkunft sowie einige jüdische und Roma-Kinder teilgenommen. In dieser Kinderferien-Aktion sind viele Aspekte miteinander verwoben.

So trifft allem anderen voran grundsätzlich zu, dass das zukunftsorientierte friedenspolitische Engagement mit den Kindern demjenigen entgegensteht, was von den jeweiligen Regierungen und herrschenden Gruppen mit Kindern gemacht wird. Wenn man sie nicht achtlos liegen lässt oder gar um brachte, werden sie vom jeweiligen Feind der oberflächlich moralisierenden Öffentlichkeit gegenüber zu Propagandazwecken eingesetzt.

Wir dagegen meinen, dass diese Kinder nur dann eine neue und möglichst friedensreiche Zukunft mit schaffen können, wenn sie in der Lage sind und dazu instand gesetzt werden, das lähmend-schockierende Gehäuse vergangener Erfahrungen, denen sie während des Krieges ausgesetzt gewesen sind, zu verlassen und sich im besten Sinne des Wortes von diesen schrecklichen Erlebnissen teilweise zu emanzipieren.

Das wird nur dann möglich sein, wenn sie jetzt und in Zukunft unter Bedingungen aufwachsen, die einen solchen langsamen Heilungs- und Emanzipationsprozess ermöglichen, wenn sie außerdem über Bilder - und sei es nur schlaglichtartig - und über Erfahrungen verfügen, die ihnen eine Welt ohne Krieg, eine Welt spaßvollen Zusammenseins eröffnen. Nur dann wird ein Weg ins Freie möglich sein.

Selbstverständlich können 14 Tage Kinderfreizeit eine solche zureichende Erfahrung nicht bieten. Doch meine Hoffnung besteht darin, und sie hat sich auch in diesem Jahr wieder weitgehend bestätigt, dass solche Kinderfreizeiten ein Stück anderen Raum jenseits allen Kriegsgetümmels und aller zerstörten Landschaft erzeugen, also wie ein Sonnenstrahl im lange abgedunkelten Keller, wie ein Lichtfleck, wie eine Oase in der Wüste wirken, sind es auch nur 14 Tage für das einzelne Kind, so bringen diese doch Erlebnisse, an die sich die Kinder ein Leben lang erinnern mögen, die sie selbst vielleicht zu einem humanen Verhalten, später als Erwachsene, orientieren.

Also kommt, zugespitzt gesagt, in diesen Kinderfreizeiten das Beste all unserer friedenspolitischen Aktivitäten wie in einem Kristall zum Ausdruck. Zwar können diese Kinderfreizeiten nicht die allgemeine schreckliche Situation ändern. Sie vermögen den getretenen, beleidigten, verletzten Kindern, denen fürs erste ihre Zukunft frontal verstellt worden ist, nicht wie auf einer Drehbühne vom Krieg zum Frieden zu verhelfen. Auch sie, diese Kinderfreizeiten, sind gemessen am gesamten Elend, viel zu wenig an Hilfe. Und doch meine ich, lohnt sich menschenrechtlich und demokratisch alles, um dieser Sonnenstrahlen und der möglichen Wirkungen willen, die aus der Ahnung friedlicher Normalität sich entwickeln mögen.

Ich weiß, Hanne und ich haben den Fritz-Bauer-Preis nicht in erster Linie für das erhalten, worüber ich am längsten gesprochen habe. Dieser Preis gilt einem gemeinsamen politischen Lebenswerk und ist insbesondere unserem Wirken, beim Eintreten für unverkürzte Bürgerrechte gewidmet. Da von den politisch Herrschenden auf diesem Gebiet zur Zeit mehr Schritte rückwärts gemacht werden als vorwärts, kommt sowohl im Umgang mit Asylsuchenden und Flüchtlingen als auch in der nicht abreißenden Kette immer neuer so genannter Sicherheitsgesetze zum Ausdruck, die man korrekterweise Gesetze zur Vernebelung und zur Knebelung der Bürgerinnen und Bürger bezeichnen sollte.

Es hat Hanne und mich allerdings sehr gefreut, dass die Humanistische Union mit der Vergabe des Fritz-Bauer-Preises an uns dazu aufgerufen hat, Patenschaften für die diesjährigen Kinderfreizeiten zu übernehmen. Wir bedanken uns bei der Humanistischen Union für diesen Preis und für den besonderen Aufruf, der, soweit wir es feststellen konnten, erfolgreich war.

Obwohl auch ich ein gewisses ambivalentes Verhältnis zu Auszeichnungen habe, also eine Preisverleihung für etwas, was ich eigentlich ganz selbstverständlich tue, nicht erwarte, will ich nicht verhehlen, dass mir der Fritz-Bauer-Preis für uns beide, also für Hanne und mich, Freude bereitet. Nicht zuletzt deshalb, weil der Preis uns beiden gewidmet wurde, denn damit wird die besondere Qualität unserer Partnerschaft und Zusammenarbeit gewürdigt.

Ein letztes. Für mich war Fritz Bauer, wenngleich nur für die Zeit von etwa 5 Jahren, und zwar von 1963 bis zu seinem Tod 1968, ein väterlicher und vorbildhafter Weggefährte. In dieser Zeit war ich neben manchen anderen Aktivitäten Landesjugendleiter der hessischen Naturfreunde.

Fritz Bauer war mehrfach Referent auf unseren Landesseminaren. Damals habe ich von ihm gelernt, dass das geltende Recht und die herrschende Rechtspflege weitgehend wirklichkeitsfremd sind.

Fritz Bauer behauptete ebenso ironisch wie provokativ, das Strafrecht stehe der Bekämpfung der Seuchen und der Regelung des Gas- und Wasserwesens näher als dem, was gemeinhin als Ethik und Moral bezeichnet wird. Auch das hat meinen weiteren politischen Weg geprägt und mein demokratisches Rechtsempfinden erheblich sensibilisiert. Ich möchte noch darauf hinweisen, dass auf dem ausgelegten Plakat "Deutsche Asylanten" eine Fotografie Fritz Bauers das erste Bild oben im Plakat ziert. Er musste wegen anti-nationalsozialistischer Betätigung 1936 aus Deutschland flüchten.

In diesem Sinne möchte ich meine Ausführungen mit zwei Zitaten von Fritz Bauer schließen:

Erstes Zitat - Fritz Bauer sagte dies öffentlich, als er bereits hessischer Generalstaatsanwalt war: "Der Staat schützt bestimmte Interessen. Mit Moral hat dies nichts zu tun. Die Rechtsgeschichte und Rechtsvergleichung lehren uns, wie wandelbar diese Interessen sind. Niemand kann in Abrede stellen, dass zweifelhafte Interessen geschützt wurden und werden. So wissen wir, dass viele Interessen klassenbedingt waren und sind. Es bedarf heute nur eines Hinweises auf den weiten Bereich dessen, was man gemeinhin "Weiße-Westen-Kriminalität" nennt. Darunter verstehen wir beispielsweise die Steuerdelikte und Monopolvergehen, durch die - in aller Regel ungeahndet - Schäden von Millionen und Milliarden entstehen, denen gegenüber so gut wie alle Diebstähle Harmlosigkeiten sind."

Zweites und kurzes Zitat: "Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird."

Nochmals vielen Dank für eure Geduld. Vielen Dank fürs Zuhören.

Der Nachteil, wenn man einen Preis erhält, kann sein, dass man auch eine Rede halten muss und nicht unbedingt so recht weiß wie. Da ist es zweifellos ein Vorteil, dass man so ziemlich alles sagen darf, was man will.

Quelle:  vorgänge 136 (Heft 4/1996) S. S. 116- 120.

Veröffentlicht am

08. Dezember 2001

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