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Radioaktive Kontamination in Deutschland wäre hoch

Neue Studie zu Risiko eines Schweizer Tschernobyls

Mehr als Hunderttausend Strahlenopfer sind in Europa zu erwarten, sollte sich in einem Schweizer Atomkraftwerk ein großer Unfall ereignen. Dies geht aus einer wissenschaftlichen Studie aus Genf hervor, die moderne meteorologische Berechnungen und neue medizinische Erkenntnisse berücksichtigt. Aufgrund der Lage der Atomkraftwerke und der Bevölkerungsdichte in der Region wäre kein Land so stark betroffen wie Deutschland: Hier wären 30-40% der Bevölkerung radioaktiver Kontamination ausgesetzt, verglichen mit gerade einmal 8 % in der Schweiz. Das sind fünfmal so viele Menschen in Deutschland wie in der Schweiz.

Vor allem die beiden grenznahen Atomkraftwerke Leibstadt und Beznau, die nur 50, bzw. 60 Kilometer von Freiburg entfernt liegen, stellen nach Angaben der Autoren der Studie für die öffentliche Gesundheit in Deutschland eine massive Gefahr da. Selbst bei geringen Windgeschwindigkeiten von 10-20 km/h ("leichte bis schwache Brise") wäre die radioaktive Wolke innerhalb von 3 bis 6 Stunden über deutschen Großstädten. Die Landesregierung Baden-Württembergs ist für ein solches Katastrophenschutzszenario aus den grenznahen AKW’s aus der Schweiz nicht vorbereitet.

Ein interdisziplinäres Team aus Wissenschaftlern der Universität Genf und des Genfer Institut Biosphère untersuchte in der Studie die Auswirkungen eines schweren Unfalls in einem der vier Schweizer Atomkraftwerke Leibstadt, Gösgen, Beznau und Mühleberg. Außerdem wurde das grenznahe französische AKW Bugey untersucht. Das Team um Dr. Frédéric-Paul Piguet analysierte realistische meteorologische Situationen und modellierte mögliche Verbreitungswege radioaktiver Partikel.

Die Forscher wiesen in ihrer Arbeit darauf hin, dass das Risiko eines großen Unfalls in einem Atomreaktor angesichts der Ereignisse in Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima durchaus relevant ist und dass die untersuchten Schweizer Atomreaktoren mit zu den ältesten der Welt zählen: Leibstadt ist seit 1984 in Betrieb, Gösgen seit 1979, Mühleberg seit 1971 und Beznau als dienstältester Atomreaktor der Welt seit 1969, also seit nunmehr 50 Jahren.

Korrosions- und Materialschäden im Reaktordruckbehälters und die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen für Erdbeben oder Kühlungsausfälle haben in den letzten Jahren immer wieder zu Forderungen nach einer raschen Stilllegung der Atomreaktoren geführt. Das AKW Beznau befindet sich auf dem erdbebengefährdeten Oberrheingraben, was beim Bau nicht berücksichtigt wurde. Statt der frühzeitigen Abschaltung hat die Schweizer Atombehörde ENSI im Februar 2019 die Sicherheitsbestimmungen gelockert, um einen Weiterbetrieb der Atomreaktoren zu ermöglichen.

Die Wissenschaftler untersuchten die Menge an austretender Strahlung, deren Verteilung je nach Wetterlage in den ersten 72 Stunden und die gesundheitlichen Folgen für die betroffene Bevölkerung. Anders als in Fukushima, wo nahezu 80% der Radioaktivität auf offene Meer geblasen wurde, würde eine Kernschmelze in einem Schweizer Atomkraftwerk unweigerlich zu einer radioaktiven Kontamination großer Teile Mitteleuropas führen. Die Zahl der betroffenen Menschen variiert dabei je nach Wetterlage. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass im schlimmsten Fall mehr als 20 Millionen Menschen radioaktiver Strahlung ausgesetzt wären, bis zu 500.000 Menschen umgesiedelt werden müssten und bis zu 100.000 Menschen relevante gesundheitliche Folgen in Form von Krebserkrankungen und anderen gesundheitliche Strahlenfolgen erleiden würden, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schäden des Erbguts, Fehlgeburten und Missbildungen. Selbst bei günstigen Wetterbedingungen ist immer noch von mehr als 18.000 strahlenbedingten Krebserkrankungen auszugehen.

"Es reicht nicht, dass wir in Deutschland die Atomkraftwerke abschalten - Es ist überfällig, dass die deutsche Bundesregierung mit der Schweizer Regierung und im Rahmen der EU entschieden auf den europaweiten Atomausstieg hinarbeitet. Dabei sollte sie bindende Klimaschutzziele für die EU (schnelle CO-2 Reduzierung auf Null), so wie es die Regierung Macron vorschlägt, unterstützen", so die europäische IPPNW-Vizepräsidentin Dr. Angelika Claußen.

Der deutsche IPPNW-Vorsitzende Dr. Alex Rosen ergänzt: "Die neue Studie aus der Schweiz bestätigt unsere Sorgen. Wir sind den KollegInnen in Genf dankbar, dass sie auf die wachsende Gefahr eines Schweizer Tschernobyls hinweisen und die katastrophalen Folgen wissenschaftlich unangreifbar präsentieren. Dies muss Anlass geben, die Bestrebungen nach einem raschen Atomausstieg in der Schweiz und im restlichen Europa zu intensivieren."

Quelle:  IPPNW - Pressemitteilung vom 21.05.2019.

Veröffentlicht am

23. Mai 2019

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