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Leonardo Boff: Karneval: die Feier der Lebensfreude

Von Leonardo Boff

Brasilien erlebt zurzeit eine der traurigsten, wenn nicht die makaberste Phase seiner Geschichte. Die Korruption der Oligarchen ist offensichtlich. Eine Korruption, die in Brasiliens Geschichte stets präsent war als ein patriarchalischer (kolonialistischer, elitärer, gegen das Volk gerichteter und sklavenhalterischer) Staat, der Jahrhunderte lang durch Domination und Manipulation der öffentlichen Meinung dem Volk Besitz und Wissen vorenthielt. Korruption war nicht nur fast ausschließlich der Arbeiterpartei (PT) vorbehalten, wie es in den letzten Jahren immer wieder behauptet wird. Im Gegenteil: Es gab sie schon immer. Und während es stimmt, dass einige führende Köpfe der PT korrupt waren, so wurden sie zum Sündenbock gemacht, um die massive Korruption der Privilegierten zu maskieren.

Ein neues Mantra ("Jagt die Intriganten") wurde durch den "Mythischen" (Jair Bolsonaro) verbreitet, welcher der Korruption ein Ende hätte machen sollen. Fünfzig Tage im Amt reichten aus, um die Korruption seiner eigenen Clique und selbst seiner eigenen Familie aufzudecken. Viele glaubten naiv der Verbreitung der "Fake News" und mit einem an die Nazis erinnernden Slogan "Brasilien über alles" (in Anlehnung an "Deutschland über alles") und "Gott über allen". Doch welcher Gott? Der Gott der Neupfingstler, die sich für materiellen Wohlstand einsetzen, doch taub sind für die schändliche soziale Ungerechtigkeit, die ihren Pastoren Unmengen an Geld zuteilwerden lässt, diesen wahren Wölfen, die ihre eigenen Schafe scheren. Es ist nicht der Gott des Jesus von Nazareth, dem mittellosen Mann und Freund der Armen, von dem Fernando Pessoa sagte, der "nichts über Rechnungswesen verstand und dass nichts darüber bekannt war, dass er ein Bücherregal besessen hätte". Er war ein mittelloser Mann, der über das Land zog und, wie die Evangelien es ausdrücken, "dem ganzen Volk eine große Freude verkündete".

Vor diesem düsteren Hintergrund wird Karneval gefeiert. Anders könnte es gar nicht sein, denn Karneval ist eines der wichtigsten Ereignisse im Leben von Millionen von Brasilianern. Die Feste helfen ihnen, ihre Enttäuschungen zu vergessen, und geben viel unterdrücktem Ärger Raum (wie der von den Tausenden, die in São Paulo solche Obszönitäten riefen wie "B… geh und f… dich"). Das Fest unterbricht den furchtbaren Alltag und das langweilige Zeittotschlagen. Es ist, als würden für einen Moment lang alle an der Ewigkeit teilhaben, denn während der Feiern scheint die Vorläufigkeit des Lebens aus den Angeln gehoben zu sein. Exzess ist dem Fest so inhärent wie es der Bruch der Konventionen und der sozialen Förmlichkeiten ist. Logischerweise kann alles Gesunde krank werden, wie der orgiastische Charakter einiger Aspekte des Karnevals zeigt. Doch dies ist nicht typisch für den Karneval.

Das Fest ist ein Phänomen des Reichtums. Reichtum meint hier nicht Geldbesitz. Der Reichtum des Fests ist der der Vernunft des Herzens, der Freude, der Verwirklichung des Traums grenzenloser Geschwisterlichkeit, Menschen aus den Slums mit Menschen aus der gut organisierten Stadt. Alle sind verkleidet: Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Männer und Frauen und die Alten, tanzen, singen, essen und trinken zusammen. Das Fest ist eine Manifestation der Tatsache, dass wir froh und glücklich sein können, selbst wenn wir uns in einer kollektiven Notlage befinden.

Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass Karneval ein Ausdruck einer Liebe ist, die mehr ist als Empathie. Wer nichts oder niemanden liebt, kann nicht froh sein, selbst wenn er sich qualvoll danach sehnt. Der Hl. Johannes Chrysostomos, ein Theologe der Orthodoxen Kirche des 5. Jahrhunderts christlicher Zeitrechnung (den Kardinal Paulo Evaristo Arns mit großer Begeisterung las) drückte es treffend aus: "Ubi caritas gaudet, ibi est festivitas" ("Wo die Liebe froh ist, da ist die Feier").

Und nun einige Überlegungen: Das Thema des Fests erscheint wie ein Phänomen, das große Denker herausforderte wie R. Caillois, J. Pieper, H. Cox, J. Moltmann und selbst F. Nietzsche. Es kommt vor, dass das Fest Kindliches und Mythisches in uns weckt, selbst im reifen Alter, wo der kalten, instrumentell-analytischen Vernunft, die unsere Gesellschaft beherrscht, der Vorrang gegeben wird.

Das Fest versöhnt alle und verbreitet Sehnsucht nach dem Paradies der Freude, das nie völlig verloren gegangen ist. Nicht ohne Grund sagte Platon: "Die Götter schufen die Feste, damit wir ein bisschen aufatmen können". Das Fest ist nicht nur ein von Menschen geschaffener Tag, sondern auch "ein Tag, den der Herr gemacht", wie Psalm 117,24 sagt. Tatsächlich bedürfen wir der Feste zum Auftanken, da das Leben ein schwerer Weg ist, und wenn wir uns so erholt haben, können wir mit Freude im Herzen unseren Weg weiter gehen.

Woher kommt die Freude des Fests? Nietzsche formulierte es am treffendsten: "Um sich an einer Sache zu freuen, muss man alle Sachen willkommen heißen". Folglich müssen wir, um richtig feiern zu können, in allen Dingen das Positive sehen. "Wenn wir zu einem einzelnen Moment ja sagen können, dann haben wir nicht nur zu uns selbst ja gesagt, sondern zur gesamten Existenz" (aus: Der Wille zur Macht, Buch IV: Zucht und Züchtigung, Nr. 102).

Dieses Ja liegt unseren täglichen Entscheidungen zugrunde, auf der Arbeit, in unserer Sorge für unsere Familien und unsere Arbeitsplätze, die durch die neuen regressiven Gesetze der aktuellen Regierung bedroht sind, und der Zeit, die wir mit Freunden und Kollegen verbringen. Das Fest ist eine kraftvolle Zeit, in der der geheime Sinn des Lebens erfahren wird, selbst wenn dies unbewusst geschieht. Aus dem Fest gehen wir gestärkt hervor und sind stärker, um den Anforderungen des Lebens zu begegnen, das weitgehend von Mühe und großen Schwierigkeiten erfüllt ist.

Wir haben gute Gründe, den Karneval 2019 zu feiern. Lasst uns für einen Moment die Unerfreulichkeit einer Regierung vergessen, der es immer noch an Richtungsweisendem mangelt und deren Minister uns das Leben schwer machen, und die Politiker, die sich mehr um die Gruppierungen kümmern, von denen sie finanzielle Unterstützung erhalten, statt um die wahren Interessen des Volkes. Trotz all dieser Traurigkeit muss die Freude vorherrschen.

Leonardo Boff ist Ökologe, Theologe und Philosoph; Mitglied der Erd-Charta Kommission

Quelle:  Traductina , 03.04.2019.

Veröffentlicht am

07. April 2019

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