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Das Dach der Welt schmilzt

Ein Drittel der Gletscher in Himalaya und Hindukusch ist bereits verloren. Betroffen sind fast zwei Milliarden Menschen.

Von Daniela Gschweng

Wenn die Schweiz ein Wasserschloss ist, sind die asiatischen Gebirgszüge Himalaya und Hindukusch eine Ansammlung von Palästen. Die Region ist 3.500 Kilometer lang, zehnmal länger als die Schweiz. Die größten Flüsse der Welt entspringen dort, darunter Ganges, Indus, Yangtze und Mekong. Sie speisen sich aus den größten Gletschern der Erde. In ihrem Einzugsgebiet leben fast zwei Milliarden Menschen.

Insgesamt liegt in Himalaya und Hindukusch die größte Eismasse außerhalb der Pole. Die Region ist ein Brennpunkt der Klimakrise, denn die Temperaturen steigen dort stärker als im globalen Durchschnitt. Seit den 1970er-Jahren sind 15 Prozent des Eises verschwunden.

Selbst wenn die weltweiten CO2-Emissionen sofort drastisch sinken würden, für mehr als ein Drittel der Gletscher in der Region ist es bereits zu spät. Sollte sich die globale Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzen lassen, werden bis 2100 36 Prozent der Gletscher geschmolzen sein. Bei zwei Grad wird die Hälfte verschwinden, bei höheren Temperaturen entsprechend mehr. Das geht aus einem Bericht hervor, an dem mehr als 350 Forscher gearbeitet haben. "The Hindu Kush Himalaya Assessment" untersucht auf mehr als 600 Seiten die prekäre Situation auf dem Dach der Welt.

"Das ist der Teil der Klimakrise, von der Sie noch nichts gehört haben", sagt Philippus Wester vom Internationalen Zentrum für die integrierte Entwicklung von Bergregionen (ICIMOD), der die Studie geleitet hat. "Selbst wenn wir den Klimawandel wirklich ehrgeizig bekämpfen, werden wir einen Drittel der Gletscher verlieren und in Schwierigkeiten geraten", stellte er gegenüber dem "Guardian" fest. Für die Wissenschaftler sei das ein schockierendes Ergebnis. Im Report ist beunruhigend oft von "Desaster Prevention" (Katastrophenschutz) die Rede.

Die Gletscher sind der Wasserspeicher für 250 Millionen Menschen, die in der Region leben, und weitere 1,65 Milliarden, die von den Flüssen abhängig sind, die dort ihr Einzugsgebiet haben. Die Entwicklung ist nicht überall in dem 3.500 Kilometer langen Hochgebirge gleich. Einige Gletscher in Afghanistan und Pakistan sind stabil, einige wenige werden voraussichtlich sogar wachsen.

Es trifft einige der ärmsten Regionen der Welt

Egal, wie sich das Weltklima entwickelt, Himalaya und Hindukusch werden dennoch mindestens ein Drittel davon verlieren. Zudem werden unmessbare Flächen von Permafrostböden auftauen. Die großen Flüsse werden zuerst anschwellen, ab 2060 aber langsam schmaler werden. Die betroffenen Länder wie Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, China, Indien, Myanmar, Nepal und Pakistan stehen vor großen Herausforderungen. Die Veränderung betrifft alle Lebensbereiche: Landwirtschaft, Tierzucht, Energieerzeugung, Ernährung, Wohnen und Gesundheit.

Einige Gebiete, besonders die Bergregionen, sind alles andere als wohlhabend. Ein Drittel der Bergbewohner hat täglich weniger als 1,9 Dollar zur Verfügung und lebt oft an sehr abgelegenen Orten. Dürren, Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen sind sie schutzlos ausgesetzt, Hilfe ist oft zu weit weg.

Folgen für Konflikte und Migration

Wenig förderlich ist zudem die nicht gerade stabile politische Situation in der Region, wie die derzeit angespannte Lage an der indisch-pakistanischen Grenze. Bestehende Konflikte werden sich bei Wasserknappheit aller Wahrscheinlichkeit nach verschärfen. Für die Menschen in den betroffenen Regionen spielten Gletscher bisher eine wesentliche Pufferrolle, bestätigte der Glaziologe Hamish Pritchard von "British Antarctic Survey" gegenüber dem "Guardian". Ihr Schmelzwasser fließe im Sommer in die Flüsse, wenn das Wasser stromabwärts am meisten gebraucht werde. Periodische Dürren hätten die tödlichsten Auswirkungen auf die Bevölkerung. "Ohne das Gletschereis sind diese Menschen schwerem Wasser-Stress ausgesetzt, und die Folgen für Konflikte und Migration sind lokal, regional und potenziell sogar global", sagte er.

Weiterführende Informationen:

Quelle: Infosperber.ch - 07.03.2019.

Veröffentlicht am

09. März 2019

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