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In der Abgas-Filterblase

Feinstaub: 100 von 4.000 Lungenärzten kritisieren Grenzwerte. Und die Autolobby atmet hörbar auf

Von Ulrike Baureithel

Das mediale Drehbuch war nahezu perfekt - eine Art Schnittmuster für die Produktion aufmerksamkeitsheischender Aufreger. Als das Deutsche Ärzteblatt im Dezember eine Fachdiskussion über Stickoxide und Feinstaubbelastung lancierte, blieb das unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Es folgte ein bemerkenswert einseitiger Filmbericht in der ARD (Das Diesel-Desaster), in dem zwar reichlich Kritiker der Stickoxid-Grenzwerte zu Wort kamen, von der Gegenseite aber nur ein einziger, unsicher wirkender Vertreter des Bundesumweltamtes. Der Film diente Anfang Januar als die Barrikade, von der aus die Festung der Grenzwertrichter und Fahrverbotspäpste beschossen werden konnten. Inkonsistente Messwerte, falsche Messstellen und nicht nachvollziehbare Grenzwerte, so der Tenor, führten zu überzogenen Maßnahmen, die sich gegen die Bürger richteten.

Kurz darauf veröffentlichte die Bild das von dem Pneumologen Dieter Köhler initiierte Positionspapier, in dem sich über 100 Lungenärzte mit der offiziellen Grenzwert-Politik der EU und der Bundesregierung anlegen. Sie behaupten, die Annahmen zur Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub und Stickoxide seien wissenschaftlich nicht haltbar, die zugrunde liegenden Studien seien ungeeignet und ideologisch motiviert. Seither tingelt der 70-jährige Fachmann für Medizintechnik und Ex-Klinikchef, der sich aber zu einem "der wenigen Experten" im Bereich Grenzwerte erklärt, durch die morgendlichen Frühstücks- und abendlichen Talkrunden und sorgt für die Erregungswellen, von denen das Fernsehen lebt.

Cui bono?, fragt man dann. Doch dieses Mal liegt der Fall so klar auf der Hand, dass es schon fast banal wirkt, auf die Freudensprünge hinzuweisen, die Verkehrsminister Scheuer in seinem Ministerium aufgeführt haben dürfte. Und auf eine Automobilindustrie, die diese neue Debatte - was sonst? - begrüßte. "Je mehr Fakten mit in die Diskussion kommen, desto besser", erklärte der Verband der Automobilindustrie, für den die Ablenkung vom Dieselskandal ebenso willkommen sein dürfte wie dem ein oder anderen Dieseleigner, der derzeit auf seinem Fahrzeug sitzenbleibt. Wobei bei dieser Gelegenheit auch daran erinnert sei, dass mancher unter ihnen sein Auto im Rahmen der Finanzkrise von der Allgemeinheit mitfinanziert bekommen haben dürfte.

All das ist offensichtlich. Erschreckend daran ist nur, dass es überhaupt keiner Verschleierungsversuche von diesem politischen Manöver mehr bedarf, außer vielleicht, dass sich die Politik hinter "den" Lungenärzten verschanzt. Es sind jedoch nur rund 100 von geschätzt 4.000 Ärzten dieser Profession in Deutschland, die Köhler unterstützen - darunter auch ein früherer Mitarbeiter von Daimler, wie die Nichtregierungsorganisation Lobby-Control herausgefunden hat. Haben sie sich nun gemeingemacht mit der Autolobby und den ihr verbundenen Politikern, wie Scheuer es zweifellos einer ist? Sind sie willige Helfer, wie die vielen Experten, die sich in den siebziger und achtziger Jahren als Wasserträger der Atomindustrie andienten? Oder ist etwas dran an ihrer Kritik an den Grenzwerten, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Richtwerte ausgibt und die von der Politik nach Maßgabe ihrer Durchsetzbarkeit umgesetzt werden?

Ein statistisches Konstrukt

Für Stickstoffdioxid (NO2) gilt laut WHO der Richtwert von 40 Mikrogramm, dem hat sich auch die EU angeschlossen, und er wurde in deutsches Recht umgesetzt. Aber schon beim Feinstaub - wobei es hier Unterschiede im Hinblick auf die Größe der Partikel gibt - weicht der WHO-Jahresmittel-Richtwert (10 Mikrogramm) vom in der EU geltenden Grenzwert ab, er beträgt 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Die WHO ermittelt die Richtwerte auf Grundlage von epidemiologischen und anderen Studien zur Luftverschmutzung, vom Prinzip her ähnlich, wie etwa Grenzwerte im medizinischen Bereich - Blutzucker, Cholesterin, Blutdruck - festgesetzt werden.

Aus diesen Studien wird eine statistische Risikoeinschätzung abgeleitet, wobei es auch darauf ankommt, wie lange ein Mensch der Belastung ausgesetzt ist, wie hoch die Konzentration des Schadstoffs ist, welche anderen Stoffe in der Luft schwirren, mit denen sich der Schadstoff verbindet, oder welche anderen Effekte die Gesundheit der Betroffenen positiv beeinflussen. Das Ganze ist also ein statistisches Konstrukt und der Richtwert eine Verabredung: Ab diesem Punkt erscheint die Gefahr für eine nicht spezifizierte Population zu groß. Die Bevölkerung in Deutschland, sagt Holger Schulz, der das Epidemiologische Institut am Helmholtz-Zentrum in München leitet, verliere durch die Luftverschmutzung schon jetzt 600.000 Lebensjahre jährlich.

Solche alarmierenden Zahlen zieht Köhler in Zweifel, wie er überhaupt moniert, dass es keine Kausalität zwischen Luftqualität und Todesrisiko gebe. Ein junger Raucher, führt er als Gegenbeispiel an, fiele, obwohl er einer ungleich höheren Feinstaubbelastung ausgesetzt sei, auch nicht nach einem halben Jahr tot um. Dennoch, wird ihm entgegengehalten, weiß jeder, dass sich Rauchen negativ auf die Gesundheit auswirkt. Ein Lungenkrebspatient muss nicht unbedingt durch Rauchen erkrankt sein, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ein Patient, der raucht, deshalb Lungenkrebs hat, ist sehr hoch.

Dass es sich bei Grenzwerten um eine von vielen Faktoren abhängige (wenn auch nicht völlig willkürliche) Konstruktion handelt, beweist die Entwicklung medizinischer Grenzwerte. Galt in den sechziger Jahren ein Blutdruck von 160/100 als normal, gilt heute schon als gefährdet, wer 140/90 überschreitet. Mit 120 mmHg firmiert man schon als Prä-Hypertoniker, als Fast-Bluthochdruckpatient, obwohl sich der Einzelne womöglich gar nicht krank fühlt und auch kein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko hat. Ähnliches gilt für Blutzuckerwerte oder Cholesterin.

Die damit einhergehende Produktion neuer Patientengruppen diente aber nicht nur der Pharmaindustrie, die nun massenhaft Blutdrucksenker absetzen konnte, sondern war auch vom Ziel geleitet, möglichst flächendeckend Krankheitsrisiken zu minimieren. Nicht zuletzt aufgrund des Kostendrucks auf die Gesundheitssysteme. Das hatte häufig Folgen für die Patienten, die unter den Nebenwirkungen der Pillen litten oder unter der Furcht, einem baldigen Herz-Kreislauf-Tod zu erliegen. Heute orientiert sich die medizinische Behandlung im Idealfall nicht mehr nur an einem überschrittenen Grenzwert, sondern es werden spezielle Computerprogramme eingesetzt, um das individuelle Krankheitsrisiko auszuloten.

Dieser Weg ist im Falle von Luftschadstoffen allerdings nicht möglich, denn niemand kann wissen, wer an einer bestimmten Straßenkreuzung wohnt, wie oft er die Wohnung lüftet, ob er Asthma hat oder ob ein kleines Kind auf dem Balkon spielt. Es geht nicht um den Fußgänger, der mal schnell eine Straße überquert, sondern um diejenigen, die der Belastung dauerhaft ausgesetzt sind. Die Schadstoffgrenzwerte orientieren sich an den Schwächsten, deren Risiko minimiert werden soll - deshalb gibt es eine große Diskrepanz zwischen Innenraum-Grenzwerten (z. B. am Arbeitsplatz), wo in der Regel erwachsene gesunde Menschen sitzen, oder an Straßen. Unangemessen ist daher auch der Vergleich mit einem kokelnden Adventskranz oder einer Gasflamme, die kurzfristig viel mehr Stickoxide produzieren, nicht nur, weil sie nicht dauerhaft in Betrieb sind, sondern weil Stickoxide in Innenräumen viel schneller zerfallen als in der Außenluft.

Im Unterschied zu medizinischen Grenzwerten haben niedrig angesetzte Luftschadstoffgrenzwerte keine gesundheitlichen, sondern soziale Folgen: Sie führen etwa zu Fahrverboten oder zum Wertverfall von Fahrzeugen. Das kann für die Betroffenen nicht nur ärgerlich sein, sondern gravierend. Doch es wäre geradezu obszön, die kriminelle Manipulation der Dieselfahrzeuge, für die die Autoindustrie verantwortlich ist, nun mit einer Manipulation der Grenzwerte zu beantworten. In diesem Fall sollte vielmehr das gültige Verursacherprinzip stark gemacht werden.

Quelle: der FREITAG vom 01.02.2019. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

01. Februar 2019

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