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Konstantin Wecker: Revolution beginnt innen

Die Menschen denken bei Revolutionen immer an Laternenpfähle und an Guillotinen. Das ist aber nicht das Wesen einer Revolution, es waren immer nur ihre Auswüchse. Die Revolution beginnt mit einem Umstrukturieren nicht nur des eigenen, sondern auch des gesellschaftlichen Denkens. Und sie beginnt in dem Zusammenwachsen einer neuen Spiritualität mit einer engagierten sozialen Politik. Konstantin Wecker, Auszug aus dem Buch "Mönch und Krieger".

Von Konstantin Wecker

Wenn ich in Konzerten sage, wir brauchen keine Reformen, sondern eine Revolution, so meine ich das durchaus ernst, auch wenn die Leute es für lustig halten. Die Menschen denken bei Revolutionen immer an Laternenpfähle und an Guillotinen. Das ist aber nicht das Wesen einer Revolution, es waren immer nur ihre Auswüchse. Die Revolution beginnt mit einem Umstrukturieren nicht nur des eigenen, sondern auch des gesellschaftlichen Denkens. Und sie beginnt - das muss ich immer wieder betonen - in dem Zusammenwachsen einer neuen Spiritualität mit einer engagierten sozialen Politik. Mit Spiritualität meine ich natürlich keine kirchlich gebundene Religiosität und auch keinen wie immer gearteten Fundamentalismus, wie ich an anderer Stelle in diesem Buch ausführlich darlege. Spiritualität, wie ich sie verstehe, eröffnet vielmehr die Chance, sich selbstständig zu revolutionieren, sein eigenes Denken permanent zu hinterfragen bzw. es durch Stille und Schweigen erst zu entdecken. Das bedeutet auch, sich der Betriebsamkeit zu widersetzen, die uns mitreißt und mit der wir uns abzulenken versuchen.

Ich war nie der Meinung, dass gewaltsame Revolutionen wirklich einen Sinn haben. Ich glaube, es war gerade die mangelnde Scheu vor Gewalt und die unterbliebene Auseinandersetzung mit dem Thema Frieden, was die Menschheit in die Situation gebracht hat, in der wir uns jetzt befinden. Wir stehen unmittelbar vor dem Abgrund, und es ist schon lächerlich, stolz darüber zu sein, dass die Menschheit ein paar Raketen ins All geschickt hat, während sie gleichzeitig dabei ist, ihren Heimatplaneten zu zerstören. Wir zerstören die Umwelt durch unser Achtlosigkeit und unseren Überkonsum. Wir zerstören die Kinder durch unsere Art schulischer Erziehung. Und wir zerstören die Länder des globalen Südens systematisch mit Hilfe von Schulden und Zinsen. Wir tun dies auch, indem wir immer genau an der falschen Stelle viel Geld ausgeben, für Rüstung vor allem. Mit einem Bruchteil der für Waffen ausgegebenen Gelder könnten alle satt werden. Darüber denkt nur selten jemand nach, und wenn er es doch tut, bleibt dieses Nachdenken folgenlos.

"Lass uns dann wenigstens Spaß haben" oder "Wir können sowieso nichts dagegen tun" sind in vielen Milieus verbreitete Haltungen. Ich glaube, dass man tatsächlich etwas dagegen tun kann. Und zwar zunächst nicht, indem man andere "ermahnt", sondern indem man sich zunächst bemüht, all das Schreckliche, das in unserer Gesellschaft passiert, tatsächlich tief in sich zu spüren. Und zwar so, wie man Hunger und Schmerz spürt, dann bekommt man auch eine Ahnung davon, wie wir mit allem verbunden sind, was lebt. Ich glaube, das war auch schon immer besonders die Aufgabe der Künstler. Hermann Hesse zum Beispiel hat sich gar nicht einmal so oft zu politischen Themen geäußert. Wenn er es aber dennoch tat, war es in der Tendenz immer sehr aufrecht. Zum Beispiel stammt von ihm der Satz "Ich bin auf der Seite des menschlichen und nicht auf der Seite des politischen Denkens." Wie wichtig das ist, merken wir vor allem dann, wenn sich "Revolutionäre" zur Durchsetzung ihrer Interessen derselben üblen Mittel bedienen, die sie an ihren Gegnern kritisieren. Das Verhalten der Gewaltregime des ehemaligen Ostblocks war ein Beispiel für "politisches Denken". Das menschliche Denken führt unweigerlich dazu, dass wir uns verbunden fühlen. Dabei ist es wichtig, sich mit dem Herzen auf etwas einzulassen; tun wir es nur intellektuell, kann es passieren, dass wir mit noch so klugen, analytischen Sätzen eher das Trennende stärken.

Ich glaube nicht an Gewalt, und ich begrüße es, dass die überwältigende Mehrheit der auch jungen Mitstreiter in den verschieden modernen Protestbewegungen, friedlich bleibt. Umso empörender ist es aber, dass die einzige Methode, die gewaltfrei Demonstrierenden überhaupt noch bleibt, nämlich die Blockade, heute kriminalisiert wird. Dürfen wir uns wirklich nur noch Händchen haltend in irgendwelche Ecken stellen, während Nazis, gut abgeschirmt von der Polizei, an uns vorbei marschieren und das "Horst-Wessel-Lied" singen? Das kann es ja wohl nicht sein. Gewaltfrei zu sein, bedeutet nicht, auf jegliche Vehemenz zu verzichten. Und der Satz "Es geht ums Tun und nicht ums Siegen", den ich in meinem Lied über die "Weiße Rose" verfasst habe, soll nicht so ausgelegt werden, dass wir von vornherein aufgegeben haben.

Zur Demokratie gehört der Ungehorsam. Natürlich muss jeder für sich selbst entscheiden, inwieweit er die Gesetze brechen will - und damit auch die Strafen auf sich nehmen, die der Staat verhängt. Ich würde mich scheuen, andere zu einem solchen Rechtsbruch aufzufordern. Etwas anderes ist es bei Ordnungswidrigkeiten. Wer auch mal falsch parkt und dafür gelegentlich einen Strafzettel kassiert, warum sollte der davor zurückschrecken, etwas viel Wichtigeres zu tun, nämlich Nazis blockieren? Mit meinem Gewissen hätte ich da jedenfalls keine Probleme. Es liegt wohl in der Natur jeder staatlichen Ordnung, dass sie uns Bürger zum Gehorsam erziehen will. Widerstand gegen Missstände ist bei Politikern immer nur dann hoch angesehen, wenn es sich um die Zustände in anderen Ländern geht, die Polizeigewalt in der Türkei oder die neue Armut in den USA. In Deutschland haben wir eine relative Ruhe und für die betuchtere Mehrheit überwiegend erträgliche Zustände. Die Politik fordert uns nun zum Gehorsam auf, damit das alles so bleiben kann und wir nicht in chaotische Zustände abrutschen, wie sie in anderen Ländern herrschen. In Wahrheit ist es umgekehrt: Damit wir unsere demokratischen und sozialen Errungenschaften erhalten können, müssen wir ungehorsam sein, denn die neoliberalen Oligarchen und die gewaltbereiten Faschisten würden ihre antidemokratischen Vorstellungen nur allzugern zu unserem Schaden durchsetzen.

Auf den Staat als Verbündeten können wir uns dabei am allerwenigsten verlassen. Macht korrumpiert, wie vor allem die Entwicklung von SPD und Grünen in den letzten 15 Jahren gezeigt hat. Auf die Partei Die Linke setze ich derzeit noch einige Hoffnung, aber auch sie ist von derselben Dynamik der Assimilierung durch den Politikbetrieb bedroht. Sehr wichtig wird es sein, die vielen sozialen Bewegungen noch mehr miteinander zu vernetzen und zugleich den Kontakt zur parlamentarischen Opposition nicht abreißen zu lassen. Man hat bei den Anti-Nazi-Blockaden gesehen, was eine gute Planung mit einer guten Vernetzung - auch über die neuen Medien - bewirken kann. Diesbezüglich ist das Potential, meine ich, noch längst nicht ausgeschöpft. Man sollte auf Protestveranstaltungen gehen, so oft man kann - nicht nur, weil man vielleicht was bewirken kann, sondern auch, um sich selbst und die anderen mit Kraft aufzutanken.

Gleichzeitig muss man gerade bei Demonstrationen sehr aufpassen, nicht den miesen Tricks der Gegner aufzusitzen. Ich war oft genug auf solchen Veranstaltungen, um zu wissen, dass da "Agents provocateurs" zugange sind. Sie reizen die Leute zum Steinewerfen, nur damit die Medien am nächsten Tag wieder Bilder "gewaltbereiter Chaoten" haben, die gegen die Protestbewegungen verwendet werden können. Ich habe bei einer Demo gegen die Sicherheitskonferenz in München selbst gesehen, wie einer aus der Polizeireihe ausgeschert ist, sich einen Kapuzenpullover übergezogen hat, außen am Demonstrationszug vorbei gegangen ist und die Demonstranten dann von hinten angefeuert hat, mehr Gewalt anzuwenden.

Trotz des Revolutionsjahres 2011, in dem in verschieden Teilen der Welt viel los gewesen ist und trotz neuerer Protestbewegungen in Griechenland, Spanien und Portugal ist die Lage nicht wirklich hoffnungsvoll. Zumindest in Deutschland. Man hat ja besonders bei Occupy Frankfurt 2012 gesehen, mit welcher Brutalität und Rücksichtslosigkeit sich das Kapital wehrt. Aber all denen, die behaupten "Es hilft ja doch nichts" möchte ich sagen: Ich habe dort in Frankfurt eine unheimlich schöne Zeit verbracht. Man trifft dort genau die Menschen, mit denen man eigentlich gern zusammen ist, und man findet nicht nur kämpferische Verbitterung vor, sondern auch viel Freude, Spaß, Freundschaft. Perfiderweise werden diese Menschen aber von den Medien weitgehend ignoriert. Nur deshalb habe ich ein gewisses Verständnis für junge Menschen, die so genannten Chaoten, die sagen: "Wenn wir nicht irgendwas zerschlagen, sehen die uns doch gar nicht." Mein Weg ist das nicht, aber die Verantwortlichen in der Politik haben sich diese Dynamik teilweise selbst zuzuschreiben.

In "Der alte Kaiser" beschreibe ich ja sehr drastisch ein morsches System, das kurz vor seiner Erstürmung steht: "Stirb, Kaiser, stirb! Morgen schon werden sie kommen. Du hast ihnen viel zu viel von ihrem Leben genommen!" Ich habe das Lied Anfang der Siebziger geschrieben, als ich ein Foto des Kaisers Haile Selassi sah, allein auf der Terrasse seines Schlosses. Damals waren ein paar linke Aktivisten entrüstet darüber, dass ich in diesem Lied auch Mitgefühl mit einem Diktator zeigte. Tatsächlich muss man sehen, dass auch Herrschende in dem System, das sie mitgestalten, gefangen sind. Das sollte uns aber nicht daran hindern, ihnen Grenzen aufzuzeigen, ihre Paläste und Bastionen zu erstürmen. Mit friedlichen Mitteln freilich. Wir wollen auch diejenigen, die wir ablehnen, nicht an den Laternenpfählen aufhängen. Ich sage das immer dazu, wenn ich "Der alte Kaiser" in letzter Zeit wieder öfter singe. "Der Kaiser", das ist heute kein bestimmter Politiker, das ist der Kapitalismus selbst, der den Menschen schon viel zu viel von ihrem Leben genommen hat. Und auch der spürt in den letzten Jahren: "Er war schon mal begehrter."

Ich bin für eine Revolution, aber zunächst für eine Revolution des Geistes. Es muss eine Revolution sein, die anders ist als all jene, die wir in den letzten Jahrhunderten erlebt haben. Man kann nicht mit einer kriegerischen Revolution ein friedliches Zeitalter einläuten. Es muss eine Revolution sein, die nicht in Gleichschaltung und Kollektivismus ausartet, sondern eine Revolution der Einzelnen, in der jeder jedem auch seinen spezifischen Wahnsinn lässt. Natürlich muss es Grenzen der Toleranz geben. Es gibt wahrscheinlich in jedem Land der Erde zehn bis fünfzehn Prozent radikale extremistische Arschlöcher, Nazis und Rassisten. Wie gehen wir mit denen um? Sind wir zu sanft, kann es uns passieren, dass sie uns auf der Nase herumtanzen. Behandeln wir sie mit Härte, mit Verboten und Strafen, besteht die Gefahr, dass wir unsere eigenen Methoden den ihren zu sehr annähern, ihnen zu ähnlich werden. Ich habe, ehrlich gesagt, keine Pauschallösung für dieses Dilemma. Das Einzige, was wir schon jetzt tun können und tun müssen, ist Arbeit auf den Gebieten des Geistes, der Kultur und der Bildung. Vielleicht gelingt es dann mittelfristig, von diesen zehn bis fünfzehn Prozent einen Großteil nicht nur im Zaum zu halten, sondern umzustimmen.

Leider ist das Niveau nicht nur der Fernsehprogramme, sondern auch der öffentlichen politischen Debatte dermaßen gesunken, dass diese Absicht vorerst Wunschdenken bleibt. Ein kapitalistisches System, das nach außen hin den Faschismus bekämpft, mit diesem aber im Verborgenen erschreckende Schnittmengen besitzt, ist natürlich an wirklicher Aufklärung nicht interessiert. Ich meine damit vor allem das Prinzip gnadenloser Selektion zwischen den "Stärkeren" und den "Schwächeren" in einem System, die Entmenschlichung und Ausgrenzung von Gruppen, die nach Auffassung der Herrschenden nicht über den erwünschten "Pool" von Eigenschaften verfügen. Im Deutschland des 21. Jahrhunderts sind das vor allem Hartz IV-Betroffene, Flüchtlinge, Muslime und noch einige andere. Im Grunde ist dem Kapitalismus egal, welches System unter ihm regiert, Demokratie oder Faschismus, Hauptsache, es bleibt unter ihm. Solange sich die gelenkte Demokratie im Sinne der Profiteure als zweckmäßig erweist, darf sie ruhig noch eine Weile bleiben.

Ich hab die Gewaltfreiheit schon seit einiger Zeit für mich entdeckt und bin immer noch überzeugt davon. Vielleicht ist es aber auch Privileg der günstigen Geburt, diese Gewaltfreiheit überhaupt erst kennenlernen und einüben zu dürfen. Aus diesem Grund scheue ich mich, gewalttätige Revolutionäre zu verurteilen. Ich bin nicht aufgewachsen wie sie, habe nicht dieses Ausmaß an Entrechtung und Ausplünderung erleben müssen wie etwa jemand, der in Südamerika groß geworden ist. Bei uns in Deutschland wird man nicht auf Schritt und Tritt von einem Gewaltstaat drangsaliert. Staatliche Gewalt zeigt sich bei uns überwiegend auf subtile und abstrakte Weise. Wir lesen z.B. in der Zeitung darüber, wie unser Computer überwacht wird. Wir ärgern uns darüber, aber es berührt uns nicht direkt. Wenn man dauernd von der Polizei angehalten und gedemütigt wird, dann fühlt sich das schon anders an.

Ob ich in einem solchen Fall den Mut hätte, gewaltfrei zu widerstehen, müsste sich erst noch zeigen. Jutta Ditfurth behauptet ja, dass alle sozialen Errungenschaften der Menschheit ausschließlich durch Gewalt erreicht worden sind. Ich bin mir dessen nicht so sicher, denn man muss die Frage stellen: Wie weit sind wir mit Gewalt und Gegengewalt tatsächlich gekommen? Diese Welt sieht nicht so aus, dass ich geneigt wäre, die Methoden, die zu ihrem jetzigen Zustand geführt haben, zu idealisieren. Noch immer sterben täglich 70.000 Kinder an Hunger. Unsere Umwelt haben wir schon zum großen Teil zugrunde gerichtet, und selbst die Sklaverei ist keineswegs abgeschafft. Sie hat nur ihr Gesicht verändert, knechtet Millionen Menschen mittels Verschuldung, Zins und Zinseszins.

Ich denke, damit etwas erreicht werden könnte, müssten die Menschen jahrzehntelang im Geist des zivilen Ungehorsams erzogen werden. Das passiert natürlich aus gutem Grund nicht. Wenn es breiten Bevölkerungsschichten möglich wäre, Strategien einzuüben, wie sie zum Beispiel Gandhi angewandt hat, dann könnte man jede Gewaltherrschaft brechen. Seine Gewaltfreiheit hatte im besten Sinne "gewaltige" Konsequenzen. Und der Sieg, den er mit seinen Mitstreitern errungen hat, ist auch die einzige Form von Sieg, die wir uns überhaupt wünschen können. Alles andere liefe darauf hinaus, dass die alte Herrscherkaste durch eine neue, ebenso korrupte und gewalttätige, ersetzt wird - der Effekt, den George Orwell in seiner Fabel "Animal Farm" beschrieben hat.

Ich engagiere mich ja auch für einige humanitäre Zwecke, etwa für die Klinik-Clowns oder für die Hospiz-Bewegung. Hier ist für mich auch eine Brücke zwischen gesellschaftlichem Engagement und Spiritualität. Das konkrete, tätige Mitgefühl ist quasi die sehr konkrete Schnittmenge aus beiden Welten. Gern wird unter Aktiven ja auch darüber ein Bruderkrieg ausgefochten: Genügt es, den Armen Brot zu geben oder muss man das System angreifen, das ihnen die Chance verweigert, sich dieses Brot auf menschenwürdige Weise anzueignen? Meine Antwort ist: beides. Ich misstraue allen Ideologen, die humanitäres Handeln ausschließlich unter dem Gesichtspunkt sehen, dass dadurch "das System" stabilisiert wird. Ich kann einem Hungernden nicht Brot verweigern - mit der Begründung, dass irgendwann später mal eine große Weltrevolution kommen wird, die ihn für immer satt machen wird.

Natürlich wird hier von Marxisten gern der Vorwurf erhoben, Not leidende würden durch milde Gaben dermaßen eingelullt, dass der Impuls zum gesellschaftlichen Umsturz verpufft. Ich glaube aber nicht, dass revolutionäre Energie durch einen Tropfen auf den heißen Stein erkalten kann - und ich glaube nicht daran, dass hungernde, ausgemergelte und kranke Menschen die idealen Revolutionäre sind. Vielmehr hat Not, wenn sie einen gewissen Grad erreicht, einen demoralisierenden Effekt. Sie befördert die politische Apathie, statt sie zu beseitigen - die stille Menge der kaputtreglementierten ‚Hartz-Vierer’ zeigt dies! Eine der großen gesellschaftlichen Revolten meiner Lebenszeit, die der "68er", wurde von Menschen gemacht, die materiell satt waren, jedoch hungrig nach Gerechtigkeit, die Zugang zu Bildung hatten und nicht absorbiert waren von ihrer Angst um die nackte Existenz.

Es geht mir als Künstler wie als politisch Denkendem in erster Linie darum, Mut zu machen: Mut, zu sich selbst zu stehen und danach zu handeln. Doch woraus soll sich dieser Mut speisen? Viele Menschen, die ich mit meinen Liedern und Büchern erreiche, haben schon sehr viel versucht, um an einer gerechteren Welt mitzubauen. Sie gehen zu jeder Wahl und kreuzen dort eine oppositionelle Partei an. Sie beteiligen sich an Unterschriftenlisten und Demonstrationen, spenden Geld und Energie und bleiben frustriert mit dem Gefühl zurück, dass all diese Anstrengungen die Mächtigen nicht im Geringsten beeindruckt haben. Im Gegenteil, die Verhältnisse sind in vielerlei Hinsicht noch schlimmer geworden.

Ich kann dazu nur sagen: Die werden beeindruckt sein, wenn wir mehr werden. Ich begegne so vielen aufrechten und engagierten Menschen - Liedermachern, Künstlern, Aktivisten, aber auch Menschen, die "normalen" Berufen nachgehen und sich, jeder an seinem Platz, der Unmenschlichkeit widersetzen. Die meisten von ihnen verlässt manchmal der Mut, weil sie meinen, mit ihrer Arbeit nicht genug bewirkt zu haben. Ich bin jedoch sicher: Ohne all diese wunderbaren Menschen wäre die Welt nicht nur ärmer, die Verhältnisse wären schlimmer, als sie es jetzt sind. Es gäbe ja sonst niemanden mehr, der - wie Dietrich Bonhoeffer sagte - "dem Rad in die Speichen greift"; der den Verfall aufhält oder zumindest verlangsamt; der ein Beispiel gibt, wie Menschlichkeit in einer ihr eigentlich feindlich gesinnten Umgebung aussehen kann.

Und was ein Einzelner bewirken kann, konnte man 2013 am Beispiel des mutigen Edward Snowden sehen, der mit seinen Enthüllungen eine Weltmacht ins Schwitzen brachte und der Weltöffentlichkeit die Augen über das Bespitzelungssystem der NSA öffnete. Freilich, nicht jeder sitzt auf einem Posten, auf dem er - wie Snowden - zum "Weltstar des Widerstands" werden kann. Aber niemand ist so machtlos, dass er nicht in irgendeiner Form etwas bewirken kann. Jemand sitzt zum Beispiel im Finanzamt und schafft es, durch Recherchen milliardenschwere Steuersünder auffliegen zu lassen. Oder jemand ist Lehrerin, Lehrer und weckt in hunderten von Schülern die Begeisterung für die Literatur oder für die Demokratie. Wer spürbar zu sich selbst und zu seiner Idee steht, kann in anderen Begeisterung entfachen. Nichts anderes versuche ich ja auch in meiner Rolle als engagierter Künstler. Ich versuche zunächst zu erreichen, dass meine Zuhörer (wieder) zu sich selbst finden. Nur auf dieser Basis ist wirklicher - auch politischer - Erfolg möglich. Denn welchen Sinn macht die schönste Revolution, wenn wir es nicht selbst sind, die sie durchführen?

Ich bin - entgegen meinem Image als "Revoluzzer" - in mancherlei Hinsicht auch ein konservativer Mensch. Ich liebe die Musik von Puccini und die Lyrik von Eichendorff, und ich glaube, man kann meiner Kunst diese Treue zum Klassischen und Wertbeständigen auch anmerken. Ebenso wie Kunst schon um ihres handwerklichen Gelingens willen auch konservativ sein darf, braucht sie ein rebellisches Element, um lebendig zu bleiben. Ich glaube, wer nicht dazu bereit ist, zumindest mit einem Teil seines Wesens immer Rebell zu sein, der läuft am Leben vorbei. Ich will mir das Wort "Revolution", ebenso wie das Wort "Pazifismus", nicht mit Blick auf den Missbrauch dieses Begriffs rauben lassen. Wer kann schon nach den rückschrittlichen Kapriolen der Regierungen Schröder und Merkel das Wort "Reform" noch hören. Revolution bedeutet, in der Lage zu sein, sich selbst und sein Leben immer wieder umzuwälzen. Auf dieser Basis kann und soll dann längerfristig auch die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse erfolgen. Nur dafür lasst uns leben!

Buchtipp:

Konstantin Wecker: Mönch und Krieger. Auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt. Gütersloher Verlagshaus, 288 Seiten, 19,99 €.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Hinter den Schlagzeilen - 08.01.2019.

Veröffentlicht am

10. Januar 2019

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