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Helmut Gollwitzer: Gib meinen Augen Licht!

Vom 17.-22. September 1984 fand in Budapest ein Seminar statt, das "Unterwegs zu einer Theologie des Friedens" hieß. Karoly Toth, reformierter Bischof in Ungarn und Präsident der Christlichen Friedenskonferenz hatte zusammen mit Stephen Tunnicliffe vom englischen kirchlichen Verbindungskomitee der END (European Nuclear Disarmament) eingeladen. Es kam ein Arbeitstreffen von 124 Frauen und Männern aus 32 Ländern Ost- und Westeuropas, der "Dritten Welt" und den USA und den verschiedensten christlichen Denominationen von den Quäkern bis zu orthodoxen und römisch-katholischen Bischöfen zustande. Helmut Gollwitzer hielt dort am 18. September eine Bibelarbeit, die wir nun genau 30 Jahre später hier dokumentieren.

Gib meinen Augen Licht!

Von Helmut Gollwitzer

"Schaue doch und erhöre mich, Herr, mein Gott! Gib Licht meinen Augen, oder ich entschlafe des Todes, und mein Feind könnte sagen: Über den ward ich Herr!" (Psalm 13,4)

Dieser Vers war ein Leitspruch für zwei junge Menschen, Hans und Sophie Scholl, die 1943 mit einer Gruppe von jungen Deutschen verhaftet und hingerichtet wurden, weil sie Flugblätter verteilt hatten, in denen sie die deutsche Jugend aufriefen, gegen Hitler aufzustehen und seinen verbrecherischen Krieg zu beenden. Heute tragen in beiden deutschen Staaten manche Schulen und Straßen ihren Namen, um an das Vorbild ihres todesmutigen Widerstands im damaligen Kampf um den Frieden zu erinnern. Mit diesem Gebet riefen sie den an, der sie in diesen Kampf geschickt hatte, und mit ihm stärkten sie sich in den schweren inneren Anfechtungen ihres Kampfes.

Auch wir sind durch Jesus Christus in den Kampf um den Frieden geschickt worden. Auch wir wissen noch nicht, ob er Erfolg haben wird und welche Opfer er noch von uns fordern wird. Auch uns kann dieser Psalmvers dienen, um den, der uns sendet, anzurufen und um uns zu stärken.

Worum wird hier gebetet? Die zentrale Bitte lautet: "Gib Licht meinen Augen!" Die hebräischen Worte können zweierlei bedeuten:

Erstens: "Mache meine Augen sehend!" Daß einer Augen hat, heißt noch nicht, daß er wirklich sieht. Man kann sich auch künstlich blind machen. Man kann wegsehen, wenn man Unangenehmes nicht zur Kenntnis nehmen will, so wie unzählige Deutsche - und auch Ungarn - weggesehen haben, als neben ihnen Menschen gefoltert und deportiert wurden in die Vernichtungskammern, Juden und Zigeuner und viele andere. Es war gefährlich, das zu wissen, man hielt sich besser die Augen zu. So sehen heute viele in unseren wohlversorgten Ländern weg vom Elend und von der Unterdrückung in den Ländern der Dritten Welt. Man kann sein Wohlergehen besser genießen, wenn man wegsieht von der Not der anderen.

Zum rechten Sehen gehören nicht nur die leiblichen Augen, sondern auch Phantasie. Den Wissenschaftlern in den Laboratorien, die immer scheußlichere, immer grausamere Waffen erfinden, fehlt offenbar die Phantasie, sich vorzustellen, was sie da herstellen, und sich vorzustellen, daß ihre Erfindung vielleicht auch ihren eigenen Kindern einmal einen qualvollen Tod bereiten wird.

Wir klagen über die Blindheit der Politiker: Sehen sie denn nicht, womit sie da spielen, mit brennenden Streichhölzern an der Lunte des Pulverfasses, auf dem wir alle sitzen? Sehen sie nicht, daß es 5 oder schon 2 Minuten vor 12 Uhr ist? Und mit ihnen die Volksmassen, denen wir mit unseren Friedensaktionen die Augen zu öffnen versuchen, die sie immer noch zuhalten, die Massen, die sich immer noch von den Politikern über die Weltgefahr beruhigen lassen. Aus der alten Arbeiterbewegung gibt es einen solchen Spruch, der mir oft durch den Kopf geht, wenn ich die Leute gleichgültig oder gar abgewandten Blicks an unseren Friedens-Mahnwachen vorübergehen sehe: "Der Feind, den wir am meisten hassen, das ist der Unverstand der Massen."

Zum wirklichen Sehen gehört der Mut, seine Augen und seinen Verstand zu gebrauchen, nüchtern, ohne sich etwas vorzumachen. Sehen, was ist, schonungslos, illusionslos. Mut gehört dazu, wenn um uns herum die anderen die Augen schließen und sich dumm machen lassen, wenn die Führenden blind sind und auch die Völker blind machen wollen. Jeder muß bei sich selber anfangen, Augen und Verstand zu gebrauchen. Darum hat Karl Barth gesagt: "Der Heilige Geist ist ein Freund des guten Menschenverstandes." Sapere aude! Wage es, deinen Verstand zu brauchen! Habe den Mut zum Sehen und dann noch den zweiten Mut, das Unbequeme, das du siehst, auch weiterzusagen und die anderen wachzurütteln und ihnen von deinem Mute etwas mitzuteilen.

Weil das nicht selbstverständlich ist, weil so viele Kräfte am Werke sind, uns blind zu machen und uns Angst vor der Wahrheit, vor dem Sehen und Aussprechen der Wahrheit einzujagen, darum rufen wir zum Herrn unseres Friedenkampfes: Mach unsere Augen sehend!

Zweitens: das Gebetswort kann auch bedeuten: "Mache meine Augen leuchtend!" Leuchtend sind unsere Augen, wenn wir Freude haben und Zuversicht, wenn Lebenskraft uns erfüllt oder wenn in schwerem Kampf überraschend ein Mitkämpfer sich zu uns stellt, von dem wir wissen: der schafft es, und mit dem zusammen werden auch wir es schaffen! Matt und trüb sind unsere Augen, wenn wir krank sind und schwach, wenn wir verzagen, weil uns das Leben zu schwer ist und die Aufgabe zu groß, wenn wir no future sagen, wie heute so viele junge Menschen. Wenn wir um uns herum nur trübe Augen sehen, dann werden auch wir davon angesteckt.

Wer so betet, der ist so dran, dessen Augen sind trübe geworden und von dessen Glauben geht keine Kraft mehr für andere aus. Der kann nicht mehr stärken, was sterben will. Der sieht vor sich den Augenblick, an dem der Feind triumphierend sagen wird: "Über den ward ich Herr."

Feind - haben Christen Feinde? Natürlich haben sie Feinde, jeder Mensch heute hat Feinde, wenn keine persönlichen Feinde, dann doch die Feinde, die sein Land bedrohen oder die sein Land bedroht, die Feinde, die seinen Hunger und seine Unterdrückung verursachen. Dazu kommt für die Christen der Haß der Welt, den uns unser Herr angekündigt hat. Wir sollen keinen Menschen hassen. Aber wir werden von vielen Menschen gehaßt werden, wenn wir ihre Götzen nicht mitanbeten, ihre Feindschaften nicht mitmachen, und wenn wir ihnen in die Quere kommen mit unserem Eintreten für die, denen Unrecht geschieht.

Wenn aber der Psalmist sagt: "der Feind", dann sieht er wohl durch die vielen menschlichen Feinde hindurch einen noch gefährlicheren Feind, einen unsichtbaren Feind, einen, der uns nicht nur von außen bedroht, sondern der in uns sitzt und uns von innen bedroht. Der will uns von innen dazu bringen, daß wir aufgeben, daß wir unserem Herrn seinen Kampfauftrag zurückgeben: "Mach du es allein, mir ist es zu gefährlich, ich bin zu schwach dazu, ich habe mein Leben zu lieb und will meine Ruhe haben." Das ist der Feind des Unglaubens in uns. Der läßt uns unseren Glauben ungestört, so lange wir unser Christsein und unsere Gottesgemeinschaft nur genießen wollen, aber der will unseren Glauben gerade da zersetzen, wenn es darauf ankommt zu glauben, nämlich dann, wenn unser Glaube Gott gehorchen soll, wenn wir Gott mehr gehorchen sollen als den Menschen und ihren Götzen, wenn Glauben riskant wird, und dann, wenn alles gegen unseren Glauben spricht und kein Erfolg zu sehen ist. Da hat der böse Feind wieder einmal einen Christen, vielleicht auch eine ganze Kirche, vor sich, die im Glauben angefangen haben und im Unglauben enden. Da winkt ihm sein Triumph: "Die habe ich fertig gemacht, über die ward ich Herr!"

Wer von uns kennt das nicht? Wer von uns sah sich noch nicht in dieser Lage, daß er, während er andere Atheisten und Gottlose schalt, selbst zum Kleingläubigen und schließlich zum Ungläubigen wurde? Glaube kann nicht ohne Anfechtung sein, hat Luther aus tiefer Erfahrung gesagt und damit unser aller Erfahrung und auch die Erfahrung des Psalmisten ausgesprochen. Diese Erfahrung treibt uns in dieses Gebet. In dieser Erfahrung flieht der Christ mitten im Kampf, in dem schon die Niederlage droht, zu dem, der ihn in diesen Kampf gesendet hat, und schreit zu ihm, weil er ihm zutraut, daß er tun kann, worum er nun gebeten wird: trübe Augen wieder leuchtend machen, verzagte Herzen wieder mutig machen, Kraft geben, wo keine Kraft mehr ist, Todesfurcht in Todesmut verwandeln.

So ernst, so gefährlich und so herrlich steht es mit dem Christsein, mit der Nachfolge Jesu. So steht es auch mit unserer Arbeit für den Frieden, die uns hier zusammengeführt hat. In ihr sind wir Christen nicht allein. In ihr arbeiten wir zusammen mit vielen Menschen, die aufgeschreckt sind, weil sie sehend geworden sind und offene Augen bekommen haben für das, was nottut in dieser größten Bedrohung von Gottes Menschheit in ihrer Geschichte. Zusammen mit Menschen aus allen Religionen, mit Atheisten und Humanisten und mit den um Befreiung aus ihrem Elend kämpfenden Völkern. Mit ihnen sollen wir brüderlich und schwesterlich zusammenarbeiten, zugleich aber in ihrer Mitte etwas Besonderes beitragen. Wir sollen bei allen Rückschlägen diejenigen sein, die nicht aufgeben und die die stärken, die schon aufgeben wollen, diejenigen, von denen Kraft ausgeht, weil ihr Gebet erhört wird, und weil sie, die auf den Herrn hoffen, immer neue Kraft und Hoffnung bekommen für sich selbst und für die anderen.

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, 11/84 November 1984 - 45. Jahrgang, S. 594ff. 

Veröffentlicht am

18. September 2014

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