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Helmut Gollwitzer: Gott geht es um das Naheliegende

Am 4. November 1984 hat der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer in einem ökumenischen Gottesdienst mit der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste in Hagen eine Predigt gehalten, die wir nun 30 Jahre später hier dokumentieren.

Gott geht es um das Naheliegende

Von Helmut Gollwitzer

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.                 Micha 6, Vers 8

Der Wochenspruch dieser Woche erinnert mich an eine Szene während des Kirchenkampfes. Ich war als sog. illegaler Pfarrer angestellt beim Thüringischen Bruderrat und kam in dieser Funktion an einem Samstag zu einem Bekenntnispfarrer in einer bedrängten Gemeinde im Thüringer Wald, um dort eine Bekenntnisversammlung zu halten. Er klagte mir, er finde für den morgigen Sonntag - es war der nationale Feiertag des 1. Mai, der "Tag der Arbeit" - keinen geeigneten Bibeltext. "Was quälen Sie sich mit Suchen?", sagte ich zu ihm, "nehmen Sie doch einfach die morgige Losung!" Er schlug nach, und siehe, es war dieser Spruch des Propheten Micha. Er stockte: "Es werden Spitzel da sein. Über diesen Text kann man heute nicht predigen, ohne dass die etwas Anstößiges und Staatsfeindliches heraushören." "Umso weniger können Sie ihn umgehen, wo er Ihnen jetzt so vor die Füße gelegt ist. Offenbar hat ihn Gott gerade zum Tag der Arbeit dem deutschen Volke zugedacht." Das war meine Antwort. Er nahm den Text - und es wurde eine wichtige Stunde für ihn und die Gemeinde.

Heute ist uns auch dieser Text vor die Füße gelegt. Also sollen auch wir uns nicht um ihn herumdrücken. Und sollte sich herausstellen, dass er auch heute, wo unsere Verhältnisse gegenüber 1936 so verschieden sind, etwas Anstößiges zu uns sagt, was törichte Leute für staatsfeindlich halten, dann liegt das wohl am Propheten Micha, der uns heute wie damals seinem Volke einen kräftigen Anstoß geben will, damit wir uns bewegen in der Richtung dessen, "was der Herr von uns fordert".

Wenn Ihr, was ich Euch empfehle, zu Hause diesen Vers im Zusammenhang lest, dann werdet Ihr sehen, dass er Teil eines Gesprächs zwischen dem Gotte Israels und seinem Volke, zu dem durch Jesus Christus auch wir gehören, ist, und zwar eines Gesprächs, das während einer Prozessverhandlung stattfindet. Gott wird hier der Prozess gemacht. Er ist der Angeklagte, und die Anklagen kennen wir alle: Er sei ein untreuer Gott, er habe Versprechungen gegeben und sie nicht gehalten. Durch den Propheten gibt der angeklagte Gott Israels Antwort darauf. So persönlich ist Israels Verhältnis zu seinem Gott, und so persönlich darf und soll auch unser Verhältnis zu Gott sein. Weil er nicht das verborgene X hinter allem Geschehen ist, sondern der lebendige Gott, der sich hören lässt in seinem Wort und der in Jesus Christus uns allen zum Bruder geworden ist, darum gehen unsere Fragen, Klagen und Anklagen nicht ins Leere hinaus; sie verhallen nicht in der stummen Unendlichkeit, sondern sie werden gehört und beantwortet.

Es kommt dabei nur auf zweierlei an: erstens, dass wir unsere Fragen, Klagen und Anklagen wirklich an Ihn richten und nicht irgendwo andershin, und zweitens, dass wir uns ums Hören Seiner Antwort bemühen, d. h. nicht darauf warten, dass sie zu uns kommt in der Form eines besonderen Erlebens, das wir Ihm zur Bedingung machen, etwa in der Form irgendeiner aufregenden Gotteserfahrung, sondern dass wir sie dort aufsuchen, wo sie schon laut geworden ist, eben z. B. hier beim Propheten Micha, und zwar nicht nur für dessen damalige Hörer, sondern auch für uns, zweieinhalb Jahrtausende später. Dann wird es uns nicht anders ergehen als den Menschen, die hier den Prozess gegen Gott führen. Wie gut er es mit uns meint, zeigt er schon dadurch, dass er sich aufs Gespräch einlässt, dass er ganz demütig sich auf die Anklagebank setzen lässt und sich verteidigt, ganz anders also als ein himmlischer Despot, den man nichts fragen darf und der entrüstet jedem, der sich beklagt, den Mund stopft. Zu seiner Verteidigung erinnert Gott hier an alle Wohltaten, die er Israel in seiner Geschichte erwiesen hat, und leitet damit auch uns an, unsere Beschwerden, die wir an ihn richten, sowohl wegen unserer Kümmernisse wie wegen des großen Leidens hier auf Erden, einmal zu unterbrechen, um uns zu besinnen auf die Wohltaten, die er uns in unserem Leben bis auf diese Stunde erwiesen hat. Die Dankbarkeit, die dadurch entsteht, wird vielleicht unsere Klagen nicht beenden; aber diese Klagen sind nun eingeklammert vom Dank, klingen nun nicht mehr nur vorwurfsvoll, und der Dank gibt uns Hoffnung auf bessere Erfahrung mit Gottes Wort mitten in unseren Klagen.

Vielleicht wird es uns sogar so gehen wie einem Menschen hier in der anklagenden Menge, den Micha reden lässt. Bei diesem Menschen kehrt sich die Anklage gegen Gott plötzlich um in eine Anklage gegen sich selbst. Er entdeckt, dass nicht Gott versagt hat, sondern er selbst. Gotteskritik wird zur Selbstkritik. So geht es, wenn man wirklich mit Gott zu tun bekommt. Inmitten des Ozeans von Leiden heute auf der Erde tritt an die erste Stelle nicht mehr der Vorwurf gegen Gott, sondern die Frage, was ich selbst an meinem Teil zu diesem Leid beigetragen und zur Verminderung dieses Leides unterlassen habe. Tief getroffen von dieser Umkehrung der Anklage zu einer Anklage gegen sich selbst, stöhnt da einer auf: "Womit kann ich den Herrn versöhnen? Womit kann ich das wieder gut machen?" Und er besinnt sich auf all die Ratschläge, die die Religion von jeher für Menschen, die eine göttliche Anklage gegen sich selbst in ihrem Gewissen fühlten, bereit gehalten haben: du musst den Zorn Gottes, den dir dein Gewissen vorhält, stillen durch Opfer, durch religiöse Kulthandlungen, durch Hergeben vom Deinigen, also von deiner Zeit, indem du wenigstens am Sonntag in die Kirche gehst, oder durch Spenden von deinem Eigentum, wie dieser Mensch sie hier erwägt: Brandopfer, ein einjähriges Kalb. Er merkt gleich: so billig kommt man vor Gott nicht davon. Und er rechnet weiter: Ich muss mehr geben, als ich habe, "vieltausend Widder und unzählige Ströme von Öl". Nein, das ist alles zu billig! Ich muss das Liebste geben, was ich habe: "meinen erstgeborenen Sohn, meines Leibes Frucht".

Man sollte denken, nun endlich hat er das Richtige gefunden, solcher Opfersinn wird Gott gefallen. Opfer, Gott seine Gaben wiedergeben - kann das falsch sein? Die Menschen haben ihren Göttern viel geopfert, zu allen Zeiten und auch heute. Immer wieder hat man versucht, Gott billig abzufinden mit Religionsbetrieb, mit Kirchenbauen und feierlichen Gottesdiensten, auch mit Askese und Selbstquälerei, auch mit religiöser Innerlichkeit und mystischer Versenkung, oft aber auch mit religiöser Intoleranz, mit fanatischer Bekämpfung von Ketzern und Andersgläubigen, schließlich auch mit Opferung der eignen Söhne. Denkt an die Opfer auf den Schlachtfeldern der Religionskriege und der nationalen Kriege! Religion machte die Menschen willig, andere und sich selbst zu opfern.

Hier aber antwortet diesen Opferüberlegungen eines bußfertigen Menschen eine ganz andere Stimme. Ruhig und sehr ernüchternd streicht diese andere Stimme alle diese Ausschweifungen der Religion, all diese Vorschläge von etwas Außerordentlichem durch und spricht höchst prosaisch, sehr alltäglich: Du weißt doch, Mensch, was Gott will. Es ist dir schon längst gesagt. Drück dich nicht herum, weiche nicht aus aufs Ungewöhnliche! Gott geht es um das Naheliegende, das tägliche gewöhnliche Leben. Das soll der Ort deiner Umkehr sein, da sollst du anfangen, und da wirst du genug zu tun bekommen, und auch das Opfern wird dann freilich nicht ausbleiben.

Dreierlei wird aufgezählt, und das ist natürlich nichts Verschiedenes, sondern das sind drei Seiten des Gleichen, nämlich: "Gottes Wort halten, Liebe üben, demütig sein vor seinem Gott." So übersetzt es Luther. Es ist im hebräischen Text eine schwierig zu entziffernde Stelle. Man kann sie auch so entziffern: "Gerechtigkeit, also das Rechte tun, die Güte lieben, also an Liebe seine Freude haben, und bescheiden sein vor deinem Gott." Zur Gerechtigkeit gehört Liebe, und dazu muss Bescheidenheit kommen. Ein bekanntes Wort von Dietrich Bonhoeffer hat den gleichen Klang. Im Gefängnis Tegel schreibt er einmal im Mai 1934: "Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun."

Aus solcher Erkenntnis ist vor über 25 Jahren die Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste geboren worden. Lothar Kreyssig, vor wenigen Tagen 86 Jahre alt geworden, hatte erkannt: Nach diesem entsetzlichsten Geschehen in der deutschen Geschichte kann für uns, die wir daran - auch wir bekennenden Christen - mitschuldig geworden sind, und auch für die Jüngeren, die noch lange im Banne dieser Schuldgeschichte stehen werden, nur noch eines in Frage kommen, nur noch eines die Folge und Frucht unseres Betens sein: ein Tun, ein praktisches Tun und ein bescheidenes zugleich, ein zeichenhaftes Tun, da sich ja nichts mehr wirklich wiedergutmachen, also ungeschehen machen lässt: Dienste in den von uns so schwer geschädigten Völkern, praktische, kleine Dienste für ihr Leben, und dadurch zur Versöhnung über die Asche der Toten und angesichts der immer noch blutenden Wunden beitragen.

Darum habt Ihr Sühnezeichler in diesen Tagen Eures Mitgliedergesprächs in Hagen Euch an das Ende des Schreckens im Jahr 1945 erinnert, die Zeit von 1945 bis 1985 überprüft und besprochen, was wir in dieses neue Gefahrenjahr 1985, in dem West und Ost sich neue und schrecklichere Schrecken androhen, hineintragen sollen. Darum habt Ihr erkannt, dass jeder mit bescheidenen, persönlichen Diensten und auch Opfern anfangen muss, aber natürlich dabei nicht stehenblieben darf, sondern nach seinen Friedensdienstmonaten bei Sühnezeichen weiter politisch arbeiten muss, in die Werte des politischen Lebens hinein aktiv für Verständigung, Frieden und Abrüsten arbeiten muss. Ihr habt erfahren, dass schon bescheidene Dienste von Euch viele Kräfte, Selbstüberwindung und Opferbereitschaft fordern, und eben auch dies, dass Versöhnungsarbeit zugleich eine politische Arbeit sein muss, die Friedensarbeit, der Kampf gegen den Rüstungswahnsinn. Deshalb waren einige von Euch gestern auch bei der großen Solidaritätskundgebung in Bonn für das bedrohte Nicaragua, in der wir dafür demonstriert haben, dass nach den heutigen Wahlen in Nicaragua, den ersten freien Wahlen in der Geschichte dieses armen kleinen Landes, dieses Volk, das hinter seiner Revolution steht und sie weiterführen will im Aufbau einer gerechteren Gesellschaft, auch seinen eigenen Weg in Frieden soll weitergehen dürfen, einem Weg zu mehr Freiheit und mehr Demokratie.

So sieht heute unsere praktische Antwort aus auf das, was Gott von uns fordert: Wir erkennen die Ungerechtigkeit, in der wir leben und an der auch wir beteiligt sind in dieser reichen, an der Weltausbeutung teilnehmenden Bundesrepublik. Wir können uns dabei nicht mehr beruhigen, sondern müssen etwas tun für eine bessere Welt. Wir fangen dabei ganz persönlich an, in jüdischen Altersheimen in Paris und mit Maurerarbeiten in Israel usw. usw.  Wir gehen auf die Straßen gegen die Rüstung. Wir demonstrieren und protestieren für Nicaragua, das von unseren Verbündeten, den USA, bedroht und von unserer Regierung im Stich gelassen wird. Wir wissen bescheiden, dass wir nicht die Retter der Welt sind. Aber unser Tun des Gerechten ist eine tätige Form unseres Betens, unserer Bitte zu Gott, dem seine Schöpfung lieb ist, das Verderben aufzuhalten und uns zu helfen zu Frieden und Gerechtigkeit. Auch heute kommt also Anstößiges heraus, wenn wir in unserer Zeit und Umgebung diese schlichten Worte des Propheten uns sagen lassen. Man kann nicht die Fackel der Wahrheit durchs Gedränge tragen, ohne einigen Leuten den Bart zu versengen, hat der alte Philosoph Lichtenberg gesagt. Man kann auch nicht das, was Gott von uns fordert, befolgen, also das gerechte Tun, Liebe üben und bescheiden sein vor Gott, unserem Herrn, ohne dass das, wenn es konkret wird, Widerspruch bei manchen findet. Aber wir haben Gottes Verheißung, dass dies das richtige Leben ist, das sich lohnt. Und wir werden erfahren, dass die Anklagen, die wir gegen Gott auf dem Herzen haben, aus unfruchtbarem Hadern mit Gott sich verwandeln in eine große Hoffnung, dann nämlich, wenn wir unsere Forderungen an Gott zurückstellen hinter das, was der Herr von uns fordert. So gehört Beten und Tun, wie in jenem Bonhoeffer-Wort, zusammen: Wir beten, dass uns das rechte Tun gezeigt wird und dass wir es dann wirklich tun, und im Tun fangen wir wieder an zu beten um Segen für dieses Tun.

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, 11/85 November 1985 - 46. Jahrgang, S. 578ff.

Veröffentlicht am

04. November 2014

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