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Helmut Gollwitzer: Untergang oder Abrüstung

Aktuell werden Atomwaffenarsenale in großen Stil modernisiert und erweitert, ein atomarer Rüstungswettlauf ist in vollem Gange. Im Januar 2018 haben Wissenschaftler die "Weltuntergangsuhr" von zweieinhalb auf zwei Minuten vor zwölf vorgerückt. Demnach steht die Welt noch knapper vor ihrem Untergang wie Anfang der 80er Jahre, als es hunderttausendfache Proteste gegen die damals wachsende Atomkriegsgefahr in Europa durch die Stationierung neuer atomarer Mittelstreckensysteme gab. Der Theologe Helmut Gollwitzer war einer der profiliertesten Köpfe der damaligen Friedensbewegung. Anlässlich seines 110. Geburtstags am 29. Dezember 2018 veröffentlichen wir einen Artikel von ihm, in dem er die damalige Gefahr der Menschheitsvernichtung aufzeigte und zu entschiedenem Protest aufrief.

Untergang oder Abrüstung

Von Helmut Gollwitzer

I.

Jeder von uns hat unausweichlich seinen eigenen Untergang = seinen Tod vor sich. Für den christlichen Glauben gilt: nicht Untergang, sondern Heimkehr in die Liebe Gottes. Getröstet darf der Mensch unter dieser Verheißung seinem Sterben entgegengehen und Ja zur Endlichkeit seines Lebens sagen. Was er aber nicht darf, ist: dieses begrenzte irdische Leben verachten oder es bei sich oder bei anderen eigenmächtig beenden, bevor Gott es beendet. Achten und lieben soll er das Leben, sein eigenes und das anderer, als gute Gabe Gottes, des Schöpfers, der, wie es in einer nachbiblischen Schrift (Sapientia Salomonis) heißt, der "Liebhaber des Lebens" ist.

Des halb ist tötende Gewalt für den christlichen Glauben ein schweres Problem. Wer auf Jesus hört, muss Abscheu davor empfinden, gegen einen Menschen tötende Gewalt anzuwenden. Nur im äußersten Notfall, nur um ein Leben, das ihm anvertraut ist, zu retten, ist für ihn die Anwendung tötender Gewalt denkbar, also z.B. nicht als Todesstrafe (leider erst heute in der Christenheit erkannt) und nur unter strengen Bedingungen bei der Polizei. Und wie beim Krieg? Dies war in der Christenheit immer umstritten. Wenn ja, dann ebenfalls nur unter strengen Bedingungen, die von den Großkirchen - als Unterscheidung von "gerechtem" und "ungerechtem" Krieg - zwar aufgestellt, aber fast nie praktiziert wurden. Letzteres ist eine schwere Schuld der Kirche, die dazu beigetragen hat, dass wir heute in die schrecklichste Gefahr geraten sind, die die Menschheit je bedroht hat. Diese Mitschuld der Kirche muss für uns heute besonderer Anlass sein zu einem grundsätzlichen Umdenken, zu einem Ernstnehmen der Bergpredigt mehr als bisher, zu einer Beendigung der Kriegsbejahung spätestens jetzt beiden ABC-Waffen. Ein mit den heutigen Waffen geführter Krieg kann kein "gerechter Krieg" mehr sein, an ihm kann kein Mensch mehr teilnehmen im Namen Gottes, im Namen des lebendigen Gottes, der durch Jesus Christus zu uns spricht.

Hier in Europa müssen wir heute im besonderen alarmiert sein als Menschen, denen ein gemeinsamer Untergang droht wie noch nie, und dies nicht durch eine Naturkatastrophe, sondern dadurch, dass wir uns selbst bedrohen - gegenseitig und damit die anderen, gegen die sich unsere Drohung richtet, ebenso wie uns selbst. Genauer: Unserem Volk droht eine tödliche Gefahr. Wir bedrohen unser Volk und jeden von uns selbst mit einer tödlichen Gefahr, und wir nennen dies ausgerechnet Sicherheitspolitik.

Dies findet schon seit 30 Jahren statt, erreicht aber jetzt seinen Höhepunkt, den Höhepunkt des Wahnsinns! Das ist der sog. Doppelbeschluss der NATO vom Dezember 1979, der dieses Jahr verwirklicht werden soll und für dessen Verwirklichung jetzt schon die Bauarbeiten in unserem Lande im Gang sind. Worum handelt es sich bei ihm? Unsere Bundesregierung - erst Schmidt, jetzt Kohl, gestützt von der großen Koalition der drei Bundestagsparteien, alle einig im Aufrüstungswillen -stellt einer fremden Regierung, der amerikanischen, unser Land zur Verfügung für die Stationierung neuartiger Atomraketen, der Pershing II und der Cruise Missiles. Das sind Überfall-Waffen, die mit extremer Geschwindigkeit, also ohne Vorwarnzeit, und mit großer Zielgenauigkeit jederzeit die Sowjetunion erreichen können, dort nicht nur große Flächen-Zerstörungen anrichten, sondern genau gezielt den Sowjetstaat seiner ganzen Führung und all seiner zentralen Einrichtungen berauben, die Sowjetunion "enthaupten" können, wie es in der amerikanischen Presse heißt, so dass von nun an der Sowjetstaat keinen Tag mehr sicher sein kann, ob er morgen noch besteht. Die Entscheidung darüber, wann dieser Blitzschlag von unserem Boden aus erfolgen soll, hat nicht unsere Regierung, sondern der amerikanische Präsident, fern jenseits des Ozeans, der diese Entscheidung treffen wird allein nach amerikanischen Interessen, nicht nach den unsrigen. Unsere Regierung hat dabei kein Wort mitzureden. Sie hat für die entscheidendste Frage eines Landes, nämlich ob von seinem Boden aus Krieg geführt werden soll, abgedankt, hat diese Entscheidung an ein fremdes Staatsoberhaupt abgetreten; obwohl sie geschworen hat, "Schaden von unserem Volk abzuwenden", hat sie, diesem Schwur zuwider, verzichtet auf ihre Regierungsmacht, die wir ihr übertragen haben, hat sie sie verschenkt an den Präsidenten der USA.

Der Schaden, den sie nun nicht mehr abwenden kann, besteht aber nicht nur darin, dass von unserem Land aus unsere östlichen Nachbarn, mit denen im Frieden zu leben, wir doch ständig versprechen, weil es unser eigenes Interesse ist, von nun an mit einem tödlichen Blitzüberfall bedroht werden.  Sondern es kann ja auch Toren unter uns geben, die es aus Furcht vor den Russen oder aus Abscheu vor dem Sowjetkommunismus für einen Gewinn halten, dass wir die Sowjetunion mit Enthauptung bedrohen und eines Tages tatsächlich enthaupten können. Die Furcht vor den Russen sollte sie wenigstens bis drei zählen lassen, d.h. so weit denken lassen, dass sie sich vorstellen, dass die Sowjets dieser ihnen drohenden Gefahr gegenüber vermutlich nicht so untätig bleiben wie das Kaninchen vor der Schlange. Sie sind keine Kaninchen, und sie haben ebenfalls Raketen, die bis zu uns reichen, und sie könnten es für nötig halten, mit diesen Raketen die Überfall-Raketen bei uns auszuschalten, bevor der Blitzüberfall sie trifft. Der amerikanische Präsident und sein Land blieben ungeschoren, wir aber wären vernichtet.

Der letzte Überfall auf die Sowjetunion (1941) hatte eine Vorwarnzeit von Monaten - die Zeit des deutschen Aufmarsches an der Ostgrenze; der vielfach gewarnte Stalin hat in seiner Vertrauensseligkeit gegenüber Hitler die Warnungen in den Wind geschlagen. Aber die durch den Überfall schwer angeschlagene Sowjetunion war, auch mit Hilfe ihrer westlichen Verbündeten, stark genug, zurückzuschlagen und schließlich bis tief in das deutsche Reich einzudringen. Das nächste Mal müssen wir auf der richtigen Seite sein, hat Adenauer gesagt - und dies trifft nach dem Willen der USA-Regierung dann freilich nicht für uns, wohl aber für die USA zu. Denn wo mit von unserem Boden aus die Sowjetunion bedroht wird, das ist vorher noch die tödliche Bedrohung für uns, ob nun die sowjetischen SS-20 schon vorher und vorsorglich diese neuen Raketen bei uns zerstören, oder ob sie nach deren Blitzüberfall zur Vergeltung unser Land zerstören. Denn die SS-20 werden durch die Pershing II nicht zerstört; diese reichen nur zur "Enthauptung" bis Leningrad und Moskau, nicht aber bis in den Ural, wo die SS-20 stehen, und darum ist es eine Propagandalüge, die Pershing II seien Gegengewicht und Verteidigungsmittel gegen die SS-20. Verteidigungsmittel sind Kanonen, die die feindlichen Kanonen erreichen können; die Pershing II sind für die Amerikaner Enthauptungsmittel gegen die Sowjets, für uns aber die Magneten, die die SS-20 auf unseren Kopf herabzielen. Wer also die SS-20 fürchtet, muss eben deswegen die Pershing II noch mehr fürchten.

Das hat es in der Geschichte noch nicht gegeben, dass eine Regierung aus freien Stücken ihr Land einer fernen, fremden Regierung abtritt zum Überfall auf ein anderes Land, bei dem jene fremde Regierung mit ihrem Land selbst in Sicherheit bleibt, unser Land aber dem Untergang geweiht ist. Helmut Schmidt und Erich Honecker haben miteinander versprochen, dass von deutschem Boden kein Krieg mehr ausgehen soll. Mit der Stationierung der neuen Raketen hat die Bundesregierung die Entscheidung darüber aus der Hand gegeben. Ob und wann von deutschem Boden wieder Krieg ausgeht, entscheidet der amerikanische Präsident nach den für ihn maßgebenden Interessen; wir aber haben hilflos die Folgen seiner Entscheidung zu tragen, und das heißt: Untergang.

Was ich hier beschreibe, kann jeder bei den heutigen Rüstungsexperten nachlesen, am besten in den neuen Leitrichtlinien des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Was jeder wissen kann, und was immer mehr Leute in unserem Lande wissen, müssen auch unsere verantwortlichen Politiker wissen, obwohl sie in ihren Reden um diese Tatsachen nur herumreden und sie vernebeln. Wie sie tun können, was sie tun, ist mir schlechthin unbegreiflich. Es ist unverantwortlich, und unser Volk wird sie dafür zur Rechenschaft ziehen, wenn es, wie wir hoffen müssen, die Tatsachen erkennt, bevor es zu spät ist.

Wie die Regierenden es rechtfertigen wollen, ahne ich nicht. Ich will hier nicht spekulieren über ihre Beweggründe für eine Politik, die den östlichen Nachbarn mit einer Vernichtung bedroht, die zugleich unsere Vernichtung ist. Da sie selbst nicht zur Besinnung zu kommen scheinen, besteht die einzige Hoffnung darin, dass die Bevölkerung gegen diese Politik aufsteht. Der Friede darf keinem Politiker anvertraut werden, der einen weiteren Aufrüstungsschritt bejaht, mit welchen Gründen auch immer. Wir müssen unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die Kriegs- und d.h. die Vernichtungsgefahr nimmt unheimlich zu; schon jetzt aber zerstört sie unsere Wirtschaft und raubt Millionen Menschen in der Dritten Welt das Leben. Ob uns die Politiker ihren Friedenswillen versichern, interessiert uns nicht; nur reale und sofortige Taten der Abrüstung gelten. Wir haben sie durchzusetzen, jeder von uns. Denn wir sind ja sowohl die Opfer dieser Politik wie auch ihre Täter. Von unserem Lande aus droht die Vernichtung, und keine Entschuldigung gilt, wir würden dazu gezwungen, wir könnten gegen den Willen der Amerikaner nichts machen, wir hätten eben den Krieg verloren und seien ein besetztes Land. Jawohl, das sind wir bis zum heutigen Tage. Aber - und das ist das Paradoxe an unserer Situation - die NATO ist zugleich ein Bündnis souveräner Staaten. So weit souverän ist unser Staat trotz aller Beschränkung, dass ohne unsere Einwilligung diese Überfall-Raketen nicht stationiert werden können.

Wir sind also nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter. In unserem Namen gibt die von uns gewählte Regierung - erst Schmidt, jetzt Kohl - die Zustimmung. Der Vorbehalt, es würde nur stationiert werden, wenn die Genfer Verhandlungen kein befriedigendes Ergebnis hätten, nützt da nichts. Denn 1. ist die vom Westen vorgeschlagene "Nulloption" bewusst so gemacht, dass die Sowjetunion sie wegen der einseitigen Nachteile für sie nicht annehmen kann, 2. ist deshalb schon sicher, dass die Verhandlungen kein für den Westen befriedigendes Ergebnis haben werden (das ist bewusst so angelegt!), und 3. darf in unsrem Interesse die Stationierung unter keiner Bedingung stattfinden. Wir entscheiden darüber, wir müssen das bei unseren Politikern durchsetzen, wir dürfen bei keiner Wahl einen Kandidaten wählen, der sich nicht vorher öffentlich gegen den Raketen-Beschluss erklärt. Was wir wählen, das wird über uns kommen - entweder die ungeheure Erhöhung der internationalen Unsicherheit und damit der Kriegsgefahr oder, anfangend mit der Streichung des Raketen-Beschlusses und der Einfrierung der Atomrüstung, eine Periode realer Abrüstung und zunehmender internationaler Sicherheit. "Sicherheit gibt es nur noch gemeinsam", hat Egon Bahr gesagt, und dieser Satz ist so klar und richtig, wie zwei mal zwei gleich vier ist. Von "Sicherheitspartnerschaft" mit dem Osten hat deshalb Helmut Schmidt gesprochen - freilich im Widerspruch zu seiner Befürwortung des Brüsseler Beschlusses, die er vielleicht inzwischen heimlich bereut -, wogegen Kohl und Wörner dieses Wort nicht mögen. Ist Sicherheit nur noch gemeinsam zu haben, dann muss der anderen Seite die Angst vor einem Überfall durch unsere Seite genommen, nicht aber unheimlich vergrößert werden. Darum: diese Blitzschlag-Überfall-Waffen dürfen um unseres Lebens willen, um unserer Zukunft willen nicht aufgestellt werden.

II.

Ich habe aus den vielen Argumenten, mit denen die Tödlichkeit der gegenwärtigen Rüstung bewiesen werden kann, nur dieses eine, akuteste der Raketenstationierung gewählt, weil wir hier unmittelbar mitzuentscheiden haben. Wir sind die Wähler, wir sind die Täter. Ich habe dabei so argumentiert, dass jeder das mitvollziehen kann, der das kleine Einmaleins beherrscht und sein eigenes Interesse und das seiner Kinder sich klar macht.

Wir - damit meine ich hier im besonderen uns Christen. Dass die christliche Zivilisation des Abendlandes die Menschheit in diese globale Krise geführt hat, dass es christliche - oder besser gesagt - christianisierte Länder waren, die die ABC-Waffen entwickelt haben, dass in Asien wegen Hiroshima und Nagasaki die Atombombe "the Christian bomb" heißt, das stößt uns in eine tiefe, kritische Selbstprüfung hinein, die bis an die Wurzeln unserer Traditionen vordringen muss. Ich beschränke mich hier auf die erregte Diskussion, die z.Z. in der EKD stattfindet. Das Moderamen des Reformierten Bundes hat im Juni 1982 eine Erklärung zur Frage der Atomrüstung veröffentlicht, deren Ergebnis lautet: 1. Die Frage der Atomrüstung ist nicht eine politische Ermessensfrage, sondern eine christliche Bekenntnisfrage. 2. Gegenüber den Massenvernichtungsmitteln gibt es für Christen nur "ein aus dem Bekenntnis zu Gott, dem Schöpfer, Versöhner und Erlöser gesprochenes bedingungsloses .Nein!’, ein, .Nein ohne jedes Ja’!".

Das hat in der EKD keineswegs allgemeinen Beifall ausgelöst, sondern einen Sturm erregt. Der Rat der EKD, die Leitung der VELKD, der Rat der EKU, also alle übrigen Kirchenleitungen der EKD haben einmütig gegen die Reformierten Stellung bezogen: Zwar sei man sich einig darin, dass Massenvernichtungsmittel nicht zur Anwendung kommen dürfen, und dass deshalb heute alle Politik der Aufrechterhaltung des Friedens dienen müsse; wie aber diesem Friedensziel am besten gedient werde, und welche Wege man zur Erhaltung des Friedens einschlagen solle, ob den Weg der Beibehaltung der atomaren Rüstung zur Abschreckung oder den Weg der einseitigen Abrüstung, das sei eine rein politische Frage und keine Bekenntnisfrage, und darüber dürfe deshalb die Kirche sich nicht zerspalten.

Die Hauptthese der Reformierten Erklärung ist damit umgangen. Das zeigen schon die verschiedenen Begriffe: Die Gegner der Reformierten Erklärung sprechen von verschiedenen politischen Wegen zum gleichen Ziel, der Friedenserhaltung; die Reformierte Erklärung dagegen spricht von Mitteln und Handlungen. Sie fragt: Sind alle Mittel recht? Heiligt der Zweck jedes Mittel? Darauf sagt der christliche Glaube von vornherein nein. Mittel - das sind Mittel für unsere Handlungen. Gibt es ausgeschlossene Mittel für ein Handeln im Namen Jesu Christi (Kol. 3,15)?

Die Folter ist nach unserer heutigen Überzeugung, obwohl sie leider in der Christenheit jahrhundertelang, dem Evangelium zuwider, gang und gäbe war, ein ausgeschlossenes Mittel. Als der niedersächsische Ministerpräsident Albrecht vor einigen Jahren in einem Buch darlegte, er könne sich Situationen denken, in denen die Anwendung von Folter legitim sei, hat er verdienten Widerspruch gefunden. "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen, ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt", lauten die ersten Sätze unseres Grundgesetzes. Deshalb dürfen dem Staat, den wir wollen, nicht alle Mittel recht sein, auch nicht zur Abschreckung und Verfolgung der Rechtsbrecher - etwa Folter, unmenschliche Haftbedingungen, grausame Strafen oder Geiselnahme von Angehörigen der Verbrecher. Ein Staat, dem alle Mittel recht sind, schändet sich selbst, schändet seine Opfer, und er schändet seine Diener, die solche unmenschlichen Handlungen ausführen.

Was sind Atomwaffen für Mittel? Der Philosoph Günther Anders hat in eindringenden Analysen ausgeführt, wie wir durch die heutige Technik vieles herstellen, dessen Wirkung wir uns nicht mehr vorstellen können. Wer das Schwert gebraucht, von dem der Apostel Paulus Röm. 13 sagt, dass es ein legitimes Mittel in der Hand der Obrigkeit sei, der konnte die Wirkung sich vorstellen; er sah sie vor sich. Bei der Armbrust war das schon weniger der Fall; deshalb haben bei ihrer Einführung Päpste sie für unmoralisch erklärt. Bei den Kanonen ist das noch weniger der Fall; deshalb nannte Luther sie eine Erfindung des Teufels. Immer mehr wurden - ohne entschiedenen Protest der Kirche - Kriegsmittel erfunden, die eine immer fürchterlichere Wirkung hatten, deren Wirkung aber dem Soldaten nicht mehr so unmittelbar als Ergebnis seines eigenen Tuns vor Augen stand wie die Wirkung seines Schwertes. So musste ersieh damit nicht mehr auseinandersetzen, sein Gewissen wurde nicht mehr durch den Anblick der Wirkung seines Tuns so beunruhigt wie früher. Die Wirkung wurde immer abstrakter, schließlich so abstrakt wie die Todeskalkulationen der Planer des Atomkrieges in den Generalstäben: ob man zwei oder fünf oder 20 Millionen Tote in Kauf nehmen müsse, so wird dort gerechnet, ohne dass einer sich das noch vorstellen kann. Eben mit dem Unvorstellbaren kann man so rechnen, und man kann es dann auch tun, wie es die Bombenflieger über Hiroshima taten, die heute ihren gemütlichen Lebensabend verbringen, und der Präsident Truman, der sich nie das zerstörte Hiroshima und seine Opfer angesehen hat, aber in seinen Memoiren schrieb, er würde den Befehl zum Atombombenabwurf auch noch ein zweites Mal geben, oder der jetzige amerikanische Abrüstungsbeauftragte, Eugene Rostow, wahrlich ein Bock, der zum Gärtner gemacht wurde, mit seiner kürzlich in aller Gemütsruhe getanen Äußerung, Japan sei nach dem Atombombenabwurf ja wieder zu wirtschaftlicher Blüte gekommen, also sei das alles gar nicht so schlimm.

Wegen dieser zynischen und lebensgefährlichen Abstraktheit kommt es darauf an, die Wirkung von Atombomben so konkret wie möglich vorstellbar zu machen. Was sind das für Mittel? Es wird heute richtig gesagt, mit der gegenwärtigen Abschreckung durch Atomwaffen würden ganze Völker zu Geiseln genommen, und dies sei eben ein Weg zur Friedenserhaltung, also ein Weg, wie ihn jene Kirchenleitungen der EKD für christlich möglich halten. Machen wir uns vorstellbar, was hier das Wort Geisel bedeutet!

In früheren Zeiten, die wir gewöhnlich für weniger zivilisiert als die unsrige halten, war es üblich, dass Fürsten eines unterworfenen Volkes ihre Kinder als Geiseln an den Fürstenhof des siegreichen Volkes geben mussten, als Unterpfand für künftiges Wohlverhalten, für Erfüllung der Tributpflicht usw. Auch bei Friedensverträgen nach einem Waffengang tauschte man gegenseitig Geiseln aus. Das enthielt die Drohung: Wenn ihr den Vertrag brecht oder die übernommenen Verpflichtungen nicht einhaltet, werden wir uns an euren Kindern rächen, sie töten, vielleicht eines martervollen Todes sterben lassen. Das war damals ein Weg zur Erhaltung des Friedens.

Heute geschieht also das gleiche mit ganzen Völkern. Es begann damit, dass die Greuel des Zweiten Weltkrieges mit einer besonderen Übeltat endeten: Der amerikanische Präsident Truman schob den Vorschlag, die unübertreffliche Stärke der USA durch eine Explosion der neu erfundenen Atombombe in einer menschenleeren Wüste vor Zeugen aus allen Ländern zu demonstrieren, zur Seite und nahm sich statt dessen einige hunderttausend "Japsen" (so verächtlich drückte man sich in den USA, auch in den Führungskreisen, aus; ein erhebliches Stück Rassismus spielte mit!), Männer, Frauen, Kinder, alles Zivilisten, um sie in Asche zu zerstäuben, zu braten, zu sieden, zu erwürgen und zu ersticken und mit schrecklichen Krankheiten zu infizieren, an denen sie heute noch, nach 30 Jahren, dahinsiechen - und dies alles nicht, um Japan niederzuringen - das lag schon friedensbereit am Boden -, sondern um die für uns Deutsche bestimmte Bombe, die durch unsere vorzeitige Kapitulation nutzlos zu werden drohte, doch noch zu verwenden, und zwar indirekt gegen die Russen. Der Bombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki war eine Imponiergeste gegen die Sowjets, und die Einwohner der japanischen Städte wurden dafür als Geiseln verwendet. Die Sowjetunion zog dann überraschend schnell nach, und nun wurde das Geiseldrama gegenseitig. Worin es besteht, müssen wir uns konkret vorstellen: Eine russische Schule in der Nähe des Kreml liegt nur scheinbar dort; in Wirklichkeit haben wir sie, wie einst die Fürsten die Geiselkinder an ihrem Hofe, hierbei uns in der Hand: hundert oder tausend Kinder, 6- bis 16jährige, mit ihren Lehrern. Die erpresserische Drohung an die Russen lautet: "Wenn ihr für uns bedrohlich werdet" - oder auch: "wenn ihr euch nicht unseren Wünschen fügt, dann werden diese Kinder von uns in die Luft gesprengt, am lebendigen Leibe gebraten und gesotten, erwürgt, erstickt und vergiftet zu einem langsamen martervollen Tod."

Die entscheidende christliche Frage ist: Kann man dies im Namen Jesu Christi tun? Kann ich dies tun, um mich selbst dadurch zu verteidigen, meine Freiheit und meine Güter? Gibt es irgendeinen Wert oder Besitz, dessen Verteidigung die Qualen, die ich diesen Kindern zufüge, rechtfertigt? Gibt es irgendeinen sittlichen Wert - Freiheit, Demokratie, Menschenwürde, Christentum -, der diese Art von Verteidigung überleben könnte? In den Qualen, die ich diesen Kindern zufüge, würde ich doch selbst so unmenschlich, so teuflisch werden, wie ich meine, dass die Gegner es sind. Indem ich mit der Unmenschlichkeit, die ich ihnen nachsage, die Unmenschlichkeit meiner Verteidigung rechtfertige, werde ich selber zu dem teuflischen Unmenschen, als den ich den Gegner hinstelle.

Aber - so sagen auch die evangelischen Kirchenleitungen - wir tun es ja gar nicht. Wir wollen es um Himmels willen nicht tun. Wir drohen ja nur damit, und wir drohen damit, eben damit wir es nicht tun müssen, und so ist auch unser Drohen ein Weg zur Erhaltung des Friedens, an dem auch Christen sich beteiligen können.

Nun ist aber klar: Wer durch Drohung etwas erreichen will, z. B. einen anderen von einer Handlung abschrecken, der muss glaubwürdig drohen, und glaubwürdig droht nur, wer sich den Anschein gibt, er werde die Drohung auch ausführen, und den Anschein kann sich nur geben, wer es ernst meint. Kurz: wer droht, muss auch bereit sein, es zu tun.

So frage ich euch denn, euch, die ihr die Atomrüstung und die atomare Drohung bejaht als einen Weg zum Frieden: Wollt ihr das tun? Wollt ihr selbst mit eigenen Händen jedes dieser tausend Moskauer Kinder zu Tode foltern? Ihr wählt diejenigen, die das betreiben, ihr bejahtes, auf diese Weise geschützt zu werden; eure eigenen Hände sind es also, die diese Kinder zu Tode foltern, eure eigenen Hände - weicht dieser Tatsache nicht aus!

Spätestens jetzt muss doch jedem klar werden: man kann das nicht mitmachen, jedenfalls nicht im Namen Jesu Christi, jedenfalls nicht als Christ, keinen Augenblick mehr. Wie haben wir nur hineinschlittern können in dieses Drohen mit Teufeleien? Wie unaufmerksam sind wir gewesen, haben Waffe mit Waffe gleichgesetzt, den Gummiknüppel und die Pistole, mit denen die Polizei dem Rechtsbrecher droht, mit dem Maschinengewehr und der Kanone, und die Kanone dann mit dem Bombenflugzeug, das hinter der Front die Zivilbevölkerung ermordet, und die Kugeln mit Napalm, Phosphor und Giftgas, und so immer weiter, immer teuflischer werdend, bis wir die heutigen Massenvernichtungsmittel als Drohmittel hatten. Längst hätten die Christen sagen sollen: "Stopp! Jetzt ist Schluss! Wir machen jedenfalls dies nicht mehr mit, wir wollen mit solchen Drohmitteln nicht geschützt und erst recht im Ernstfall nicht verteidigt werden!" Spätestens jetzt, das ist doch klar, müssen die Christen in allen Ländern so sprechen und handeln. Eine Christenheit, die solche teuflische Drohung für einen Weg zur Erhaltung des Friedens hält, hat sich selbst aufgegeben. Jeder Satz ihrer Botschaft, jede Seite der Bibel widerspricht ihr. Solange sie in diesem Widerspruch lebt, darf sie sich nicht wundern, wenn ihre Kirchen sich leeren, wenn sie nur noch Gähnen hervorruft oder auch die wütende Feindschaft der Enttäuschung bei denen, die Besseres von ihr erhofft haben.

Wenn sie aber ein klares "Nein, ohne jedes Ja" zu dieser teuflischen Drohung spricht, wenn sie die ABC-Waffen ächtet, wenn sie nicht mehr sagt "Friedensdienst mit und ohne Waffen" (nämlich diese Waffen!), sondern unzweideutig alle Menschen um ihrer Seelen Seligkeit willen wegruft von diesen Teufeleien, und wenn ihre Glieder strikt sich weigern, bei dieser Drohung noch mitzuwirken, wenn sie ihrer Regierung, soweit sie dies verlangt, den Gehorsam aufsagen und mit gewaltfreien Widerstandsaktionen gegen dieses Teufelszeug sich wenden, dann werden sie Salz und Licht und Sauerteig dieser Welt werden. Dann werden sie politische Alternativen entwickeln, die aus der tödlichen Sackgasse herausführen, und auch die hauptamtlichen Politiker zwingen, von ihren wahnsinnigen Todeswegen abzugehen und reale Abrüstungswege einzuschlagen.

Und dabei bleibt es dann natürlich nicht stehen. Der Brüsseler Aufrüstungsbeschluss ist ja nur die Spitze des Eisbergs der tödlichen Hochrüstung, und diese Hochrüstung ist wiederum nur das schlimmste Symptom des Todesweges der Ausbeutung und Unterdrückung, von dem die Botschaft Jesu, die christliche Botschaft die Menschen wegruft zu einem Miteinanderleben in Frieden. Wir stehen nicht am Ende, sondern am Anfang des Christentums. Nachdem die Kirche fast 2000 Jahre lang, besonders seit sie durch die konstantinische Wende zur Staatskirche geworden ist, gemeint hat, beides vereinen zu können, die Jüngerschaft Jesu und das Mitmachen bei Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg, kann sie jetzt, da dieser Todesweg in die akute Gefahr der Menschheitsvernichtung geführt hat, nichts anderes mehr tun als dieses Mitmachen konsequent abbrechen und endlich wahrhaft eine Kirche werden der christlichen Praxis und auf allen Gebieten, auch in Wirtschaft und Politik. Dann wird sie zu dem Umdenken beitragen, durch das allein ein Ausweg aus den Menschheitsgefahren gefunden werden kann.

Tut sie jetzt in unserem Lande ihr Teil, damit die Menschen aufwachen und die tödliche Gefahr des Brüsseler Aufrüstungsbeschlusses erkennen, dann wird das unaufhaltsam weitergehen. Dann werden die Menschen erkennen, dass sie mit dieser ganzen Rüstung nur totverteidigt werden, dass sie nicht erst im Kriege, sondern schon an dieser Rüstung sterben, wie schon jetzt wegen dieser Rüstung unsere Wirtschaft in eine Krise geraten ist, an der Millionen von Menschenschicksalen durch Arbeitslosigkeit zugrunde gehen und noch mehr Menschen in der Südhälfte des Globus an Hunger sterben und unsere Natur unumkehrbar zerstört wird. Dann werden sie sich abwenden von einem Wirtschaftssystem, das auf Ausbeutung des Menschen und der Natur beruht, und "Wege aus der Gefahr" (Eppler) suchen und finden. Dafür soll und kann die Kirche, wenn sie praktisch christliche Kirche wird, Salz, Licht und Sauerteig sein.

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, 2/83 Februar 1983 - 44. Jahrgang, S. 60ff.

Veröffentlicht am

30. Dezember 2018

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