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1918: So wurde der Krieg zur Hölle der zivilen Bevölkerung

Fanden Schlachten einst auf Schlachtfeldern statt, brachten neue Waffen im Ersten Weltkrieg den Tod in die zivilen Wohnsiedlungen.

Von Christian Müller

"Hundert Jahre Ende des Ersten Weltkrieges" war gewiss ein berechtigter Anlass für die, wie es hieß, etwa 70 Staatschefs, um in Paris zu einer Gedenkfeier zusammenzukommen. Und bei dieser Gelegenheit vor dem vielerorts wieder aufflammenden Nationalismus zu warnen, wie es Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron tat, konnte nicht falsch sein. Bezeichnend allerdings war, dass für diesen Anlass als Datum der Waffenstillstand vom 11. November 2018 ausgewählt wurde und nicht etwa das Datum eines der darauf folgenden Friedensabkommen. Bei diesen nämlich wurden gravierende Fehler gemacht mit zum Teil negativen Auswirkungen bis auf den heutigen Tag.

Drei Themen sind es, die im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg nicht vergessen werden dürfen.

Die in Mitleidenschaft gezogene Zivilbevölkerung

Kriege hatte es schon immer gegeben, größere und kleinere. Eines aber hatten sie über Jahrhunderte gemeinsam: Bei den Schlachten standen sich zwei Heere gegenüber, die Schlacht wurde auf einem räumlich begrenzten Schlachtfeld ausgetragen, es kämpfte, wie es so schön heißt, Mann gegen Mann. Die einen waren mal beritten, die anderen nur zu Fuß, die Bewaffnung war sehr unterschiedlich und änderte sich mit der Zeit zwar dramatisch, von der Hellebarde über den Säbel bis zum Gewehr und zum Revolver. Aber auch mit verschiedenen Waffen war es immer ein Kampf von verfeindeten Truppen auf einem räumlich limitierten Schlachtfeld. Selbst bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges erwarteten zum Beispiel die Franzosen noch immer einen solchen Krieg, ihre Uniformen hatten bei Kriegsausbruch noch keine Tarnfarben, sie waren noch immer farbig, rot und blau, um in eine offene Schlacht zu gehen.

Der Erste Weltkrieg veränderte den Stil der Kriegführung nun aber total. Die Kämpfe fanden nicht mehr auf einem räumlich begrenzten Schlachtfeld statt, sondern quer durch die zivilen Landschaften. Der Einsatz von Kanonen mit etlichen Kilometern Reichweite, der erste Einsatz von Panzern, der erste Einsatz von Flugzeugen, der Kampf in den Schützengräben und der Einsatz von Giftgas, die ersten industriell produzierten Landminen: Alles war neu und anders. Der große Unterschied: Mit den neuen Waffen wurde auch die zivile Bevölkerung massiv in die kriegerischen Auseinandersetzungen einbezogen, die zivilen Opfer überstiegen zahlenmäßig alles Vorhergeschehene. Beim Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gab es auf deutscher Seite etwa 45’000 Gefallene, auf französischer Seite etwa 150’000 Gefallene, praktisch alles Soldaten. Eine differenzierte Statistik mit gefallenen Soldaten und zivilen Opfern gab es damals noch nicht. Fünfzig Jahre später, am Ende des Ersten Weltkrieges, aber zählte man fast 10 Millionen gefallene Soldaten, darüber hinaus aber zusätzlich um die 7 Millionen gefallene Zivilisten. Die neue Art der Kriegführung mit ganz neuen Waffen hatte die zivilen Opfer massiv nach oben getrieben, der Krieg nur als Kampf zwischen militärischen Truppen auf einem begrenzten Schlachtfeld war Vergangenheit.

Im Zweiten Weltkrieg war die Zahl der gefallenen Zivilisten gegenüber der Zahl der gefallenen Soldaten sogar bereits umgekehrt proportional: geschätzte Zahl gefallener Soldaten weltweit 27 Millionen, geschätzte Zahl gefallener Zivilpersonen weltweit 37 Millionen (Die Schätzungen gehen auseinander, aber die Zahl der zivilen Opfer ist bei allen Schätzungen deutlich höher als die Zahl der gefallenen Soldaten). Und, Achtung, was jetzt schon Realität ist: Nach der Entwicklung und dem "erfolgreichen" Einsatz unbemannter Flugzeuge, der sogenannten Drohnen, die nicht nur aufklären, sondern auch Bomben abwerfen und sogar Raketen abfeuern können, arbeitet die Rüstungsindustrie nun weltweit und mit Hochdruck daran, auch unbemannte Bodenfahrzeuge zu entwickeln, sogenannte UGV, Unmanned Ground Vehicles, zum Beispiel auch ferngesteuerte Panzer. Diese Entwicklung wird zwangsläufig dazu führen, dass bei kriegerischen Auseinandersetzungen künftig noch mehr zivile Opfer gegenüber der Anzahl gefallener Soldaten zu verzeichnen sein werden. Der den Schuss aus der Panzerkanone auslösende "Soldat" sitzt in Zukunft ja vielleicht in einem Büro in Ramstein in Deutschland …

Diese für die Zivilbevölkerung erschreckende und bedrohliche Entwicklung hat so richtig erst mit dem Ersten Weltkrieg begonnen. Die Zukunft kann nur noch Schlimmeres bringen.

Der verheerende Glaube an ethnisch "bereinigte" Gebiete

Als nach dem Ende der Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der Österreichisch-Ungarischen Monarchie Europa neu in unabhängige Staaten aufgeteilt wurde, glaubte man daran, dass ethnisch "bereinigte" Gebiete weniger kriegsanfällig sein würden. Man scheute sich nicht, zu diesem Zweck Hunderttausende von Menschen sogar umzusiedeln. Der sogenannte Vertrag von Lausanne 1923, wo es um Griechenland und um die Türkei ging, ist ein solches Beispiel: 1,8 Millionen Menschen (!) sollten umgesiedelt werden, um die beiden Staaten ethnisch und religiös "sauberer" zu machen. Infosperber hat über diesen Friedensvertrag ausführlich informiert, hier anklicken .

Zwischenzeitlich wissen wir, dass solches Denken nicht nur Kriege nicht verhindert, sondern sogar neue Kriege entstehen lassen kann. Man denke etwa an Jugoslawien nach dem Tod von Staatschef Josip Broz Tito im Jahr 1980, der die multiethnische und multireligiöse Föderation mit nicht immer sehr demokratischen Mitteln zusammengehalten hatte. In etlichen Regionen des ehemaligen Jugoslawien prägt dieses ethnisch-basierte Denken aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg die Politik noch heute.

Emmanuel Macron hätte anlässlich der Gedenkfeier in Paris Gelegenheit gehabt, auf die prophetischen Worte seines Landsmannes Ernest Renan hinzuweisen, der im Jahr 1882, also vor 136 Jahren, in einem berühmt gewordenen Vortrag an der Sorbonne in Paris erklärte, was eine "Nation" ausmacht , und der, man staune, schon damals eine Europäische Föderation voraussagte.

Die Schweiz, auch das darf bei dieser Gelegenheit wieder einmal gesagt werden, liefert ein gutes Beispiel: Ein moderner Staat kann durchaus verschiedene Sprachen, verschiedene Konfessionen, verschiedene Ethnien umfassen, entscheidend ist die Bereitschaft, der gemeinsame Wille, in einer demokratischen Gesellschaft zusammenzuleben.

Die brutale Bestrafung der "Schuldigen" und ihre Folgen

Aus einem anderen Fehler jener Zeit allerdings hat man tatsächlich gelernt - zumindest am Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte 1918 nämlich wurde 1919 im Versailler Vertrag Deutschland, das am Krieg ja "schuldig" war, mit gewaltigen Reparationszahlungen belastet. Der Schuldendienst belastete Deutschland enorm und half mit, ein politisches Klima zu schaffen, in dem ein "Führer" wie Adolf Hitler immer mehr Einfluss gewinnen und 1933 sogar die Macht übernehmen konnte.

Diesen Fehler, die langjährige Bestrafung des Verlierers, hat man am Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr gemacht, man hat aus der Geschichte gelernt. Deutschland wurde im Gegenteil massiv unterstützt, mit dem Marshallplan konnte der Wiederaufbau Deutschlands nach den Zerstörungen des Krieges in erstaunlicher Schnelle eingeleitet und vorangetrieben werden.

Ein kleiner Exkurs: Leider hat man das 35 Jahre später, beim Zusammenbruch der Sowjetunion 1989/90, bereits wieder verdrängt und vergessen. Anders als etwa Deutschland drangen die USA unter Präsident George H.W. Bush damals bewusst darauf, die Russen "spüren zu lassen, dass sie die Verlierer sind". Den übrigen Ländern des Warschauer Paktes dagegen rollte man den roten Teppich aus und lud sie ein, der NATO beizutreten. Das ist der wichtigste Grund, warum Russland heute nicht wie die meisten anderen mittel- und osteuropäischen Staaten zu - im pauschalen Sinne des Wortes - "Europa" gehört, sondern im Gegenteil der westlichen Rüstungsindustrie als notwendiger "externer Feind" dient, um mit Staatsgeldern die eigenen privaten Kassen zu füllen.

Aber noch etwas …

Hätte im Jahr 1912 ein Journalist geschrieben, in zwei Jahren werde es wieder Krieg geben, man hätte ihm geraten, zum Psychiater zu gehen. Die Welt war damals offen wie nie zuvor, man konnte von der Schweiz aus auf dem Landweg nach Indien reisen, ohne an irgend einer Grenze ein Problem zu haben. Der Welthandel blühte, alle großen Firmen hatten im nahen oder fernen Ausland ihre Tochtergesellschaften und/oder verbandelte Partner. Migranten waren erwünscht, die Stadt Baden im Aargau mit ihrer Firma Brown Boveri etwa hatte schon damals 24 Prozent Ausländer. Was sollte da ein Krieg?

Und trotzdem: Zwei Jahre später war es soweit. Ein - sub specie aeternitatis - fast schon belangloses Attentat am 28. Juni 1914 in Sarajevo auf Erzherzog Franz Ferdinand, den Thronfolger Österreich-Ungarns, und seine Frau führte zu Spannungen und innerhalb von nur einem Monat zu einem Krieg. Die erste Kriegserklärung erfolgte bereits am 28. Juli des gleichen Jahres - zu einem Krieg notabene, an dem schließlich 36 Staaten beteiligt waren und der - siehe oben - 17 Millionen Kriegsopfer forderte.

Auch über die Gefahr solch jeder rationalen Kontrolle entglittener Eigendynamik sollte man anlässlich der Erstweltkrieg-Jubiläen ein wenig nachdenken. Sind wir heute dagegen gefeit?

Quelle: Infosperber.ch - 17.11.2018.

Veröffentlicht am

18. November 2018

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