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Der israelische Friedensaktivist, der die feindlichen Linien überschritt und Generationen prägte

Adam Keller arbeitete 50 Jahre lang Seite an Seite mit Uri Avnery. Er erinnert sich daran, dass Avnery gehofft hat, ein israelischer und ein palästinensischer Präsident werden sich einmal herzlich umarmen.

Von Adam Keller

Wie soll ich in wenigen Worten 50 Jahre politischer Partnerschaft zusammenfassen, die zugleich eine innige Freundschaft mit dem Menschen war, der den stärksten Einfluss auf mich ausübte?

Alles begann im Sommer 1969. Als Vierzehnjähriger aus Tel Aviv sah ich in dem Sommer, der zwischen meiner Grundschulzeit und meiner Zeit in der weiterführenden Schule lag, eine Anzeige in der Zeitung HaOlam HaZeh ("diese Zeit"): Für das Wahlbüro der Partei HaOlam HaZeh - Koah Chadasch ("Neue Kraft") wurden ehrenamtliche Helfer gesucht. Ich ging hin. In einem kleinen Büro im Untergeschoss in der Glickson-Straße traf ich drei Jugendliche an, die Werbebroschüren in Umschläge steckten. Bis heute trägt mich der Geruch von frisch Gedrucktem in diese Zeit zurück. Zwei Stunden später hörten wir draußen ein Geräusch. Der Knesset-Abgeordnete Uri Avnery, der Mann, dessen Artikel uns ursprünglich in dieses Büro gelockt hatten, kam herein. Er kam von einer Wahlveranstaltung in Rischon LeZion zurück. Er wechselte ein paar Worte mit uns Ehrenamtlichen, dankte uns für unsere Hilfe und ging mit seinen Helfern in einen Versammlungsraum.

Damals bewog mich nicht Uri Avnerys Meinung über das Thema Palästina dazu, für den Wahlkampf zu arbeiten. Meine eigne Meinung über das Thema war noch nicht vollkommen ausgereift. Erst zwei Jahre zuvor, im Juni 1967, hatte ich mit vielen anderen daran teilgenommen, die Tatsache zu feiern, dass Israel sich in "neue Gebiete" ausgedehnt hatte. Damals dachte ich nicht im Traum daran, dass ich schließlich den größten Teil meines Lebens damit verbringen würde, dafür einzutreten, dass sich Israel aus diesen Gebieten zurückziehen solle. Uri Avnerys Partei zog mich hauptsächlich deshalb an, weil sie eine junge, frische politische Partei war, die die alten, verfaulten Establishment-Parteien infrage stellte, und weil sie sich gegen religiösen Zwang wandte und sich für die Trennung von Religion und Staat einsetzte, öffentlichen Verkehr am Schabbat und die Zivilehe.  

Ein paar Wochen, nachdem ich mit der Arbeit begonnen hatte, legte ich einen Zettel mit ein paar Fragen auf Uris Schreibtisch: Können wir wirklich mit den Arabern Frieden schließen? Sollten wir alle Gebiete, die Israel besetzt hatte, zurückgeben oder nur einige? Und was wird mit den Siedlern? (Die Anzahl der Siedler war damals nur ein Bruchteil von der heutigen.) Eine Woche danach hatte ich einen Brief in der Post: drei Seiten detaillierte Antworten auf meine zehn Fragen. Den Brief habe ich noch. Ich zweifele nicht daran, dass Uri ihn selbst geschrieben hat. Sein Schreibstil ist unverkennbar. Mitten in der laufenden politischen Kampagne hatte er sich Zeit und Kraft genommen, eingehend auf die Fragen eines Vierzehnjährigen zu antworten!

Das Ende: Freitag, der 3. August 2018. Ich bin jetzt 63 Jahre alt. Als jahrelanger politischer Partner bekomme ich Uri Avnerys wöchentlichen Artikel jeden Freitag. Im Artikel dieser Woche schreibt er über das jüdische Nationalitätsgesetz und Israels nationale Identität: ist sie jüdisch oder israelisch? Er tritt entschieden dafür ein, sie sei israelisch. Wie schon oft zuvor schrieb ich ihm eine eMail, in der ich den Inhalt des Artikels kommentierte und einige grundsätzliche Einwände erhob. Er schlug mir vor, dass wir das nächste Mal, wenn wir uns träfen, darüber diskutieren sollten. Ich fragte nach seiner Meinung über den Protest gegen das Nationalitätsgesetz, das die Drusen-Gemeinschaft für den folgenden Tag organisiert hatte. Er sagte, er sei überzeugt, die Demonstration werde sich nicht auf die Ausnahmestellung der Drusen in der israelischen Gesellschaft oder auf die einzigartigen Rechte konzentrieren, die ihnen zugestanden werden, weil sie Militärdienst leisten, sondern bei der Demonstration werde es um das Grundprinzip der Gleichstellung aller Bürger gehen.

Der letzte Satz, den er zu mir sagte, war: "Ich gehe morgen zu dem Protest der Drusen." Ich dachte, dass er noch keine Gelegenheit gefunden hätte, das, was ich ihm geschrieben hatte, zu lesen, und dass er am Morgen mit der Absicht aufgewacht sei, an dem Protest teilzunehmen. Am Abend dachte ich, er würde irgendwo in der großen Menschenmenge stehen, die sich auf dem Rabin-Platz versammelt hatte. Ich versuchte zweimal, ihn anzurufen, aber niemand nahm ab. Ich schob es auf eine schlechte Telefonverbindung. Inzwischen weiß ich, dass er schon in die Notaufnahme im Ichilow-Krankenhaus gebracht worden war. Er erlangte das Bewusstsein nicht wieder. Die Aktivisten, die ihn im Auto mit zur Demonstration hatten nehmen wollen, fanden ihn in seiner Wohnung auf dem Fußboden liegen.

Was geschah in den 50 Jahren zwischen dem Anfang und dem Ende? Die Partei HaOlam Hazeh - Koah Chadasch ging im Linken Lager Israels auf, der politischen Partei, die hebräisch Scheli hieß. Der Rat für israelisch-palästinensischen Frieden, der Treffen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation arrangierte, wurde zu einer Fraktion von Scheli. Nachdem sich Scheli aufgelöst hatte, traten wir der Progressiven Liste für Frieden bei, und dann gründeten wir Gusch Schalom. So viele Treffen, Märsche, Proteste und Gespräche, so viele Erinnerungen!

Bei einer Demonstration, mit der wir die Schließung der Raymonda-Tawil-Nachrichtenagentur in Ostjerusalem verhindern wollen, stehen wir nebeneinander und halten Plakate hoch. Das Foto von dieser Demonstration hat Avnerys Frau Rachel aufgenommen. Noch heute hängt es an einer der Wände des Zimmers, in dem ich diese Worte schreibe. Avnery hatte die Zeitung HaOlam Hazeh 40 Jahre lang herausgegeben. Am Tag, als sie offiziell eingestellt wurde, sagte er zu mir: "Ich weiß, das ist ein schwerer Tag für dich, aber die Zeitung war nur ein Werkzeug, das einem Zweck diente. Wir werden andere Werkzeuge finden."

Anfang 1983. Uri Avnery, Matti Peled und Jaakow Arnon, die die "drei Musketiere" genannt wurden, kommen von einem Besuch bei Jasser Arafat aus Tunesien zurück. Gleich als Uri Avnery auf dem Flughafen gelandet ist, gibt er mir Fotos von dem Treffen und ich eile in Tel Aviv von einer Nachrichtenabteilung zur anderen, um sie dort persönlich abzugeben. Dann nehme ich ein Scherut (Sammeltaxi) nach Jerusalem, wo mich der Herausgeber der palästinensischen Al-Fjr-Zeitung ("Morgendämmerung") Ziad Abuzayyad erwartet.

Im Radio wird die Ermordung von Issam Sartawi gemeldet. Er war ein PLO-Mann, hatte sich oft mit Avnery getroffen hatte und war ein Freund gewesen. Ich rief Uri an, um ihm die traurige Nachricht mitzuteilen. In den frustrierenden nächsten Tagen, in denen wir ohne Ende Telefongespräche führten, erwies es sich als unmöglich, in Tel Aviv einen Saal zu mieten, in dem wir eine Gedenkfeier für einen PLO-Mann hätten abhalten können; nicht einmal für einen, der Frieden mit Israel befürwortet hatte und der deswegen [von der eigenen Seite] getötet worden war.

Dezember 1992. Bevor Ministerpräsident Rabin die Oslo-Vereinbarung unterschrieben hat und zum Friedenshelden geworden ist, vertreibt er mehr als vierhundert palästinensische Aktivisten in den Libanon. Wir protestieren dagegen, indem wir Zelte vor dem Büro des Ministerpräsidenten aufbauen. Es ist ein kalter Jerusalemer Winter und es schneit, aber in den Zelten, die uns Beduinen aus dem Negev ausgeliehen haben, ist es warm und gemütlich. Uri, Rachel und meine Frau Beate nehmen gemeinsam mit anderen Aktivisten an einem langen Gespräch mit Sheikh Raed Salah teil. Sie sprechen über Judentum und Islam und darüber, wie Religion und Politik sich einerseits berühren und wie sie andererseits zusammenstoßen.

1997, mitten im Protest vor Netanjahus Vorzeige-Siedlung Har Choma, bricht die Narbe von Uris Kriegs-Verletzung am Bauch auf, die er seit dem Krieg von 1948 am Körper trägt. Ein palästinensischer Rettungswagen bringt ihn ins Al-Makassed-Krankenhaus in Ostjerusalem. Wir fürchten das Schlimmste. Rachel sagt: "Obwohl ich nicht an Gott glaube, bete ich." Aber Uri erholt sich und lebt weitere 21 Jahre voller intensiver politischer Aktivität.

Mai 2003 in der Muqata’a, dem Gebiet des Präsidenten in Ramallah. An diesem Nachmittag gab es einen Terroranschlag in Rischon LeZion und Ministerpräsident Ariel Scharon deutet an, er könnte eine Eliteeinheit des Militärs schicken, um an diesem Abend mit Jasser Arafat "fertigzuwerden". Wir gehören zu den 15 israelischen Aktivisten, die nach Ramallah fahren, um als menschliche Schutzschilde zu dienen. Wir rufen die Medien an und sagen: "Zur Information des Ministerpräsidenten: Vor Arafats Tür sitzen israelische Staatsbürger!"

Arafat zeigt Uri seine Waffe und sagt: "Wenn sie kommen, habe ich eine Kugel für mich bereit." Wir verbringen die ganze Nacht vor Arafats Tür und sprechen eine Mischung aus Arabisch, Hebräisch und Englisch mit den jungen palästinensischen Wachleuten. Wir achten auf jedes Geräusch. Der Morgen dämmert und wir wissen, dass wir die Nacht sicher überstanden haben und dass die Soldaten nicht mehr kommen werden.

Wir führen ein langes entspanntes Gespräch auf unserem Rückweg von der Versammlung der Progressiven Liste in Nazareth: "Vor uns waren die Kreuzritter hier. Sie kamen aus Europa und errichteten hier ein Land, das 200 Jahre Bestand hatte. Nicht alle waren religiöse Fanatiker. Unter ihnen waren Menschen, die arabisch sprachen und muslimische Freunde hatten. Aber es gelang ihnen nicht, jemals mit ihren Nachbarn Frieden zu schließen oder sich an diese Umgebung anzupassen. Es gab befristete Vereinbarungen und Waffenstillstände, aber Frieden konnten die Kreuzfahrer nicht schließen. Akko war ihr Tel Aviv, und als es fiel, wurden die letzten überlebenden Kreuzfahrer buchstäblich ins Meer geworfen. Diejenigen, die nicht aus der Geschichte lernen, werden sie wiederholen müssen." 

Uri sagte: "Wenn ich jemals einen Ministerposten bekäme, wäre ich gerne Bildungsminister. Das ist eine der wichtigsten Rollen in der Regierung. Der Verteidigungsminister kann Soldaten zum Sterben in den Krieg schicken, aber der Bildungsminister kann das Bewusstsein der Kinder formen. Die Ergebnisse eines heutigen Bildungsministers werden sich in 50 Jahren zeigen, wenn die Kinder von heute Großeltern werden. Wenn ich der Minister wäre, dann würde ich zuerst einmal das Buch Josua aus dem Lehrplan streichen. Dieses Buch lehrt schlicht und einfach Völkermord. Historisch ist es eine Fiktion - die beschriebenen Ereignisse haben niemals stattgefunden. Rachel war 40 Jahre lang Lehrerin und es gelang ihr jedes Jahr, diesen Schund zu vermeiden."

Rachel begleitete ihn überallhin. Sie nahm an allem, was er tat, aktiv teil. Sie sah seine Artikel durch und beschäftigte sich mit der Logistik der organisierten Proteste. Wir wussten alle, dass sie Hepatitis B in sich trug; das war eine Zeitbombe, die jeden Augenblick hätte platzen können. Als es schließlich so weit war, verbrachte Uri sechs Monate Tag und Nacht bei ihr im Krankenhaus. Er war aus dem politischen Leben so gut wie verschwunden. Eines Tages begegnete ich ihm zufällig im Flur des Ichilow-Krankenhauses. Er schob Rachels Rollstuhl von einer Untersuchung zur nächsten.

In ihren letzten Wochen erzählte jemand Uri von einer experimentellen Behandlung, die Rachels Leben retten könnte. Obwohl Uri wusste, dass die Heilungschancen gering waren, gab er große Summen aus, um das Heilmittel zu kaufen und zum Flughafen Ben Gurion und von dort direkt zum Krankenhaus bringen zu lassen. Als sie gestorben war, wollte Uri drei Tage lang  niemanden sehen. Er zog sich vollkommen aus der Welt zurück. Als diese drei Tage vorüber waren, setzte er seine üblichen Proteste und politischen Kommentare einfach fort - jedenfalls schien es so.

Womit kann ich diesen Nachruf schließen? Ich gehe ins Jahr 1969 zurück, zu einem Artikel von Uri, den ich während einer langweiligen Schulstunde in der achten Klasse unterm Tisch las. Ich erinnere mich noch fast Wort für Wort daran. Es war ein Artikel über die Zukunft. Er enthielt Uris Vorstellungen davon, wie das Land am Unabhängigkeitstag Israels 1990 aussehen könnte. Die Seite war in zwei Spalten geteilt und in jeder der beiden Spalten wurde eine Zukunft ausgemalt. In der einen Zukunft findet am Unabhängigkeitstag eine enorme Machtdemonstration statt: In Jerusalem werden neue Panzer zur Schau gestellt. Ministerpräsident Mosche Dajan gratuliert Soldaten der Truppe, die im Libanontal und im Land Goschen nahe dem Nil in Bereitschaft stehen, und er sagt: "Wir werden niemals die Stadt Be’erot (früher Beirut) aufgeben, dies ist die Heimat unserer Vorfahren!"

In der zweiten Zukunft werden am Unabhängigkeitstag 1990 überall in den Botschaften der arabischen Welt feierliche Empfänge abgehalten. Das Foto, das alle am meisten bewegt, ist in Jerusalem aufgenommen worden: Es zeigt, wie sich der israelische Präsident Mosche Dajan und der palästinensische Präsident Jasser Arafat herzlich umarmen.

Adam Keller ist israelischer Friedensaktivist und gehört zu den Gründern von Gusch Schalom. Dieser Artikel wurde zuerst in Hebräisch auf +972  Local Call veröffentlicht: https://972mag.com/israeli-peace-activist-uri-avnery-enemy-generations/137438/

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Veröffentlicht am

26. August 2018

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