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1968 war die Zündung

Ich wollte etwas Abenteuerliches, Irrationales, stark Emotionales. Das fand ich bei den Anarchisten

Von Hanna Mittelstädt

Die Ereignisse von 1967 und 1968 erreichten mich über die Nachrichten, im Radio und Fernsehen. Da braute sich etwas zusammen, was mich als Jugendliche magnetisch anzog.

In der Schule veränderte sich das Klima. Die Schüler diskutierten untereinander und provozierten die Lehrer im Unterricht. Ich hörte zu. Dann bekamen wir einen neuen Schüler, der von seinem Gymnasium geflogen war, weil er bei einem Sit-in auf dem Schulhof einen Lehrer am Hosenbein festgehalten hatte. Unsere Schule war die einzige in Hamburg, die ihn aufnahm. Er wurde neben mich gesetzt und begann umgehend, mich zu agitieren … ich hörte auch ihm zu. Er erzählte von Anarchisten, am liebsten von russischen, von Bakunin, von Abenteurern wie Netschajew, er verbreitete eine anarchistisch-nihilistisch-romantische Stimmung. Er war für mich gleichzeitig anziehend wie verrückt, ich wusste nicht, was ich davon halten soll … Die anderen Schüler, eher die Jungs, diskutierten anders, offensiver, klarer, geschichtlicher, politischer. Er war irgendwie so versponnen, unklar …

Ich hörte überall zu. Ich hatte kein Elternhaus, das mich mit Autoritätskonflikten umstellt hatte. Meine Mutter arbeitete, nachdem mein Vater gestorben war, in seiner Nachfolge als eine der ganz wenigen Frauen in einer - bescheidenen - Funktion mit voller Entscheidungskompetenz in der Branche für Präzisionswerkzeuge aus Hartmetall und Hochleistungsschnellstahl. Sie ließ meinem Bruder und mir einen recht großen Freiraum. Mein Vater war schon nicht mehr anwesend, bevor ein größerer Autoritätskonflikt entstehen konnte. Meine Schule war ein recht liberales Reformgymnasium am Stadtrand von Hamburg … Ich musste eigentlich nur meinen eigenen Weg finden. Ich brauchte mich nicht durch lange Tunnel durchzuquälen.

Ich landete dann doch bei den Anarchisten. Sie waren so ein Antipol zu meiner Rumpffamilie, dem Reformgymnasium, den anderen Schülerinnen und Schülern auf meiner Schule, die vernünftigere Wege einschlugen. Ich wollte etwas Unvernünftiges. Ich wollte etwas Abenteuerliches, Irrationales, stark Emotionales. Das fand ich bei den Anarchisten. 1968 war die Zündung, der Pariser Mai insbesondere. Das war ein Outburst, das war wild, das waren begeisternde Bilder. Nicht gerade die brennenden Barrikaden, die waren für ein Mädchen wie mich natürlich geradezu unglaublich. Aber die Wandparolen, die leidenschaftlichen jungen Frauen, das ungewöhnliche Design der Plakate, die Menge von Menschen, die sich gemeinsam auf der Straße bewegten, die unbescheidenen Forderungen. Ich wollte auch gern eine von diesen stolzen Frauen werden, selbstbewusst, schön, ungestüm.

Zunächst wurde es aber erstmal dunkel: im Versammlungslokal der Anarchisten in einem Keller des Hamburger Karolinenviertels. Nur wenige Frauen waren da. Viele junge Männer, schwarz gekleidet, unfertig, suchend, bekifft, auch schon mal bewaffnet (die wenigsten), aber bereit für alles Mögliche. Verweigernd. Herausfordernd. Das war nicht meine Welt, aber ich war neugierig. Ich hörte zu. Da waren viele verpeilte Jungs, aber auch Menschen, denen man begeistert zuhören konnte, die Welten eröffneten. Ein indischer Anarchist kochte hin und wieder in seiner bescheidenen Sozialwohnung große Mengen Reis mit Gemüse und erzählte den jungen Genossinnen und Genossen von anarchistischen Traditionen in Indien. Leider ging der Kontakt zu ihm bald verloren, vielleicht war ihm die Art von Radikalisierung der Menschen aus dem Anarchokeller zu fremd.

Und dann war da der kleine Franzose, Pierre Gallissaires, der kurze Zeit später der Mentor des im Entstehen begriffenen Verlags Edition Nautilus (damals noch MAD-Verlag, Materialien, Analysen, Dokumente) wurde. Pierre war zwanzig Jahre älter als die Mehrzahl der Anarchos (die waren 15 bis 25 Jahre alt), und er erzählte gern alles, was ihn 1968 begeistert hatte. Er war unser "Pariser Mai", denn er war dabei gewesen und mochte nach der Niederschlagung der großen Streiks, Besetzungen und Aufstände nicht mehr in Paris bleiben. Er war auch unser "Bindeglied", unser Scharnier und Katalysator für die Überwindung des großen Bruchs mit den freiheitlichen Traditionslinien durch den Faschismus und die Enge der Vorstellungen in der Restauration der Nachkriegszeit. Mit ihm knüpften wir wieder an die Räterevolutionen an, an die anarchistischen Vorstellungen der Selbstverwaltung, an die soziale Revolution in Spanien 1936, an die deutschen Revolutionsimpulse 1918-1919-1920, an die Machnowtschina in der Ukraine und die Räte von Kronstadt, die von der bolschewistischen Machtergreifung hinweggefegt worden waren. Es gab so viel zu entdecken. Und diese Entdeckung war nicht nur für uns neu und aufregend, weil wir so jung waren, diese Ideen, dieses Wissen war seit den Verwüstungen des Faschismus aus dem Diskurs verschwunden. Es wurde seit 1968 wieder hineingebracht, und es stieß bei uns auf brennendes Interesse.

Relativ schnell bildete sich in diesem Anarchokeller eine Gruppe, die sich um die Geschichte und Theorie der sozialen Bewegungen kümmern wollte, und zwar durch Veröffentlichung von Texten. Das war die Keimzelle des Verlags, in dem ich dann mehr als vierzig Jahre beteiligt war: eine Zeitschrift war immer im Zentrum (zunächst MAD, dann Revolte, zum Schluss Die Aktion). Die Zeitschrift stand außerhalb der Ökonomie, d.h. sie wurde durch andere Buchprojekte finanziert. Sie war beweglich, konnte auf aktuelle Fragen reagieren, konnte viele unterschiedliche Leute zusammen bringen. Der leidenschaftlichste Zeitungsmacher unter uns war Lutz Schulenburg. Pierre machte mit, einige andere auch, und, nachdem Lutz und ich ein Paar geworden waren, war ich natürlich auch dabei. Jeder steuerte bei, was er oder sie konnte. Alle lernten. Alles war in Bewegung.

Pierre hatte die Situationisten im Gepäck. Die kannte in Hamburg 1971-72 niemand von denen, die wir kannten. Sie waren überhaupt in Deutschland kaum bekannt. Im Pariser Mai waren sie eine der radikalsten Gruppierungen, schärfsten Analytiker und innovativsten Aktivisten. Wir stürzten uns in unserer begeisterten Entdeckerfreude auf die Übersetzung der kompletten Ausgaben der Zeitschrift Internationale Situationniste (1958-1969) und veröffentlichten sie auf deutsch mit unseren sehr bescheidenen Produktionsmitteln. Wir brauchten dafür zwei Jahre, und lernten eine neue Welt kennen. Gleichzeitig versuchten wir, in unserer aktuellen Situation ihre Ideen praktisch anzuwenden. Das sollte nicht nur eine verlegerische Arbeit sein (wir sahen uns auch gar nicht als Verleger, sondern als Bereitsteller von Texten für eine neu zu schaffende Welt), wir wollten die Trennung zwischen Theorie und Praxis aufheben und selbst aktiv werden. So bildeten wir eine Gruppe, die Zusammenleben, Diskussionen, Aktionen, Phantasie etc. kollektiv und individuell zu praktizieren versuchte. Subrealisten nannten wir uns, unsere Zeitschrift war die Revolte, und unsere Aktionen wurden in der Zeitschrift dokumentiert. Wir waren stark von den Situationisten beeinflusst und irgendwo am Rand der anarchistischen Bewegung angesiedelt.

Niemandem von uns ging es darum, eine Hegemonie zu konstruieren: Wir bauten uns kein Reich, weder ein intellektuelles noch ein berufliches. Wir blieben "in Bewegung". Wir waren allen Institutionen gegenüber skeptisch, auch unseren eigenen. So möchte ich es gern als Vermächtnis formulieren. Der Weg dahin mag durch temporäre Scharmützel und Rechthabereien gegangen sein, schließlich waren wir jung und unerfahren, als wir anfingen.

Aber wenn "68" für mich auch heute noch etwas bedeutet, dann dass das unsere Maxime wurde: keine Institution bilden, wohl aber Räume gestalten; keine Hegemonie anstreben, wohl aber Analyse und Kritik schärfen; Selbstermächtigung für alle, Toleranz gegenüber der Selbstermächtigung der anderen - letzteres sicher die schwierigste Aufgabe einer Vereinigung freier und gleicher Menschen.

Gemeinschaft bilden, keine Herrschaft zulassen. Frei werden für die Freiheit. Die Verwurzelung in der langen Geschichte der Befreiungen spüren. Keine Trennungen zwischen "Politik" und "Alltagsleben", zwischen Theorie und Praxis, zwischen "Mann" und "Frau", zwischen Emotion und Vernunft. Alles sollte sich durchdringen, ergänzen, anstoßen, erweitern.

Das ist mein "68", als großer tiefgreifender Impuls. Dass der Verlag Edition Nautilus es geschafft hat, mehr als vierzig Jahre zu überdauern, hat ebenso mit diesem Verständnis zu tun wie meine Entscheidung, ihn jetzt zu verlassen und in aller Freiheit an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu übergeben. Und auch dass ich es geschafft habe, mich in gewisser Hinsicht bis heute als diese selbstbewusste, ungestüme Frau zu verstehen, die durch all die mitunter sehr schwierigen Versuche, es zu werden, nicht entmutigt wurde, ist eine Folge jenes Impulses. Dass ich stolz sein kann auf diese Traditionslinie, die ich auf meine Art fortführen konnte und bis heute voll Begeisterung fortführe, dafür bin ich der energetischen Explosion von 1968 und all den vielen, die auf ihre Weise gekämpft und sich befreit haben, dankbar.
Anmerkungen

Hanna Mittelstädt, geboren 1951 in Hamburg, ist Mitbegründerin der Edition Nautilus.
Siehe auch: Subversive Kopffüßler? Interview von Bernd Drücke mit Hanna Mittelstädt und Lutz Schulenburg zum dreißigsten Geburtstag der Edition Nautilus, in: GWR 292, Oktober 2004, www.graswurzel.net/292/nautilus.shtml ; Zwanzigtausend Meilen für die Anarchie. 40 Jahre Edition Nautilus. Ein Gespräch von Nina Nadig und Bernd Drücke mit den Verlegerinnen Hanna Mittelstädt und Katharina Picandet, in: GWR 390, Sommer 2014, www.graswurzel.net/390/nautilus.php .

Quelle: graswurzelrevolution 430, Sommer 2018.

Veröffentlicht am

23. Juli 2018

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