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Berührungsängste und ihre Auswirkungen beim ersten Ostermarsch 1960

Von Helga und Konrad Tempel

Unser Hamburger Marsch begann am Karfreitag, 15. April, um 9 Uhr bei regnerischem Wetter in Hamburg-Harburg - nach unserer Erinnerung mit etwa 120 Leuten. Wegen der Feiertagsbestimmungen konnten wir uns erst ab 11 Uhr am ersten vorgesehenen Rastplatz zu einem Zug formieren…..

Wir wussten noch nicht, welche reglementierende Funktion Ordnungsgesetze haben und wie gezielt Behörden mit Hilfe von Bestimmungen einen öffentlichen Protest einschränken können. Spätere Erfahrungen wie die Vorzensur (bereits vor der Aktion verbotene Plakattexte) und Einreise-Verbote für Atomwaffengegner aus England lagen noch vor uns, so dass wir 1960 ohne inneren Widerspruch das Marschverbot an Feiertagen bis 11 Uhr hinnahmen. Überrascht wurden wir auch von den Folgen einer bemerkenswerten Behörden-Aktivität. Eine Gaststätte, in der wir 150 Portionen Eintopf-Essen bestellt hatten, war geschlossen, als wir ankamen. Später hörten wir, dass man vor uns gewarnt hatte (ähnlich wie 1961 in Aschaffenburg, wo plötzlich zugesagte Quartiere für mehrere hundert Teilnehmer nicht mehr zur Verfügung standen.)

Schwerwiegender waren die Schwierigkeiten, die wir mit uns selbst hatten. In der Erinnerung eines Teilnehmers, der aus der Tradition der Arbeiterbewegung kam und in anderer Form als wir aktiv für den Frieden arbeitete, liest sich das so: "Es bedurfte vieler heftiger Diskussionen in verräucherten Kneipenzimmern oder am Küchentisch, einem Kommunisten oder alten Gewerkschaftler klarzumachen, warum der - der kein Pazifist war - gemeinsam mit Pazifisten hinter der Parole ‘Die Bombe ist böse’ herlaufen sollte."

Obwohl es diese Parole bei uns nie gegeben hat, ist die Behauptung doch symptomatisch für das Misstrauen gegenüber Grundpositionen, die einem selbst nicht vertraut waren. Und weiter: "So setzte diese Gruppe durch, dass auf dem ersten Ostermarsch Diskussionen verboten wurden, um den Linken keine Gelegenheit zur Propaganda zu geben. Mehr als einmal wurde der Marsch bei Regen und Schnee unterbrochen, wenn Hans-Konrad Tempel einen Kommunisten oder ein Mitglied der "Jungen-Aktion" beim Politisieren erwischte …. Die Marschleitung zog sich zur Beratung in den Straßengraben zurück. Da Offenheit und Ausdiskutieren aller Fragen vereinbart worden war, kann man sich vorstellen, wie lange solche Beratungen dauerten."

In dieser Darstellung ist nach einhelliger Meinung der Ausschuss- und Marschleitungsmitglieder unsere Reaktion dramatisiert und entstellt wiedergegeben; sie macht aber aus der Perspektive der anderen Seite deutlich, dass bei uns erhebliche Berührungsängste vorhanden waren, deren Auswirkungen zu solchen abwegigen Behauptungen führten.

In der Tat: Ein wesentliches Merkmal des Marsches waren die lebhaften Diskussionen, die uns Organisatoren in hohe Ängste versetzt haben. Und zwar deshalb, weil diejenigen, die in diesen Diskussionen dominierten, ungleich politischer argumentierten als wir. Und weil an einigen Stellen durchaus agitiert wurde, hatten wir Organisatoren die ernste Sorge, dass die sich gleichermaßen gegen die Atomrüstung des Westens wie des Ostens richtende Gesamttendenz verändert werden könnte. Es tauchte im Vorbereitungsausschuss sogar die Frage auf, ob möglicherweise für einige der Teilnehmer die Agitation wichtiger sei als die Demonstration einer gemeinsamen Auffassung gegenüber der Öffentlichkeit.

In diesem Zusammenhang muss man berücksichtigen: Das KPD-Verbot hatte bewirkt, dass Kommunisten sich in einer Vielzahl von Gruppierungen und Vereinen betätigten; selbst wir im Verband der Kriegsdienstverweigerer hatten ständig mit der Unterstellung zu kämpfen, wir seien eine sogenannte Tarnorganisation. Das war der Hintergrund für unsere Angst vor einer "Unterwanderung". Nur aus dieser Sachlage heraus ist zu verstehen, dass wir bereits im ersten Brief an unsere Freunde in Norddeutschland auf einem Punkt bestanden: "Wegen der Gefahr des Auftretens von ‘östlichen Friedensfreunden’ unter dem Zeichen ihrer Verbände … wollen wir betonen, dass nur Einzelpersonen, nicht Organisationen teilnehmen."

Solche Schwierigkeiten haben sich in der Folgezeit an einigen Stellen noch gesteigert, nicht nur, weil wir unseren Argwohn nur allmählich überwinden konnten, sondern auch, weil es hin und wieder koordinierte Tendenzen gab, demonstrativ Verbandssymbole zu zeigen und optisch herausragende Positionen einzunehmen, etwa beim Tragen von Spruchbändern und Fahnen. Insgesamt aber hat sich in den folgenden Jahren das Prinzip der `breiten Plattform` durchgesetzt, das auf dem Verzicht aller basierte, den Marsch für die eigene Grundposition zu vereinnahmen und mit ihm eigene Politik zu machen.

Quelle: Geschichten aus der Friedensbewegung - Persönliches und Politisches, von Andreas Buro gesammelt und herausgegeben für das Komitee für Grundrechte und Demokratie , Köln 2005.

Veröffentlicht am

19. Juli 2005

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