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Kleine Schlaglichter aus dem Alltag

Von Katrin Warnatzsch, Sozialer Friedensdienst im Lebenshaus (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 97, Juni 2018 Der gesamte Rundbrief Nr. 97 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 1.008 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren .)

Mein Herz ist voll von Erzählungen, Gesprächen und dem Leid von Menschen um mich herum, die mich immer wieder aufsuchen, um nach Hilfe und Ansprache zu fragen. Einige sind verzweifelt, weil sie spüren, dass es sehr schwer wird, sich in Deutschland wirklich eine Zukunft aufzubauen. Manche begreifen noch gar nicht, wieviel sie selbst dazu tun müssten, um an die Chancen heranzureichen, die ihnen das neue Leben möglicherweise bieten könnte. Es gibt auch Menschen, deren Persönlichkeit und Sozialisation mich selbst ganz ratlos machen, weil sie einfach nicht in die für mich hier sichtbaren Strukturen und Anforderungen hineinpassen. Ich frage mich, wie wir und unsere Gesellschaft darauf antworten könnten, wäre Zugewandtheit und Nächstenliebe unser Leitgedanke. Denn Strukturen sind ja eigentlich als Hilfe für Menschen gedacht, nicht umgekehrt sollten sie ein Eigenleben führen… Ich möchte einige dieser Menschen selbst zu Wort kommen lassen.

Stimmen von Geflüchteten:

"Mein Bruder wurde durch meinen Onkel,
Bruder meines Vaters, zusammengeschlagen
und starb. Dessen Beruf ist "Feind."
Mein Bruder war noch jugendlich und wohnte zuhause.
Ich liebte ihn sehr.
Unser Vater verweigerte die Herausgabe seines Sohnes,
weil mein Bruder nicht mit dem Onkel gegen das
eigene Volk kämpfen wollte. Auch er wurde geschlagen.
Was mit meiner Mutter passierte, erzählten sie mir nicht.
Im Krankenhaus konnten sie meinem Bruder nicht mehr
helfen. Meiner Mutter brach es das Herz,
sie wollte nicht mehr leben,
schnitt sich die Arme auf, wurde gerettet.
Ich selbst musste schon früher fliehen,
mich verstecken vor dem Zugriff der Feinde
und bedroht mit dem Tod.
Wäre ich geblieben,
sie hätten mich missbraucht und mir
einen Sprengstoffgürtel umgebunden,
damit ich trotz der Schande
durch meinen und andere Tode
doch noch ins Paradies käme.
Meine Mutter weint am Telefon.
Lieber bleibst du am anderen Ende der Welt,
als dass du auch noch stirbst, sagt sie mir.
Ich vermisse dich.
Mach was aus deinem Leben…"

"Meine Lage ist ganz anders.
Ich bin der einzige Sohn und habe nur noch
meine Mutter und zwei unverheiratete Schwestern.
Es gibt niemanden, der Geld verdient.
Die Frauen können das Haus nicht alleine verlassen.
Sie mussten unseren Hof aufgeben,
zu einem Verwandten ziehen und dort immerzu
dankbar sein. Sie müssen von dem leben,
was die Erde hinter dem Haus wachsen lässt. In
die Schule können meine Schwestern nicht gehen.
Solange ich noch zuhause war, habe ich dafür
gesorgt, dass sie lesen und schreiben lernen.
Ich hatte ein gutes Einkommen und konnte
damit uns alle versorgen, nachdem mein Vater
gestorben war. Sicherheit gab es schon lange
nicht mehr. Meine Arbeit war gefährlich,
auf dem Weg in die Stadt gab es täglich Überfälle.
Ich musste als Polizist viele Autos auf Sprengstoff
kontrollieren. Zweimal wurde von Motorrädern
vor meinen Augen auf Menschen geschossen.
Ich wurde bedroht, dass ich meine Arbeit aufgeben
und zu den Feinden überlaufen sollte.
Andernfalls würden sie mich töten.
Sie erpressten mich auch. Ich sollte mein Wissen
und Waffen an sie geben und ihnen
Motorräder beschaffen. Ich gehörte zur Polizei,
aber sie hat zu wenig Einfluss, um zu schützen.
Was blieb mir übrig?
Um mein Leben zu retten, musste ich fliehen.
Täglich denke ich an meine Mutter und
meine Schwestern. Wie soll ich aus der Ferne
dafür sorgen, dass sie einen guten
Ehemann finden? Wer sorgt dann für meine Mutter?
Ich kann sie nicht unterstützen. Deshalb fühle ich
mich schlecht. Ich habe oft überlegt, zurück
zu gehen. Aber dort würde ich
von den Feinden gefasst und getötet werden."

"Köche braucht man immer und überall.
Ich will versuchen, Koch zu werden.
Nein, an zuhause darf ich gar nicht denken.
Ich muss mich auf mein Leben hier
konzentrieren. Ob meine Sprachkenntnisse
schon ausreichen? Werde ich den Dialekt verstehen?
Ja, ich kann kochen, für 8 Leute. Niemand
blieb hungrig. Aber was ist "Besteck"?
Was bedeutet "eindecken"? Doch, ich werde es
schaffen. Ich bin groß, werde schon vieles
beobachten können. Und ich bin gut sortiert.
Ich werde es versuchen. Die Leute sind freundlich."

"Es sind schon wieder Ferien. Zwei lange Wochen
keine Schule. Was kann ich nur tun? Nun gut,
ich mache jeden Tag einen Plan.
Am Morgen werde ich zwei Stunden Deutsch lernen.
Mittags werde ich kochen und essen und ausruhen.
Noch einmal zwei Stunden lernen.
Danach gehe ich raus und treffe vielleicht Freunde.
Am Abend gehe ich einkaufen und später
koche ich wieder. Mein Deutsch ist schon besser.
Ich muss noch mehr lernen. Noch ein Jahr zur
Schule gehen, dann einen Schulabschluss machen.
Meine Schwester hat mich angerufen.
Ihr Mann hat es geschafft, meine Geburtsurkunde
zu bekommen. Deshalb
muss er ein guter Mann sein!
Nun warte ich, dass er sie mir schickt.
Damit man mir in Deutschland glaubt,
aus welchem Land ich komme."

"Okay, ich bin bereit. Ich komme zur Ferienschule.
Ja, ich warte immer noch auf die Antwort
auf meine Bewerbung. Es dauert alles so lange.
Und dann muss ich auch noch lange warten,
bis die Ausbildung anfängt.
Ja, ich habe den Erste-Hilfe-Kurs gemacht.
Es hat Spaß gemacht. Und es ist interessant.
Ja, ich habe den alten Menschen geholfen beim
Praktikum im Pflegeheim. Ich wusste nicht,
was "Clo" bedeutet. Aber der Mann hat es
mir gezeigt. Ich habe ihn begleitet.
Es war einfach für mich."

Ramadan und Schule, Ramadan und Arbeit.
Ramadan in Deutschland.

"Das ist besonders schwer. Weil: hier geht die
Sonne so spät unter. Und nach 3 Uhr am Morgen
dürfen wir nicht mehr essen. Wir können hier
erst wieder um 21 Uhr essen und trinken.
Zuhause wird es um 18 Uhr Nacht. Der Tag
ist viel kürzer. Ja, ich bete fünfmal am Tag.
Und ich muss viel schlafen. Manchmal kocht
einer von uns für Viele. Am Tag fasten wir und
beten. Vielleicht kann ich abnehmen dabei."

"Die Situation in Afghanistan wird immer
schlimmer. Niemals hört man eine gute Nachricht.
Es sterben mehr Menschen in Afghanistan als in
Deutschland Tiere geschlachtet werden. Wenn in
meinem Dorf jemand stirbt, dann erfährt das
niemand, weil es dort keine Medien gibt, die
darüber berichten. So ist es überall in Afghanistan.
Mein Vater hat erzählt, dass die Taliban einen
jungen Mann und ein junges Mädchen
standrechtlich erschossen haben, nur weil sie
dachten, dass die beiden miteinander geschlafen
haben. Ob das stimmte, weiß keiner.
Ich kannte den jungen Mann, er war ein guter
Junge. Das hat mich tief erschüttert, als mein
Vater mir das erzählt hat. Ich kann nicht begreifen,
warum die Taliban so etwas tun."

Ferienschule in den Pfingstferien

Weil es für einige der Geflüchteten in den Schulferien zu wenig Tagesstruktur gibt, habe ich wieder, wie im letzten Sommer, dreimal in der Woche ein kleines Angebot für Sprachtraining gemacht. Wir treffen uns unter dem Sonnenschirm im Lebenshaus-Garten, breiten Sprachbücher und Papier aus. Sätze ergänzen, Steigerungen und Gegensätze aufzählen, sich in bestimmte Situationen, z.B. Wohnungssuche, versetzen und darüber reden. Auch Textaufgaben in Mathematik und Grundrechenarten üben. Verstehen, was die örtliche Amtsblattzeitung ist. Wie man damit Wohnungsangebote und anderes findet. Umgangssprache ist deutsch, auch untereinander.

Vorbereitung auf Klageverhandlungen vor Gericht

"Warum ist es so, dass ich jetzt nochmal zwei Monate warten muss bis auf den Termin?" "Ich habe etwas sehr Wichtiges nicht gesagt. Weil ich Angst hatte. Was soll ich nur machen?" "Ich möchte in Deutsch mit dem Richter sprechen. Auch wenn meine Kenntnisse nicht so perfekt sind. Aber vielleicht sieht er dann, dass ich hier bleiben will. Ich habe so viel gelernt in der Schule."

Meine Arbeit ist es, nachzudenken, zu beraten und teilweise bei Experten nachzufragen zu ganz speziellen Fragen, die jede Person aufgrund ihrer eigenen Geschichte stellt. Aber andererseits gibt es auch eine Gruppendynamik, die Erfahrungen vorangegangener Gerichtsverhandlungen wirken auf die Wartenden. Angst und teilweise auch Panik können sich schnell breit machen. Die Situation vor Gericht ist gänzlich unbekannt, Umgangsformen fehlen.

Derweil entwickeln sich natürlich die Beziehungen, die Persönlichkeiten werden immer deutlicher erkennbar, auch wenn man den Stress, unter dem sie stehen, berücksichtigt. Das Verhalten von Menschen, deren Aufwachsen mir fremd war, wird nachvollziehbar. Verstehen wächst. Selbst psychische Krankheiten werden verständlich, wenn man sie vor dem Hintergrund von z.B. Schuldgefühlen sieht, versagt zu haben, weil man geflohen ist.

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Fußnoten

Veröffentlicht am

03. Juli 2018

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