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Ein Abend im Juni 2016

Von Katrin Warnatzsch, Sozialer Friedensdienst im Lebenshaus (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 90, September 2016 Der gesamte Rundbrief Nr. 90 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 664 KB.)

Heftig pfeifende Vögel um mich herum, weil die Katzen herumschleichen und die jungen Vögel ernsthaft verteidigt werden müssen.

Das Gras und der Wegerich im Lebenshaus-Garten sind lang geworden, nach Tagen voller Starkregen und feuchten Nächten.

Auf der Bank sitzt ein lernender junger Mann, vertieft in ein Sprachbilderbuch. Es ist Ramadan, er ist sehr dünn geworden in den letzten Wochen, auch seine Haut schützt ihn weniger. Die Zeit ist länger an den Fastentagen, nicht unterbrochen durch Essenszeiten. Es gibt weniger Zwänge, die Struktur des Tages und der Nacht wird vor allem bestimmt durch Gebete und Ruhen. In der Nacht wird einmal gekocht und gegessen, sicher heißhungrig und ausgiebig.

Ich fange an, das Gras mit der Sense zu bearbeiten, aber schnell wird mir Ablösung angeboten.

Ein Gespräch entwickelt sich, langsam und traurig, zwischen den Sprachen hin und her. Holprig, aber eindeutig mit Gesten und Mimik, verständigen wir uns. Nicht zu Verstehendes wird im Übersetzungsprogramm des Handys nachgefragt oder auch mit der Körpersprache verdeutlicht.

Unmissverständlich ist es, dass der junge Mann Durst hat nach Beziehung, nach Nähe und Wärme. Kaum kommt ein Lüftchen auf, friert er. Nach einer halben Stunde fängt er an zu zittern, weil er angestrengt, berührt und auch hungrig ist. Er erklärt mir seine ganz menschlichen Bedürfnisse, hält sein Leiden nicht versteckt, erklärt seinen Mangel an Nähe, an Zuwendung und menschlicher Beziehung. Seit mehr als einem halben Jahr getrennt von seiner Familie musste er erkennen, dass es bestenfalls noch Jahre dauern wird, bis seine Frau mit den Kindern nachkommen kann. Und er wagt es nicht, dies seiner Frau zu erklären.

Wie kann er eine so unüberschaubare Lebenszeit überstehen, ohne nahe Beziehungen zu haben? Das kann er sich nicht vorstellen, schon jetzt entbehrt er so viel.

Wie ist es möglich, in Deutschland angekommen, Freundschaften aufzubauen, die die vermisste Qualität der Familienbeziehungen annähernd ersetzen könnten? Wie kann ein Mensch überleben ohne ernsthafte Beziehungen? Das ist nicht denkbar, ist unmenschlich und unzumutbar.

Einen Ausweg finden einige Geflohene darin, möglichst oft ihre Verwandten zu besuchen, die irgendwo anders in Deutschland gestrandet sind. Kaum ermöglicht das wenige Geld der Asylbewerberleistungen die Fahrkarten. Zudem entstehen dadurch z.B. Unterbrechungen bei den Sprachkursen, die überwiegend ehrenamtlich, also ohne Verpflichtung, angeboten werden. Lernen wird verlangsamt, Engagement wird von scheinbarer Unzuverlässigkeit der Lernwilligen ausgebremst. Folgewirkungen ohne Ende.

Die Verzweiflung und Angst der Geflüchteten, die sich in der Fremde fremd fühlen und doch so gerne und voller Vertrauen neu anfangen wollten, fällt wie ein Fels auf mein Herz.

Meine eigene Hilflosigkeit bedrückt mich. Ich sehe die Grenzen der Bürokratie, den gut verschleierten, irritierenden politischen Unwillen, diesen Menschen eine ehrlich gemeinte Chance des Neuanfangs zu geben. Die "erfolgreiche" Abschottung der Grenzen und damit angeblich "versiegende Flüchtlingszahlen" - was uns beruhigen soll. Die oft zeitintensiven Bemühungen wohlmeinender Menschen, den langweiligen Alltag der Geflüchteten in strukturierende Bahnen lenken zu wollen, mit ehrenamtlichem Sprachunterricht und "Freizeit"-Aktivitäten. Die Begrenztheit von Kommunikation. Und wie sehr es Glücksache ist, wenn jemand dann zwar Arbeit, vielleicht eine kleine Wohnung findet. Der selbstverständlich darauf vertraut hatte, dass er seine Familie nachholen kann. Um danach doch wieder mit Abschiebung bedroht zu werden und den Familiennachzug auf Jahre hinaus versagt oder ganz verunmöglicht zu bekommen. Die Einteilung in "für uns nützliche" Geflohene und solche, die einfach aus den "falschen" Staaten zu uns kamen, deren Lebenssituation aus unserer Sicht keine Flucht rechtfertigte. Also Menschen, die schon zuhause keine Lebenschancen mehr für sich sahen. Die Konkurrenzsituation unter den Geflüchteten verschiedener Ethnien, die zusammengepfercht in engen Unterkünften miteinander klar kommen müssen.

Unmöglich ist es, das Lebensgefühl in zerrütteten Staaten nachzuempfinden, zerstörte Lebensgrundlagen auf Generationen.

Bittende Engel stehen vor meinem Gott, für jeden der Geflüchteten ein Besonderer: Möge ihnen Gutes begegnen, sie behütet werden vor den Abgründen, von freundlichen Menschen begleitet werden, die wirkliches Interesse an ihnen haben. Auswege sollen sich auftun, Wunder geschehen, Bürokratie schrumpfen, die Menschlichkeit sich durchsetzen.

Ich kann nichts dafür, dass ich in Deutschland geboren wurde, in einer Zeit ohne Krieg in unserem Land leben durfte, in relativer Sicherheit bin. Auch der junge Mann kann nichts dafür, in einem von Krieg gezeichneten Land aufgewachsen zu sein. Er hat sich aufgemacht, um die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben auszudrücken. Das verdient unseren größten Respekt, unsere Freundschaft und unser Vertrauen. Und unsere gemeinsame Lage, die uns durch Geflüchtete bewusst werden kann, könnte zum großen Umdenken führen. Das ist meine Hoffnung.

Fußnoten

Veröffentlicht am

11. September 2016

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