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GELD - Der Geist aller Dinge?

Von Thomas Gebauer

Manchmal ist es das Groteske, das verdeutlicht, woran die Welt krankt. Und mitunter reichen dafür schon wenige Worte. "Bringing Medicines into Low-Income Markets" lautet der Titel einer Studie, die das Bundesentwicklungshilfeministerium (BMZ) kürzlich in Berlin auf dem von der Industrie dominierten "World Health Summit" vorgestellt hat; ein Titel, der keinen Zweifel daran lässt, warum sich die globale Gesundheitspolitik auf dem Holzweg befindet. Denn wenn es nicht mehr um soziale Gemeinwesen geht und nicht einmal mehr um Länder, sondern allein noch um Märkte, seien sie "einkommensschwach" oder renditeträchtig, dann muss sich Politik auch nicht mehr an den Bedürfnissen von Menschen ausrichten, sondern nur noch die Entwicklung von "innovativen Geschäftsmodellen" im Auge haben. So steht es tatsächlich in der begleitenden Presseerklärung des BMZ: Die Welt - ein einziger großer Markt; Politik als Wegbereiter von Business.

Um die Dinge der Menschen steht es schlecht, wenn sich alles nur noch um Warentausch und Märkte dreht: Märkte, für die Anreize zu schaffen sind, deren Vertrauen es zurückzugewinnen gilt, die von Finanzinstitutionen, wie z.B. Internationaler Währungsfonds oder Weltbank, stabilisiert werden; Märkte, die sich schließlich auch der immer größer werdenden sozialen Herausforderungen annehmen sollen. Letzteres forderte als einer der Hauptredner auf dem Berliner Gesundheitsgipfel Josef Ackermann.

Unter Bezugnahme auf Goethes "Faust" brachte Karl Marx in seinen Frühschriften eben solche Umstände auf den Punkt: "Das Geld ist der wirkliche Geist aller Dinge." Goethe, der zehn Jahre lang Finanzminister in Weimar war, wusste, was sich da mit dem aufkommenden Kapitalismus zusammenbraute. Lange bevor der Skandal des Handels mit Derivaten die destruktive Seite des Kapitalismus offenkundig gemacht hat, schilderte Goethe die neue Wirtschaft als Fortsetzung von Alchemie, als Wertschöpfung, die sozusagen aus dem Nichts gelingt. Der Preis dafür allerdings ist hoch. Macht und Reichtum erzielt nur, wer seine Seele verkauft, wer sich dem abstrakten Prinzip des Geldes ergibt.

Bemerkenswert, wie sich die Mächtigen heute gegenseitig als "Mephistos" beschimpfen. Die Banker seien welche, lässt der Kanzlerkandidat der SPD mitunter verlauten. In Ackermann erblicke man "das warme, freundliche und teuflische Gesicht des Kapitals. Mephisto kann auch warm sein", meinte kürzlich Daniel Cohn-Bendit. Bundesbankpräsident Weidmann sieht im Chef der Europäischen Zentralbank Mario Draghi einen Mephisto, etc., etc.

Kapitalismus ist ein Kult, der nur deshalb alternativlos erscheint, da er sich mit scheinbarer Rationalität und Wissenschaftlichkeit umgibt. Das Teuflische an diesem Kult ist, dass er zwar um das kommende Unheil von Anfang an weiß, aber am Ende ausgerechnet diejenigen ausstößt, die ihm - ohne sich zu bereichern - aufgesessen sind. Eher, so zeigt es sich heute in Griechenland, werden ganze Bevölkerungsteile abgeschrieben, als das Prinzip, das die Katastrophe verursacht hat, korrigiert.

Der holländische Maler und Mitbegründer der "Situationistischen Internationale" Constant N. verfasste 1959 eine Erklärung, die noch heute zum Nachdenken anregt. Statt die Börse von Amsterdam, die damals in einem erbärmlichen Zustand war, zu renovieren, empfahl er deren Abriss und die Rückgabe des so wieder gewonnenen Grund und Bodens an die Leute des Viertels: als Lebensraum von Menschen.

Quelle: medico international , medico Rundschreiben 04/2012.

Veröffentlicht am

20. November 2012

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