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Die Atombombe als Lebens- und Todesversicherung

Mit seiner Iran-Politik fördert US-Präsident Trump, was er angeblich vermeiden will: Die Verbreitung von Atomwaffen.

Von Erich Gysling

Will er "denuklearisieren" oder nicht? Wenn ja: Was heißt das? Wenn jein: Wie viele Bomben wird er (gemeint ist immer Nordkoreas Präsident Kim Jong-un) noch für wie lange behalten? Und was würde US-Präsident Donald Trump dem dicken "little rocket man" (Trump über Kim) allenfalls schenken, wenn er dies oder jenes täte?

Reich würde Nordkorea, sagte Trump, wenn Kim Jong-un all das täte, was das wundervolle Amerika von ihm wolle. Und für unbeschränkte Zeit, so das Gerede des obersten Chefs der angeblich demokratischsten Nation der Welt, dürfe der Diktator an der Macht bleiben, egal, ob er weitere Verwandte und Widersacher durch Maschinengewehre oder Gift um die Ecke bringen oder sein Volk wieder einmal durch eine Hungerperiode zwingen wolle.

Die Welt rätselt, was Trump und Kim meinen

Jetzt rätselt die Welt wieder, wie ernst es Trump und Kim Jong-un meinen. Kein Tag ohne Rätselraten, ob die beiden sogenannten Staatsmänner demnächst persönlich zusammen kommen, oder ob sie erst einmal durch untere Chargen Sondierungen anstellen werden. Doch, so schreiben die einen, Südkoreas Präsident habe erkannt, dass Kim es mit der "Denuklearisierung" ernst meine. Nein, entgegnen andere, Kim habe nie Klartext gesprochen, ob er auf seine Atomwaffen wirklich verzichten wolle. Vielleicht, rätseln die Dritten, gäbe es ja einen Mittelweg.

Nüchtern betrachtet: Für Kim Jong-un sind die paar Atomwaffen, die er offenkundig hat, überlebenswichtig. Sie können in noch so miserablem Zustand, noch so "schmutzig" und vielleicht nicht mal ordentlich mit einer in Nordkorea zusammengebauten Rakete vernietet sein - das alles spielt keine Rolle. Wichtig ist: Nordkorea ist eine Atommacht. Deshalb, nur deshalb, ist Trump ja auch bereit, mit dem "little rocket man" an einen Tisch zu sitzen.

Nordkoreas Präsident wäre lebensmüde, wenn …

Dumm nur, dass die wirre Entourage Trumps immer wieder Äußerungen macht, die Kim Jong-un aufschrecken müssen. John Bolton, Sicherheitsberater (nennen wir ihn besser Unsicherheitsberater), sprach offen vom "Libyen-Szenario", womit gemeint ist: Wer auf die Entwicklung einer Atombombe verzichtet, wird entmachtet und umgebracht.

Er hätte auch vom Irak-Szenario reden können: Saddam Hussein verzichtete ebenfalls auf die Weiterentwicklung eines nuklearen Programms, um die USA günstig zu stimmen. Auch er wurde entmachtet und hingerichtet. Und nun soll also Kim Jong-un ebenfalls zu Kreuze kriechen und den US-Amerikanern sagen: Ja, doch, bitte, macht mit mir, mit uns, was ihr wollt, hier sind unsere Bomben und unsere Bombenpläne…

Kim Jong-un wäre strohdumm oder lebensmüde, würde er sich auf dieses Screenplay einlassen. Gewiss, er wünscht sich ein Gipfeltreffen mit Trump - toll, wie sich das für das nordkoreanische Publikum bildlich auswalzen ließe, faszinierend, wenn das Alles die Welt-Öffentlichkeit mit verfolgen könnte. Aber man kann auch schon recht genau vorhersagen, was inhaltlich beim Tète-a-tète passieren wird: Kim wird von der ach-so-ersehnten Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel sprechen, Trump wird zustimmend nicken. Was Kim fordert, wird dem US-Amerikaner schleierhaft bleiben. - Trump wird, das wage ich voraus zu sagen, nicht erkennen, dass damit der Abzug der US-Truppen aus Südkorea, vielleicht sogar aus einem weiteren Raum, gemeint ist. Man wird ein Communiqué veröffentlichen, auseinander gehen - und nichts wird sich wirklich ändern.

Donald Trump kommt das zweifelhafte Verdienst zu, Atomwaffen wieder salonfähig gemacht zu haben. Alles, was er im Umfeld des Nordkorea-Problems äußerte, heißt: Wer eine Atombombe hat, wird respektiert, wer keine hat, muss mit Absetzung, mit Regime-Change, rechnen.

Irans Verzicht auf Atompläne und die Folgen

Das gilt jetzt vor allem auch für Iran. Das Regime Teherans hat durch das Abkommen von 2015 auf alles verzichtet, was die Techniker in irgend einer Anlage des Landes in die Lage hätte versetzen können, Pläne in Richtung Atombombe weiter zu verfolgen. Iran ließ angereichertes Uran ins Ausland (nach Russland) transportieren, schloss Anlagen, stellte Zentrifugen ab, öffnete seine Installationen rückhaltlos für die IAEA-Inspektoren. Iran wurde zum best-kontrollierten Land der Welt, zum Musterschüler sozusagen. Nur: Iran verfolgte weiterhin seine eigenwilligen, aus westlicher Perspektive problematischen, Regional-Strategien, ließ sich vor allem nicht davon abhalten, in Syrien dem Assad-Regime zu Hilfe zu kommen.

Ob das sinnvoll, allenfalls sogar notwendig oder zumindest nachvollziehbar ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Iraner und die Russen haben in Syrien jedenfalls ein klares Ziel: Assad soll an der Macht bleiben. Der Westen anderseits weiß immer noch nicht so recht, ob Assad zumindest für eine Übergangszeit noch geduldet werden müsse. Mehrheitlich sagen die westlichen Staaten Jein - auch Israel agiert in dieser Richtung. Dabei beteuern alle wiederholt, ein Regimewechsel in Damaskus sei nicht geplant. Aber alle Westmächte fordern unisono, Iran solle auf immer und ewig auf Atomwaffen verzichten.

Weltsicht aus der Perspektive Irans

Damit ergibt sich eine absurde Situation: Eigentlich wollten die tonangebenden Kräfte in Teheran (im Gegensatz zur immer mehr oder weniger kraftvollen, konservativen Minderheit) nie die Direttissima zur Atombombe einschlagen. Sie wollten, anderseits, für einen "Notfall" allerdings, einen Punkt erreichen, von dem aus sie jederzeit möglichst schnell eine Atombombe hätten konstruieren können. Das gilt für die Zeit vor 2003 (damals stoppte Iran die wesentlichen Forschungen) und bis 2009 (bis zu diesem Jahr gab es immer noch gewisse Forschungen, aber die erhielten keine Unterstützung mehr von oben). Danach wurden Gedankenspiele in Richtung Atombombe nur noch von einer Minderheit getragen, und ab 2015 gerieten sie ins radikal-intellektuelle Abseits.

Aber jetzt sieht alles anders aus. Versetzen wir uns, bitte einmal in die Weltsicht aus der Perspektive Teherans: Rund um Iran haben die USA 46 militärische Stützpunkte, in Irak, Azerbeidzjan, den Arabischen Emiraten, im Persischen Golf, in Afghanistan etc. Diese 46 sind Teil des gesamten US-Militär-Netzwerks mit 784 Stützpunkten, weltweit.

Blicken die Iraner, von Teheran aus, nach Osten, erkennen sie: Die USA haben in Afghanistan Regime-Change realisiert (ohne nachhaltigen Erfolg allerdings). Blick nach Westen: Auch in Irak vollführten die USA, durch den Krieg gegen Saddam Hussein, den Regime-Change. In Syrien versuchten die USA ebenfalls, einen Regime-Wechsel durchzusetzen (ja, klar, da ist alles komplizierter, es gab und gibt auch weiterhin einen starken inner-syrischen Wunsch nach grundlegendem Wandel). Und nur etwas ferner, in Israel, profiliert sich Netanyahu mit der Drohung, super-effiziente Waffen auf Ziele in Iran einzusetzen. Das müsse bald, sehr schnell, geschehen, sagt Netanyahu (sagen in Washington auch John Bolton und Pompeo), denn je länger man zuwarte, desto größer werde die Gefahr, dass Iran eben doch noch eine Atombombe konstruieren könne.

Wenn Prognosen sich selbst erfüllen

Das ist möglicherweise "self-fulfiling prophecy". Je labiler die Weltlage, aufgrund der erratischen Trump-Politik, wird, desto breitflächiger wird das Gedankenspiel mit der Atombombe. Nordkorea ist erfolgreich, weil seine Diktatur rasant schnell voranging. Pakistan und Indien gingen ähnlich zügig voran, um Atommacht zu werden. Israel konnte sein Kernwaffenpotential hemmungslos entwickeln, weil die so genannte internationale Gemeinschaft (geführt von den USA, gefolgt von Westeuropa) willig die Augen verschloss und weiterhin verschließt. Und alle, die nun die Superwaffe haben, wissen: Niemand wird gegen mich einen Krieg lancieren.

Man sagt gerne, Atomwaffen seien eigentlich nutzlos - einsetzen könne, dürfe man sie ja auf keinen Fall (auf fast keinen Fall, dürfen wir Nachgeborene sagen, nachdem die USA die Bombe 1945 über Japan eingesetzt hatten). Aber heute präsentiert sich vieles anders: in der jetzigen Situation sind Atomwaffen Lebensversicherungen. Jetzt für Kim Jong-un - in der Zukunft für - ja, für wen?

Dass eine solche Frage überhaupt in die öffentliche Diskussion geraten kann, ist, wie erwähnt, das "Verdienst" eines Manns, Donald Trump.

Weiterführende Informationen:

Quelle: Infosperber.ch - 28.05.2018.

Veröffentlicht am

29. Mai 2018

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