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Nine-eleven 1906 “Der Beginn von Satjagrah” - historisch wichtiger als 9/11 2001

Von Martin Arnold

Das Thema unserer JahrestagungEs lautete: "Den Kreuzzug durchkreuzen - 10 Jahre "Krieg gegen den Terror"". Dies ist der überarbeitete Kurzvortrag zur Eröffnung der Jahrestagung des Bundes für Soziale Verteidigung in Minden am 18. März 2011. hat einen sehr traurigen Anlass. Vor zehn Jahren wurde der sogenannte "Krieg gegen den Terror" ausgerufen, der mit dem Anschlag am 11. September 2001 in den USA begründet wurde. Diese Ereignisse haben bereits Geschichte geschrieben.

Ebenfalls an einem 11. September und zwar im Jahr 1906 fand in Südafrika ein anderes wichtiges Ereignis statt.

Es hat ebenfalls Geschichte geschrieben und seine historische Bedeutung ist größer als die des 11. September 2001. Dazu ein paar Informationen und Einschätzungen. Mohandas K. Gandhi hat das Ereignis beschrieben und zwar in seinem Buch "Satyagraha in South Afrika", das in einer Übersetzung von Wolfgang Sternstein in diesem Jahr endlich in deutscher Sprache erscheinen soll,Gandhi. Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Shriman Narayan, bearbeitet von Wolfgang Sternstein. Göttingen 2011, Bd. 2. (W. Sternstein benutzte als Übersetzer das Wort Gütekraft noch nicht. Er übersetzte non-violence meist mit Gewaltfreiheit und ließ oft das indische Wort in der englischen Schreibweise satyagraha stehen.) - Ich benutze "Electronic Book Collected Works of Mahatma Gandhi". ( www.gandhiserve.org ). unter der Kapitelüberschrift "Der Beginn von Satjagrah".

Was geschah am 11. September 1906?

Dreitausend Inder versammelten sich an diesem Tage im Empire Theatre in Johannesburg, sodass es aus allen Nähten platzte. Der Grund: Die südafrikanische Regierung hatte den Entwurf eines neuen Gesetzes veröffentlicht. Es war ein rassistisches Gesetz. Angefangen mit diskriminierenden und demütigenden Registrierungs- und Passvorschriften, fortgesetzt mit der Androhung drastischer Strafen beim Verstoß dagegen bis zur Ausweisung und vollendet mit Sondervollmachten für die Polizei, lief es nach Gandhis Befürchtung als erster Schritt darauf  hinaus, die indische Minderheit aus Südafrika zu vertreiben.

Auf der Versammlung am 11. 9. wurden engagierte Reden dagegen gehalten und Resolutionen besprochen. Ein Moslem sagte, er werde sich diesem Gesetz niemals unterwerfen, und rief Gott als Zeugen dafür an.

Gandhi schreibt, dass er über diese feierliche Erklärung "aufgeschreckt und alarmiert" war. Und dann erklärte er den Anwesenden, welche Bedeutung diese besondere Art der Selbstverpflichtung habe. Es sei ein Unterschied, sich etwas vorzunehmen - und vielleicht später davon abzuweichen - oder etwas vor Gott zu versprechen. Er befürwortete, dass die Anwesenden letzteres tun sollten, aber für ein Gelübde dieser Art müsse man sowohl ein "robuster Optimist", als auch auf das Schlimmste gefasst sein. Und dann schilderte er, was denjenigen drohen könne, die eine solche Selbstverpflichtung eingehen: Polizeiprügel, Geldstrafen, Enteignung, Gefängnis, Hunger, äußerste Hitze oder Kälte, harte Zwangsarbeit, Auspeitschen, Folter, Tod. Und er führte die Bedeutung weiter aus. Schließlich stand einer nach dem andern auf und die ganze Versammlung, die aus Hindus und Moslems bestand, leistete diesen Eid durch Erheben der Hand. Im weiteren Verlauf der Aktivitäten bekräftigten die führenden Inder auf Gandhis Anregung hin diese Selbstverpflichtungen nochmals durch persönliche Gelöbnisse.

Was ist also Satjagrah, wenn das der Beginn ist, wie Gandhi schreibt?

In den folgenden Kapiteln seines Buches erläutert er, was Satjagrah bedeutet. Besonders darum ist es ein sehr wichtiges Werk der Weltliteratur.

Was bedeutet Satjagrah?

Gandhi hat dieses zusammengesetzte Wort selbst gebildet, weil er für seine Streitkunst kein passendes vorfand und mit "passive resistance", "passiver Widerstand", nicht zufrieden war. Er erklärt es, ich zitiere wörtlich:

"Wahrheit (Satya) bedeutet auch Liebe, und Festigkeit (agraha) erzeugt und dient als Synonym für Kraft. […] ‚Satyagraha’ bezeichnet also die Kraft, die aus Wahrheit und Liebe geboren wird. […] Satyagraha ist Seelenkraft, rein und einfach."

In einem Nebensatz erwähnt er auch die dabei wichtige Absicht der Gewaltfreiheit: "Bei Satyagraha gibt es nicht im Entferntesten die Absicht, den Gegner zu schädigen."

Die Hauptsache ist für Gandhi nicht die Gewaltfreiheit, sondern die Kraft. Das Wort dafür ist agraha. Als Tätigkeit ist es Festigkeit, Durchhalten. Das ist natürlich dann von Bedeutung, wenn es etwas kostet oder wenn es mit einem Risiko verbunden ist. Es erinnert an das Wort, das in Lateinamerika an den Stellen benutzt wird, wo wir gängig von Gewaltfreiheit sprechen: "firmeza permaente", dauernde Festigkeit.

"Gewaltfreiheit" benennt nicht, worauf es Gandhi ankommt: Festigkeit, Kraft von Wahrheit und Liebe, Wohlwollen und Gerechtigkeit, Gütekraft.

Wie ging es damals in Südafrika weiter?

Eine Delegation wurde nach London geschickt, weil England seinerzeit Kolonialmacht über das Gebiet war. Die Zuständigen dort machten Zusagen, die sich aber bald als wertlos erwiesen. Am 1. Juli 1907 trat das Gesetz in Kraft. Von den 13.000 Inderinnen und Indern unterwarfen sich nur 500 dem Gesetz, ein großer Erfolg der indischen Gemeinschaft in Südafrika. Daraufhin griff die Regierung zur Bestrafung zunächst eines prominenten Inders.

Das ging in der öffentlichen Meinung für die Regierung nach hinten los, denn der Mann wurde gefeiert. Dann wurden mehrere festgenommen, es folgten schwere Repressalien, die Auseinandersetzung zog sich hin und wurde immer schmerzhafter.

Neue Themen kamen hinzu, das Betreten bestimmter Areale wurde der indischen Bevölkerung verboten, Kontraktarbeiter streikten, die Sympathien in der Öffentlichkeit gingen hin und her. Die Zahl der Aktiven schmolz auf nur noch 16 zusammen, die durchhielten, später machten wieder viele mit. Die Einzelheiten sind hier nicht wichtig. Nach acht Jahren kam der Kampf, wir würden heute sagen, es war ein Streit für Menschenrechte, zum Erfolg. Gandhi fuhr 1914 in seine Heimat Indien zurück: als neues Gebiet, in dem er Satjagrah für die Befreiung von der britischen Kolonialmacht anwenden wollte - mit Erfolg nach 30 Jahren. Diesen Erfolg kommentiert die Historikerin Gita Dharampal-Frick mit den Worten: "Indiens Aufbruch in die Unabhängigkeit muss als eines der Schlüsselereignisse in der Geschichte des 20. Jahrhunderts gelten, und dies nicht nur, weil die Demission des Britischen Weltreiches in Indien nach einer fast zweihundertjährigen Herrschaft über den Subkontinent den größten ‚Transfer of Power’ in der modernen Geschichte darstellt, sondern auch, weil dieses Ereignis die Initialzündung zu weltweiten Entwicklungen bildete und den Anfang vom Ende der großen westeuropäischen Kolonialreiche bedeutete."

Wieso war nun aber der 11. September 1906 der "Beginn" von Satjagrah, der Beginn des gütekräftigen Vorgehens zunächst gegen die diskriminierenden Gesetze in Südafrika und dann weiter in Indien mit großen Folgen weltweit?

Das Wesentliche ist die ernst gemeinte Selbstverpflichtung.

Verallgemeinert bedeutet sie: Es wird erkannt, dass an dem Missstand auch die, die darunter leiden, einen Anteil haben - hier: wenn sie dem Gesetz folgen. Hierin steckt das Muster zur Betrachtung der Tyrannei, das Étienne de la Boétie bereits im 16. Jahrhundert beschrieb: Die Untertanen geben dem Diktator, geben den Herrschenden Macht - eine Schlüsselerkenntnis für gütekräftiges Vorgehen gegen Machtmissbrauch.

Der erste Schritt jedes gütekräftigen Vorgehens ist die Frage nach dem eigenen Anteil am Unzumutbaren. Denn diese Frage führt zur Erkenntnis von Möglichkeiten, durch eigenes Tun oder Lassen Wirkungen in Bezug auf den Missstand zu erzielen, d.h. Kraft zu entfalten.

Gütekraft wird dadurch wirksam, dass Menschen ihre eigenen Anteile an einem Missstand abzubauen beginnen. Solches Handeln steckt an, es zieht Kreise wie ein Stein Wellen schlägt, der ins Wasser geworfen wird.

Das ist Aktivität. Andere dabei nicht zu schädigen, ist ein wichtiger Nebenaspekt, nicht die Hauptsache, die Gandhis Wortschöpfung Satjagrah benennt.

Gandhi selbst schuf kein englisches Wort dafür, sondern gab Satjagrah irreführend als non-violence, Gewaltfreiheit, wieder. Das führte weltweit zu Missverständnissen über ihn. Er war nicht "Apostel der Gewaltlosigkeit", wie er weltweit genannt wurde. Er war Experimentator der Gütekraft.

Satjagrah beginnt, Gütekraft entfaltet sich, wenn Menschen vor einem Missstand nicht kapitulieren, sondern ernsthaft nach eigenen Anteilen daran fragen und konsequent, auch wenn es mit Kosten und Risiken verbunden ist, diese Anteile abzubauen beginnen. Dazu gehört natürlich Weiteres, das ich jetzt nicht ausführen kann. Die Deutsche Stiftung Friedensforschung hat mir die wunderbare Möglichkeit eröffnet, diese Zusammenhänge auch über Gandhi hinausgehend gründlich zu erforschen.Arnold, Martin (2011): Gütekraft. Ein Wirkungsmodell aktiver Gewaltfreiheit nach Hildegard Goss-Mayr, Mohandas K. Gandhi und Bart de Ligt. Mit einem Geleitwort von Johan Galtung. Baden-Baden: Nomos-Verlag (erscheint im Herbst 2011).

Gandhis weltgeschichtliches Verdienst ist es, das Konzeptionelle dieser Streitkunst erfasst zu haben, Experimente damit gemacht und diese bis ins Detail dokumentiert und der Menschheit zur Verfügung gestellt zu haben.

Wer diese Streitkunst praktiziert, wer gütekräftig streitet, richtet auch als Konfliktpartei durch die Auseinandersetzung nicht Schaden an, sondern strebt mit den anderen Beteiligten zusammen konstruktive, nachhaltige Lösungen an.

Dieser Impuls ist deshalb von geschichtlicher Bedeutung, weil am 11. September begann, dass die Streitkunst, nachdem sie längst vor Gandhi praktiziert worden war, nun als programmatisches Muster etabliert und bekannt wurde. Sie wurde als Handlungskonzept bald weltweit bekannt. In vielen Ländern griffen Menschen, die politisch oder für gesellschaftliche Verbesserungen engagiert sind, das Muster des gütekräftigen Vorgehens auf, wandten es ebenfalls erfolgreich an und entwickelten neue Aktionsformen. Viele gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen bis hin zu den jüngsten Umwälzungen in arabischen Ländern sind davon beeinflusst. Wo sich Menschen vor der öffentlich sichtbaren Konfrontation intensiv vorbereiten und entsprechende Haltungen und Methoden einüben, wie es in Ägypten etwa bei den Gruppen "Kifaya", "Bewegung 6. April" und "Academy of Change" der Fall warSiehe Gabriel Carlyle: Revolutionary Homework ( http://www.peacenews.info/issu/2534/25341308.html )., kann die Stärke des gütekräftigen Vorgehens erstaunlich schnell zu Veränderungen führen. Auf diesem programmatischen Impuls, der am 11. September 1906 begann, bauen auch wir als Bund für Soziale Verteidigung auf.

Quelle:  www.martin-arnold.eu .

Fußnoten

Veröffentlicht am

18. April 2011

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