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Der reale Energiemarkt macht die Klimapolitik wirkungslos

Die Ölförderung kann die wachsende Nachfrage weiterhin decken. Darum bleibt der Ölpreis tief und die Klimapolitik machtlos.

Von Hanspeter Guggenbühl

Das weltweite Angebot an Erdöl folgt der weiter wachsenden Nachfrage. Das liegt primär an den USA, die ihre Förderung von Schieferöl mittels Fracking bis 2023 weiter steigern, wie die Internationale Energieagentur in ihrem neusten Branchenbericht prognostiziert. Das ist eine gute Nachricht für Ölverbraucher, aber eine schlechte für die Umwelt- und Klimapolitik. Denn sie dämpft die Hoffnung auf eine baldige Verknappung und steigende Preise für den dominierenden, CO2-emittierenden Energieträger Erdöl.

Vor zehn Jahren war das noch anders, denn bis 2008 erwarteten Energiepropheten, angeführt vom Geologen Colin Campbell, der Höhepunkt der globalen Erdöl-Förderung (Peak-Oil) werde demnächst überschritten. Selbst die wachstumsgläubige Internationale Energieagentur (IEA) warnte 2007: Schon ums Jahr 2015 könne das Ölangebot um 15 Prozent unter der weltweit wachsenden Nachfrage liegen. Der angekündigte Mangel trieb damals die Rohöl-Preise in die Höhe.

Förderung und Verbrauch von Erdöl wachsen weiter

Doch einmal mehr irrten sich die Prognostiker. Denn schon ab 2010 erhöhten die USA die Produktion von Schiefergas und Schieferöl explosionsartig; dies dank sinkenden Kosten für die chemiegestützte, umweltbelastende Fracking-Technik. Damit wuchs die Erdölförderung weiter, von 2010 bis 2017 weltweit um rund zehn Prozent. Das wachsende Angebot konnte damit die Nachfrage, die nach einem kurzen Einbruch 2009 ebenfalls wieder zunahm, locker decken. Und die vorübergehend auf über 100 Dollar pro Barrel (159-Liter-Fass) gestiegenen Ölpreise haben sich seit 2012 - bei jährlichen Schwankungen - wieder halbiert; dies obwohl Saudi Arabien und andere Opec-Staaten ihre Produktion zwecks Preisstützung drosselten.

Diese Entwicklung dürfte sich in den nächsten sechs Jahren fortsetzen. Das jedenfalls erwartet die IEA in ihrem "Ölmarkt-Report 2018" , den sie Anfang Woche veröffentlichte. Demnach wird die Ölnachfrage bis 2023 um weitere 6,5 Prozent zunehmen. Den Großteil dieser Nachfrage werden allein schon die Nicht-Opec-Staaten USA mit zusätzlicher Förderung von Schieferöl sowie Kanada, Brasilien und Norwegen decken.

Sollten die Opec-Staaten im Nahen Osten ihre Förderung ebenfalls ausweiten, wird das Angebot in den nächsten Jahren noch stärker zunehmen als die prognostizierte Nachfrage. In diesem Fall dürften die Ölpreise weiter sinken, was die Nachfrage und damit den Konsum von Erdöl-Produkten bis 2023 zusätzlich wachsen lässt.

Energiemarkt drängt Klimapolitik ins Abseits

Die neusten Perspektiven der IEA zum Ölmarkt bestätigen damit ihre früher veröffentlichten Weltenergie-Ausblicke. Demnach wird neben dem dominierenden Erdöl auch der Verbrauch von Kohle sowie Erdgas und damit der Ausstoß des Treibhausgases CO2 in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter wachsen. Diese Entwicklung steht jedoch im Konflikt mit dem klimapolitischen Abkommen, welches die Regierungen an der Klimakonferenz Ende 2015 in Paris beschlossen und an der Folgekonferenz 2017 in Bonn bekräftigten.

Dieses Klima-Abkommen verlangt, dass die globale Erwärmung der Erde gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter auf "deutlich weniger als 2 Grad Celsius, möglichst 1,5 Grad Celsius" begrenzt wird. Das erfordert eine drastische Reduktion des CO2-Ausstoßes und damit des Konsums von Erdöl, Kohle und Erdgas. Konkret: Um die Erderwärmung nur schon auf zwei Grad zu beschränken, müsste der globale CO2-Ausstoß bis 2020 auf dem Stand von 2016 stabilisiert, ab 2030 halbiert, ab 2040 auf einen Viertel und ab 2050 auf einen Achtel vermindert werden.

Der Klimapolitik fehlt der ökonomische Hebel

Das klimapolitische Abkommen von Paris ist darum kaum mehr wert als das Papier, auf dem es steht. Denn erstens schreibt es die Maßnahmen oder Unterlassungen nicht verbindlich vor, die nötig wären, um die Treibhausgase massiv zu reduzieren. Zweitens gibt es keine Sanktionen, falls die einzelnen Staaten ihre Ziele verfehlen. Vor allem aber fehlt der Klimapolitik heute der ökonomische Hebel, um die Förderung und den Konsum von fossilen Energieträgern und damit den Ausstoß von Treibhausgas zu vermindern, solange noch genügend fossile Energieträger im Boden lagern und die Weltgemeinschaft die Förderung dem Markt überlässt.

Das illustriert folgendes Beispiel: Wenn es gelingen sollte, die Nachfrage nach fossilen Energieträgern zu vermindern, sei es mit strengeren Verbrauchsnormen oder verstärkter Förderung von erneuerbaren Energieträgern, entstünde auf dem Öl-, Gas- und Kohlemarkt ein Überangebot. Ein Überangebot aber senkt die Marktpreise. Tiefe Marktpreise für fossile Energie schwächen die Rentabilität von Energiesparmaßnahmen oder erneuerbaren Energieträgern - und reizen ökonomisch dazu an, den Konsum von Erdöl, Erdgas oder Kohle wieder zu erhöhen.

Den real existierenden Energiemarkt korrigieren

Dieser unerwünschte Einfluss des Energiemarktes auf das Klima müsste politisch korrigiert werden. Das einfachste Mittel dazu wären Lenkungsabgaben, die fossile Energieträger voraussehbar und massiv verteuern und damit die Nachfrage senken. Oder Zertifikate, die den CO2-Ausstoß und damit den Einsatz von Erdöl, Erdgas und Kohle auf ein klimaverträgliches Maß begrenzen. Doch solche Mittel stoßen auf politischen Widerstand, der sich bisher nicht überwinden ließ. Darum hebelt der heutige Energiemarkt die Klimapolitik aus.

Dieser Hebel wird noch verstärkt, durch den Umstand, dass der real existierende Energiemarkt arg verfälscht ist. Denn die kurzfristigen Marktsignale lassen die langfristige Verknappung der nicht erneuerbaren Energieträger außer Acht, ebenso die Kosten für Umwelt und Klima, welche die Förderung und Verbrennung von fossiler Energie verursacht. Diese Kosten müssten verursachergerecht internalisiert, also auf die Preise der Energieträger überwälzt werden.

Doch die meisten Staaten tun heute das Gegenteil. Sie subventionieren den Einsatz aller Energieträger. Dazu zählen Kohleförderungs-Pfennige ebenso wie Subventionen für Benzin, Steuererlass für Flugzeug-Kerosin oder kostendeckende Einspeisevergütungen für Wind- und Solarstrom. Insgesamt, so ermittelte ein Bericht der IEA 2015, summieren sich diese Energiesubventionen weltweit auf über 600 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Davon entfallen vier Fünftel auf fossile Energie, ein Fünftel auf erneuerbare Energieträger.

Fazit: Solange die Staaten den fossilen Energieverbrauch mit einem energiepolitisch arg verfälschten Markt anheizen, bleiben ihre klimapolitischen Bekenntnisse leeres Geschwätz.

Steiniger Ausstieg aus dem Erdöl

Als Energieträger hat Erdöl bestechende Vorteile. Seine Energiedichte (viel Energie auf wenig Volumen) ist viel höher als jene von Erdgas, Wind- oder Solarkraft. Es ist problemlos lagerbar (hat viel weniger Gewicht und benötigt weit weniger Raum als Stromspeicher). Und es lässt sich ohne hohe Kosten aus dem Boden holen; inzwischen sanken auch die Kosten der umstrittenen Fracking-Technik.

Mit Förderabgaben, Subventionen und strengeren CO2-Grenzwerten im Verkehr versuchen nun einige Staaten im Norden, das Erdöl durch Elektrizität, möglichst aus erneuerbaren Quellen, zu ersetzen. Darum steigen einige wohlhabende Leute heute von ihren Mercedes oder BMW mit Diesel-Motor auf den Tesla und andere Autos mit Elektroantrieb um. Damit können sie ihren Endenergie-Verbrauch pro Kilometer Fahrt im Schnitt auf etwa die Hälfte senken.

Doch diese exklusive Form von Klimaschutz lässt sich nicht globalisieren. Denn damit Milliarden von Menschen, die in China, Indien oder Afrika leben, vom Mercedes auf den Tesla umsteigen können, müssen sie einen Mercedes erst einmal kaufen und damit herumfahren. Dazu aber fehlt es den meisten Menschen an Geld und dem Planeten an natürlichen Reserven. Der Planet mag acht Milliarden Menschen tragen, acht Milliarden großvolumige Autos mit überdimensionierten Motoren - ob öl- oder strombetriebene - erträgt dieser Planet nicht.

Weiterführende Informationen:

Quelle: Infosperber.ch - 10.03.2018.

Veröffentlicht am

12. März 2018

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