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Eine andere Welt ist möglich

Von Konrad Tempel

Es ist allgemeine menschheitliche Erfahrung, dass nicht nur positive Zukunftsvorstellungen, sondern genauso sichtbare Erfolge motivierend wirken. Deshalb taucht bei denen, die an gewaltfreiem Handeln interessiert sind, immer wieder die berechtigte Frage auf: Gibt es denn tatsächlich dokumentierte Erfolge aus früheren Jahrhunderten und aus der Gegenwart? Es gibt sie, auch wenn unsere Geschichtsbücher sie in der Regel nicht verzeichnen.

So schreibt 2003 der amerikanische Wissenschaftler Walter Wink:

"Aus jüngster Zeit gibt es aus aller Welt eine Reihe bemerkenswerter Erfolgsgeschichten gewaltfreier Kämpfe. Auf den Philippinen hat eine von Corazon Aquino mit kirchlicher Hilfe geführte gewaltfreie Revolution den Diktator Ferdinand Marcos aus dem Amt gefegt - bei nur 121 Toten. Grundlage für die Effektivität dieses Kampfes waren Trainings in gewaltfreier direkter Aktion … In Polen konnte die Gewerkschaft Solidarnosc die öffentliche Meinung gegen das kommunistische Marionetten-Regime unumkehrbar mobilisieren. Durch sie entstanden völlig außerhalb des Einflusses der offiziellen Gesellschaft eine Kultur, Literatur und Spiritualität des Untergrunds. Dies widerlegt die oft wiederholte Behauptung, dass das, was Mohandas Gandhi in Indien und Martin Luther King im amerikanischen Süden bewirkt haben, niemals unter einer brutalen sowjetgestützten Regierung funktionieren würde. Gewaltfreie Generalstreiks haben mindestens sieben lateinamerikanische Diktatoren gestürzt: Carlos del Campo in Chile (1931), Gerardo Machado y Morales in Cuba (1933), Jorge Ubico in Guatemala (1944), Elie Lescot in Haiti (1948), Arnulfo Arias in Panama (1951), Paul Magliore in Haiti(1956) und Gustavo Rojas Pinilla in Kolumbien (1957). Allein 1989/90 haben in vierzehn Ländern gewaltfreie Revolutionen stattgefunden, alle erfolgreich bis auf China … Daran beteiligt waren 1,7 Milliarden Menschen. Wenn wir die Zahlen aller gewaltfreien Bewegungen des 20. Jahrhunderts addieren, kommen wir auf 3,4 Milliarden, und - noch einmal - die meisten waren erfolgreich. Aber noch immer gibt es Menschen, die auf der Meinung beharren, dass es mit Gewaltfreiheit nicht klappt." (nach Wikipedia, "Nonviolence", Übersetzung KT)

Erstaunlicherweise ist es so, dass vielfach auch unter Anhängern gewaltfreien Handelns nur wenig Erinnerung an gelungene Aktivitäten vorhanden sind, und dass immer wieder neu auf die positiven Auswirkungen früherer Einzelvorhaben oder Kampagnen aufmerksam gemacht werden muss. Anscheinend ist das Gedächtnis der Menschheit nicht nur erstaunlich kurz für erduldete Leiden (Bert Brecht), sondern auch für geglückten, nicht-verletzenden Widerstand.

Wirkungen erkennen

Andererseits sind für die Akteure selbst die Wirkungen ihrer Protestformen häufig nur schwer erkennbar. Hierzu eine Erfahrung:

"Während des Koreakriegs gab es einen erheblichen Druck von Seiten einiger Zeitungen und Teilen der Öffentlichkeit auf die US-Administration, Atomwaffen gegen China einzusetzen, obwohl die amerikanischen Truppen formal als UNO-Einheiten eingesetzt waren. In dieser Situation startete der Internationale Versöhnungsbund eine symbolische Aktion mit kleinen Jutesäckchen, kaum handtellergroß, an die ein Bibelspruch geheftet war: ‚Hungert dein Feind, so speise ihn’ (Spr. 25.21 und Römer 12.20); auf der Rückseite stand: ‚Lebensmittelüberschuss nach China’. Diese Getreidesäckchen sollten an Präsident Eisenhower geschickt werden. Über die Auswirkungen der Aktion wurde nichts bekannt, bis 10 Jahre später ein damaliges Regierungsmitglied den Sekretär des Versöhnungsbunds ansprach: ‚Mr. Hassler, haben Sie etwas über die Wirkung Ihrer Aktion gehört?’ ‚Wir haben im Kabinett Eisenhauer dreimal über diese Sache gesprochen.’ Als der Präsident erfuhr, dass 50.000 Säckchen eingegangen waren, sagte er: ‚Wenn sich so viele Leute aufregen, kein Wort mehr über den Einsatz von Atomwaffen!’ Danach war nie mehr von der möglichen Eskalation die Rede." (Gewaltfreie Aktion 59/60, 1984, S. 5)

Die Aktion selbst ist wichtig

Es wäre absurd, bei einer zielgerichteten Aktivität gleichgültig gegenüber dem Erfolg zu sein. Wer sich für etwas engagiert, macht dies sowohl in der Absicht, etwas zu erreichen, als auch in der Hoffnung, dass die Bemühung tatsächlich gelingt, wobei es in politischen Zusammenhängen häufig in ersten Schritten nur darum geht, öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Gleichwohl gibt es Situationen, in denen es u. U. nachrangig wird, nach dem Ergebnis zu fragen.

Als die deutsche "Lebenslaute"-Gruppe, die seit 1986 durch Musizieren ihren Protest gegen Zerstörungs- und Gewaltmaßnahmen ausdrückt, zu Beginn des ersten Golfkriegs die Zufahrt zu der amerikanischen Air Base bei Frankfurt mit der Aufführung von Mozarts Requiem blockierte, um das NEIN musikalisch und zugleich entschieden zu artikulieren, konnte für einige Stunden zwar kein Fahrzeug den Flughafen erreichen oder verlassen, aber die Polizei hielt sich ebenso fern wie das Bodenpersonal. Das zuvor sorgfältig geübte Werk wurde professionell und mit großem Ernst gesungen, aber niemand hörte zu - außer den Beteiligten selbst. Denselben verkehrsbehindernden Effekt hätten genauso hundert abgestellte Autos gehabt, nur wäre die Rückwirkung auf die Protestierenden anders gewesen. Hier wurde gesungen, und zwar mit starker Intensität. Und, wie berichtet, fühlten alle Sänger und Instrumentalisten stärker als in anderen politischen Situationen das Gefühl des Eins-Seins mit Gleichgesinnten, vielleicht mit den Werten der Kultur, in jedem Fall aber mit sich selbst. Niemand weiß, welchen Eindruck diese Aktion auf die gemacht hat, gegen die sie gerichtet war: Die involvierten Politiker und Militärs.

Überall auf der Welt müssen diejenigen, die Anderen Wissen oder Einsichten vermitteln wollen, damit leben, dass ihnen nicht alle Ergebnisse ihrer Bemühungen zugänglich sind; ihre primäre Aufgabe ist es zu säen, nicht zu ernten. Sie brauchen lebensnotwendig das Vertrauen, dass ihr eigenes Tun redlich und richtig ist, und dass es positive Folgen hat. Ob es gelingt, liegt nicht in ihrer Hand. Ähnlich ist es mit vielen zivilgesellschaftlichen Aktivitäten von den Graswurzeln her, und eigentlich trifft das existentiell auf jedes menschliche Handeln zu.

Hierzu Thomas Merton, ein amerikanischer Mystiker und Anhänger der Gewaltfreiheit: "Mache dich nicht abhängig von der Hoffnung auf Erfolge. Du musst damit rechnen, dass all dein Bemühen womöglich fruchtlos bleibt. … Du wirst dich allmählich immer mehr auf den Wert, auf das Richtigsein, auf die Wahrheit deiner jeweiligen Arbeit konzentrieren, und immer weniger auf die Ergebnisse." (Zitiert von Dorothee Sölle "Mystik und Widerstand", Hamburg 1997, S. 290)

Konrad Tempel war Initiator der deutschen Ostermärsche "gegen Atomwaffen jeder Art und jeder Nation" 1960, beteiligt an der Gründung der Bildungs- und Begegnungsstätte / Kurve Wustrow, des Bunds für Soziale Verteidigung, des Forum Ziviler Friedensdienst und der Nonviolent Peaceforce und dort jeweils langjährig verantwortlich engagiert, Quäker.

Quelle: FriedensForum 3/2010 - Der Text wurde entnommen aus: Konrad Tempel (2008), Anstiftung zur Gewaltfreiheit. Über Wege einer achtsamen Praxis und Spiritualität, Berlin :AphorismA Verlag (ISBN 978-3-86575-005-1), S. 24ff.

Veröffentlicht am

14. August 2010

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