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kontertext: 50 Jahre nach 1968

50 Jahre 1968: Das Datum fordert eine Debatte um den Stellenwert eines intellektuellen Diskurses heraus.

Von Silvia Henke

Erst 2008 begann man sich in der Schweiz mit der 68-Bewegung überhaupt zu beschäftigen. Mit ein Auslöser waren die 50 biographischen Porträts , die Heinz Nigg verfasst hat. Dabei stellte man die Unterschiede zu den Nachbarländern heraus und beeilte sich zu sagen, dass 1968 in der Schweiz bedeutend unpolitischer war als in Frankreich und Deutschland, mehr an einzelnen Figuren und Ereignissen erkennbar denn an einer eigentlichen "Bewegung". Diesen Winter nun trägt eine Ausstellung im historischen Museum Bern zu einigen Vertiefungen bei. Zum einen fragen die Ausstellungsmacher, welche Spuren dieser bewegten Jahre in Politik, Kultur und Alltag zu sichern wären. Zum andern verharren sie ohne wirkliche Synthese darüber, was heute von jenem 1968 nachdenkens- und bewahrenswert geblieben ist. Um das 50-Jahre-"Jubiläum" jedoch nicht zu verpassen, kann das Ereignis nicht wie ein historisches Stück hervorgeholt und bald wieder versorgt werden.

2018/1968 - ein Jubiläum?

Mit Walter Benjamin kann man davon ausgehen, dass es eines Gegenwartsstandpunktes bedarf, um überhaupt ein Objekt der Vergangenheit hervorzubringen. Vergangenheit in diesem Sinn heißt, dass die Geschichte niemals ganz vorbei ist; Geschichte ist immer nur insoweit interessant, als sie die Gegenwart lesbarer macht.

Dabei geht es weder darum, an alten Dogmen und Ideologien der 68er festzuhalten, noch darum, sich von etwas abzukoppeln, das in keiner Weise erledigt ist. Vielmehr muss sich das Datum dem intellektuellen Diskurs öffnen. Zumal es genügend Reflexe gibt, die bestrebt sind, alle kleinen politischen und großen kulturellen Errungenschaften der letzten 50 Jahre - wie Mitsprache in den Institutionen, Gleichberechtigung, Queerforschung, Minderheitenrechte, politische Kunst, kulturelle Demokratie, Machtkritik, internationale Solidarität - rückgängig zu machen. Nicht überall wird das so deutlich ausgesprochen wie bei der neuen Rechten, wo sich im letzten Herbst der Hass gegen 1968 in einer Rede des AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen etwa so Bahn brach: "Wir wollen weg vom moralisch verrotteten links-rot-grün-versifften 68er-Deutschland!" Meuthen erhielt für diesen Hassausbruch tosenden Applaus und sagte später, ergriffen vom Erfolg seines Auftritts, "unglaublich, was der Begriff 68 noch immer für Emotionen auslöst".

Unglaublich, ja. Während es in Deutschland, Amerika und Frankreich eine Presse und einen Rundfunk gibt, die die Selbstberauschung der neuen Rechten konsequent kritisch verfolgt und ihre antidemokratischen und faschistoiden Züge offenlegt, driftet die schweizerische Presselandschaft (mit Ausnahme der WOZ) in den Händen von profitorientierten oder rechtsbewegten Investoren in ein intellektuelles Nirwana. Die SRG ist dermaßen unter Druck, dass sie noch vor der Abstimmung vom 4. März erwägt, SRF 2 aufzugeben , um sich selber zu kasteien für ein Programm, das mehr als Unterhaltung ist: "Wenn wir als arrogant empfunden werden, dann ist das unser Problem, nicht jenes der Leute, die uns so wahrnehmen", begründet Ladina Heimgartner von der SRG-Spitze die Strategie. Diese lamentable Selbstkritik zielt direkt auf qualitativ spezialisierte Information und auf intellektuelle Diskurse von Journalisten, die eventuell nicht von allen Bevölkerungsschichten verstanden werden können. Bedient wird damit das gleiche Ressentiment, wie es Andreas Kleeb vom Inititiativkomitee No-Billag letzte Woche unfreiwillig deutlich ausplauderte: Dass die Kulturschaffenden (und damit auch die Intellektuellen) an den Gebühren hingen, "wie Drogenabhängige an der Nadel".

Aus diesem Hass und Ressentiment gegen die Intellektuellen wird derzeit vordergründig ein einfaches pädagogisch Programm abgeleitet, das vorgibt, näher an die einfachen Leute zu kommen. Wer davon profitiert, bringt Jacqueline Badran mit ihrem aktuellen Beitrag für infosperber auf den Punkt. Gut informiert deckt sie auf, dass die Interessen der Lobbyisten von No-Billag in der Wachstums-Strategie des neuen Tamedia/Goldbach Konzerns zusammenlaufen, der eigentlich ein Werbekonzern mit schwachem redaktionellem Umfeld ist. Statt auf guten Journalismus in dürftigen Zeiten setzt man in der Schweiz also auf die Sicherung von Werbefenstern und auf das Füllen von Programmlücken mit Pro 7 und RTL 2.

Dass die Politikerin Badran selbst in die Tasten greift, zeigt an: Es geht um viel und es braucht jetzt etwas, damit 2018 nicht zu einem weiteren Durchmarsch der Rechten führt.

Es braucht sachliche, widerständige, gut informierte intellektuelle Positionen, die das ideologische Gestrüpp der Rechten durchleuchten können. Und es braucht neue Ideen. Aber woher?

Intellektuelle als Ideenhändler?

In der üblichen Jahres-Kollektion der Basler Zeitung dürfen Anfang Jahr die sogenannten Intellektuellen auftauchen. Wie nette Accessoires, in einem Schaukasten zurechtgestutzt, präsentiert das Blatt am 2. Januar 13 Männern und 2 Frauen, die 2017 als Intellektuelle "aufgefallen" seien.

Präsentiert werden sie als "Ideenhändler der arbeitsteiligen Gesellschaft", die "klingende Begriffe herumbieten wie Demokratie, Freiheit, Kohäsion". Die Auswahl, so die Blattmacher, richte sich nicht nach Publikationen oder Zitationswürdigkeit von Gesagtem/Geschriebenem, sondern, ja wonach denn? Nach dem, dass "jeder 2017 auf seine Art prägend war". Prägend ist, was prägend war. Soweit die für die BAZ typischen Zirkelschlüsse. Entsprechend werden die 13 Männer und zwei Frauen auch - mit einer einzigen Ausnahme - nicht nach einer Idee präsentiert, sondern einzig und allein nach ihrer Auffälligkeit auf dem Markt der Medien selber. Die Ausnahme bildet Thomas Hürlimann, der mit seiner Idee des Verlustes von Vertikalität (geäußert in der Sternstunde Philosophie der SRG) präsentiert wird - immerhin eine intellektuelle Diagnose der gottlosen, am Markt orientierten Gesellschaft abgibt. Ansonsten führt die Sammlung etwas vor, was eigentlich das Verschwinden eines intellektuellen Diskurses bestätigt: Die eigentlichen Denker haben in dieser Form von Kabinett nichts zu sagen. Denn die Präsentierten stehen nicht für die Sache des Intellekts, sondern für ihre mediale Berühmtheit. So wird etwa Barbara Bleisch mitgenannt, weil mittlerweile sogar der Blick über sie schreibe. Daniel Binswanger, weil er den Medienkanal wechselt, Eric Gujer, weil er NZZ-Chefredaktor ist und über Journalismus im Internet nachdenkt (!), Frank A. Meyer, weil er auf SRF und im Blick präsent ist, Philipp Sarasin, weil er von NZZ und Weltwoche mit längeren Artikeln bedacht wird, Iris Bohnet, weil die Annabelle einen großen Artikel über sie veröffentlichte, Carl Baudenbacher, weil er einen Gastbeitrag im Daily Telegraph veröffentlichte. Und schließlich Martin Ebel, der zu den führenden Köpfen des Jahres 2017 gehört, weil ihm seine mediale und literaturbetriebliche Ämterkumulation mittlerweile selber lästig sei. Womit sich die Logik der medialen Selbstreferenzierung endlich selber in den Schwanz beißt. (Vgl. BAZ vom 2. 1. 2018)

Camoufliert wird in dieser beliebigen und unverbindlichen Assemblage, dass Intellektuelle nicht deshalb wichtig sind, weil sie auf dem medialen Markt der Aufmerksamkeitsökonomie und des Namedroppings "auffallen", sondern weil sie etwas zu sagen haben - müssen. Im Rückzugsgefecht des kritischen Feuilletons, im Auftrumpfen einer neuen Rechten in den aktuellen Medienverbünden und im Gefecht um die politische und kulturelle Freiheit der SRG werden die Stimmen der Intellektuellen jedoch immer unbedeutender. Müsste man also nicht, im Jahr 2018 und im Rückgang auf 1968, dringend intellektuelle Stimmen einfordern, die sich um die eigentlichen Probleme der Gesellschaft und der Zukunft kümmern? In Deutschland und Frankreich, wo sich die Medien nicht nur um sich selber drehen (müssen), sind diese Debatten bereits am Laufen, um einiges dynamischer und dringlicher als in unseren Leitmedien.

Ausblick auf 2018: Worum es gehen müsste

Eine der großartigen Errungenschaften von 1968 ist die Anwendung der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, die uns im Fortgang mit der Foucaultschen Diskursanalyse gelehrt hat, den doppelbödigen Diskurs der Macht zu lesen und zu enttarnen. Ideologiekritik heißt diese Disziplin. Im Jahr 2018 braucht es mittlerweile zwar auch gewiefte Datenjournalisten, die darauf spezialisiert sind, fake news zu enttarnen und zumindest partiell zu bekämpfen. Das neue Phänomen heißt "kognitive Dissonanz", erzeugt durch "digitalen Tribalismus", in welchem alles ausgeblendet wird, was nicht passt. Wir sind alle Zeuge dieser neuen Gesellschaftskrankheit .

Neben dieser neuen journalistischen Aufgabe des "Richtig-Stellens" bleibt die intellektuelle Aufgabe, zu verstehen, warum wer wann wo und wie spricht, eine journalistische, eine politische und ja, eine intellektuelle Basisdisziplin. Ohne kritische Gegenöffentlichkeit weht uns der rechte Wind direkt dorthin, wo nicht mehr gedacht, sondern nur noch gerechnet wird. Harald Welzer führt in der ZEIT vom 3. Januar 2018 deutlich vor, wie stark dieser Wind weht, indem er mit Hilfe einer Bertelsmann-Studie nachweist, dass in Deutschland nicht so sehr die Menschen in ihrem Alltagsleben und ihren sogenannten Sorgen nach rechts gerutscht seien, sondern dass es eine rechte Agenda gibt, die den Diskurs in diese Richtung treibt. In den Medien beschwört man die Fremden als das große Problem, im Alltagsleben leiden die Menschen aber nicht unter dem Asylheim im Quartier oder im Dorf, sondern unter der sich verschärfenden wirtschaftlichen Ungleichheit.

Welzers Frage kann und muss genau gleich für die Schweiz gelten: "Und was bedeutet es für die Entwicklung der noch existierenden Demokratien, wenn wie in Deutschland die politische Rhetorik nach rechts schwenkt, während für die Zukunft der Demokratie so entscheidende Themen wie die Digitalisierung und Durchökonomisierung aller öffentlichen und privaten Daseinsbereiche, die soziale Gerechtigkeit, die Bildungsungleichheit, der Klimawandel, die Biodiversität und die Bodenverluste kaum debattiert werden…?"

Diese Fragen müssen lauter gestellt werden - deshalb sollten die Linken aufhören mit der larmoyanten "Was haben wir 1968 falsch gemacht"-Rhetorik. Sicher müssen sie sich auch, wie Didier Eribon (in einem Gespräch mit der ZEIT ) dies für Frankreich tut, die Frage stellen, wie die Arbeiter als Klasse überhaupt noch anzusprechen sind - und dass man sie überhaupt als "Klasse" ansprechen muss, und nicht als Kunden oder Wähler, um ihnen klar zu machen, welche Kräfte tatsächlich gegen sie arbeiten.

Es müssen also Themen auf die Agenda gesetzt werden, die die Menschen tatsächlich erleiden und erleben: die zunehmende wirtschaftliche Ungerechtigkeit, das Ausbleiben von Chancengleichheit im Bildungswesen, der Druck auf dem Arbeitsmarkt, die Umwandlung der Hochschulen in Unternehmen mit dem neuen Bildungsförderungsgesetz, um nur einige zu nennen. Gerade im Vorfeld des Jubiläums von Mai 68 wäre es mehr als wünschenswert, dass die linken Intellektuellen sich erstens links nennen und zweitens Belege sammeln für die fortschreitende maßlose Bereicherung einzelner neoliberaler Eliten, die im Hintergrund ihre Fäden ziehen und die dabei sind, die ganze Gesellschaft in einen Markt umzubauen. Auch das liest man nicht in Schweizer Medien, die Republik wird sich hier positionieren müssen.

So oder so: Das Gefühl des Verlustes von Heimat sollte im Jahr 2018 konsequent durch die Entfesselung der Märkte erklärt werden und nicht mehr durch die Kosten des Asylwesens. Wenigstens gilt es anzuzeigen, auf allen Kanälen, dass wir wissen, wie sehr sich die Politik am Gängelband der Wirtschaft von den meisten gesellschaftlichen Ideen der 68er entfernt hat.

Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst u.a. Kunst und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst & Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmäßig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.

Unter "kontertext" schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren in infosperber über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

Quelle: Infosperber.ch - 09.01.2018.

Veröffentlicht am

11. Januar 2018

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