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Helmut Gollwitzer: Das Menschenleben und der Krieg der Menschen

Am 29. Dezember 1908 wurde der evangelische Theologe Helmut Gollwitzer geboren. Der im Oktober 1993 im Alter von fast 85 Jahren verstorbene Gollwitzer trat nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 entschieden für die "Bekennende Kirche" ein und war später unter anderem Wegbegleiter der Studentenbewegung wie der sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre. Seinen Geburtstag nehmen wir zum Anlass, auf der Lebenshaus-Website mit einem weiteren Artikel an ihn zu erinnern. 

Das Menschenleben und der Krieg der Menschen

Von Helmut Gollwitzer

Von der Herrlichkeit des Lebens wollen wir ausgehen, vom Wunder des Lebens, das uns auf allen Seiten umgibt und zu dem wir selbst gehören. Wir wollen staunend stillstehen vor dem Wunderwerk des Zusammenspielens der Glieder, vor der Freude jeder Bewegung, jedes Atemholens. Dieses Wunder ist das Gewohnteste und im Augenblick, wo es irgendwie versagt, das Unselbstverständlichste und Ersehnteste. "Ehrfurcht vor dem Leben" - das ist die angemessene Haltung, und Albert Schweitzer hat recht, uns einzuprägen, dass damit alle Moral anfangen und dass davon alles Zusammenleben durchdrungen sein muss.

Zum Leben gehört der Tod. Wenn Lebendiges stirbt, wird uns die Herrlichkeit des Lebens in der Trauer bewusst. Die Mücke, die eben noch im Sonnenstrahl spielte, ein unglaubliches Kunstwerk, von Lebensdrang und -lust durchpulst, - jetzt ein Fleckchen Brei auf meiner Hand, roh zerdrückt, - jedesmal ein Augenblick der Trauer. Voll von Tod ist die Natur, sonst könnte sie nicht unaufhörlich quellendes Leben sein. Eines lebt vom anderen; da wird zerstört, gefressen, zertreten, die Pflanzenfresser, die Fleischfresser und mitten unter ihnen der Mensch.

Er ist ein Wesen der Gewalt, mehr als alle anderen Lebewesen. Mit allem, was er sich unterwerfen kann, geht er gewalttätig um, in alles andere Leben greift er gewalttätig ein, wie es seinem Nutzen entspricht. Seinesgleichen nimmt er davon nicht aus, darin hält er es wie viele andere Tiere. Die machen es ihm vor. Die "intraspezifische Aggression", die Gewaltanwendung gegen konkurrierende Individuen der gleichen Art ist, wie alle Welt heute bei Konrad Lorenz liest, ein unentbehrlicher Mechanismus in der Tierwelt zur Regelung der Auslese und der Nahrungsverteilung. Es ist also nur natürlich, wenn das zweibeinige, hirnentwickelte Säugetier, der Mensch, das mitmacht, von jeher und so auch heute. Die Werkzeuge, mit denen er so gewalttätig eingreift, sind zugleich tauglich als Waffen gegen seinesgleichen; schon das erste Steinbeil konnte ebenso wohl zum Fällen eines Baumes wie zum Totschlagen eines Menschen verwendet werden. Die Kriege der Menschen sind die Fortsetzung der natürlichen intraspezifischen Aggression.

Das ist "nur natürlich". Aber ist der Mensch nur ein Säugetier? Sind die Werkzeuge "natürlich"? Sie sind ihm nicht von der Natur gereicht wie die Organe eines Tieres, sie sind Produkte seiner Arbeit. Mit ihnen manifestiert er, dass hier inmitten der Natur etwas Neues auftritt; wir nennen es mit einem schwer genau zu definierenden Wort den menschlichen "Geist" und meinen damit die dem Menschen eigentümliche Fähigkeit, der Natur gegenüberzutreten, sich von ihr zu lösen und sich über sie zu erheben, sie "sich untertan zu machen", wie es im ersten Schöpfungsbericht der Bibel heißt. Darum ist nichts am Menschen einfach "natürlich" alles ist spezifisch menschlich, und darum kann er sich nicht einfach auf die Natur berufen, um sein Handeln zu rechtfertigen. Wo er das tut, sinkt er unter das Menschliche, ja sogar unter das Tier. Sein Handeln wird dann "bestialisch", - aber auch darin ist es spezifisch menschlich, in einem sehr negativen Sinne; das Tier lebt tierisch, aber niemals "bestialisch".

Dafür ist der schauerlichste Mensch der deutschen Geschichte, Adolf Hitler, ein Beweis. Er hat sich zur Rechtfertigung seiner Grausamkeit immer auf die "Grausamkeit der Natur" berufen, und in seinem schauderhaften Buche "Mein Kampf" schreibt er: "Der Mensch darf niemals dem Irrsinn verfallen zu glauben, dass er wirklich zum Herrn und Meister der Natur aufgerückt sei, … sondern er muss die fundamentale Notwendigkeit des Waltens der Natur verstehen und begreifen, wie sehr auch sein Dasein diesen Gesetzen des ewigen Kampfes und Ringens nach oben unterworfen ist." Was er hier mit "nach oben" meint, zeigte er noch in seiner letzten öffentlichen Rede vom 24. Februar 1945: "Die Vorsehung kennt keine Barmherzigkeit dem Schwachen gegenüber, sondern nur die Anerkennung des Lebens für den Gesunden und Starken." Hier ist alles deutlich genug: das Herrenrecht der "Starken" soll alles legitimieren; die Schwachen sind nur zur Ausbeutung da. Einen besseren Sinn für die Stärke der Starken weiß dieser Mann nicht als die Kultivierung und Anbetung der eigenen Stärke. Es sind meistens nicht die wirklichen Starken, die Stärke so zum Götzen machen. Wer in irgendeiner Hinsicht wirklich mit Gesundheit und Stärke gesegnet ist, fragt vielmehr nach einem höheren Zweck, für den er seine Gaben verwenden könnte, und genau dieser höhere Zweck wird von Hitler aus dem menschlichen Leben verbannt, weil er ihn in der Natur nicht findet: die Barmherzigkeit, die Liebe, der Dienst des Starken für den Schwachen, das Gesunden für den Kranken, - übrigens auch in der Natur nicht gänzlich unbekannt, aber natürlich nicht zu entdecken für den, der die Grausamkeit der Natur braucht, um damit seine eigenen menschenfeindlichen Gelüste zu legitimieren.

Das extreme Beispiel zeigt: die Kriege der Menschen widersprechen der Menschwerdung der Menschen. Der Krieg zieht den Menschen ständig unter sein Menschsein herab; der Krieg muss überwunden werden, damit die Menschheitsgeschichte eine menschliche wird. Dass in Kriegen hohe menschliche Bewährung stattgefunden hat, - dass Heldenmut, Opferbereitschaft, Ritterlichkeit hier Gelegenheit gefunden haben, kann nicht zu ihrer Rechtfertigung dienen. Die Verteidiger des Krieges fürchteten die Verweichlichung der Menschen in Perioden langen Friedens. Solche Argumente erscheinen uns eher grotesk angesichts der Wirklichkeit der kriege des 20. Jahrhunderts. Wenn der Menschheit wirklich die Abschaffung des Krieges gelingen sollte, dann wird sie statt der kriegerischen Tugenden andere und bessere entwickeln können, und Bereitschaft zu Opfer, Hingabe und auch zum Abenteuer wird andere, aber sinnvollere Gelegenheiten finden.

Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte von Kriegen, anders kennen wir sie nicht. Sie war ja eine Geschichte des Kampfes mit dem Mangel, darum lockten die Reichtümer anderer zum Raube. Der Mangel - heute in der Dritten Welt schrecklicher denn je - kann heute überwunden werden. Die gleichen Fortschritte von Wissenschaft und Technik, die die Abschaffung des Krieges heute notwendig machen, wenn die Menschheit weiterleben soll, machen diese Abschaffung auch möglich: der Krieg ist nicht mehr nötig, um den eigenen Mangel durch Beraubung von anderen zu stillen, er hindert vielmehr die Oberwindung des Mangels. Militärische Rüstung, kalter Krieg und heißer Krieg sind die großen Produktionsverschwendungen unserer Zeit; ohne sie brauchte heute kein Mensch zu hungern, durch sie hungert heute Zweidrittel der Menschheit. Wer über diesen Irrsinn jammert, soll den Ursachen nachgehen: dem Bündnis von blinden Hass-, Rache- und Rechtsgefühlen auf der einen und kalten materiellen Interessen auf der anderen Seite. Dieses Bündnis hindert heute die Rettung vor Hunger und Krieg. Wer erkennt, dass die Abschaffung des Krieges heute auf der Tagesordnung der Menschheitsgeschichte steht, muss diesem Bündnis zu Leibe rücken, und d.h. er muss nach den Interessen fragen, die dafür sorgen, dass die Gefühle immer wieder hochgepeitscht werden und dass die Ursachen der Konflikte nicht beseitigt werden. Kampf gegen den Krieg ist also mit nüchterner, unbestechlicher, radikaler und mutiger Gesellschaftskritik identisch.

In der Vergangenheit konnte man sich so weitgehende Ziele wie die Abschaffung des Krieges noch nicht setzen. Neben den Gründen zum Kriege, die im Inneren des Menschen vorhanden sind - Machtgier und verdrängte Aggressionstriebe -, gab es genug äußere Gründe, die den Krieg zu einer unvermeidlichen, ja unentbehrlichen Einrichtung im Völkerleben machten: solange die Menschheit in Völker und Staaten eingeteilt ist und diese des Mangels wegen und des Neides wegen um Siedlungsraum, Reichtümer, Sklaven kämpften und sich gegenseitig bedrohten, und solange man diese Begehrlichkeiten mit Waffen durchsetzen oder vereiteln konnte, solange konnte kein Volk auf die Bereitschaft zum Kriege verzichten. Dagegen kam aller Jammer über das Elend des Krieges nicht auf. Dass Einzelne sich weigerten, das Töten mitzumachen, war wichtig als Erinnerung an den Widerspruch zwischen Menschlichkeit und Krieg, als Erinnerung an die Berufung des Menschen, sich über die Natur zu erheben, - aber das konnte die Völker und Staaten von dem Griff nach den Waffen - entweder zum Angriff oder mindestens zur Verteidigung - nicht abhalten.

Das musste auch die christliche Kirche erfahren. Zunächst gehörten die kleinen christlichen Gemeinden zu jenen wenigen, die aus dem allgemeinen Kriegsbetrieb austraten und sich der Liebe und dem Frieden verpflichteten. Als sie an Zahl immer mehr zunahmen, als auch Beamte und Offiziere sich der Gemeinde anschlossen, als schließlich eintrat, was man noch einige Jahrzehnte vorher für unmöglich gehalten hatte: dass nämlich der Kaiser und die Fürsten der Völker Christen wurden, da kam man an den Kreuzweg einer Entscheidung: Sollten die Christen weiterhin ihre Aufgabe darin sehen, eine strenge Alternative zum kriegerischen Verhalten vorzuleben, dann aber unter Verzicht auf Teilnahme an den Regierungsgeschäften, mit denen unvermeidlich die Teilnahme an Rüstung und Krieg, selbst beim friedwilligsten Fürsten, verbunden war, - oder sollten Christen auch Regierungsämter übernehmen können, also auch die Verwaltung der Gewaltmittel, die eine Hauptaufgabe jeder Regierung monopolisiert haben. Das ist der wichtigste Vorgang in der Entstehung der Staaten: die Staatsführung bekommt das Monopol der Gewaltanwendung. Nun kann zwischen legaler Gewalt - das ist die von den Staatsorganen ausgehende - und illegaler Gewalt unterschieden werden. Diese Legalisierung der Gewalt hat fundamentale Bedeutung für das menschliche Zusammenleben. Ohne Recht, d. h. ohne Legalisierung der Gewalt, gibt es keinen Frieden, weder innerhalb eines Staates noch zwischen den Staaten. Nun gibt es aber bis zum heutigen Tage zwischen den Staaten noch keine Legalisierung der Gewalt, höchstens erste, schwache Ansätze dazu (Völkerbund, UNO); zwischen den Staaten herrscht im Wesentlichen immer noch das Faustrecht.

Wofür sollten sich nun die Christen entscheiden? Beteiligten sie sich an der Verwaltung der Gewaltmittel innerhalb des Staates, dann taten sie sicher etwas Gutes; denn damit war Aussicht, dass gewissenhafte, innerlich von Machtgier freie Menschen in die Staatsverwaltung, an die Gerichte und in die Regierungen kamen. Das war unleugbar eine Konsequenz der Liebe, dafür durften sie sich nicht zu gut sein.

Aber unvermeidlich mussten sie dann auch teilnehmen an der Verteidigung des Staates nach außen, also am Kriegswesen. Konnte man den Krieg nicht abschaffen, so konnte man ihn doch vielleicht mäßigen und zähmen. So sehen wir denn die ernsten Christen - und nur von denen soll hier die Rede sein - in den vergangenen Jahrhunderten eine ganz verschiedene Haltung einnehmen: Die einen meinten, der Dienst der Christen inmitten dieser kriegerischen Menschheit könne nur in striktem Nicht-Mitmachen bestehen (das waren besonders die sog. "historischen Friedenskirchen", die Mennoniten, Quäker und andere kleinere Gruppen); sie haben sich ganz dem Verbinden der Wunden, die der Krieg schlug, gewidmet und damit die Erinnerung aufrechterhalten, dass der christliche Glaube dem Krieg radikal Feind ist. Die anderen meinten, bei der Verwaltung der Gewaltmittel mitmachen zu sollen mit dem Ziel, ihren Missbrauch zu verhüten und die Bestie des Krieges, da man sie nicht beseitigen kann, wenigstens zu bändigen. Später erwuchsen ihnen in Humanisten und Sozialisten aller Art dafür wichtige Bundesgenossen. Beide Entscheidungen müssen, wenn sie aus der Verantwortung der Liebe getroffen wurden, respektiert werden; sie waren gegensätzliche Versuche, den Menschen gegen den Krieg zu helfen.

Die Bändigung des Krieges versuchte man auf zweierlei Weise:

1. durch die Unterscheidung von gerechten und ungerechten Kriegen, und

2. durch Regeln für die Kriegsführung. Beides hat eine Tradition, die in die vorchristliche Zeit zurückreicht.

Zu 1

Die Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen macht einen heuchlerischen Eindruck, wenn man sie so versteht, dass damit ein Krieg objektiv, d. h. vor einem imaginären Weltgericht oder vor dem Richterthrone Gottes gerechtfertigt werden soll; da wird jede Seite behaupten, im Rechte zu sein, und dafür gute oder angeblich gute Gründe vorbringen. Die Unterscheidung hat aber einen ernsten Kern, wenn man sie versteht als eine Anleitung für die Beratung jedes Menschen mit seinem eigenen Gewissen, sowohl der Regierenden wie der Regierten. Jeder soll sich fragen: darf ich und muss ich diesen Krieg mitmachen? Keiner soll von dieser persönlichen Gewissensentscheidung entbunden werden. Dafür arbeitete man Kriterien aus: Frage dich, ob dich die legitime Obrigkeit zu diesem Kriege ruft oder ein Bandenführer und Aufrührer (legitima potestas), - ob es um die Erhaltung oder um die Zerstörung von Recht geht (causa iusta), - ob Ziel des Krieges das friedliche Zusammenleben mit dem Gegner ist oder dessen Ausrottung (pax), - ob der durch den Krieg angerichtete Schaden größer ist als das zu verteidigende Rechtsgut (proportio), - ob der Krieg mit Beachtung der völkerrechtlichen Regeln oder mit entfesselter Brutalität geführt wird (debitus modus)!

Zu 2

Solche völkerrechtlichen Regeln waren z. B. Schonung der Zivilbevölkerung und der Kriegsgefangenen, ordentliche Kriegserklärung, Verbot der Geiselmisshandlung und -tötung, Respektierung der Neutralität, Verbot von Plünderung und Folterungen, Schutz des Roten Kreuzes usw.

Es ist zu verstehen, dass dieses Ziel, den Krieg der menschlichen Zivilisation zu unterwerfen, des Schweißes der Edlen wert war. Einiges ist auf diesem Wege erreicht worden, vieles blieb nur auf dem Papier stehen. Wenn man nach den Bedingungen für den "gerechten Krieg" misst, so sagt ein katholischer Theologe, dann bleiben in der europäischen Geschichte nicht mehr Kriege, die diesen Namen verdienen übrig, als man mit den zehn Fingern aufzählen kann. Die Schuld der großen christlichen Kirchen besteht nicht darin, dass sie solche Kriterien ausgearbeitet haben, sondern darin, dass sie ihre Verwendung zur Heuchelei geduldet haben. Hätten die Kirchen diese Kriterien selbst ernst genommen, dann hätten sie in den meisten Fällen die Christen mit aller Dringlichkeit auffordern müssen, sich nicht zu beteiligen.

Die Erzählung von diesen Versuchen musste in der Zeitform der Vergangenheit geschehen. Im 20. Jahrhundert sind diese Versuche am weitesten gediehen und haben sich in internationalen Abmachungen niedergeschlagen, - und im gleichen 20. Jahrhundert ist mehr denn jemals früher gegen diese Regeln gesündigt worden, ja, es besteht keinerlei Aussicht mehr, dass sie in einem kommenden Krieg noch beachtet werden. Die Entwicklung der Waffentechnik hat alle diese Versuche überrollt. Die ABC-Waffen machen jede Bändigung der Kriegsführung unmöglich, und der Vietnam- Krieg hat gezeigt, dass auch in einem mit konventionellen Waffen geführten Krieg keine Seite mehr daran denkt, sich den völkerrechtlichen Regeln zu unterwerfen.

Jene beiden Versuche - die Unterscheidung des gerechten Krieges vom ungerechten und die Regelung der Kriegsführung - entsprechen einem sittlichen Bedürfnis, das in uns allen lebendig ist. Wir merken es an unserer Reaktion auf politische Nachrichten von militärischen Aktionen, bei denen wir gar nicht anders können, als die beiden Fragen nach dem Recht und nach der Menschlichkeit zu stellen, - und an unserer Empörung und unserem Entsetzen, wo beides in deutlicher Wise verletzt wird. Aber wir müssen uns klar sein: heute ist die Hoffnung auf eine Zivilisierung des Krieges irreal geworden. Der Krieg ist nur noch der Feind der Völker, nicht mehr ein in Frage kommendes Mittel, ihr Leben zu erhalten. Er kann nicht mehr und durch nichts mehr gerechtfertigt werden. Wir können ihn nur noch verneinen und uns nur noch entscheiden, uns nicht an ihm zu beteiligen.

Zugleich aber starrt die Menschheit in Waffen. Zugleich werden jährlich Hunderte von Milliarden Mark für Rüstung verschwendet, statt für die Bekämpfung der schon beginnenden Welthungerkatastrophe verwendet zu werden, die mehr Menschenleben kosten wird als alle bisherigen Kriege der Geschichte zusammen. Zugleich stehen Millionen Menschen unter Waffen. Alle Vernunftgründe haben das bisher nicht verhindert. Was sollen wir Einzelnen, wir Ohnmächtigen, dagegen tun?

Es gibt kein Rezept, das uns aus dieser tiefen Verlegenheit mit einem Schlage heraushelfen könnte. Es gibt auch kein Rezept, das uns aus den Konfliktsituationen befreien könnte, in denen wir ständig stehen, da wir ja Angehörige dieser hochbewaffneten Staaten sind, von ihnen in Anspruch genommen werden und uns mit den Menschen des Landes, in dem wir leben, solidarisch fühlen. Es lassen sich nur ein paar Hinweise geben, die aber die Richtung deutlich machen können, in der wir uns heute bewegen sollten:

1. Der Abscheu vor jeder Gewalt, insbesondere vor der tötenden Gewalt muss in uns noch viel mehr lebendig und von uns noch viel mehr verbreitet werden. Er gehört zum Wesen des echten Christentums und zum Wesen eines echten Humanismus. Das Leben ist etwas Herrliches; wir haben kein Recht, Menschenleben zu zerstören. Wir sollen die Freiheit und Selbstentfaltung eines jeden Menschen wünschen. So darf Gewalt uns nur eine ultima ratio, eine äußerste Möglichkeit sein, nur da gerechtfertigt, wo sie im Dienste des Schutzes des Lebens steht, und immer nur mit Selbstüberwindung anzuwenden.

2. Wir sollen darum, soweit es nur möglich ist, der Gewaltlosigkeit den Vorzug vor der Gewalt geben. Das gilt nicht nur fürs Privatleben, für die Erziehung usw., sondern auch für die Entwicklung freier Demokratie in unserer Gesellschaft und für die Bekämpfung des Aberglaubens der Gewalt im Staatsleben. Wir müssen gegen diesen Aberglauben die Phantasie der Gewaltlosigkeit entwickeln. Die Lehren von Mahatma Gandhi und Martin Luther King sind nicht etwa ein wirklichkeitsferner Idealismus, sie sind realistischer als der Militarismus, dem die Völker immer noch verfallen sind; sie müssen unser tägliches politisches Brot werden. Methoden der gewaltlosen Demonstration, des gewaltlosen Widerstandes und des gewaltlosen Druckes müssen ausgearbeitet und eingeübt werden, und die dazu nötige Bereitschaft zu Opfer und Martyrium ist dasjenige Heldentum, das unter uns verehrt werden soll und zu dem Jung und Alt sich rüsten soll, anstelle der antiquierten Verehrung kriegerischer Tugenden.

3. Wir können darum unter uns gar nicht genug Menschen haben, die sich am Kriegswesen nicht mehr beteiligen, die den Wehrdienst verweigern und sich durch keine noch so klugen Scheingründe zu ihm bereitfinden, die vielmehr die Jahre, die andere beim Militär verbringen, für Friedensdienste opfern wollen. Sie sind Menschen der Zukunft, abgewandt dem Militär - Unwesen der Vergangenheit, das leider noch zähe Gegenwart ist. Sie treten in sinnvolles Tun mit ihrem Friedensdienst, wogegen jeder, der mit Militär zu tun hat, weiß, wie tief ihn die Frage nach dem Sinn seines Tuns anficht. Beim III. Weltkongress für Laienapostolat in Rom im Jahre 1967 sagte der holländische Delegierte Thom Kerstien unter großem Beifall:

"Können wir nicht langsam, aber sicher einen Zustand erreichen, wo der obligatorische Militärdienst durch einen zwangsweisen Sozialdienst für Männer wie für Frauen ersetzt wird? Wo Männer bereit sind, die Armut im eigenen Lande oder in Übersee zu bekämpfen, und wo Mädchen bereit sind, einen sozialen Dienst an alten Leuten, an Geisteskranken, und allen Arten von gestrandeten Menschen am Rand des Lebens zu leisten? Ist es eine törichte Utopie zu glauben, dass, würden wir nur den Anfang machen, eine Situation entstehen könnte, in der unsere Kinder auf die Frage: >Wo hast du gedient?< nicht mehr antworten: In der 15. Division oder in der königlichen Marine, sondern antworten könnten: Ich diente in einem Krankenhaus im Kongo, in einer Schule in Cochabamba oder beim Straßenbau in Kambodscha."

4. Wer den Frieden will, muss heute politisch werden, in ungleich größerem Maße als früher. Das gilt gerade für diejenigen, die mit Ernst Christen sein wollen. Rückzug ins private Leben ist Versündigung gegen das christliche Liebesgebot. Politisch werden bedeutet heute:

a) innerhalb des eigenen Staates für Durchsetzung der Demokratie auf allen Gebieten eintreten. Je willenloser, obrigkeitstreuer und unpolitischer ein Volk in der Hand der Mächtigen ist, desto leichter kann es in Kriege verstrickt werden. Entwicklung demokratischer Mitbestimmung auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens, Erziehung zur Zivilcourage, Sicherung der freien und unverfälschten Information über alle Weltereignisse, Freiheit der Massenmedien von staatlicher und kapitalistischer Macht, Freiheit der Rede, der Versammlungen und der Demonstrationen, das sind unerlässliche Mittel der Kriegsbekämpfung in unserer Zeit.

b) Politisch werden heißt heute kritisch werden. Je mehr Menschen sich frei machen von den Klischees, mit denen man andere Völker und andere politische Systeme anzusehen pflegt, je mehr Menschen kritisch fragen nach den Interessen, die hinter der Rüstung, hinter der Völkerverhetzung, hinter der Nicht-Beseitigung von Konfliktursachen stehen, und je mehr Menschen diesen mächtigen Interessen offen entgegentreten und ihre Entmachtung anstreben, desto schwerer wird es werden, Völker zu manipulieren und kriegswillig zu machen, und desto mehr wird es gelingen, den Rüstungswahnsinn zu bekämpfen.

5. Die Millionen Menschen, die heute in Kasernen leben als die Werkzeuge der militärischen Macht, werden äußerlich zusammengehalten durch die militärische Disziplin und innerlich durch den Eid, den man sie hat schwören lassen. Zur Schuld der christlichen Kirchen gehört, dass sie sich solange dazu hergegeben haben, diesen inneren Kitt des Militärs durch ihre Eidesermahnungen noch zu befestigen und dem Eid eine religiöse Bindungskraft zu geben. Mit dem Eid geben Menschen die eigene Entscheidung ab; willenlos sind sie nun bereit, auf Befehl Bomben zu werfen, in Volksmassen zu schießen, Staatsstreiche zu ermöglichen. Der Soldateneid ist etwas qualitativ anderes als der Zeugeneid und der Beamteneid. Beim Zeugeneid verspreche ich etwas für die Gegenwart: jetzt die Wahrheit zu sagen; mit diesem Versprechen bleibt mein künftiges Handeln frei. Der Eid, den ein Beamter - oder etwa ein Regierender auf die Verfassung schwört, bindet ihn für die Zukunft, aber diese Bindung betrifft das, was jetzt schon dem Schwörenden bekannt ist und worüber er urteilen kann: den Wortlaut der Verfassung und der Gesetze und die Beschreibung seiner Amtspflichten.

Beim Soldateneid aber macht der Schwörende andere Menschen zu Herren seiner Zukunft und zwar gerade für Situationen und Handlungen, die jetzt noch nicht bekannt sind und die er jetzt noch nicht beurteilen kann. Auch wenn dem Befehlsempfänger, wie es in manchen Staaten der Fall ist, das Recht gegeben wird, einem erkennbar unrechtmäßigen und unsittlichen Befehl den Gehorsam zu verweigern, so ist das doch eine Grenze, die nur ganz extreme Einzelbefehle ausschließt. Die von der Regierung befohlenen militärischen Aktionen mitzumachen, innerhalb dieser Aktionen die Waffen in die Richtung einzusetzen, in der es befohlen wird, und solange, als es befohlen wird, und zwar ohne eigenes Urteil, ob das richtig ist oder nicht, - das ist es, wozu sich der Schwörende ins Unbekannte hinein verpflichtet, und gerade dieses Versprechen eines blinden, nicht ans eigene Urteil gebundenen Gehorsams macht den Soldateneid für die Regierenden interessant. Eben dies macht ihn auch tiefproblematisch. Diesem Eid getreu wird blind marschiert, getötet und gestorben. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht hat in allen Staaten eine durch die Gesetze zum Schutze der Kriegsdienstverweigerer nur wenig gemilderte Terrorsituation geschaffen: der durchschnittliche junge Mann wird zum Eid gezwungen und durch den Eid in ein Instrument verwandelt. Diese Macht des Militärs über die Gewissen muss aufgelöst werden. Die Kirchen sollen nicht für den Soldateneid, sondern gegen ihn sprechen. Nicht die Entmündigung des Menschen durch den Eid, sondern das Mündigwerden zu eigenem Urteil und zu eigener Entscheidung ist das Ziel, das jeder bei sich selbst und bei anderen anstreben soll.

6. Es kann keiner das Gewissen des anderen regieren. Solange es Staaten gibt, wird es Bedrohung eines Staates durch den anderen geben. Solange es gesellschaftliche Machtpositionen, in Kapitalbesitz oder Kommandogewalt gegründet, ohne ausreichende Kontrolle gibt, wird es Unterdrückung geben. Alle Argumente, die gegen den Gebrauch militärischer Gewalt sprechen - religiöse, moralische und rationale -, werden immer wieder zu schwach sein, alle Menschen von der Beteiligung am Militärwesen abzuhalten; viele werden sich dennoch für verpflichtet halten, dem Ruf zu den Waffen zu folgen, um ihr Land, ihre Gesellschaftsordnung usw. vor vermeintlichen oder wirklichen Bedrohungen zu schützen. In dieser Situation haben Darstellungen der nackten, alle Zwecke durchstreichenden Grauenhaftigkeit jedes Krieges und erst recht des modernen Krieges, und scharfes Argumentieren gegen Rüstung und Krieg nicht den Sinn, die Soldaten schlecht zu machen, wohl aber, jedes gedankenlose Mitmachen zu bekämpfen. Es muss jeder durch das ganze Feuer der Überlegungen hindurch; jede Entscheidung muss immer wieder geprüft werden, immer bereit zur Revision gegenüber neuen Einsichten und Situationen. Der blinde Befehlsempfänger, das ist einer der gefährlichsten Menschen in einer Zeit, in der die Gewaltmittel so fürchterlich gewachsen sind.

Es gibt Situationen, in denen der Griff zu den Waffen sich auch dem aufdrängt, der Gewalt tief verabscheut. Nicht in unserem hockindustrialisiertem Europa, wo die Sinnwidrigkeit des Krieges allmählich auch dem Gedankenlosesten klar wird. Wohl aber dort, wo das Elend der Massen, die Gewissenlosigkeit der Besitzenden und die Ausbeutung durch koloniale Abhängigkeit zum Himmel schreien. In den alten ethischen Anleitungen wurde derjenige, der dem Befehl der Obrigkeit als Soldat treu gehorcht, hoch bewertet, der Aufrührer aber streng verurteilt. Setzen wir das unbesehen fort, dann müssen wir dem, der als Glied einer regulären Armee eine Freiheitsbewegung niederschlagen hilft, eher zustimmen, als dem, der in einer Freiheitsbewegung mitkämpft. Erkennen wir aber, dass viele reguläre Armeen heute ungeheure Unterdrückungsmaschinerien sind, dann wird sich das umkehren.

Auch der Entschluss zu revolutionärer Gewalt ist tief problematisch. Auch und gerade für denjenigen, der unterdrückten Menschen helfen will, kann Gewalt nur die ultima ratio, das äußerste Mittel sein, und wo er bedenkenlos der Gewalt huldigt, ist der Zweifel berechtigt, ob es ihm wirklich um bessere Gerechtigkeit geht oder doch nur um Befriedigung seiner Hass- und Machtgelüste. Aber wenn er nach ernster Prüfung meint, keinen anderen Weg mehr vor sich zu haben  als den Weg der Gewalt, dann kann es sein, dass er mehr im Sinne jener alten Kriterien handelt als derjenige, der in der regulären Armee dient. Wir stehen heute vor der Frage, ob, wenn es überhaupt noch einen vertretbaren Gebrauch militärischer Gewalt gibt, dieser am ehesten bei Befreiungsbewegungen zu finden ist. Ob also ein bellum iustum (ein gerechter Krieg) heute am ehesten noch als eine revolutio iusta (eine gerechte Revolution) möglich ist. Hier wird niemandem die Entscheidung durch einen anderen abgenommen. Romantische Verherrlichung der Revolution ist nicht am Platze. Auch revolutionäre Gewalt ist grausam, abscheulich, schuldbeladen. Aber es kann  Situationen geben, wo man dieser Frage nicht ausweichen kann. Auch in ihnen wird es wichtig sein, dass Menschen vorhanden sind, die sich für die Nicht-Beteiligung an der tötenden Gewalt entscheiden, die allein den Dienst helfender, die Wunden verbindender Liebe tun wollen. Sie erinnern alle daran, dass Unrechtleiden besser ist als Unrechttun, dass auch der Feind ein von Gott geliebter Mensch und unser Bruder ist, dass die Gewalt ein gefährlicher Weg ist, der schon oft ganz anderswohin geführt hat, als beabsichtigt war, dass sie darum begrenzt, kontrolliert, solange wie möglich vermieden und sobald wie möglich beendet werden muss. Krieg ist das Menschen-Unwürdige, Frieden ist des Menschen-Würdige. In einem Vortrag in Paris sagte im Mai 1968 Helder Camara, der Erzbischof von Recife in Brasilien:

"Erlauben Sie mir, dass ich es wage, schlicht und einfach zu sagen: ich achte diejenigen, die von ihrem Gewissen getrieben, sich gezwungen sehen, sich für die Anwendung von Gewalt zu entscheiden, - nicht die allzuleichte Gewalt der "Salon-Guerilleros", sondern die Gewaltanwendung durch diejenigen, die ihre Ernsthaftigkeit durch das Opfer ihres Lebens bewiesen haben. Es scheint mir, dass das Gedächtnis des Camilo Torres und des Che Guevara ebenso viel Respekt verdienen, wie das des Pastors Martin Luther King. Wen ich anklage, das sind die eigentlichen Träger der Gewalt, alle, die auf der Rechten oder auf der Linken, die Gerechtigkeit verletzen und den Frieden verhindern; ich selber glaube, den Weg eines Pilgers für den Frieden gehen zu müssen: ich persönlich will tausend Mal lieber umgebracht werden, als selber töten."

Quelle:  Komitee für Grundrechte und Demokratie - Jahrbuch ‘93/94, S. 115ff.

Veröffentlicht am

29. Dezember 2017

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