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Der Wachstumswahn schlägt die Energietechnik

Energieeffizienz hin, erneuerbare Energie her: Das globale Wachstum der Wirtschaft wirkt stärker als der technische Wandel.

Von Hanspeter Guggenbühl

Die Energiewende findet statt. Auch global. Und jetzt auch in den Papieren der Internationalen Energieagentur (IEA). Das zeigt der neuste Weltenergie-Ausblick (WEO), den die IEA am Dienstag dieser Woche veröffentlichte und die meisten Schweizer Medien ignorierten. Im Zentrum des WEO 2017 steht nicht mehr ein Referenzszenario, das die Entwicklung "Weiter wie bisher" abbildet, sondern das Szenario "Neue Politik". Dieses geht davon aus, dass alle Staaten alle politischen und technischen Maßnahmen umsetzen werden, die sie an der Klimakonferenz von 2015 in Paris ankündeten - ohne sich aber verbindlich darauf zu verpflichten.

Prognosen, basierend auf der "Neuen Politik"

Gegenüber der trendmäßigen Entwicklung erwartet das IEA-Szenario "Neue Politik" im Zeitraum von 2016 bis 2040 folgende "großen Veränderungen":

  • Die Steigerung der Energieeffizienz halbiert die Zunahme des globalen Energiekonsums gegenüber der politisch unbeeinflussten Entwicklung. So werde der globale Energiekonsum bis 2040 insgesamt "nur" noch um 30 Prozent zunehmen.
  • Der Konsumanteil von Endenergie verlagert sich zwar deutlich, weg von ölhaltigen Brenn- und Treibstoffen, hin zur Elektrizität. Die IEA führt das auf die starke Zunahme von Elektrogeräten, Elektroheizungen und Elektrofahrzeugen zurück. So werde die Zahl der Elektroautos von heute 2 Millionen auf 280 Millionen anschwellen (plus 14 000 %). Prozentual viel weniger, absolut aber stärker wird sich auch die mit Öl- und Gastreibstoffen angetriebene Mobilität vermehren. Denn die IEA geht davon aus, dass sich der weltweite Autobestand bis 2040 auf zwei Milliarden verdoppeln und auch der Flug- und Schiffsverkehr stark wachsen werden. Aus diesen Gründen rechnet die IEA mit einer weiteren Zunahme des Erdöl-Verbrauchs.
  • Innerhalb der massiv steigenden Elektrizitätsproduktion (plus 60 % bis 2040) erwartet die IEA ebenfalls eine deutliche Verlagerung, weg von der Kohle, hin zur Nutzung der Wind- und der Solarenergie, gefördert durch eine weitere Verbilligung der Fotovoltaik. Um die Schwankungen der solaren Stromproduktion auszugleichen, setzt die IEA auch auf eine starke Zunahme der Gaskraftwerke.
  • Obwohl der Anteil der erneuerbaren Energie sowohl in der Elektrizitätserzeugung als auch insgesamt überdurchschnittlich steigt, werde der Verbrauch aller fossilen Primärenergieträger bis 2040 ebenfalls weiter wachsen, prophezeit die IEA. Bei Kohle rechnet sie mit einer geringen, bei Erdöl einer mittleren und bei Erdgas mit einer starken Zunahme.
  • Mit dem weiter steigenden fossilen Energieverbrauch werden auch die energiebedingten Emissionen von CO2 bis 2040 weiter zunehmen, gemäß IEA bis 2040 um rund zehn Prozent. Das ist klimapolitisch relevant. Denn der energiebedingte CO2-Ausstoss ist laut dem Wissenschaftsgremium IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) Hauptverursacher des von der Menschheit verursachten Klimawandels; sein Anteil an der Wirkung aller Treibhausgase beträgt global rund 70 Prozent. Damit wächst auch die Kluft zwischen den Prognosen der IEA und den Ansprüchen der Klimapolitik (siehe: "Die Klimapolitik denkt, der Energiemarkt lenkt" ).

Wachstum der Wirtschaft schlägt technischen Wandel

Wenn es trotz globaler Energiewende nicht gelingt, die Zunahme des CO2-Ausstosses zu stoppen, ist das auf eine zentrale Zahl zurückzuführen: 3,4 Prozent. Das Szenario "Neue Politik" der IEA geht davon aus, dass die Weltwirtschaft, gemessen am realen Bruttoinlandprodukt aller Staaten, von 2016 bis 2040 im Schnitt um 3,4 Prozent pro Jahr wachsen wird. Das ergibt in 24 Jahren ein Wachstum von 123 Prozent (!). Der Großteil dieses Wachstums ist auf Mehrkonsum pro Person zurückzuführen, der kleinere Teil auf die Zunahme der Weltbevölkerung. So rechnet die IEA, dass 2040 neun Milliarden Menschen auf der Erde leben werden, was einer Bevölkerungszunahme von 22 Prozent entspricht.

Das globale Wirtschaftswachstum schlägt damit die von der IEA vorausgesetzte Steigerung der Energieeffizienz und die zunehmende Nutzung von erneuerbarer Energie. Suffizienz, also Genügsamkeit in Produktion und Konsum von Gütern und Dienstleistungen sieht die IEA nicht vor.

Kapitulation vor eigenem Ziel

Im Gegenteil: Die Internationale Energieagentur verfolgt nach eigenem Bekunden fünf "grundlegende Ziele". Das erste: "Die Sicherung des Zugangs der Mitgliedsländer zu einer verlässlichen und umfassenden Versorgung mit allen Energieformen". Das zweite: "Die Förderung nachhaltiger energiepolitischer Maßnahmen, die Wirtschaftswachstum und Umweltschutz in einem globalen Kontext antreiben - vor allem in Bezug auf die Reduzierung der zum Klimawandel beitragenden Treibhausgasemissionen". Was zeigt: Der neuste IEA-Weltenergie-Ausblick ist auch eine Kapitulationserklärung gegenüber seinem eigenen "grundlegenden Ziel".

Hanspeter Guggenbühl ist Autor des Buches "Die Energiewende, und wie sie gelingen kann", Somedia/Rüegger-Verlag, 2013.

Quelle: Infosperber.ch - 16.11.2017.

Veröffentlicht am

17. November 2017

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