Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Clemens Ronnefeldt: “Suchet zuerst das Reich Gottes - und alles andere wird euch dazugegeben” (Mt 6,33)

Auszüge des Vortrags von Clemens Ronnefeldt bei der von Lebenshaus Schwäbische Alb veranstalteten Tagung "’We shall overcome!’. Gewaltfrei für die Vision einer Welt ohne Gewalt und Unrecht. Drei biographische Zugänge" am 14.10.2017 in Gammertingen

Von Clemens Ronnefeldt

Zu den Wurzeln meines friedenspolitischen Engagements

Ich wurde 1960 geboren als drittes von vier Kindern.

Mein Vater, Jahrgang 1925, wurde an seinem 17. Geburtstag als Jugendlicher von den Nazis abgeholt und in den 2. Weltkrieg geschickt. Er erzählte mit Schrecken von dem, was Krieg bedeutet. Als ich elf Jahre alt war, starb meine Mutter an einem Gehirntumor. Dieses einschneidende Ereignis hat mich als Kind und später als Jugendlicher dazu gezwungen, früher als andere Kinder in diesem Alter mich mit Fragen nach Leid, Tod und dem Sinn den Lebens auseinander zu setzen und nach Antworten zu suchen.

Wichtig für mein späteres friedenspolitisches Engagement waren auch die zahlreichen Panzer, die an meinem Elternhaus vorbei in Manöver rollten und alle Wände erzittern ließen. In Osthofen, einer Kleinstadt in Rheinhessen, wo ich aufwuchs, betrieb das NS-Regime zwischen 1933 und 1935 eines der ersten Konzentrationslager in Deutschland überhaupt. Die Auseinandersetzung mit diesem Lager und der bis heute gut erhaltenen Gedenkstätte hat mich in meiner Jugendzeit unter dem Aspekt beschäftigt, wie Ähnliches in Zukunft verhindert werden kann.

Als Jugendlicher spielte ich die Orgel in meiner Heimatpfarrei und engagierte mich in der kirchlichen Jugendarbeit. Dabei stieß ich in den biblischen Geschichten in der Person Jesu auf einen für mich faszinierenden dritten Weg zwischen Gegengewalt und Passivität: den Weg der aktiven Gewaltfreiheit.

Die Suche nach dem Reich Gottes, nach Frieden und Gerechtigkeit, wurde mehr und mehr zu meiner Lebensperspektive, der ich mich verschreiben wollte.

Ich las die Biographien von Mahatma Gandhi und Martin L. King und fragte mich, warum so wenige Menschen diese ungeheure Kraft in Anspruch nehmen, die in deren Lebenszeugnis sichtbar geworden ist. In der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé lernte ich das Motto "Kampf und Kontemplation" als eine wichtige Lebensgrundlage kennen, in meinem späteren Theologiestudium wurde mir die Theologie der Befreiung sehr wichtig.

Friedensarbeit in Jugoslawien und im Nahen Osten

Wer sich im ehemaligen Jugoslawien, vor allem in Bosnien-Herzegowina, bewegte, wurde mit der ungeheuren Zerstörung im Lande konfrontiert.

Der Versöhnungsbund engagierte sich seit 1992 in Flüchtlingslagern, wobei dort vor allem Programme zur Betreuung von Kindern und Flüchtlingen durchgeführt wurden, ebenso bei der Unterstützung von Friedens- und Menschenrechtsgruppen.

Seit 1994 begleitete ich im Auftrag der Zivildienstseelsorgestellen von vier deutschen Diözesen zusammen mit einem Kollegen Zivildienstleistende bei Einsätzen in Flüchtlingslagern im ehemaligen Jugoslawien, zunächst in Kroatien, später in Bosnien-Herzegowina, seit 2000 auch in Serbien. Unsere Angebote für Kinder und Jugendliche reichten von der Errichtung von Basketballständern bis zu Mal- und Bastelangeboten, Zirkus, Lagerolympiade oder Sportaktivitäten. Hinter diesen Maßnahmen stand der Gedanke, vor allem Kinder und Jugendliche nicht mit ihren traumatischen Kriegserlebnissen alleine in den oft tristen Flüchtlingslagern zu lassen, sondern Angebote zur Entfaltung der eigenen Kreativität und Lebensfreude zu machen. Für Frauen sammelten wir große Mengen Wolle, die in den Lagern während unseres Aufenthaltes zu Strümpfen und anderen Kleidungsstücken verarbeitet wurden. Die fertigen Produkte kauften wir den Frauen in den Lagern ab, für die dies oft die einzige Einkommensquelle war, und verkauften die Produkte in Deutschland über Eine-Welt-Läden oder Kirchenbasare.

In Sanski Most (Bosnien-Herzegowina) richtete der Versöhnungsbund 1997 eine Beratungsstelle für rückkehrende Flüchtlinge aus Deutschland ein. Diese Stelle wurde besetzt mit Cima Zdenac, die als Friedensfachkraft für unseren Verband tätig wurde und deren fachliche Begleitung ich übernahm.

Nach ihrer Ausbildung in Deutschland wurde sie zusammen mit anderen Friedensfachkräften in ihren Einsatz entsandt.

Im Jahre 2002 besuchte ich im Rahmen einer internationalen Delegation des Versöhnungsbundes und der katholischen Friedensbewegung Pax Christi Friedensgruppen in Israel und Palästina. Die erste Schwierigkeit, die bei Interventionen in Krisengebieten zu überwinden ist, besteht darin, überhaupt in das jeweilige Land eingelassen zu werden. Im April 2002 wollten wir mit einer 30-köpfigen Delegation in Tel Aviv landen. Weil vor uns mehrere Friedensdelegationen aus anderen Ländern erhebliche Schwierigkeiten bei der Einreise hatten und einige nicht das Flughafengebäude verlassen konnten, sondern mit dem nächsten Flugzeug, das freie Plätze hatte, in ihre jeweiligen Heimatländer zurückfliegen mussten, gaben 25 Teilnehmer unserer Gruppe ihre Flugtickets wieder zurück und nur fünf reisten stellvertretend.

In Jerusalem besuchten wir den lateinischen Patriarchen, ein Ehrentitel für den römisch-katholischen Bischof Michel Sabbah. Er war der erste Palästinenser auf einem katholischen Bischofsstuhl in Jerusalem und gleichzeitig der Präsident der katholischen Friedensbewegung Pax Christi weltweit. Seine Stimme hat bis heute großes Gewicht. Oft besteht Friedensarbeit in Krisenregionen darin, nicht eigene Ideen zu entwickeln, sondern sich zum Sprachrohr derjenigen Kräfte zu machen, die für Frieden und Versöhnung eintreten, ihre Vorschläge in die jeweiligen eigenen Gesellschaften zu tragen und über Medien zu verbreiten.

Sowohl auf der palästinensischen als auch auf der israelischen Seite gibt es zahlreiche Friedensgruppen, die wir unterstützen können.

2005 besuchte ich im Rahmen einer Delegationsreise des Internationalen Versöhnungsbundes Iran, wo wir uns mit religiösen Minderheiten und in der Zivilgesellschaft engagierten Personen trafen.

2011 und 2012 nahm ich an Delegationen teil, die mich nach Ägypten kurz nach dem Sturz Hosni Mubaraks führten. Besonders die christliche Minderheit hat immer noch einen schweren Stand ist von Übergriffen im Land bedroht.

Im vergangenen Jahr 2016 war ich mit einer IPPNW-Reisedelegation in der Türkei. In den kurdischen Gebieten fiel uns die große Zerstörung in Städten wie z.B. Cizre auf, wo nach Kämpfen zwischen der türkischen Armee und kurdischen Jugendlichen sowie PKK-Kämpfern ganze Stadtviertel komplett zerstört waren. Zurück in Deutschland warb ich für eine Wiederaufnahme des Friedensprozesses in der Türkei.

Nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden

Von Dietrich Bonhoeffer habe ich gelernt, dass es wichtig ist, nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu greifen.

Dies heißt für mich konkret, z.B. gegen Rüstungsexporte zu demonstrieren, Soldaten der Bundeswehr wie 1999 beim völkerrechtswidrigen Krieg gegen Jugoslawien zur Befehlsverweigerung aufzufordern oder auch mich wie im Jahre 2002 an Aktionen zivilen Ungehorsams z.B. vor dem Tor der US-Airbase in Frankfurt zu beteiligen, als von dort Kriegseinsätze gegen den Irak im Rahmen eines völkerrechtswidrigen Angriffskrieges geflogen wurden - und die Bundesregierung dennoch die Überflugrechte nicht untersagte.

Seit 2003 bin ich Moderator des Internationalen Forums im Rahmen der Internationalen Münchner Friedenskonferenz. Auf dem Podium lassen wir Vertreterinnen und Vertreter ziviler Konfliktlösungen zu Wort kommen - als Gegenentwurf zur gleichzeitig stattfindenden Münchner Sicherheitskonferenz.

Persönliche Grundsätze für gelassenes Handeln

Im Laufe der vielen Jahre, die ich in der Friedensbewegung tätig bin, sind mir die nachfolgenden Sätze wichtig geworden, die ich Menschen wie Marshall Rosenberg, Dorothee Sölle, Rumi und vielen anderen verdanke.

  • Das Gegenteil von Liebe ist in den meisten Fällen nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.
  • Wenn jemand anderer Meinung ist als ich, kann ich von ihm oder ihr lernen.
  • Wir haben die Wahl zwischen Recht-haben-wollen und glücklich leben.
  • Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort - dort treffen wir uns.
  • Wenn ich meinen inneren Frieden verliere, kann ich für den äußeren Frieden nichts Positives mehr beitragen.
  • Die Bewusstmachung von Projektionen und die Integration der eigenen Schattenseiten bilden die Grundlage jeglicher Friedensarbeit.
  • Innenverbundenheit, Achtsamkeit und Präsenz sind Fundamente jeglichen Dialoges und jeder Art von Friedensarbeit.
  • Die Wirklichkeit ist freundlich, wenn ich sie annehme.
  • Es ist nicht so wichtig, was wir tun, sondern wer wir sind.
  • Hoffnung heißt Leiden am Wirklichen und Leidenschaft für das Mögliche.
  • Wenn ich "sollen" und "müssen" aus meinem Sprach- und Denkschatz streiche, lebe ich zufriedener und glücklicher.
  • Das Ergebnis ist nicht so wichtig, wichtiger ist, "guten Samen" auszustreuen und darauf zu vertrauen, dass die Saat aufgeht - auch wenn ich selbst nicht die Ernte sehe oder einfahre.

Im November 2002 wurde auf dem Europäischen Sozialforum in Florenz beschlossen, den 15.2.2003 zu einem weltweiten Aktionstag gegen den Irak-Krieg zu machen. In nur drei Monaten ging die "Saat" dieser Idee auf: in 604 Städten der Erde demonstrierten mehr als 10 Millionen Menschen für den Frieden. Die New York Times schrieb nach diesem Tag, es gebe wieder zwei Supermächte: Die USA und die öffentliche Meinung, die offensichtlich Krieg als Mittel der Politik ablehnt.

Am 15.2.2003 hat es noch nicht gereicht, einen Krieg zu verhindern - vielleicht aber beim nächsten oder übernächsten Mal. Wichtig ist mir beim Engagement in der Friedensarbeit und der Suche nach dem Reich Gottes, das von Gerechtigkeit und Frieden geprägt ist, von den Wildgänsen zu lernen. Sie fliegen im Formationsflug: Eine Gans fliegt an der Spitze, die anderen im Windschatten. Damit sie angesichts des scharfen Gegenwindes nicht mit ihren Kräften erlahmt, lässt sich die Gans an der Spitze immer wieder nach relativ kurzen Zeitabständen zurückfallen in ihren Verband, um ihre Kräfte neu zu sammeln und bleibt so nie all zu lange an einem Stück den Kräften des Gegenwindes alleine ausgesetzt. Diese Weisheit und Gelassenheit beim gemeinsamen "Flug" in der Arbeit für Gerechtigkeit, Frieden, Solidarität und Versöhnung - im Wissen um die Verbundenheit, die uns Menschen untereinander eigen ist -, wünsche ich uns allen.

Clemens Ronnefeldt, Jg. 1960, studierte nach dem Zivildienst von 1981-1986 Theologie; 1982-83 absolvierte er eine studienbegleitende Ausbildung zur Friedensarbeit an der Heimvolkshochschule Internationales Freundschaftsheim in Bückeburg. 1986-2003 unterstützte er die Friedensbewegung um den Cruise-Missile Stationierungsort Bell/Hasselbach im Hunsrück, von 1986-1992 war er ehrenamtlicher Sprecher der katholischen Friedensbewegung Pax Christi im Bistum Mainz. Seit 1992 ist er Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes. Von 1992 bis 2001 engagierte er sich in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien in Flüchtlingslagern sowie bei der Unterstützung von Friedensgruppen. Seit 2002 nahm er an Friedensdelegationen teil, die ihn nach Israel und in die palästinensischen Gebiete, nach Syrien, Libanon, Iran, Ägypten und in die Türkei führte, wo er jeweils mit Vertreter/innen aus dem Bereich der Friedens- und Menschenrechtsarbeit sprach. Er ist Autor des Buches "Die Neue Nato, Irak und Jugoslawien" sowie zahlreicher friedenspolitischer Artikel. Seit 2006 moderiert er bei der Internationalen Münchner Friedenskonferenz. Im Janauar 2017 erhielt Clemens Ronnefeldt den "Peter-Becker-Preis für Friedens- und Konfliktforschung" der Univeristät Marburg. Er lebt in Freising bei München.

 

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Veröffentlicht am

20. Oktober 2017

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