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Vision einer atomwaffenfreier Welt nicht aufgeben

Von Michael Schmid (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 94, September 2017 Der gesamte Rundbrief Nr. 94 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 905 KB. Den gedruckten Rundbrief schicken wir Ihnen/Dir gerne kostenlos zu. Bitte einfach per Mail abonnieren .)

Liebe Freundinnen und Freunde,

auf der "Weltuntergangsuhr" stehen die Zeiger seit Januar 2017 auf 2 1/2 Minuten vor Zwölf. Das Gremium aus Wissenschaftlern und Fachautoren des Bulletin of the Atomic Scientists sieht die Welt um 30 Sekunden näher am Untergang der Menschheit als noch im Vorjahr. Ein wichtiger Grund sei die Wahl Donald J. Trumps zum US-amerikanischen Präsidenten. Die Probleme und Gefahren seien noch dringlicher als in den beiden Jahren zuvor.

Und Trump bestätigt diese Einschätzung. "Nordkorea wird mit Feuer und Zorn begegnet werden, wie es die Welt niemals zuvor gesehen hat", drohte Trump Anfang August in Richtung Pjöngjang. Damit hat er die ohnehin bereits seit längerem bestehenden Spannungen zwischen USA und Nordkorea nochmals deutlich verschärft.

Damit nicht genug. Ein paar Tage nach seiner umstrittenen Feuer- und Zorn-Drohung legte Trump weiter in Richtung Nordkorea nach: "Vielleicht war das Statement nicht hart genug", so der US-Präsident. "Nordkorea sollte sich am Riemen reißen oder sie werden in Schwierigkeiten sein wie kaum ein anderes Land vor ihnen." Das US-Atomwaffenarsenal sei in einer "Tip-Top-Verfassung", betonte Trump.

"Der US-Präsident geriert sich als Kriegstreiber, jedenfalls redet er so daher", schreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung vom 13.08.2017. "Er redet so provozierend und so ungeschlacht, wie es so noch kein US-Präsident getan hat; er redet die Welt um Kopf und Kragen. Ist das Wahnsinn, ist das Methode? Wann ist die Masse der hetzenden Wörter so kritisch, dass sie eine atomare Kettenreaktion auslöst? Das ist die Angst, die einen in diesen Tagen und Wochen begleitet."

"Endzeit" seit Hiroshima

"ENDZEIT. Hoffnung und Widerstand im Atomzeitalter" lautet das neu erschienene Buch unseres Freundes Wolfgang Sternstein, auf das wir in unserem letzten Rundbrief ausführlich hingewiesen haben. Mit der Rede von der "Endzeit" knüpft er an den Schriftsteller und Philosophen Günther Anders an. Dieser sprach von "Endzeit", weil es seit dem Eintritt ins Atomzeitalter 1945 die Möglichkeit bzw. sogar die Wahrscheinlichkeit der Selbstvernichtung der Menschheit gebe. Mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki sieht Anders unwiderruflich die letzte Epoche der Menschheit angebrochen. Seither bestehe die Möglichkeit, in jedem Augenblick "unsere Erde als Ganze in ein Hiroshima verwandeln können".

Zwar sind in den vergangenen Jahrzehnten die Arsenale der Atommächte verringert worden. Aber das durch die neun Atommächte bereitgehaltene Zerstörungspotential, das in über 15.000 Atomwaffen steckt, reicht für einen mehrfachen Overkill der Menschheit. Bereits durch den Einsatz eines Bruchteils aller Atomwaffen könnte die Erde unbewohnbar werden.

Aktuell stehen wir weltweit vor einer katastrophalen neuen atomaren Aufrüstungsrunde. Denn fast alle Atomwaffenstaaten sind dabei, ihre Arsenale zu modernisieren. Im Mittelpunkt stehen dabei die höhere Zielgenauigkeit und damit die vermeintlich leichtere Einsatzfähigkeit der Atomwaffen. Durch solche Maßnahmen wird die Schwelle zum Einsatz der Bomben gesenkt. Es wird die Illusion genährt, so könnten gegnerische militärische Ziele vernichtet werden, ohne allzu große Kollateralschäden anzurichten. Zudem steigt die atomare Gefahr, weil die Zahl der Atommächte im Laufe der Jahrzehnte zugenommen hat und vermutlich weiter zunehmen wird. Außerdem ist die Vorstellung, Atomwaffen könnten in die Hände von Terroristen gelangen, ebenfalls alles andere als beruhigend.

Diese Entwicklung zeigt Wolfgang Sternstein, der sich seit Jahrzehnten mit dieser atomaren Situation beschäftigt und für atomare Abrüstung engagiert, in seinem Buch nochmals eindrücklich auf. Und er stellt fest, die Diagnose von Günter Anders habe sich durch die zwischenzeitlichen Entwicklungen bestätigt. Deshalb kommt er, die Wahl des Titels "ENDZEIT" lässt dies ja bereits vermuten, wie Günther Anders zu dem harten, buchstäblich vernichtenden Ergebnis, dass "es nach menschlichem Ermessen langfristig kein Entrinnen vor der nuklearen Apokalypse gibt".

Diese Feststellung mag deprimierend sein. Doch die Erkenntnis, dass von einem Atomkrieg eine tödliche Bedrohung für die Menschheit ausgeht, ist uns allen wohl nicht neu. Nur wir haben sie zeitweise oder gar ganz verdrängt und tun dies vielleicht heute noch. Doch wenn uns diese Verdrängung weniger gelingt, dann wissen wir, "dass wir auf einem atomaren Pulverfass leben, das jeden Augenblick in die Luft fliegen kann." (W. Sternstein)

Trump und der Atomkoffer

Ehrlich gesagt, gelingt mir diese Verdrängung angesichts des aktuellen Konflikts um Nordkorea noch weniger als sonst. Trump scheint immer wieder die Analyse der New York Times vom Mai zu bestätigen, wonach "die Welt von einem Kind angeführt wird" und "Präsident Trump sich verhält wie ein Siebenjähriger, der nicht gelernt hat, zuzuhören, Fehler einzugestehen und seine Impulse zu kontrollieren". Am Schalthebel der Macht sitzt also ein sehr labiler und unberechenbarer Mensch mit einer nachhaltigen narzisstischen Persönlichkeitsstörung, dem es vorrangig um sich selbst geht und nicht um das Wohl der Menschheit. Karl Doemens kommentiert in der Frankfurter Rundschau vom 16.08.2017: "Der Mann ist besessen von sich selbst und unfähig zur menschlichen Anteilnahme, er hat sich nicht unter Kontrolle, er sprengt die amerikanische Gesellschaft - und möglicherweise nicht nur die: er besitzt den Atomkoffer. Donald Trump müsste dringend seines Amtes enthoben werden." Wir können nur hoffen, dass das Umfeld des amerikanischen Präsidenten ihn davon abhält, Atomwaffen einzusetzen.

"Wenn wir verzweifelt sind, was geht`s uns an!"

Günter Anders, der sich ab den frühen fünfziger Jahren gegen die atomare Bedrohung zu engagieren begann und dies sein weiteres Leben lang tat, hat bereits auf die Möglichkeit hingewiesen, dass selbst millionenfacher Protest und Widerstand gegenüber der atomaren Vernichtung nicht ausreichen könnte. Diese Warnung könne resigniert und mutlos klingen, meinte er. Aber sie zu unterdrücken, liefe auf Betrug hinaus. "Wissen müssen wir die Wahrheit. Aber obwohl wissend, haben wir so zu handeln, als wüssten wir sie nicht. Das ist unerlässlich."

Der Protest und Widerstand müsse stattfinden. "Vielleicht wird diese doch die möglichen Täter erschrecken oder sogar ergreifen. Vielleicht. Noch immer gilt: ‘Wenn wir verzweifelt sind, was geht`s uns an!’ An die Arbeit!" (Günther Anders: Hiroshima ist überall. München 1995).

Wo bleibt die Hoffnung?

Hoffnung macht, dass es endlich seit dem 7. Juli 2017 einen Vertrag über ein Verbot von Atomwaffen gibt. Er wurde von 122 Staaten bei den Vereinten Nationen in New York verabschiedet, die sich einig darüber sind, dass die Schreckensherrschaft der Atomwaffenstaaten über die Welt beendet werden muss. Der Vertrag stellt einen ersten Schritt für einen grundlegenden Wandel in der Auffassung zur atomaren Abrüstung dar. Zivilgesellschaftliche Organisationen haben mit ihrem langjährigen Engagement für einen Ausstieg aus der atomaren Geiselhaft erheblich zum Zustandekommen des Atomwaffenverbotsvertrags beigetragen. Er ist also auch ein riesiger Erfolg der Friedensbewegung und eine Ermutigung für die Weiterarbeit.

Eine solche ist erforderlich, weil der Atomwaffenverbotsvertrag mit dem großen Problem verbunden ist, dass gerade die Atomwaffenstaaten und ihre Verbündeten, die an der atomaren Abschreckung festhalten wollen, die Verhandlungen boykottiert haben. Auch die schwarz-rote Bundesregierung gehört zu den Boykotteuren.

In Deutschland arbeitet die Kampagne "Atomwaffen abschaffen", der wir als Lebenshaus Schwäbische Alb angehören, seit vielen Jahren gegen die Atompolitik der Bundesregierung und speziell gegen die rund 20 Atombomben in Büchel. Wenn wir erreichen wollen, dass Deutschland seine Unterstützung für Atomwaffen endlich aufgibt, dann bedarf es noch größeren Protests aus der Zivilgesellschaft.

Wenngleich ich Günter Anders und Wolfgang Sternstein recht gebe, dass eine vollständige atomwaffenfreie Welt nur schwer vorstellbar ist, so möchte ich diese Vision doch nicht aufgeben. Allerdings kann ich mir am ehesten vorstellen, dass auf Atomwaffen erst dann verzichtet würde, wenn Kriege grundsätzlich überwunden würden und Konflikte generell nicht mehr mit Gewalt "gelöst" werden. Wenn also "Frieden schaffen ohne Waffen" praktiziert würde.

Völlig illusionär? Dass unsere Welt voll ist von Ungerechtigkeit und daher Unfrieden, Kriegen und Terror, ist mir sehr bewusst. Über 65 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Im Mittelmeer ertrinken tausende von Menschen und anstatt sie zu retten bzw. ihnen sichere Fluchtwege zu ermöglichen, werden die Seenotretter verfolgt, kriminalisiert und an Rettungseinsätzen gehindert. Menschen, die aus Afghanistan vor einem der weltweit intensivsten und am längsten anhaltenden Kriege geflohen sind, werden durch die Bundesregierung ruhigen Gewissens abgeschoben. Das Land am Hindukusch ist zwar für Deutsche extrem gefährlich, aber die Bedrohungslage für dorthin deportierte Afghanen ist nach Meinung des Auswärtigen Amtes als niedrig anzusehen, selbst in den von Taliban besetzten Regionen. Eine solche krasse Fehleinschätzung hat zwar mit der Realität nichts zu tun, aber die Politik erfordert halt auch die Demonstration von "Härte". Und statt abzurüsten plant die Bundesregierung eine gigantische Aufrüstung auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Deutschland gehört zu den führenden Rüstungsexporteuren. Schätzungen zufolge stirbt alle 14 Minuten auf der Welt ein Mensch durch eine deutsche Waffe…

Die reichen Kontinente haben vielfach die Zeichen der Zeit noch nicht begriffen. Sie wollen die Krisen nicht wahrhaben, die sie mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem und dem neoliberalen Globalisierungsmodell verursachen, diesem gesellschaftszerstörenden und naturvernichtenden System, von dem in erster Linie die herrschenden Wirtschaftseliten profitieren.

Die Realität ist also weit von der Erfüllung der Vision einer anderen, besseren Welt entfernt. Nötig bleibt deshalb unser Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und für den Erhalt einer Erde, damit sie ein "bewohnbarer Ort für uns alle bleibt und für die ganze Gemeinschaft der Lebewesen." (Leondardo Boff)

Herzliche Grüße

Euer / Ihr

Michael Schmid

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Fußnoten

Veröffentlicht am

20. September 2017

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