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Zurück zur Sonnenscheinpolitik

Süd- und Nordkorea sollten sich auf eine Diplomatie der Entspannung besinnen. Bis 2008 gab es diese in Ansätzen

Von Rainer Werning

Einst war Südkoreas jetziger Präsident Moon Jae-in als Berater des Staatschefs Roh Moo-hyun (im Amt 2003 - 2008) maßgeblich an der "Sonnenscheinpolitik" gegenüber dem Norden beteiligt. Daher überraschte es kaum, als Moon gleich nach seinem Amtsantritt im März einen Dialog mit dem Norden anbot. Wie das geschah, erschien spektakulär. Zwar wurde das folgende Junktim nie offiziell verkündet, immerhin aber als "Idee" von Beratern kolportiert: Sollte Pjöngjang bei seinem Nuklearprogramm einlenken und auf weitere Tests verzichten, wolle Seoul die Zahl gemeinsamer Manöver mit der US-Armee herunterfahren. Auch werde man sich dafür einsetzen, dass weniger strategische Waffen der Amerikaner auf südkoreanischem Territorium stationiert seien.

Zugleich setzte Moon auf den Sport, um Reste der verschütteten innerkoreanischen Diplomatie zu bergen. Warum, fragte er, sollten die beiden koreanischen Staaten bei den anstehenden Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang kein gemeinsames Team bilden? Er bekam zwar einen Korb aus Pjöngjang, doch schien sein Vorstoß geeignet, an eine Politik zu erinnern, die vor nicht allzu langer Zeit das Verhältnis zwischen Nord und Süd entkrampft hatte.

Zwischen 1998 und 2008 sollte die von Seoul verfolgte "Sonnenscheinpolitik" zur friedlichen Koexistenz der Gegensätze führen und die selbsterklärte Schutzmacht USA von einer innerkoreanischen Verständigung überzeugen. So konnte die nordkoreanische Führung unter Staatschef Kim Jong-il am 13. Juni 2000 als Gastgeber des ersten Korea-Gipfels einen geschichtsträchtigen Moment auskosten. Der Südkoreaner Kim Dae-jung kam als Präsident nach Pjöngjang und war zu Handschlag und Gesprächen auf Augenhöhe bereit. Vereinbart wurde eine Nord-Süd-Deklaration, die neben Familienzusammenführungen mehr Kooperation in Kultur, Handel und Wirtschaft vorsah. Womit unter anderem der Aufbau des im äußersten Süden Nordkoreas angesiedelten Gaeseong Industrial Complex (GIC) gemeint war.

Möglich geworden war dieser Gipfel nach dem Amtsantritt Kim Dae-jungs im Februar 1998, als er mit seiner ersten Regierungserklärung eine Annäherung gegenüber dem Norden verkündete und von "Wandel durch Handel" sprach. Dabei bezog sich Kim ausdrücklich auf Willy Brandts einstige "Ostpolitik", wenngleich er Nord- und Südkorea nie mit den beiden deutschen Staaten vergleichen, schon gar nicht auf das Muster der Wiedervereinigung von 1990 zurückgreifen wollte. Die Nord-Süd-Entspannung fand international Respekt und Beifall, so dass dem südkoreanischen Präsidenten im Dezember 2000 der Friedensnobelpreis verliehen wurde.

"Achse des Bösen"

Als im Juni 2003 der dritte Jahrestag der Nord-Süd-Deklaration begangen wurde, erklärte Kim Dae-jung unumwunden, dass sich nordkoreanische Nuklearwaffen - sollte Pjöngjang darüber verfügen - im Vergleich zum US-Kernwaffenarsenal nachgerade wie Spielzeuge ausnähmen. Man sollte sich dessen bei jeder Bewertung bewusst sein. Mitte Juni 2005 reisten anlässlich des fünften Jahrestages für den ersten innerkoreanischen Gipfel noch einmal über 300 südkoreanische Gäste in den Norden, um dort mehrere Tage lang gemeinsam dieses Ereignisses zu gedenken. Doch geriet, was im Sommer 2000 als verhaltene Normalisierung auf der koreanischen Halbinsel begonnen hatte, unmittelbar nach der Amtsübernahme des republikanischen Präsidenten George W. Bush Anfang 2001 aus den Fugen. Der nannte Nordkorea am 7. März 2001 unvermittelt einen "Bedrohungsfaktor in Ostasien". Gespräche, Sicherheitsgarantien und vereinbarte Wirtschaftshilfen würden bis zur kompletten Neuordnung der US-Asienpolitik ausgesetzt. In der gleichen Rede kanzelte Bush die "Sonnenscheinpolitik" als "naiv" ab, um Nordkorea schließlich Anfang 2002 neben dem Iran und Irak auf einer "Achse des Bösen" zu verorten.

Um trotz gezielter Störattacken der USA das Momentum der "Sonnenscheinpolitik" zu wahren, kam es Anfang Oktober 2007 zu einem zweiten Nord-Süd-Gipfel, wiederum in Pjöngjang. Präsident Roh Moo-hyun war dabei auf eine symbolische Geste bedacht, indem er am 2. Oktober zu Fuß die Grenze am 38. Breitengrad überquerte, die bis heute als militärische Demarkationslinie Nord- und Südkorea trennt - erst danach traf er sich mit dem nordkoreanischen Parteichef Kim Jong-il. Man einigte sich auf eine Erklärung, in der zu Frieden, Wohlstand und Wirtschaftskooperation auf der Halbinsel aufgerufen wurde. Darin war gleichfalls von einem Abbau des nordkoreanischen Atomprogramms sowie einer Friedenszone im Gelben Meer die Rede, um zu vermeiden, dass die in jenem Gewässer umstrittene Grenze zwischen beiden Ländern zum offenen Konflikt führen könnte.

Was im Augenblick gebraucht würde, wäre die Besinnung auf die Vorteile des direkten Kontakts zwischen Nord und Süd statt sich auftürmender Drohkulissen. Die Krux bei alledem hat Donald P. Gregg, US-Botschafter in Seoul zwischen 1989 und 1993, vor Jahren mit Blick auf die Nordkorea-Politik aller US-Regierungen seit Ende des Koreakrieges 1953 so resümiert: Der Fall Nordkorea zeuge von der längsten "failure of US intelligence". In Washington habe man "keine konsistente Nordkorea-Politik, sondern nur eine Haltung dem Land gegenüber - nämlich Hass".

Rainer Werning ist Koautor des Buches Korea Von der Kolonie zum geteilten Land (2012)

Quelle: der FREITAG vom 21.08.2017. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

22. August 2017

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