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Gütekraft annehmen - die Kraft mit Gütesiegel…

Von Martin Arnold

Albert Schweitzer:"Alle gewöhnliche Gewalt beschränkt sich selber. Denn sie erzeugt Gegengewalt, die ihr früher oder später ebenbürtig oder überlegen sein wird. Die Gütigkeit aber wirkt einfach und stetig. Sie erzeugt keine Spannungen, die sie beeinträchtigen. Bestehende Spannungen entspannt sie, Misstrauen und Missverständnisse bringt sie zur Verflüchtigung, sie verstärkt sich selber, indem sie Gütigkeit hervorruft. Darum ist sie die zweckmäßigste und intensivste Kraft."

Jeder Mensch kann gütekräftig handeln. Es geschieht häufig im Familien- und Freundeskreis (Egon Spiegel: "Gewaltfreiheit im Alltag"), oft spontan, etwa in der Begegnung mit Menschen, die dazu beitragen, einen Missstand aufrecht zu erhalten.

Beispiel:

Das Mädchen in der Straßenbahn. An einem Nachmittag in der Essener Straßenbahn: Zwei junge Männer waren drauf und dran, einen Afrikaner anzugreifen, ihn zu schlagen. Die Mitfahrenden erschraken. Niemand rührte sich - außer einem Kind. Ein Mädchen, 8 oder 9 Jahre alt, trat zwischen die Männer und den Afrikaner. Sie sagte kein Wort. Die Männer guckten verdutzt. Sie machten Bewegungen, als wollten sie das Mädchen zur Seite schieben - aber sie rührten es nicht an. Da stellten sich noch andere, Erwachsene, ebenfalls dazwischen. Es gab keinen einzigen Schlag. Die jungen Männer stiegen an der nächsten Station aus. Alle waren erleichtert. Der Afrikaner dankte dem Kind und den Erwachsenen, die ihm ihre Solidarität gezeigt hatten. ( www.guetekraft.net > Gütekraftberichte)

Die Anwendung der Gütekraft setzt also keine bewusste momentane oder grundsätzliche Entscheidung für bestimmte Prinzipien voraus. Beide gibt es unabhängig voneinander.

Wenn wir mit wachsender Kompetenz gütekräftig handeln wollen, können solche Entscheidungen allerdings nützlich sein.

Hildegard Goss-Mayr: "Es kommt darauf an, wie viel Raum wir der Liebe in uns geben und dass wir sie in uns wachsen lassen."

Um Gütekraft bewusst anzuwenden, ist es für Einzelne wie für Gruppen nützlich, die Gütekraft im Eigenen, in eigenen Erlebnissen, in der eigenen Geschichte oder Tradition, zu suchen, zu "entdecken" (Goss-Mayr), wiederzufinden. Wer fähiger werden möchte gütekräftig zu handeln, kann die Persönlichkeit weiterbilden und praktische Methoden der Anwendung in verschiedenen Lebensbereichen lernen (wie Gewaltfreie Kommunikation, No blame approach, Gütekraft-Aktion / Gewaltfreie Aktion, Mediation usw.). Die Fähigkeit zu gütekräftigem Handeln ist dem Menschen angeboren wie die Sprache: So wie wir sprechen lernen können, sind auch alle Menschen in der Lage, Gutes zu tun. Dies beruht auf der naturgegebenen Verbundenheit aller Menschen miteinander. Sie bringt die Neigung mit sich, allen mit Wohlwollen und Gerechtigkeit sowie mit Einfühlung und der Bereitschaft zu gemeinsamem Handeln zu begegnen.

Diese Neigung kann zur Kraft werden. Wer sich dies bewusst macht, handelt leichter gütekräftig. Dieses Handeln besteht nicht in der Befolgung von Normen (auch wenn Handlungsempfehlungen für das praktische Lernen hilfreich sein können), sondern darin, jener Neigung zu folgen.

Die Liebe ist wichtiger als Prinzipien.

Mohandas K. ("Mahatma") Gandhi: "Wir wollen uns nach der leisen Stimme des
Herzens in unserem Innern richten und uns nicht davon abhängig machen, ob andere dasselbe tun. Dann strahlen wir Güte auf alle aus und sie strahlen sie zurück."

Gütekraft ist eine Kraft - kein Prinzip, keine Verhaltensnorm oder -empfehlung.

Gandhi schuf ein neues Wort für die Streitkunst, die durch ihn weltweit bekannt wurde: Satjagrah (engl. Schreibweise: satyagraha): "= eine Kraft, die aus Wahrheit und Liebe geboren wird, Liebeskraft, Wahrheitskraft, Seelenkraft" (Gandhi). Er übersetzte Satjagrah nicht ins Englische, sondern benutzte dafür das in Indien als stark angesehene "Ahimsa" = "non-violence" und führte dieses Wort damit weltweit für beides ein. Von einer Kraft sprechen auch Martin Luther King (strength to love), Hildegard Goss-Mayr (Kraft der Gewaltfreiheit, Gütekraft) und andere Protagonist*innen ( www.guetekraft.net > Was ist Gütekraft? > Verwandte Bezeichnungen). Gütekraft (power of goodness) ist eine angemessene Übertragung von Satjagrah.

Die Bezeichnung der zwischen Menschen wirkenden Kraft als Gütekraft

  • benennt das Wesentliche ihrer Wirkungselemente, nämlich Güte im doppelten Sinne, d.h.:
    • Qualität: Im Konflikt kann ich dem anderen den Schädel einschlagen oder mit Wohlwollen und Gerechtigkeit eine Lösung anstreben, die beiden Seiten gerecht wird (Grundbedürfnisse erfüllt). Letzteres ist allein schon deshalb besser, von höherer Qualität, Güte, weil der Wunsch nach Rache vermieden wird. Besseres, höhere Qualität, hat oft die Kraft, weniger Gutes zu verdrängen. Gütekraft kann deshalb als Kraft mit Gütesiegel bezeichnet werden.
    • eine menschliche Haltung des Wohlwollens und der Gerechtigkeit, die deshalb stark ist, weil alle Menschen diese grundsätzliche Begabung haben und deshalb das Handeln aus dieser Haltung andere anregt, ähnlich zu handeln.
  • ist offen für verschiedene Deutungen der Ortsbestimmung oder Herkunft dieser Kraft wie z.B. der Seele, einer allem Leben gemeinsamen Tendenz zur Kooperation, der Begabung aller Menschen mit Vernunft und Gewissen (UN-Menschenrechtserklärung), der Gottebenbildlichkeit des Menschen, der Gabe des Heiligen Geistes, "dem von Gott in jedem Menschen" oder dem "inneren Licht" (Quäker) usw.
  • regt Vorstellungen an, die passen zur möglichen Wirksamkeit gewaltfreien Vorgehens, gewaltfreier Aktion /Gütekraft-Aktion, zu aktiver Gewaltfreiheit /Gewaltlosigkeit, ziviler / konstruktiver Konfliktbearbeitung, Gewaltfreier Kommunikation, Mediation usw.
  • vermeidet Missverständnisse oder Fehlassoziationen über "Gewaltfreiheit", die wegen des Wortlauts für Nicht-Insider naheliegend und weit verbreitet sind, z.B.
    • als sei das Wesentliche von Gandhis Impuls ein Nichthandeln (Gewalt),
    • als sei das Wesentliche von Gandhis Impuls die Einhaltung von Normen;
    • "Gewaltfreiheit" enthält das Wort "Gewalt". So wird Gewalt unbewusst wichtig gemacht. "Gütekraft" kann dagegen die positiven Kräfte zu ihrer Überwindung wecken.

Ein neuer Rahmen für Konflikte. Gütekräftiges Handeln kommt zum Ziel, indem die Beziehungen zwischen Konfliktbeteiligten einen neuen Rahmen bekommen (psychologisch: "reframing"), sodass Konfrontation schwindet und gemeinsam der Missstand abgebaut wird.

Auch schwere, durch Strukturen bedingte Missstände, z.B. 1986 die Marcos-Diktatur auf den Philippinen, wurden durch konzeptionell geplantes und organisiertes gütekräftiges Vorgehen überwunden. Denn wenn die Unzufriedenheit im Volk groß ist, ermöglicht die Allgemeinheit der Gütekraft-Begabung durch "Ansteckung" massenhaftes Handeln: Immer mehr Menschen entziehen dem System die Unterstützung ("Nichtzusammenarbeit") - selbst wenn dies mit Kosten oder auch Risiken verbunden ist -, bis das System zusammenbricht.

Quelle:  www.martin-arnold.eu .

Veröffentlicht am

11. Juni 2014

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