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Theodor Ebert: Die Anfänge der deutschen Friedensforschung und die atuellen Herausforderungen

Von Theodor EbertEinleitendes Statement bei der Podiumsdiskussion am 19.3.2015 im Rahmen der Tagung "Stell dir vor, es ist Krieg. Zum wissenschaftlichen Umgang mit kriegerischer Gewalt" der Evangelischen Akademie Villigst und der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung im Evangelischen Johannesstift in Berlin-Spandau.

Es ist schwierig, im Rückblick herauszufinden, wer zu Beginn der 70er Jahre welche Erwartungen an die Friedensforschung hatte. Dies herauszufinden ist jetzt unter anderem die Aufgabe eines Forschungsprojektes. Ich sehe meine Aufgabe auf diesem Panel jetzt nur darin, mich daran zu erinnern, welche Erwartungen an die Friedensforschung ich und einige ähnlich Gesinnte wie Fritz Vilmar, Reiner Steinweg und Ekkehart Krippendorff hatten. Wir hatten wahrscheinlich nicht ganz dieselben Erwartungen wie der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker, der liberale Politiker Peter Menke-Glückert und der Politologe Karl Kaiser, der sich der Erforschung der Internationalen Beziehungen verpflichtet fühlte. Über die Schnittmengen in den Erwartungen der Genannten mögen andere nachdenken. Doch ich will jetzt über diejenigen reden, die aus ihrer eigenen Sicht Friedensforschung betrieben hatten, noch bevor sich die Friedensforschung in der Bundesrepublik als Disziplin und staatlich oder privat geförderte Einrichtung etablieren konnte - sei es als Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung, sei es als Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung, sei es als Berghofstiftung für Konfliktforschung.

Ein wichtiger Impuls für die Friedensforschung ging in der Nachkriegszeit vom  Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes. Dieser Artikel garantierte die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen. Die Kriegsdienstverweigerer mussten ein anspruchsvolles Prüfungsverfahren durchlaufen. Die ersten Friedensforscher standen in enger Verbindung zu den Kriegsdienstverweigerern, die nicht nur religiöse, sondern auch politische Gründe für ihre Verweigerung der Militärdienstes hatten und nach politischen Lösungen für die Abrüstung und für den gewaltfreien Widerstand gegen Kriegsvorbereitungen und auch für den gewaltfreien Widerstand gegen auswärtige oder einheimische Diktatoren suchten.

Diesen Kriegsdienstverweigerern, die sich vor Prüfungsausschüssen für ihre Gewissens- und Vernunftentscheidungen verantworten mussten, haben diese Friedensforscher solidarisch zugearbeitet. So wurde Fritz Vilmars Buch "Rüstung und Abrüstung im Spätkapitalismus" und meine Dissertation "Gewaltfreier Aufstand - Alternative zum Bürgerkrieg" zu einer Art Pflichtlektüre für die Kriegsdienstverweigerer, die sich auf ihre Prüfungsverhandlungen vorbereiteten.

Am Anfang der deutschen Friedensforschung stand also die persönliche Weigerung, sich an der Vorbereitung eines nächsten Krieges zu beteiligen. Das erste deutliche Signal war die Weigerung der wichtigsten deutschen Atomphysiker, sich an der Bereitstellung von Atomwaffen zu beteiligen. Diese Wissenschaftler haben dann unter der Leitung Carl Friedrichs von Weizsäcker in einer Studie über die Folgen des Einsatzes von Atomwaffen auf deutschem Boden nachgewiesen, dass wir einen solchen Atomkrieg als Industriegesellschaft nicht überleben würden.

Am Anfang der Friedensforschung stand also die persönliche Weigerung, sich an Kriegsvorbereitungen zu beteiligen. Die Beteiligten wussten nicht,  ob es ihnen damit gelingen würde, den Krieg abzuschaffen. Sie fürchteten, dass es ihnen wahrscheinlich nicht gelingen würde, aber sie wollten ihre geringe Chance nutzen und alles ihnen Mögliche dazu beitragen, dass der Kriegs als Mittel aus dem Arsenal der Politik verschwindet.

Was den Friedensforschern Hoffnung machte war die Beobachtung, dass im 20. Jahrhundert die Methoden der gewaltfreien Konfliktaustragung sich weit verbreitet hatten und dass sie eine Alternative zum Einsatz von bewaffneten Kampfmitteln darstellten. Die Kämpfe Gandhis und Martin Luther Kings und auch die Fälle von gewaltlosem Widerstand gegen beinahe totalitär zu nennende Diktaturen wurden beobachtet und untersucht.

Die Erforschung der gewaltfreien Aktion war gewissermaßen das konstruktive Programm der Friedensforscher. Die international bekanntesten Vertreter dieses Ansatzes wurden dann Johan Galtung und Gene Sharp, die beide dann nach vielen Jahren für ihre Forschungen mit dem Alternativen Nobelpreis unterstützt wurden.

Friedensforscher, die sich der Erforschung dieser Alternativen zum Einsatz von Waffengewalt bzw. zur Androhung von Waffengewalt zuwandten, konnten mit der Unterstützung staatlicher Instanzen kaum rechnen. Johan Galtung hat es mal anekdotisch auf den Punkt gebracht. Er hatte vor skandinavischen Offizieren über die Wirksamkeit des gewaltfreien Widerstands gegen Besatzungsregime gesprochen. Die Offiziere waren beeindruckt - und wahrscheinlich waren auch einige Politiker unter den Zuhörern - und sie fragten nun zurück: Wer garantiert uns, dass eine Bevölkerung, die gelernt hat, mit gewaltfreien Methoden, ihre Grundrechte zu verteidigen, diese Fähigkeiten nicht auch dazu verwendet, sich mit solchen Methoden gegen soziale Ungerechtigkeit im eigenen Lande und in den globalen Wirtschaftsbeziehungen einzusetzen? Diese skandinavischen Offiziere haben ausgesprochen, was ich selbst erlebt habe, als der Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages mich - auf Anforderung der Grünen - zu Alternativen zur militärischen Abschreckung befragte.Diehelm Schröder (Hg.): Krieg oder was sonst? NATO: Strategie der Unsicherheit, Reinbek 1984; Alfred Biehle (Hg.): Alternative Strategien. Das Hearing des Verteidigungsausschusses des Deutschen Bundestages. Koblenz: Bernhard & Graefe Verlag, 1986, S. 241-281. Bei den Fragen der Abgeordneten der CDU/CSU hatte ich das Gefühl: Diese Volksvertreter siedeln dich außerhalb des Gartenzauns der freiheitlich-demokratischen Grundordnung an. Die wenigsten stellten neugierige Fragen zur Funktionsweise der Sozialen Verteidigung. Sie wollten mich maßregeln. Mein Eindruck in dieser Befragung war: Das Grundproblem der Regierenden beim Umgang mit der Friedensforschung ist, dass diese Friedensforscher sicherheitspolitische Maßnahmen vorschlagen, welche den Regierenden nicht in den Kram passen, ja vor denen sie Angst haben. Der Umgang mit der Friedensforschung erfolgt nach der Maßgabe: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das auch zeigt, dass ein Wissenschaftler mit seinen Forschungen alleine - ganz auf sich gestellt und nur mit der Möglichkeit, seine Erkenntnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften zu veröffentlichen - herzlich wenig erreichen kann.

Mein Interesse galt seit 1961 der Erforschung des gewaltfreien Aktion. Ich war glücklich, dass ich in dem CDU-Mitglied Waldemar Besson einen Doktorvater fand, der mir dies ermöglichte. Und es ist mir 1969 sogar gelungen, mit dem deutschen Zweig der International Fellowship of Reconciliation eine finanziell unabhängige Zeitschrift zur Thematik "Gewaltfreie Aktion" zu schaffen und bis ins Jahre 2008 zu redigieren. Doch die Gruppen der Pazifisten waren als Pressure- und Lobby-Gruppe zu klein, um ein alternatives Sicherheitskonzept durchsetzen zu können.

Die Grünen versprachen dann gewaltfreie Politik zu machen und deklarierten die Soziale Verteidigung zu ihrem Verteidigungskonzept. Die Politologen Petra Kelly und Roland Vogt standen für dieses politische Vorhaben. Leider konnten sie sich innerhalb der Grünen nicht behaupten. Nach dem Sündenfall des Kosovo-Krieges war mit den Grünen nichts mehr anzufangen. Meines Erachtens haben die Grünen die Schwierigkeiten, die Soziale Verteidigung vorzubereiten und die Bevölkerung dafür zu gewinnen bei weitem unterschätzt. Man könnte daraus lernen, aber die Grünen haben dieses Problem ihrer sicherheitspolitischen Anfänge verdrängt.

Das war eine bittere Erfahrung, nachdem es im März 1989 nach längerer Vorbereitung gelungen war, als Dachverband der gewaltfreien Aktionsgruppen den Bund für Soziale Verteidigung zu gründen, und zu diesem BSV gehörten auch die Grünen und Ortsgruppen der SPD als Trägerorganisationen.

Die Wende in der DDR, die ja unter gewaltfreien Vorzeichen erfolgte, und das Ende des Warschauer Paktes stellten auch den Bund für Soziale Verteidigung vor neue Aufgaben. Es zeigte sich rasch, dass die Blütenträume einer Bundesrepublik ohne Armee nicht fruchteten. Einige hatten dies geahnt und waren darum nicht ratlos, sondern entwickelten eine neue Alternative zur Armee.Die Entwicklung des Konzepts der Sozialen Verteidigung in Deutschland. In: Militärpolitik Dokumentation (Sonderheft: Soziale Verteidigung), 13.Jg., 80,81/1990, S.3-30.
- Das zivile Modell und die Sicherheitspolitik. In: ebd., S.44-62.
- Der Bund für Soziale Verteidigung und die Senghaas - Ebert - Kontroverse. In: ebd., S.63-69.

Ich hatte über Jahrzehnte in der Evangelischen Kirche mitgearbeitet, weil diese zuverlässig die Kriegsdienstverweigerer und Atomwaffenkritiker unterstützt hatte, nicht sonderlich mutig, aber immerhin. Und man war daran interessiert, einen Friedensforscher in kirchenleitenden Gremien zu sehen. Jedenfalls war man in der Evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg bereit, sich auf des Experiment eines Zivilen Friedensdienstes als Alternative zur militärischen Ausbildung einzulassen. Man schlug dies nicht nur vor, sondern überlegte konkret, wie die entsprechende Ausbildung aussehen sollte und wo Einsätze stattfinden könnten.Th. Ebert: Ziviler Friedensdienst - Alternative zum Militär. Grundausbildung im gewaltfreien Handeln. Münster: Agenda-Verlag, 1997.

Aus dem Zivilen Friedensdienst ist dann zwar nicht das geworden, womit wir angefangen hatten zu experimentieren, aber es haben sich dann wenigstens Ansätze der Realisierung dieses Vorschlags von Friedensforschern gezeigt. Man könnte am Beispiel des heute real existierenden Zivilen Friedensdienstes untersuchen, was aus einem Konzept der Friedensforschung in der deutschen Realität geworden ist - und  wie man ein großes Konzept auf Sparflamme einkocht.

Als ich gestern in den Nachrichten hörte, dass Finanzminister Schäuble 8 zusätzliche Milliarden für die Bundeswehr bereitzustellen gedenkt, ist mir wieder klar geworden, wie sehr die Bundesregierung noch im militärischen Denken verharrt und wie wenig das Konzept des Zivilen Friedensdienstes die Fantasie unserer Regierung beflügelt.

Die Regierung hat den zivilen Friedensdienst als Alternative auf ganz, ganz kleiner Flamme gekocht. Das ist ungefähr so, als wolle man einen Atommeiler durch einen selbst gebastelten Sonnenkocher ersetzen. Immerhin hat der Zivile Friedensdienst das Ende der rot-grünen Koalition überlebt. Der Ausbau des Zivile Friedensdienstes ist immer noch etwas Konkretes, an dem sich die pazifistische Vorstellungskraft sofort versuchen könnte.

Der Zivile Friedensdienst verfügt nur über wenige entsprechend Ausgebildete. Es sind allenfalls Hunderte, nicht Tausende oder gar Zehntausende, die als Ziviler Friedensdienst sofort agieren könnten. Es gibt glücklicherweise spontane gewaltfreie Aktivisten, die sich punktuell und kurzfristig wie ein Ziviler Friedensdienst einsetzen können. Darum schießt die rechte Szene in der Bundesrepublik auch nicht ins Kraut und linke Protestgruppen verstehen es in der Regel gewaltfrei zu demonstrieren. Dass es jetzt bei der Einweihung der Europäischen Zentralbank in Frankfurt nicht geklappt hat, ist sehr bedauerlich, aber es hat sich in Frankfurt auch gezeigt, dass die Kultur des gewaltfreien Protests in Europa noch nicht gleichmäßig verteilt ist. Auch im Kleinen sehe ich noch Defizite. Ich hätte mir schon gewünscht, dass ein Bürgermeister dauerhaft von einem Zivilen Friedensdienst unterstützt wird, wenn Rechtsextremisten sein Wohnhaus belagern, weil er Flüchtlinge in seinem Dorf aufnehmen möchte.

Und nach dem Aufstand gegen das Regime Mubaraks hätte ich gewünscht, dass ein paar hundert Angehörige des Zivilen Friedensdienstes an den ägyptischen Universitäten und in den koptischen Gemeinden für einen gedeihlichen Umgang mit dem Muslim-Brüdern sich eingesetzt hätten. Und in der Ukraine zeigt sich jetzt, dass mit Gewalt und dem Einsatz von Militär keine tragfähigen Lösungen erreicht werden können. Aus der Sicht der Konzepte "Gewaltfreier Aufstand" und "Soziale Verteidigung" ließe sich zum bisherigen Verlauf der Konflikte in der Ukraine einiges Vernünftige und Brauchbare sagen, wohingegen mir die aktuellen Rückgriffe auf die Methoden des Kalten Krieges ziemlich hilflos, um nicht zu sagen töricht vorkommen.

Doch in solcher Situation ist die Frage: Mit welchen politischen Kräften (und zu diesen gehören auch die Kirchen) können sich die Friedensforscher verbünden, um ihre Alternativkonzepte durchzusetzen.

Der gedankliche Anstoß für dieses Panel hätte auch lauten können: Stell dir vor, die Friedensforscher verbünden sich mit einflussreichen, regierungskritischen Kräften, um die von der Friedensforschung angeregten Experimente in die Tat umzusetzen.

Das würde ich dann als Aktionsforschung bezeichnen. Doch ich gebe zu bedenken: Das wäre auch nicht von vornherein ein Erfolgsrezept.

Die Aktionsforschung mit ihrer Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und kritischen, gesellschaftlichen Akteuren hat auch ihre Tücken. Einige haben wir kennen gelernt bei der Zusammenarbeit von wissenschaftlichen Kritikern der Atomenergie mit AKW-Gegnern. Auch Regierungskritiker, die in Machtpositionen gelangen, erweisen sich immer wieder als Opportunisten. Doch man kann aus diesen Experimenten lernen und Erfolge erzielen. Ein wirklicher Erfolg war die Kampagne "Freie Heide", welche die Umwandlung des Bombodroms in der Kyritz-Ruppiner Heide durchsetzte, ohne dass die Regierung Brandenburgs sich hätte als die unterlegene fühlen müssen. Der Ministerpräsident und die Bürger feierten und tanzten gemeinsam. Und ein Vorbild für den lang anhaltenden Kampf waren die Forschungen von Dr. Wolfgang Hertle über den französischen Widerstand gegen die Ausweitung des Truppenübungsplatzes im Larzac gewesen.W. Hertle: Larzac 1971 -1981. Der gewaltfreie Widerstand gegen den Truppenübungsplatz in Südfrankreich. Kassel: Weber & Zucht, 1982. In Frankreich dauerte es zehn Jahre, in der Kyritz-Ruppiner Heide noch ein paar Jahre länger.

Mein Fazit: Die Suche nach und die Zusammenarbeit mit Friedensinitiativen bietet den Friedensforschern einen Ausweg aus der Ohnmacht bzw. der ständigen Anpassung an die Erwartungen der Regierenden. Wer annimmt, durch Anpassung an die Vorstellungen der Regierenden könne man sich deren Wohlwollen und die Förderung erhalten, befindet sich auf dem Holzweg.

An diesem Kalkül ist bereits die DGFK zugrunde gegangen. Die Friedensforscher dürfen sich nicht anpassen. Sie müssen aufbegehren, wenn die Regierung jetzt wieder Milliarden für die Rüstung verbrennt, statt sie zum Beispiel in den Zivilen Friedensdienst zu investieren. Diese neuerliche Art der "Nachrüstung" ist ein wirkliches Trauerspiel, bei dessen Anblick man versucht ist, alles Hoffen auf Früchte der  Friedensforschung fahren zu lassen. Doch wir dürfen weder  kapitulieren, noch uns Einfluss auf das Establishment in die Tasche lügen. Wir müssen aus den Kämpfen - aus den Niederlagen wie auch aus den Erfolgen - lernen und es in Zukunft besser machen als bisher.

Fußnoten

Veröffentlicht am

20. Juni 2015

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