Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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10 Jahre für den Frieden! - Die Dekaden von UN und Ökumenischem Rat der Kirchen und ihre Bedeutung

Von Michael Schmid Vortrag beim Jahrestreffen von Lebenshaus Schwäbische Alb e.V. am 15. September 2000 in Gammertingen

Frieden ist ein Begriff, der einen hohen Stellenwert besitzt. Er wird von vielen Menschen gerne in den Mund genommen. Doch die Vorstellungen, die sich mit Frieden verbinden, unterscheiden sich grundlegend. Von Frieden reden z.B. naive Menschen, die die Abwesenheit von direkter Gewaltanwendung bereits mit Frieden verwechseln und nicht verstehen, dass die Arbeit am Auf- und Ausbau des Friedens gerade erst beginnt. Andere sind weniger naiv und wissen zwar, dass Abwesenheit von Krieg noch keinen Frieden darstellt, aber eine solche Arbeit wird nicht begonnen. Im Ergebnis wird so das Wort Frieden zu einem sehr wirksamen Friedensverhinderer.

Angesichts einer blutigen Gewaltgeschichte und angesichts unendlich vieler Gewaltopfer ist es wichtig, einen Friedensprozess in Schwung zu bringen, der über einen Waffenstillstand hinausgeht. Ich möchte zunächst auf zwei aktuelle weltweite Bemühungen für einen solchen Friedensprozess eingehen.

1. Die Dekaden von UN und Ökumenischem Rat der Kirchen

Nach den Beschlüssen der UNO-Generalversammlung soll das Jahr 2000 weltweit als "Internationales Jahr für eine Kultur des Friedens" begangen werden. Diesem jetzigen Friedensjahr wird sich nach dem Wunsch der Weltorganisation im Zeitraum 2001 bis 2010 eine "Internationale UN-Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit für die Kinder dieser Welt" anschließen.

Die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) wurde wesentlich mit der Umsetzung der Dekade beauftragt. Ein wesentliches Aktionselement ist das Manifest 2000, bei dem man sich selber per Unterschrift dazu verpflichten kann, für eine Kultur des Friedens einzutreten.

Für den gleichen Zeitraum 2001-2010 hat die 8. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) im Dezember 1998 eine "Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt" ausgerufen.

Den Grundsatzbeschluss der 8. Vollversammlung griff der Zentralausschuss des ÖRK bei seiner Tagung im Sommer 1999 auf: Mit einem Rundschreiben bat er Mitgliedskirchen, nationale Kirchenräte, ökumenische Organisationen und Partner sowie weitere kirchliche Einrichtungen um Mitwirkung bei der Vorbereitung der Dekade. In einer "Botschaft" wurden "Kirchen, ökumenische Gruppen, einzelne Christinnen und Christen sowie Menschen guten Willens" eingeladen, "sich an dieser Dekade zu beteiligen". Es sei anzustreben, "festere Bündnisse und eine bessere Verständigung zwischen Kirchen, Netzwerken und Bewegungen zu erreichen, die auf eine Kultur des Friedens hinarbeiten".

Die Dekade ermutigt also zu breiter Trägerschaft und ist auf eine solche angewiesen: Jugendgruppen, Frauenkreise und Kirchengemeinden, kirchliche Werke und Dienste wie z.B. Friedensdienste, Diakonische Werke, die Aktion Brot für die Welt sowie Organe und Dienststellen der verfassten Kirche haben alle in ihrer bisherigen Arbeit Anknüpfungspunkte für ein Aufgreifen der Dekadeanliegen. Darin liegt eine der Stärken der Dekade. Umgekehrt ist eine breite Trägerschaft Voraussetzung für öffentliche Wirksamkeit.

Die Ausrufung der "Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt" ist im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland, bei Freikirchen und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) auf fruchtbaren Boden gefallen. Die Vorbereitungen in einigen Landeskirchen sind weit vorangeschritten und haben bei zahlreichen kirchlichen Organisationen und Gruppen konkrete Gestalt angenommen.

Während der Sitzung des Zentralausschusses des ÖRK in Berlin wird am 3./4. Febr. 2001 diese Dekade zur Überwindung von Gewalt gemeinsam mit den Kirchen der Welt feierlich eröffnet.

Was, so kann nun aber gefragt werden, gehen uns denn die Dekaden von UN und ÖRK an? Ich meine, vor dem Hintergrund grundlegender Fragen zu Gewalt und ihrer Überwindung sind international angelegte Friedenskampagnen und -dekaden von unschätzbarem Wert. Wenn die derzeit für beide Dekaden laufenden Konzeptionsphasen abgeschlossen, die Absichten zur Kooperation eingelöst sind und auch die erwünschte und notwendige Unterstützung der jeweiligen "Basis" erreicht haben, könnten tatsächlich nahezu einmalig gute Voraussetzungen für eine inhaltlich umfassende, weltweite und ökumenische Auseinandersetzung mit dem Thema Frieden und Gewaltfreiheit geschaffen werden.

Dabei ist völlig klar, dass der "Erfolg" beider Initiativen entscheidend davon abhängt, ob sie Unterstützung an der Basis finden. Sollte dies nicht der Fall sein, dann werden als Ergebnis in erster Linie schöne Erklärungen und ansonsten weitgehend leere Hüllen übrigbleiben. Vor dem Hintergrund des bisherigen Verlaufs der Vorbereitungen - den ich für den kirchlichen Bereich kurz angedeutet habe - ist das allerdings kaum zu befürchten.

Die Aufgabe die sich in den beiden Dekaden stellt, berührt im Übrigen in vielfältiger Hinsicht Anliegen und Handlungsfelder des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung. Und die Leitbegriffe dieses Konziliaren Prozesses wiederum finden sich auch - und das nicht zufällig - in unserem Vereinsnamen wieder: Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie. Weil ich unsere Anliegen in diesen kirchlich-ökumenischen und zivilgesellschaftlich globalen Aufbrüchen gut aufgehoben sehe, denke ich, dass es viel Sinn macht, uns an den sich ergebenden Prozessen zu beteiligen und so Veränderungen, "Umkehrbewegungen" zu ermöglichen.

Mit uns meine ich uns als einzelne, uns als Mitglieder von Kirchengemeinden, als MitarbeiterInnen von Gruppen und Organisationen und auch uns als Lebenshaus-Verein.

2. Was können wir zu einer Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit beitragen?

Wenn wir von Überwindung der Gewalt und zur Entfaltung einer Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit beitragen wollen, dann tauchen natürlich Fragen auf: Von welcher Gewalt reden wir und von welchem Frieden? Welches sind die geeigneten Mittel, um Gewalt zu überwinden und Frieden zu gestalten? Wer sind die Akteure und über welches Wissen und welche Fähigkeiten müssen sie verfügen, um im lokalen und globalen Raum für Frieden, Gerechtigkeit und Ökologie handlungsfähig zu sein?

Zu diesen Fragestellungen möchte ich einige Ausführungen machen und zwar unter folgenden Leitbegriffen: Sensibilisierung, Enttabuisierung, Ermutigung, Qualifizierung und Konkretisierung. Wichtig ist mir noch vorneweg zu betonen, dass so dringlich die Herausforderungen sich einerseits darstellen, sich die daraus ergebenden Aufgaben für zunächst den Zeitraum einer Dekade sind und uns hoffentlich genügend Zeit zur Bearbeitung bleibt. Außerdem will und kann ich zu den Fragestellungen keine fertigen Antworten liefern. Die Suche nach Antworten kann vielmehr Teil eines gemeinsamen Prozesses während der Dekade sein.

A. Sensibilisierung

Friedensprozess

Beiden Dekaden wird ein umfassendes Verständnis von Frieden zugrundegelegt. Der weite und differenzierte Friedensbegriff wird nicht auf die Verhütung militärischer Gewalt im Sinne von `nur´ Nicht-Krieg beschränkt, sondern vor allem als ein zielgerichteter Prozess begriffen. Es wird also davon ausgegangen, dass Frieden und Gewaltfreiheit auch kein bestehender Zustand ist, sondern immer neu entsteht. Frieden ist nicht, sondern Frieden wird. Frieden ist der Weg, wie Gandhi das ausgedrückt hat. Frieden ist also auch keine "Lösung" oder "Auflösung" von Konflikten im Sinne von "Harmonie". Sondern Frieden ist eine neue Qualität im Umgang mit Konflikten. Frieden ist Konfliktbearbeitung ohne Krieg.

Entsprechend diesem Friedensverständnis wird in der UN-Deklaration vom 10. November 1998 die Dringlichkeit zum "Übergang zu einer Kultur des Friedens" hervorgestrichen. Als Kultur des Friedens wird verstanden eine Kultur, "die mit ihren Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen ein auf den Grundsätzen der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Demokratie, aller Menschenrechte, der Toleranz und der Solidarität beruhendes gesellschaftliches Neben- und Miteinander widerspiegelt und fördert, die Gewalt ablehnt und danach trachtet, Konflikte zu verhindern, indem sie gegen deren tiefere Ursachen angeht, um Probleme im Dialog und auf dem Verhandlungsweg zu lösen, und die uneingeschränkte Wahrnehmung aller Rechte und die Möglichkeit der uneingeschränkten Teilhabe am Entwicklungsprozess ihrer Gesellschaft garantiert."

Unterschiedliche Gewaltformen

Wichtige Voraussetzung für einen Friedensprozess ist zunächst die Empfindsamkeit, die Sensibilisierung für die unterschiedlichen Formen von Gewalt.

"Kern aller Gewaltbegriffe sind die mit Gewalt verbundenen Schädigungsabsichten oder Schädigungsfolgen. Diese können unbeabsichtigt oder angestrebt, direkt oder indirekt, latent oder potentiell, physisch oder psychisch sein. (…)

Unter Gewalt sollen solche Aktionen, Situationen und / oder Eruptionen verstanden werden, die die Existenz, Identität oder Integrität von Sachen oder Lebewesen durch die Androhung oder Anwendung physischer und psychischer (Gewalt-)Mittel gefährden, beschädigen oder zerstören. Gewalt ist ein komplexes Phänomen, das viele Facetten aufweist und sich einer einfachen Analyse entzieht." (Wolfgang R. Vogt)

Deshalb sind vielfältige Differenzierungen erforderlich: Gewalt tritt in vielen Formen und Bereichen mit unterschiedlicher Intensität auf. Sie hat viele, oft wechselnde Gesichter - oder besser reden wir von hässlichen Fratzen. Gewalt wird mit den unterschiedlichsten Motivationen und Mitteln ausgeübt. Sie ist in fast allen Lebensbereichen anzutreffen. Gewalt wird durch eine Vielzahl von Zusammenhängen und Gründen verursacht und erfüllt verschiedenartige Funktionen.

Dem norwegischen Friedensforscher Johan Galtung verdanken wir grundlegende Untersuchungen und Definitionen zur Unterscheidung verschiedener Formen der Gewalt. Seit einigen Jahren arbeitet Galtung mit einem Dreieck, in dem er zwischen direkter, struktureller und kultureller Gewalt unterscheidet.

Direkte oder personale Gewalt: Die direkte Gewalt hat einen Täter und ein Opfer. Sie kann sich gegen den Körper richten, aber auch gegen das Denken und den Geist. Dazu gehören eindeutig das Töten, Verletzungen, Folterungen, dauerhafte körperliche und/oder psychische Schädigungen. Es gehören aber auch Formen wie Verleumdung, Diskriminierung, Mobbing, Erpressung, etc. dazu. Die Folgen dieser psychischen Formen von Gewalt können ebenfalls bis hin zu schweren seelischen und körperlichen Schädigungen, ja bis zum Tod reichen.

Strukturelle Gewalt: Strukturelle Gewalt äußert sich meist indirekt und hat keine unmittelbar sichtbaren Verursacher. Sie liegt nach Galtung immer dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass sie sich aktuell nicht so verwirklichen können, wie dies eigentlich potentiell möglich wäre. Wenn also jemand im 18. Jahrhundert an Tuberkulose starb, kann dies nicht als Gewalt ausgelegt werden, weil dies damals kaum zu vermeiden war; wenn aber heute jemand trotz aller medizinischen Hilfsmittel der Welt daran stirbt, dann haben wir es mit struktureller Gewalt zu tun. Eine Lebenserwartung von dreißig Jahren war in der Steinzeit kein Ausdruck von Gewalt; zum Beispiel ist aber die vermeidbare Katastrophe, dass täglich 40.000 Kinder aufgrund mangelhafter Nahrungsversorgung sterben müssen, strukturelle Gewalt.

Strukturelle Gewalt ist als Ungleichheit in Bezug auf Machtverhältnisse und Lebenschancen, in Form ungerechter Sozialverhältnisse, in das politische und wirtschaftliche System eingebaut. Fehlende Bildung bzw. Ausbildung, systembedingtes Analphabetentum, Arbeitslosigkeit, fehlende hygienische und  medizinische Standards mit der Folge von Seuchen, Epidemien und Kindersterblichkeit, entwürdigende Wohnverhältnisse zählen beispielsweise dazu. Neben den direkten Auswirkungen auf Gesundheit und Leben zieht strukturelle Gewalt eine Störung des Selbstwertgefühls und selbstzerstörerische Ohnmachtsgefühle nach sich. Alkoholismus, Drogenabhängigkeit und politisch-soziales Flucht- bzw. Rückzugsverhalten liegen in ihrem Machtbereich. 

Kulturelle Gewalt: Kulturelle Gewalt ist jene Gewalt, die andere Formen der Gewaltausübung begleitet, rechtfertigt, legitimiert und damit ermöglicht. So kann zum Beispiel ein Mord, der für das Wohl des Staates verübt wurde, als moralisch richtig interpretiert werden, wenn er dagegen aus individuellem Motiv geschah, als moralisch falsch.

Kulturelle Gewalt kann aber gleichzeitig eine eigenständige Form der Gewalt sein, die selbst Verletzungen hervorruft. Das kann mit der Schmähung und Beleidigung eines "Anderen" anfangen, mit der Aussonderung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe weitergehen (Ausländer, Behinderte, Randgruppen) bis hin zu Ideologie-Gebäuden, die erklären, warum die einen Menschen besser, höherstehend, lebenswerter als die anderen sind. Die Appelle, zu einem "auserwählten Volk" oder zu einer "überlegenen Rasse" zu gehören, sind Beispiele kultureller Gewalt. Das Konzept einer durch das männliche Geschlecht begründeten Überlegenheit ist benutzt worden, um Gewalt zwischen den Geschlechtern in verschiedenster Ausprägung zu legitimieren: Abtreibung von weiblichen Säuglingen, Kindesmord, Beschneidung, Inzest, familiäre Gewalt, Vergewaltigung und Witwenverbrennung.

Die Kultur der Gewalt gehört leider auch zu den Spielregeln der "demokratischen" Politik, sichtbar z.B. im Umgang von Politikern miteinander.

Andererseits verschleiert kulturelle Gewalt die Realität insoweit, dass es den Menschen nicht mehr möglich ist, einen Gewaltakt oder eine Gewalttatsache auch als solche zu identifizieren. Das kann z.B. geschehen, indem die im Rechtsstaat ganz legal zur Verfügung stehenden Mittel so benutzt werden, dass damit andere geschädigt werden - indem z.B. gegenüber anderen dauernd Situationen provoziert werden, die zur Reaktion Anlass geben und gegen diese Reaktion wird dann vor Gericht geklagt. Durch die Nutzung von demokratisch-rechtsstaatlich legitimen Mitteln wird die damit ausgeübte Gewalt verschleiert.

Diese Gewaltdefinition von Galtung ermöglicht eine konstruktive Auseinandersetzung, weil sie den Blick für viele Facetten von Gewalt öffnet und vor allem Zusammenhänge sichtbar macht. Galtung weist nachdrücklich darauf hin, dass alle drei Faktoren im Gewaltendreieck (direkte, strukturelle und kulturelle Gewalt) gleichberechtigt sind. In jeder Ecke des Dreiecks können Gewaltausbrüche beginnen und in den anderen Ecken Verschärfungen auslösen. Andererseits muss jeder einzelne Aspekt verändert werden, wenn wir auf dem Weg der Gewaltfreiheit weiterkommen wollen. Wenn z.B. die kulturelle Legitimation von Gewalt abnimmt, kann dies zur Eindämmung struktureller und direkter Gewalt führen.

Sensibilisierung für die unterschiedlichen Formen von Gewalt ist noch aus einem weiteren Grund wichtig: Wer sich glaubwürdig für die Überwindung von Gewalt einsetzen und etwas zu einer Kultur des Friedens beitragen will, muss bemüht sein, Weg und Ziel zur Deckung zu bringen. Zwar wird es uns wohl trotz aller Sehnsucht nach Frieden und bei allem Plädoyer für Gewaltfreiheit nie gelingen, der Gewalt ganz zu entrinnen. Wir sind keine Übermenschen. Dennoch gilt es aufmerksam zu sein für eigene Gewaltpotentiale. Also: wo und wie wenden wir selber Gewalt an? Es gilt weiter die eigene Haltung zu Anwendungen von Gewalt außerhalb unseres unmittelbaren Nahbereiches zu klären. Das ist nicht unbedingt bequem. Aber zur Sensibilisierung gehört die eigene Vergewisserung: Wie stehe ich zur Gewalt? Wo erlebe ich Gewalt? Wie begegne ich Gewalt? Wie stehe ich zur militärischen Gewalt in den internationalen Konflikten? Unter welchen Bedingungen lehne ich Gewalt ab, wann legitimiere ich Gewaltanwendung? Entstehen dabei "Glaubwürdigkeitslücken"? - Wenn internationale Politik z.B. militärische Gewalt für ein in bestimmten Situationen unumgänglich notwendiges Gegenmittel ansieht, braucht es nicht zu verwundern, wenn Jugendliche ihre eigene Gewaltanwendung als legitime Gegengewalt verstehen.

Zur Sensibilisierung gehört auch die Frage nach einer realistischen Perspektive. Als Dekadenmotto wurde mit Bedacht nicht die Überwindung der Gewalt gewählt, sondern "Überwindung von Gewalt". Gewaltüberwindung ist in konkreten Situationen durchaus möglich. Auch wenn dies langfristige Zielsetzung bleiben sollte, so wäre die Annahme illusorisch, im Zeitraum einer Dekade die Gewalt als solche überwinden zu wollen.

Es gilt also zu schauen, was überhaupt leistbar ist. Denn es gibt sehr tiefe und verfahrene Konflikte, die nur äußerst schwer oder gar nicht zu lösen sind. Und es gibt Konfliktparteien, denen es um Zerstörung und nicht um konstruktive Konfliktbearbeitung geht. Bei manchen Konflikten wäre schon sehr viel gewonnen, wenn sie in eine solche Form transformiert werden könnten, dass sie überhaupt zu bearbeiten sind. Das erfordert entsprechende Fähigkeiten und die Bereitschaft dazu. Es gibt also unter Umständen enge Grenzen, innerhalb derer einer Eskalation vorgebeugt werden kann.

Wichtig im Rahmen einer Dekade ist der konstruktive Umgang mit Konflikten. Konflikte sollten möglichst frühzeitig so bearbeitet werden, dass sie nicht bis in brutale Gewalt eskalieren. Hier gibt es viel zu lernen.

B. Enttabuisierung und Entdramatisierung

Wer Gewalt thematisieren will, stößt auf vielfache individuelle und gesellschaftliche Widerstände. Viele Gewaltformen wurden erst in den zurückliegenden Jahren aus der Dunkelheit des Tabus und des Schweigens hervorgeholt, z.B. "häusliche Gewalt", also Gewalt gegen Frauen und Kinder durch den Partner/Vater, Stiefvater etc.; Mobbing. Und viele Formen von Gewalt liegen noch weiter im Verborgenen.

Zur notwendigen Enttabuisierung gehört auch die Entdramatisierung. Damit ist nicht gemeint, Gewalt zu verharmlosen. Es geht aber darum, dass z.B. Medien in ihrer Berichterstattung sehr häufig vor allem Gewaltthemen aufgreifen und diese hochspielen. Dagegen kommen Ansätze von friedlichem Miteinander oder von ziviler und gewaltfreier Konfliktbearbeitung kaum vor. Die Berichterstattung im Falle des Kosovo-Krieges war entsprechend. Von vielen Medien wurden über Wochen und Monaten Gewalt durch Serben derart dramatisiert dargestellt, es wurde gleichzeitig versäumt, Ansätze zur zivilen Konfliktbearbeitung darzustellen, dass schließlich in der Öffentlichkeit eine derartige Spannung aufgebaut war, dass viele keinen anderen Ausweg mehr sahen als eine militärische Intervention gegen Serbien. Die von der Friedensbewegung seit vielen Jahren aufgezeigten und geforderten Möglichkeiten der zivilen Konfliktbearbeitung fanden dagegen kaum ein öffentliches Echo.

"Das ist die Stunde des Bösen, wenn der gute Mensch nur noch das Böse in der Welt sieht und verzweifelt." Theodor Haecker, 1941

Während den Dekaden gilt es deshalb auch, einen kompetenten Umgang mit den Medien zu erlernen.

C. Ermutigung

Jede und jeder von uns kennt wohl den Satz, der uns in unterschiedlichen Situationen immer wieder in den Sinn kommt: "Wir können sowieso nichts daran ändern".  So verständlich dieser Satz ist, so fatal ist er in seiner Auswirkung. Denn wenn wir angesichts von Gewalt resignieren - wenn wir dazu schweigen, die Augen verschließen, sie verdrängen oder verleugnen -, dann tragen wir mit zu ihrer Vermehrung bei. Wir resignieren oft, weil uns der Berg an Aufgaben zu riesig vorkommt und wir dagegen als ziemlich klein und unbedeutend erscheinen. Gefühle der Ohnmacht, der Aussichtslosigkeit und des Ausgeliefertseins kommen auf. Die geradezu sprunghafte Zunahme psychischer und psychosomatischer Erkrankungen, vor allem in den reichen Staaten und bei den empfindsamsten Menschen, hängen damit zusammen.

Gegen diese Resignation, gegen den "Luxus der Hoffnungslosigkeit" - so die nicaraguanische Dichterin Gioconda Belli - hilft es u.a., wahrzunehmen, dass es sehr viele Baustellen gibt, auf denen an der Überwindung von Gewalt und für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit gearbeitet wird: Ob als Erzieherin im Kindergarten oder als Lehrer in der Schule, die sich um Friedenspädagogik oder interkulturelle Bildung bemühen; ob als Pfarrer oder Religionslehrer, der sich in seiner Konfirmandengruppe kritisch mit der Jugendgewalt auseinandersetzt oder für ein gewaltminderndes Projekt in Süditalien oder Übersee Geld sammelt; ob als Sozialarbeiterin, die sich gegen die Mittelkürzung für das Frauenhaus wehrt oder mit zum Tabubruch gegenüber häuslicher Gewalt beiträgt; ob die Verkäuferin im Weltladen, die zur Bezahlung von gerechteren Preisen beiträgt oder als Mitarbeiter von ai, der für die Freilassung von politischen Gefangenen kämpft; ob das Engagement in Anti-AKW-Gruppen, in Abrüstungsinitiativen, in Initiativen für die Einführung einer Friedenssteuer oder für eine demokratische Kontrolle der internationalen Finanzmärkte, etc. - es ist wichtig, zur Kenntnis zu nehmen, dass in unserer Gesellschaft und weltweit etwas in Bewegung ist. Weltweit suchen Menschen nach einer besseren Gesellschaft, die Lebensunterhalt und Würde für alle bietet. Tagtäglich widerstehen Menschen der Zerstörung und der Gewalt. Diese weltweiten Kämpfe, dieses tagtägliche Widerstehen, dieses vielgestaltige Einsetzen für ein besseres Leben zur Kenntnis zu nehmen, ist also wichtig für unsere eigene Hoffnung. Wir sind nicht allein!

Manchen Menschen ist die Bedeutung dieser bunten, vielfältigen Initiativen zur Überwindung von Gewalt nicht genügend bewusst. Die Dekaden könnten diese Bedeutung betonen und entscheidend zur Ermutigung beitragen.

D. Qualifizierung: Friedens- und Konfliktfähigkeit lässt sich lernen

"Wir sind großenteils Friedens-Analphabeten und hilflos im Umgang mit Konflikten. Ist es vorstellbar, dass wir Studenten der Universitäten oder höheren Schulen ihre Diplome geben würden, ohne sie je in Mathematik zu unterrichten, und ihnen dann sagen würden: viel Glück, wurstelt euch irgendwie durch? Aber so gehen wir mit Konflikten um: Wir geben Durchwurstlern ihre Diplome und fragen uns mit falschem Erstaunen, wieso das Land so gewalttätig ist."

Dieser schon vor gut zehn Jahren geschriebene Kommentar aus der Washington Post weist wohl auf eine Kernherausforderung für die Dekade zur Überwindung von Gewalt und für Gewaltfreiheit hin. Dem Bildungsbereich kommt ein hoher Stellenwert bei der Vermittlung von Friedenskompetenzen und Konfliktfähigkeit zu. Die neuen Aufgaben der Friedenspädagogik und Friedensarbeit - z.B. die Verfahren der Vermittlung in Konfliktsituationen, der Streitschlichtung oder der Mediation - erfordern von den beteiligten Personen ein hohes Maß an Wissen und sozialen Fähigkeiten. Die Verbesserung der Fähigkeit zum Umgang mit Konflikten sollte hier eine zentrale Rolle spielen. Für Konflikte und Gewalt sensibel zu werden und mit Konflikt- und Gewaltsituationen konstruktiv im Sinne einer Deeskalation umzugehen, kann gelernt werden. Die Dekaden sollten genutzt werden, diese Angebote auszubauen.

Allerdings auch nochmals die Warnung: Es wäre verhängnisvoll, die Ausbildung für konstruktiven Austrag und die Chancen auf Konfliktbearbeitung zu überschätzen. Es wird immer Konflikte geben, die nicht bearbeitbar sind, weil beispielsweise die Konfliktparteien dies gar nicht wollen. Und es wird immer die sinnlose, zerstörerische Gewalt geben. Zudem bringen nicht alle Menschen die Fähigkeiten mit, sich auf den langen und oft zähen Prozess der Konfliktauseinandersetzung einzulassen. Dennoch wachsen die Chancen zur Überwindung von Gewalt, wenn Menschen zumindest Kenntnisse über die grundsätzlich vorhandenen Handwerkszeuge erhalten.

3. Konkretisierungen

Es gibt eine Fülle unterschiedlicher Handlungsansätze. Für Gruppen, Kirchengemeinden oder auch das Lebenshaus sehe ich z.B. folgende konkrete Handlungsfelder:

1. Freiwillige Friedens- und Sozialdienste

Hier handelt es sich um sinnvolle Alternativen zu staatlichen Zwangsdiensten. Sie sind hervorragend dazu geeignet, solidarisches Engagement in unserer Gesellschaft zu fördern. Unter Umständen eröffnen sie jungen und älteren Menschen wichtige Erfahrungen und eine neue sinnvolle Lebensperspektive. Dienste im Ausland werden zum Teil neuerdings durch die EU gefördert. Dazu braucht es dann jeweils eine Entsende- und eine Aufnahmeorganisation. Aufnahmeorganisationen sollten konkrete Projekte für Jugendliche anbieten. Es gibt auch die Entsendung von Freiwilligen durch Organisationen wie Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste oder Pax Christi, bei denen es wichtig ist, Unterstützer-Kreise für Personen zu bilden, die einen Friedensdienst im Ausland ableisten wollen. Aufgabe des Unterstützungskreises ist dann für die Gruppe oder Kirchengemeinde außer einer gewissen finanziellen Unterstützung auch eine Sensibilisierung für die Region, in welcher der Einsatz stattfindet.  Dieser Kreis kann auch als psychische Unterstützung für den oft sehr belastenden Einsatz wichtig sein, vor allem dann, wenn dieser in einer Krisenregion stattfindet.

2. Partnerschaften

Es kann überlegt werden, inwieweit Partnerschaften mit Gruppen, Kirchengemeinden, Schulen, Gemeinden in Konfliktregionen für die Auseinandersetzung mit den Fragen von Gewalt, Krieg und Frieden fruchtbar gemacht werden können.

3. Fachliche Qualifikationen / Trainings

Kirchengemeinden oder auch das Lebenshaus können Angebote machen, in denen die Fähigkeiten zur gewaltfreien Konfliktbearbeitung umfassend gefördert werden. Dazu können z.B. Gewaltfreiheits-Seminare, Trainings im Umgang mit unterschiedlichen Gewaltformen, Bildungsveranstaltungen über Kriege, Kriegsursachen und alternative Formen der Sicherheits- bzw. Friedenspolitik gehören.

4. Flüchtlinge

Weltweit sind 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Zahl jener, die als Flüchtlinge und Asylsuchende in unser Land kommen, ist dagegen verschwindend gering. Und in den letzten Jahren hat diese Zahl noch drastisch abgenommen, seit 1993 das Asylrecht faktisch fast abgeschafft worden ist. Dennoch gibt es Flüchtlinge und Asylsuchende bei uns.

Hier gibt es reichhaltige Aufgaben- und Lernfelder für uns: Wir können viel lernen darüber, wie es in unserer Welt zugeht - über das Elend in weiten Teilen dieser Erde, über Situationen in den jeweiligen Herkunftsländern mit Kriegen, Folter und anderen Gewaltformen; wir können auch viel darüber lernen, wie Menschen, die meist schweres Leid erlitten haben, in unserem Land zu Menschen dritter Klasse abgestempelt und in unwürdige Lebensverhältnisse gebracht werden; wir können lernen, wie Behörden mit diesen Menschen umgehen; und dann gibt es natürlich jede Menge Hilfebedarf. Allen, die sich auf diese Menschen aus fremden Ländern einlassen, bietet sich die große Chance, sehr viel zu lernen über Gewalt in unterschiedlichsten Formen und ihren Abbau durch eigenes Engagement. Und gleichzeitig über die eigenen Grenzen in unserem als so freiheitlich gerühmten Rechtsstaat.

5. Regeln zur Konfliktbearbeitung

Der Verein für Friedenspädagogik aus Tübingen regt an, eine übergreifende Gemeinsamkeit im Rahmen der Dekade herzustellen, indem Punkte herausgestrichen werden, die für die Auseinandersetzung mit Gewalt und den Umgang mit Konflikten wichtig sind. Durch eine Veröffentlichung von den "Zehn Regeln für konstruktive Konfliktbearbeitung" als eine Art "inhaltlichem Logo" könnte die Dekade ihren Kristallisationsbereich erhalten und auch nach außen attraktiv wirken. Beim Tübinger Verein wird auf eigene Erfahrungen verwiesen: Die Herausgabe eines Plakates "Streitkultur" stößt seit zwei Jahren auf rege Nachfrage. Dieses Plakat hängt mittlerweile in vielen Familien, Schulen, in Rathausfraktionen und an anderen Orten, wo Konflikte zum Alltag gehören. Jetzt zur Dekade haben die Tübinger Friedenspädagogen "Zehn Regeln für konstruktive Konfliktverläufe" erarbeitet, die als Leitgedanken zum Erlernen von Frieden und Konfliktfähigkeit dienen sollen.

Ich möchte abschließend nochmals betonen: Der Ort, an dem sich eine Kultur des Friedens entwickeln kann, ist das einzelne Individuum, das einzelne Gesellschaftsmitglied und seine Beziehung zum Anderen, zum Nächsten wie zum Entferntesten, Fremden. Zwar kann Kultur des Friedens "von oben" proklamiert, aber weder verordnet noch verwirklicht werden. Wenn, dann entwickelt und gestaltet sie sich "von unten", von der Basis der Gesellschaft her. Deshalb kommt es auf jede und jeden von uns an, wenn Frieden eine Chance bekommen soll.

Fußnoten

Veröffentlicht am

20. September 2001

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