Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Strukturelle Ungerechtigkeit führt zu alltäglicher Gewalt

Von Katrin Warnatzsch, Sozialer Friedensdienst im Lebenshaus  (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 91, Dez. 2016. Der gesamte Rundbrief Nr. 91 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 682 KB)

Die Wintersonnwende naht, die Tage sind so kurz, dass man sich überlegt, Taschenlampen mitzunehmen für den Nachhauseweg. Kerzen sind angesagt, die das Dämmerlicht erträglicher machen. An manchen Tagen scheint der Himmel gar nicht aufzuwachen, was für müde und antriebslose Menschen besonders beschwerlich ist.

Menschen, die in dunklen Zimmern mit wenig Tageslicht leben müssen, wie z.B. ein Teil der Geflüchteten hier am Ort, aber auch Menschen, die sich keine angenehmen Wohnlagen leisten können, kämpfen nun zusätzlich zu allem anderen auch gegen drückende Stimmung an. Da sind Tagesstrukturen besonders wichtig, auch wenn das Aufstehen am Morgen mühsam sein mag. Einer der geflüchteten Männer erzählt nicht ohne Stolz, dass er zweimal in der Woche um 7 Uhr den Berg hinauf jogge, vorbei an einer alten Frau, die ihren Hund ausführt, und sie grüßen sich immer freundlich. Schule, Sprachunterrichte, Verabredungen und auch Sport halten ein Minimum an Aktivität aufrecht.

Zwar ist nach fast einem Jahr in der Unterkunft nun endlich wohlwollend durch Flüchtlingshelfer ein Zugang für das Internet installiert, jedoch gibt es regelmäßig Ärger wegen der Unzuverlässigkeit des Empfangs, der nicht in allen Bereichen des Gebäudes gewährleistet ist und keine ausreichende Kapazität für über 80 Nutzer besitzt. Es stellt sich natürlich auch die Frage, inwieweit hier die Betreiber der Unterkunft für Chancengleichheit sorgen müssten, vergleichbar mit der Nutzungsmöglichkeit des Internets der BürgerInnen unserer Gemeinde. Dies könnte ebenso durch finanziellen Ausgleich erfolgen, um sich jeden Monat die Gebühren für einen individuellen Internetzugang leisten zu können.

Ich beobachte das Streben nach Selbständigkeit bei den geflüchteten Männern, die sich nicht täglich abhängig fühlen wollen von versagender Technik oder den Aufenthalt in der Nähe von Hotspots. Das Internet ermöglicht ihnen den Kontakt zur Familie, aber auch die regelmäßige Teilnahme an einem Online-Sprachkurs. Dieser Kurs ist für einen Teil der Geflüchteten die einzige Möglichkeit, zu einem anerkannten Nachweis ihrer Deutschkenntnisse zu gelangen, unabdingbare Voraussetzung für berufliche Aktivität. Denn es wird ja keinesfalls allen Geflüchteten ermöglicht, Sprachkurse zu besuchen, sondern in erster Linie nur denjenigen, die von unserem Staat pauschal eine, oft zunächst nur vermutete, wahrscheinliche Bleibeperspektive bekommen. Alle anderen, z.B. Geflüchtete aus Afghanistan, werden insbesondere solange sie keine Entscheidung über ihren Asylantrag erhalten haben, nachrangig behandelt, auch in Bezug auf zertifizierte Sprachkurse. Es geht viel Zeit verloren. Wenige besonders Sprachbegabte schaffen es, sich Deutschkenntnisse durch viel Eigeninitiative und die Hilfe zugewandter BürgerInnen zu verschaffen. Der Nachweis eines zertifizierten Levels von Deutschkenntnissen ist jedoch für den Zugang zu Ausbildungen und Erwerbsarbeit eine wichtige Voraussetzung. Einen Ausbildungsplatz zu finden, wäre besonders für den Personenkreis, dem weniger Bleibeperspektive zugesprochen wird, ein wichtiger, aufenthaltsrelevanter Schritt zu gelingender Integration, also eine Zukunftssicherung in Deutschland.

Nach wie vor gibt es von Geflüchteten z.B. aus Afghanistan die Beschreibung, dass die in ihren Augen bevorzugten Kriegsflüchtlinge aus Syrien zu einer Hierarchie in der Unterkunft beitragen und dies teilweise auch gegeneinander ausgelebt wird. Es bilden sich Solidaritäten heraus unter den Gruppen, die wenig Chancen auf Aufenthaltserlaubnisse in Deutschland haben und Abgrenzungen gegenüber denjenigen, die scheinbar chancenreicher sind. Gemeinsame Erfahrungen von Krieg und Flucht treten in den Hintergrund. Manche Syrer dürfen ausziehen, werden mit großem Bemühen in Arbeit integriert, freuen sich auf Familiennachzug. Wenn auch diese Verbesserungen nur sehr selten in der erhofften Weise eintreten, genügen die Aussichten darauf schon, um Neid und Missgunst auszulösen und die Einteilung in "berechtigte und unberechtigte Fluchtgründe" auch in der Unterkunft wirksam werden zu lassen. Wartet auf die meisten Syrer doch ebenfalls die Zurückschiebung in ein zerstörtes Land, angedroht nach ca. 2 bis 3 Jahren. Die Beurteilung, ob das Heimatland der Geflüchteten "sicher" ist, erfolgt bekanntermaßen durch Deutschland und die EU, also geleitet vom Interesse, viele der Geflüchteten nach möglichst kurzer Zeit ihres Aufenthaltes hier wieder loszuwerden. Wäre eine von uns als Aufnahmeland gelebte Atmosphäre der Gleichbehandlung im Sinne von grundsätzlicher Anerkennung von Fluchtgründen erfahrbar, würde sich das vermutlich positiv auch auf das Zusammenleben in Unterkünften auswirken.

Christstollen für Kinder in einem Slum von Nairobi

Anfang Dezember beginnt unsere Mitbewohnerin Monicah ein 4-wöchiges Berufspraktikum in ihrer Heimatstadt Nairobi. Vor einem Jahr besuchte sie mit uns zusammen die Ökumenische Kommunität Taizé in Frankreich. Dort erfuhr sie erstmals das Zusammenleben vieler junger Menschen aus unterschiedlichen Ländern, die durch tägliche Gebete, Gespräche und gemeinsame Alltagsarbeit dem Sinn ihres Lebens ein Stück näher kommen wollen. Dort erzählte eine junge engagierte Kenianerin von einem Projekt mit Straßenkindern in Nairobi, in dem sie engagiert ist. Durch diesen direkten Kontakt erhielt Monicah den Anstoß, ihr hier erworbenes berufliches Wissen nun ebenso auch in Kenia einzubringen. So ist sie nun dabei, verschiedene medizinische Kleingeräte zu organisieren, z.B. traf bereits ein Blutdruckmessgerät bei uns ein, um im überschaubaren persönlichen Umfeld Menschen zu unterstützen. Ihre Mutter organisiert zusammen mit einigen Frauen ein großes Fest für die Straßenkinder dieses Projektes. Neben einem großen Sack Reis, Kartoffeln und etwas Fleisch für die Soße wünschte sie sich Kuchen aus Deutschland, der an die Kinder verteilt werden könnte. Mit "Kuchen" verbindet sie allerdings deutschen Christstollen und Monicah entdeckte, wie teuer diese Spezialität wäre. Gesagt, getan: was liegt mir also näher, als selbst Christstollen für Slumkinder in einem Projekt von Nairobi zu backen?

Yoga im Gemeinschaftsraum

Manchmal sind wir zu Dritt, um zwei Stunden lang in wundervoller Ruhe die Übungen auszuführen, die uns Sabine, langjährige Unterstützerin des Lebenshauses, angedeihen lässt. Unsere Körper könnten nicht unterschiedlicher sein, unsere Herkunft und aktuelles Lebensumfeld sind es sowieso. Wir finden uns zusammen als Frauen, die das Bedürfnis haben, sich wenigstens zweimal im Monat "Was Gutes" zu tun, dabei Körper und Geist zu beruhigen und in sich hinein zu spüren. Dabei spielt Religion keine Rolle, wohl aber die Fähigkeit, sich in Ruhe zu versenken, dabei den Körper mit einzubeziehen, also die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Sich als Ganzes zu spüren, miteinander Verbundenheit zu erfahren, dankbar dafür zu sein. Eine ganz spezielle Nähe bildet sich heraus, ein Raum, in dem wir uns unkompliziert begegnen und vertrauen. Unschätzbar wertvoll für uns, danke, liebe Sabine.

Fußnoten

Veröffentlicht am

21. Dezember 2016

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