Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Wege suchen und sich voran tasten

Von Katrin Warnatzsch, Sozialer Friedensdienst im Lebenshaus (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 92, März 2017 Der gesamte Rundbrief Nr. 92 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 741 KB.)

Ein frisch verheiratetes Paar aus Afghanistan, getrennt durch die Unterbringung in Unterkünften an unterschiedlichen Orten, verbringt ein Wochenende im Lebenshaus. Wir führen lange und intensive Gespräche, sortieren ihre Wünsche und Möglichkeiten. Klären die bevorstehende Anhörung der Frau für ihren Asylantrag, tasten uns durch die Sprachen, essen zusammen. Wir finden schnell zu Nähe, Vertrautheit und Fröhlichkeit, als würden wir uns längst kennen.

"Ich liebe es, Handarbeiten anzufertigen. Taschen und Decken habe ich hergestellt, Kleidungsstücke geändert und jemand hat mir eine Nähmaschine geschenkt. Ich lerne, Reißverschlüsse einzunähen. Winzige filigrane Arbeiten mit Garn und Kreuzstichverzierungen sind leicht und es macht mir Spaß.  Ich brauche nur Stoff, Wolle und Garn und einen Auftrag. Kann ich eine Arbeit finden?"

Vor Menschen mit so viel Mut, die so viel bereits hinter sich haben und weiter Pläne machen und sie umsetzen wollen, habe ich großen Respekt. Wie leicht ist es doch in unserer satten Welt, ein wenig zu teilen, ein wenig zu geben, ein wenig zusammenzurücken. Und wie voll ist das Glück, das aus den Augen der anderen leuchtet, nur für diese Begegnungen. Ansteckend und beglückend.

Um Zeit und Ruhe zu haben, den Geflüchteten gut zuzuhören, habe ich ein kleines Zimmer unter dem Dach des Lebenshauses eingeräumt für Besprechungen, PC-Arbeit und um zu informieren. Viele Stunden verbringe ich dort, die Zeit reicht eigentlich nie. Einige der hier lebenden Männer haben nun einen ablehnenden Bescheid auf ihr Asylbegehren erhalten. Sie haben mit Hilfe unserer Rechtsanwälte Klage dagegen erhoben, denn es erscheint unvorstellbar, zurück nach Afghanistan geschickt zu werden. Dort gibt es nirgendwo Sicherheit. Deswegen ist es allerdings nötig, mit den betroffenen Menschen ihre Fluchtgeschichte noch einmal ganz genau zu rekonstruieren, damit die Klage gegen die Ablehnung gut begründet werden kann.

Wir beginnen mit dem Tag, an dem schließlich das Haus in der Heimat verlassen wurde, beschreiben die damalige Umgebungssituation, in der man lebte. Manchmal stellt sich jedoch der letzte Tag zuhause als Endpunkt einer Kette von Ereignissen dar, die sich teilweise seit Jahren aufgetürmt hatten. Schließlich führten sie zu einer lebensbedrohenden und ausweglosen Situation, in der es ganze Familien als alternativlos ansahen, dass z.B. der Sohn das Land verlassen müsste, um sein und oft das Leben der ganzen Familie zu retten.

In vielen Fällen werden die Familien bedroht, weil sie Söhne haben, die zum Dienst in einer radikalen gewalttätigen Gruppe rekrutiert werden sollen. Weigern sich die jungen Männer, werden sie eingeschüchtert, mit dem Tod bedroht, die Familien erpresst und gelingt die rechtzeitige Flucht nicht, dann gibt es in vielen Fällen Tote. Auch werden den jungen Männern sogenannte religiöse Verfehlungen unterstellt, indem ihnen Kontakt mit jungen Frauen vorgehalten wird, und sei dieser nur per Handy gewesen. Daraufhin werden sie mit dem Tod bedroht, dem Mädchen droht Steinigung, es gilt als nicht mehr zu verheiraten, hat also seine "Ehre" verloren. Total verängstigt und einsam müssen sich die jungen Männer in die Fremde aufmachen, oft können sie den Kontakt zu ihren gefährdeten Familien gar nicht aufrechterhalten, sie schämen sich, sie haben auch in Deutschland Angst vor der Verfolgung durch hier lebende Landsleute.

Das ist nur eine unzureichende Aufzählung der Gründe für die Flucht, aber sie begegnet mir doch immer wieder. Ethnische und religiöse Zugehörigkeiten spielen eine große Rolle, die daraus entstandenen Verfolgungen betreffen oftmals ganze Dörfer und Gruppen. Den Fluchtweg zu beschreiben, die Erfahrungen von Kälte, Hunger, Obdachlosigkeit, Angst und Lebensbedrohung auf dem Wasser und vor Grenzanlagen, das ist ebenfalls eine traurige und anstrengende Erzählung. In Bulgarien, ein Durchreiseland mit erschreckenden Bedingungen, lebt eine Frau namens Leyla, die unter Lebensgefahr vielen Geflüchteten Obdach und Essen gewährt hatte. Es wäre schön, könnte man sie ausfindig machen und sich bedanken, sagte mir ein Überlebender. Ebenso haben einzelne Menschen auf griechischen Inseln Bootsflüchtlinge aus Lebensgefahr gerettet, deren Dankbarkeit kann ich direkt vor meinem geistigen Auge sehen. Wären nicht unterwegs viele einzelne Lebensretter*innen an den unterschiedlichsten Stellen gewesen, hätten viele der vor mir Sitzenden Deutschland nicht erreicht.

Das sich Erinnern an z.B. Namen und ethnische Zugehörigkeiten von Tätern und Opfern, Ortsnamen und Daten, das alles soll wichtig sein, um sich als Klagender gegen die Bundesrepublik Deutschland Gehör und Anerkennung zu verschaffen. Die Geflüchteten sind in der Beweispflicht. Deshalb ermutige ich sie in unseren Gesprächen, sich auch an traumatisierende Ereignisse zu erinnern. Dabei kämpfen sie um ihre Fassung und die Wahrheit, so dass auch Tränen fließen. Es entstehen schwierige emotionale Situationen, die Trauer und Hilflosigkeit auslösen können. Immer wieder auch großes Unverständnis dafür, dass die Einzelheiten der Flucht erneut so genau erinnert werden sollen, wo es doch solche Mühe macht, nicht ständig von der Erinnerung bedrängt zu werden. Ich würde ihnen das sehr gerne alles ersparen. Aber ohne solche detaillierten Angaben stehen ihre Chancen auf ein Bleiberecht noch schlechter.

Trotz allem dann wieder aufzutauchen, sich klar zu machen dass die heutige Wirklichkeit in relativer Sicherheit stattfindet, dass es keine unmittelbare Bedrohung gibt, das ist meine Aufgabe und wichtig. Auch zu erkennen, wann es notwendig erscheint, noch weitere Hilfe zu suchen, damit  Depression und Angst nicht lebensbestimmend werden.

Auch aus dem kleinen westafrikanischen Staat Gambia haben einige wenige Menschen Europa und sogar Gammertingen erreicht. Das Milieu, aus dem sie kommen, ist mir kaum nachvollziehbar. Armut, Hunger und z.B. keinerlei Rechte von Kindern, die ohne Eltern aufwachsen, fehlende Strukturen für soziale Arbeit, usw. Beobachten kann ich, wie einer der Männer sich in unserem Ort bewegt: glücklich strahlend, das Fahrrad für alles nutzend, freundlich anhaltend, um ein paar Worte zu wechseln, die er gelernt hat. Doch beim genaueren Kennenlernen sehe ich die tiefe Traurigkeit hinter seinem Lachen, seine Zurückhaltung, seine Unsicherheit, aber auch seine übergroße Dankbarkeit, hier sein zu dürfen und nicht bedroht zu sein. Wie sein Wesen aufgeht, sobald ich auf ihn zugehe, als würde ich nur durch diese kleine Geste schon Weihnachten einläuten, das macht mich nachdenklich. Als er nun begann, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen, wird mir klarer,  dass er Mitgefühl als etwas ganz Unverdientes wahrnimmt. Unter all den aus Kriegsgebieten Geflüchteten übersehen wir leicht die Menschen aus Afrika, die teilweise aus ganz anderen Gründen ihre Heimat verlassen haben: Armut, Perspektivlosigkeit, Auswirkungen des globalen Handels, Folgen des Klimawandels. Die Sicherheit, in der er sich hier wähnt, trügt: die Chancen auf ein Bleiberecht sind aufgrund unseres restriktiven Asyl- und Aufenthaltsrechts schlecht. Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, dass solche Menschen eine Heimat bei uns finden. Es gibt bereits eine interessierte Firma, die den Gambier sehr gerne ausbilden würde, weil er motiviert und sehr lernwillig ist.

Eine junge Frau, geboren in unserm Landkreis, deren Eltern damals vor den Balkankriegen geflohen und hier bei uns gelandet sind, sucht Unterstützung bei der Berufswahl. Sie hat sich, lange Jahre mit unserer Unterstützung, ein gutes Zeugnis erarbeitet und kommt nun zu dem für alle überraschenden Ergebnis und Wunsch, dass sie Zollbeamtin werden möchte. Dafür ist sie bereit, sportlich zu werden und Deutsche, noch ein Jahr Berufskolleg zu machen, einen Job fürs Wochenende zu finden, um den Führerschein zu finanzieren…. Einen Nachmittag lang haben wir intensiv gesucht und sortiert, wie es gehen könnte. Und strahlend ging sie nach Hause, ermutigt und mit erfreuten Eltern. Es tut gut, junge Menschen frohen Mutes ihre Zukunft anpacken zu sehen, auch wenn es sicher noch große Steine zu beseitigen geben wird.

11 Paar Laufschuhe organisieren, um für junge afghanische Männer den Startschuss für einen von Michael geleiteten 10-wöchigen Laufkurs zu geben, das war eine kleine Herausforderung. Die Männer wollen sich mit einem Eigenanteil an den Kosten beteiligen, den Rest finanziert das Lebenshaus aus Spendengeldern.  Michael bietet dieses Bewegungstraining an, weil regelmäßiges Ausdauertraining nachgewiesenermaßen einen ganzheitlichen Einfluss auf Körper und Seele hat. So können durch regelmäßiges Laufen unter anderem folgende körperlich-psychische Störungen und Beschwerden deutlich erleichtert oder ganz gebessert werden, etwa Nervosität und Unruhe, Kopfschmerzen und Migräne, leichtere Depressionen, Angstzustände und Panikattacken, etc. Alles Beschwerden, unter denen geflüchtete Menschen aufgrund vielfacher Belastung in ihrer Heimat, auf der Flucht und angesichts der unsicheren Lebensperspektive leiden. Hoffen wir, dass auch hier der Frühling sich bald blicken lässt und die Bedingungen Lust machen auf Bewegung. Und zudem eine erlernbare Form der Bewegung eintritt, die sie nicht an Flucht erinnert, sondern gesund und genussvoll ist.

Fußnoten

Veröffentlicht am

20. März 2017

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