Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Laudatio von Ulrich Duchrow für Clemens Ronnefeldt bei Peter-Becker-Preisverleihung

Clemens Ronnefeldt, seit 25 Jahren Friedensreferent beim Deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbundes, hat den diesjährigen Peter-Becker-Preis für Friedens- und Konfliktforschung erhalten. Der Preis wird von dem Marburger Anwalt Peter Becker gestiftet, alle zwei Jahre verliehen und ist mit 5000,- Euro dotiert. "Das ist eine ermutigende Bestätigung meiner Arbeit sowohl an Brennpunkten von Gewalt und Krieg im Nahen und Mittleren Osten als auch in deutschsprachigen Gebieten, wo ich als Brückenbauer zwischen Orient und Okzident über Konflikt-Hintergründe aufkläre und Menschenrechtsgruppen vor Ort vorstelle", freut sich Clemens Ronnefeldt. "Gewalt und Krieg zu delegitimieren und selbst konstruktive, gewaltfreie Lösungen zu erarbeiten, darin sehe ich eine äußert sinnvolle Aufgabe." Nachfolgend dokumentieren wir die Laudatio, die Ulrich Duchrow anlässlich der Preisverleihung am 20.01.2017 in Marburg für den Preisträger Clemens Ronnefeldt hielt. 

Laudatio von Ulrich Duchrow

Marburg 20.1.2017

Verehrte Universitätspräsidentin Krause,
Frau Direktorin Buckley-Zistel,
Herr Bürgermeister,
Herr Rechtsanwalt Peter Becker,
Herr Kollege Johannes M. Becker,
lieber Clemens,
meine Damen und Herren

Herzlichen Dank für die Einladung, die Laudatio für den Preisträger Clemens Ronnefeldt zu halten. Sie ist für mich eine große Ehre und sogar eine noch größere Überraschung. Denn ich habe zwar in den 1960er Jahren im damals ersten deutschen Friedensforschungsinstitut, der Heidelberger Forschungsstätte Evangelische Studiengemeinschaft (FEST) und seinen Projekten mitgearbeitet, habe auch in Genf, in einer ökumenischen Studienabteilung in den 1970er Jahren einen Projektbereich Gerechtigkeit und Frieden eingerichtet und begleitet, danach aber war ich nicht mehr formell in diesem Forschungsbereich tätig. Allerdings habe ich seit den 1980er Jahren im Rahmen des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung an der Bündnisbildung zwischen der ökumenischen Basis, der Friedensbewegung und den sozialen Bewegungen mitgearbeitet. Genau das ist auch der Ort, wo wir uns seit vielen Jahren begegnet sind, lieber Clemens. Das ist auch der Ort, wo ich viel von Dir gelernt und Dich und Deine Arbeit schätzen, ja bewundern gelernt habe.

Ehe ich aber darauf eingehe, möchte ich der Jury des Peter Becker-Preises für Friedens- und Konfliktforschung der Philipps Universität Marburg gegenüber meinen großen Respekt ausdrücken. Ich finde es mutig, dass Sie einem Menschen den Preis zuerkennen, der in einem "Friedenspolitischen Überblick" vom 19/02/2016 u. a. schreibt:

"Unsere westliche Leit-Kultur ist zu einer Leid-Kultur für viele Menschen weltweit geworden. Neu ist, dass die Folgen einer verfehlten Wirtschafts- und Sicherheitspolitik auf uns selbst immer mehr zurückschlagen."

Es ist ja für normale progressive wissenschaftliche Einrichtungen eher naheliegend, dass sie auf der Basis von kritischen Analysen Verbesserungen im bestehenden System anstreben. Systemkritische Ansätze und Äußerungen wie die zitierte laden dagegen eher nicht dazu ein, prämiert zu werden. Nehmen wir die zweite Hälfte des Zitats: "Neu ist, dass die Folgen einer verfehlten Wirtschafts- und Sicherheitspolitik auf uns selbst immer mehr zurückschlagen." Der öffentliche Diskurs geht über das, was man "Flüchtlingskrise" nennt. Das heißt, man macht die Opfer zu Tätern (Flüchtlinge produzieren eine Krise) und definiert sich selbst als Manager, die die Krise bewältigen. In Mali schlug Frau Merkel sogar vor, die Fluchtursachen mit EPAs zu bekämpfen - also mit den Economic Partnership Agreements / Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (von der EU geförderte Abkommen über Freihandelszonen zwischen der EU und den 78AKP-Staaten). Bekanntlich bewirken diese gerade die Zerstörung der lokalen Wirtschaft, so dass diese offizielle Fluchtursachenbekämpfung eher zynisch wirkt. Hier aber sagt einer: die westliche Wirtschafts- und Sicherheitspolitik selbst verursacht die Krisen, die Menschen in die Flucht treiben. Und er verortet diese verfehlte Politik in der gesamten Zivilisation des Westens - und trotzdem küren Sie, die Jury des Peter Becker-Preises für Friedens- und Konfliktforschung, ihn zum Preisträger. Nochmals: meinen großen Respekt! Sicher sind Sie auch von der hervorragenden Verbindung von Forschung und Praxis bei Clemens Ronnefeldt fasziniert gewesen, trotzdem verdient Ihre Entscheidung, einen systemkritisch arbeitenden Friedensarbeiter auszuzeichnen, eine besondere Würdigung. Nun aber der Reihe nach.

In Deinem Artikel "Gelassenheit. Vom Umgang mit Angst und mit Krisen", schreibst Du, Clemens, über die Wurzeln Deines friedenspolitischen Engagements. Du berichtest, wie Dein Vater nach dem 2. Weltkrieg mit Schrecken davon erzählte, was Krieg bedeutete. Mein Vater konnte mir das nicht mehr erzählen, denn er starb in diesem Krieg. Aber ich habe den Krieg selbst noch miterlebt - in Bombenkellern, durch Verlust der Wohnung -, und seine Wirkungen im Flüchtlingselend habe ich gesehen. Darum kann ich sehr gut nachfühlen, dass es Dich seit Deiner Jugend beschäftigte, wie Ähnliches in Zukunft verhindert werden kann. Auch freue ich mich, dass Du - wie auch ich - Personen in der Kirche kennen lernen konntest, die Dich mit dem aktiv gewaltfreien Jesus in Verbindung gebracht haben - was Dich dann auch öffnete für Gestalten wie Gandhi und Martin Luther King. Auch das Konzept von "Kampf und Kontemplation" aus Taizé verbindet uns - wie auch die Theologie der Befreiung.

Mich fasziniert, was Du aus diesen Quellen geschöpft und aus diesen Inspirationen heraus in der Praxis umgesetzt hast - vor allem im ehemaligen Jugoslawien und im Nahen und Mittleren Osten, der eigentlich in postkolonialer Sicht Westasien heißt. Es ist unmöglich, alles in den gewährten 15 Minuten auch nur aufzuzählen. Ich will mich deshalb auf 6 Beispiele und Dimensionen Deiner Arbeit konzentrieren und zu verstehen versuchen, was das Geheimnis Deines Charismas ist.

1. Offenbar setzt Deine Politisierung mit Kriegsdienstverweigerung und Zivildienst nach dem Abitur ein. Denn seither beteiligst Du Dich an Friedensinitiativen vor Ort und in Deinem Studium in Mainz und Frankfurt, lässt Dich in Bückeburg sogar studienbegleitend zum Friedensarbeiter ausbilden und engagierst Dich im Rahmen von Pax Christi, deren ehrenamtlicher Sprecher Du von 1986 und 1992 wirst. Danach wirst Du Referent für Friedensfragen beim deutschen Zweig des Internationalen Versöhnungsbunds. Bereits diese Anfänge zeigen ein erstes Merkmal Deiner Friedensarbeit: Du verbindest theoretische und Bildungsarbeit mit persönlichem Einsatz. Denn schon z.B. bei den Aktionen gegen Cruise-Missile Stationierungen im Hunsrück zwischen 1986 und 2003 operiert Ihr mit zivilem Ungehorsam. 1994 engagiert Ihr Euch ebenfalls im Hunsrück gegen die Lieferung von Drohnen und Munition an die Türkei durch die Bundeswehr und stellt Euch dazu 50 LKWs entgegen. Das richtet sich gegen die Beihilfe Deutschlands zur Ermordung von Menschen in den kurdischen Gebieten. Dieser Einsatz des eigenen Körpers und Lebens macht Deine Friedensarbeit so glaubwürdig.

2. Viele politische und kirchliche Gemeinden in Deutschland haben bis heute durch ihre empathische, kreative und kompetente Solidarität mit Flüchtlingen gezeigt, dass Menschlichkeit trotz der von Konkurrenz gesteuerten Kultur noch nicht ausgestorben ist. Schwierig aber wird es, wenn in Kirche und Gesellschaft die Frage nach den Ursachen der Krisen gestellt wird, die Menschen in die Flucht treiben, und was dagegen politisch zu tun ist. Bei solchen strukturellen und politischen Fragen stoßen ökumenische, soziale und Friedensbewegungen gewöhnlich auf Ablehnung, Ohnmachtsgefühle und Gleichgültigkeit. Dein Engagement im Jugoslawienkrieg ist ein inspirierendes Gegenbeispiel. Du rettest wegen eines gesundheitlich gefährdeten jungen Mannes eine ganze Familie aus dem lebensbedrohlichen Kriegsgebiet und lässt sie persönlich neun Monate bei Dir wohnen. Gleichzeitig beteiligst Du Dich aber am Organisieren von humanitären Programmen für traumatisierte Kinder und Flüchtlinge und der Unterstützung von Friedens- und Menschenrechtsgruppen. Vor allem aber mobilisierst Du schon vor dem Beginn des völkerrechtswidrigen NATO-Kriegs gegen die Bundesrepublik Jugoslawien 1999 politischen Widerstand dagegen, versuchst Entscheidungsträger zu beeinflussen, Druck der Straße dagegen aufzubauen und vor allem gegen die Verdrehungen der Wahrheit Aufklärung zu betreiben. So fordertet Ihr u.a. in einer Gruppe von 27 Personen aus Friedensforschung und Friedensbewegung Soldaten auf, den Dienst zu verweigern. Das brachte Euch eine Anklage wegen der Aufforderung zur Fahnenflucht und zur Gehorsamsverweigerung durch die Berliner Staatsanwaltschaft ein. Ich finde es bemerkenswert, dass das Gericht die Klage abwies. Denn das zeigt, welche Kraft klares öffentliches Engagement gegen Krieg und Unrecht haben könnte, wenn sich mehr Menschen und gesellschaftliche Institutionen nachhaltig engagieren würden.

In dieser Verbindung von persönlichem solidarischen Verhalten, organisierter Sozial- und Friedensarbeit vor Ort und dem Aufbau von politischer Gegenmacht sehe ich ein zweites hervorstechendes Merkmal Deiner Arbeit. Es ist heute dringender nötig denn je, zumal die Smartphone-Realität des ständigen online-Seins verbindliche strukturelle Engagements zu erschweren scheint.

3. Erstaunlicherweise warst Du schon 1990 Mitbegründer der Initiative Frieden am Golf (IFAG) und reistest in den Irak, also vor dem 2. Golfkrieg von 1991, gegen den dann Zehntausende auf die Straße gingen, als er begann. Noch intensiver arbeitetest Du vor, während und nach dem völkerrechtswidrigen 3. Golfkrieg von George W. Bush jr. und Tony Blair gegen den Irak, in den auch bekanntlich Angela Merkel mitgezogen wäre, wenn Sie damals schon Bundeskanzlerin gewesen wäre. Inzwischen ist deutlich, dass dieser Irakkrieg die Pforten der Hölle öffnete, u.a. insofern der IS daraus hervorging. Deine frühe Beschäftigung mit den Gefahrenpotentialen dieser Region, Deine Warnungen und Deine Vorbereitungen darauf möchte ich als drittes Merkmal Deiner Friedensarbeit kennzeichnen: die prophetische Dimension. Prophetie ist ja nichts Irrationales. Die Propheten des Alten Israel haben aus einer grundlegend machtkritischen Perspektive heraus scharfsinnig wahrgenommen, was geschehen wird, wenn gegenwärtiges Fehlverhalten nicht geändert wird. Sie haben gewarnt, haben aber auch Perspektiven der Rettung aufgezeigt. Zumeist wurden die rettenden Perspektiven erst aufgegriffen, nachdem Katastrophen eingetreten waren - wie z.B. in Judah nach dem babylonischen Exil.

4. Diese prophetische Rettungsperspektive hat eine zentrale Botschaft:

"Es wälze sich heran wie Wasser das Recht und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Strom" (Amos 5,24)

Das heißt: Gerechtigkeit ist die Grundlage für Frieden. Dieses 4. Element finde ich bei Dir, Clemens, besonders stark sichtbar - mehr als bei vielen Friedensengagierten, die ich aus der Ökumene kenne. Ich empfehle allen Anwesenden, die es noch nicht gesehen haben, das Video eines Vortrags von Clemens Ronnefeldt im Internet: "Krisenregion Naher und Mittlerer Osten - Westliche Verantwortung in Geschichte und Gegenwart". https://vimeo.com/158065828/7ebe867dd7 . Dieses Video wurde 2016 aufgenommen bei einer seiner Veranstaltungen in München im Zusammenhang mit der Internationalen Münchener Friedenskonferenz, die er seit 2006 als Alternativveranstaltung zur Münchner Sicherheitskonferenz moderiert. Dankenswerter Weise hat CF diesen Vortrag auch im letzten Herbst bei der Jahreskonferenz von Kairos Europa gehalten, bei der es um die systematische Analyse der Fluchtursachen ging, speziell die geopolitischen. Hier wird die grundlegende Verantwortung des Westens für die chaotische und leidvolle Situation im Irak, in Syrien und der gesamten Region hervorragend herausgearbeitet.

An dieser Stelle sehe ich großen Handlungsbedarf für die Friedensforschung - speziell heute, an dem Tag, an dem Donald Trump zum Präsidenten der USA eingeführt wird. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass das Lebenswerk von Clemens Ronnefeldt der Friedens- und Konfliktforschung eine besondere Aufgabe stellt. Wenn man z. B. seinen Münchner Vortrag im Internet hört, wird überdeutlich, dass in Westasien die Verbindung von globalen Kapitalinteressen und politisch-militärischen Imperialinteressen grundlegend ist. Diese bedarf aber weiterer Aufklärung, um die historischen Tiefendimensionen und damit die strategischen Ansatzpunkte für Gerechtigkeit und Frieden in der Region zu begreifen. Die Verbindung von Kapital- und Imperialinteressen ist charakteristisch für die gesamte europäische Moderne. Z.B. Giovanni Arrighi hat in seinem Buch "The Long Twentieth Century: Money, Power, and the Origins of Our Times"ARRIGHI, Giovanni: The Long Twentieth Century: Money, Power, and the Origins of Our Times. London/New York: VERSO, 1994. überzeugend herausgearbeitet, wie die aufeinanderfolgenden Hegemoniephasen dieses charakteristische Muster (die Koppelung von Geld- und Imperialmacht) zeigen - angefangen mit der Koalition Genua-Spanien bei der Entwicklung der Conquista, danach die Niederlande und das British Empire, bis im 20. Jh. die USA die Hegemonie im globalisierten System übernehmen. Was normalerweise in dieser Abfolge übersehen wird, ist die Tatsache, dass Deutschland in der Situation einer Krise des liberalen Kapitalismus versuchte, Großbritannien mit Hilfe des Faschismus die Hegemonialstellung abzujagen. Die enge Zusammenarbeit von Großkapital und Hitler sind ausreichend belegt - sowohl, was seine Erringung der Macht wie auch seine imperiale Kriegsführung betrifft. Insofern ist es nicht überraschend, dass Hannah Arendt in Ihrer Studie "Ursprünge und Elemente totalitärer Herrschaft" dem Kapital die führende Rolle in der Entwicklung des europäischen Imperialismus zuschreibt.ARENDT, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. München/Zürich: Piper, (1951) 1998 6. Aufl.

Inzwischen gibt es viele weitere Studien zu dem Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus. Der Friedensforscher Johan Galtung bringt es auf die Formel "Nazism is occidental civilization in extremis."In einem ungedruckten Aufsatz im Wissenschaftskolleg Berlin,1983, S. 4. ER fährt dann fort: Nazism in particular  and Fascism in general is a phenomenon that comes into being when capitalism is in crisis and is no longer capable of operating (meaning giving adequate returns for inverstmaent) smoothly or sofetly", S. 9. Vgl. DUCHROW, Ulrich: Weltwirtschaft heute - ein Feld für bekennende Kirche?. München: Kaiser (1986), 1987 2. Aufl. S. 149. Konkret heißt das: immer wenn das Kapital meint, aus welchen Gründen auch immer nicht genügend Rendite zu erwirtschaften, nutzt es faschistische Instrumente, um wieder ein Wirtschaftsregime einzuführen, in dem Rechte und Ansprüche der arbeitenden Bevölkerungen abgebaut werden, um die Gewinnrate wieder zu steigern. Die Einführung der neoliberalen Phase des Kapitalismus wurde deshalb durch die Einrichtung von Militärdiktaturen durch den Westen ermöglicht (in Persien, Indonesien, Kongo, Brasilien, Argentinien usw.) - am bekanntesten durch den von Kissinger beförderten Putsch Pinochets in Chile 1973. Dieser berief den Chicago-Ökonomen Milton Friedmann zur ersten 1:1 Einführung neoliberaler Politik, bevor dann Thatcher, Reagan, Kohl usw. folgten.

Und es sieht so aus, als ob wir uns wieder einer Phase nähern, in der das Kapital die Völker in den Faschismus treibt. Der Ansatzpunkt ist immer die Zerstörung des sozialen Zusammenhalts, die Verarmung und Entwürdigung von Menschen. Insbesondere, wenn Mittelklassen in die Abstiegsangst getrieben werden, neigen sie zu Gewalt und suchen nach Sündenböcken.Vgl. DUCHROW, Ulrich/Bianchi, Reinhold/Krüger, René/Petracca, Vincenzo: Solidarisch Mensch werden. Psychische und soziale Destruktion im Neoliberalismus - Wege zu ihrer Überwindung (frei verfügbar unter http://www.vsa-verlag.de/uploads/media/VSA_Duchrow_Ulrich_Solidarisch_Mensch_werden.pdf ). Hamburg/Oberursel: VSA in Kooperation mit Publik-Forum., 2006. Noch heißen die Parteien in Frankreich, Dänemark, Holland, Ungarn und auch bei uns die AfD rechte Parteien. Donald Trump vertritt bereits offene faschistische Elemente. Ein Kommentator in "The Other News" nennt Trump "the naked face of our system". Das heißt, was normalerweise mit Begriffen wie "europäische Werte" oder "freie Welt" verschleiert wird - die Kombination von Geld- und imperialer Macht - , zeigt sich hier offen: Trumps Kabinett besteht aus Milliardären und Militärs. Was schon seit der Einführung des Neoliberalismus hätte klar sein sollen, ist jetzt unübersehbar: ohne Überwindung des inhärent ungerechten Wirtschaftssystems wird es keinen Frieden geben. Deshalb verstehe ich Deine Aufklärungsarbeit über Westasien so, dass Du dem Westen und speziell der Friedensforschung im Westen die Aufgabe gibst zu begreifen, wie anfangend im, vor allem aber jenseits des imperialen Kapitalismus gerechtere sozial-ökonomische und politische Beziehungen entwickelt werden können.

5. Aber es geht in Westasien nicht nur um Wirtschaft und Geopolitik. Das zeigt Dein Engagement angesichts der Unterdrückung der PalästinenserInnen durch den Staat Israel, der das Westjordanland nun schon im 50. Jahr, also seit 1967 völkerrechtswidrig besetzt hält und den Gazastreifen aufs Inhumanste blockiert. Der israelische Ökonom Shir Hever nennt das Problem schon im Titel seines Buchs: "Die politische Ökonomie der israelischen Besatzung. Unterdrückung über die Ausbeutung hinaus"HEVER, Shir: Die politische Ökonomie der israelischen Besatzung. Unterdrückung über die Ausbeutung hinaus. Köln: ISP, 2014.  Einerseits geht es hier darum, die ursprünglich ansässige Bevölkerung durch den Siedler-Kolonialismus nicht nur auszubeuten, sondern wenn möglich zu vertreiben, um sich das Land anzueignen. Andererseits geht es aber auch darum, die Überlegenheit der westlichen Zivilisation zu demonstrieren - wie ja Imperialismus und Kolonialismus immer mit Rassismus einhergeht.

Dies hat in Deutschland in diesem Jahr 2017 eine besondere doppelte Pointe. Bekanntlich hat Martin Luther, dessen Reformation vor genau 500 Jahren begann, Schlimmes gegen die Juden geschrieben. Dazu sagt eine Internationale Konferenz am Anfang dieses Monats in Wittenberg in ihrer Erklärung "Gerechtigkeit allein! Die Reformation radikalisieren - provoziert von der heutigen Systemkrise": http://www.radicalizing-reformation.com/index.php/de/ .

"Wir sind überzeugt, dass der nachkonstantinische christliche Antijudaismus und speziell Luthers abscheuliche und grausame Pamphlete gegen die Juden, die von den Nazis als Rechtfertigung für ihren Mord an Millionen von Menschen benutzt wurden, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen. Aber wir sind auch der festen Überzeugung, dass ChristInnen und Kirchen diese Verbrechen nicht damit wieder gut machen können, dass sie zu den nicht hinzunehmenden Verletzungen der Menschenrechte und des Völkerrechts schweigen, die der Staat Israel durch seine Kolonisierung des historischen Palästinas über die von der UNO anerkannten Grenzen hinaus und durch die ethnischen Säuberungen an Palästinenserinnen und Palästinensern zu verantworten hat."

Das heißt also, wir haben es insbesondere in Deutschland zugelassen, dass unsere notwendige Buße für den unsäglichen christlichen und besonders lutherischen Antijudaismus mit seinen mörderischen Folgen vom Staat Israel und seinen Lobbyisten instrumentalisiert wurde. Wer die Politik des Staates Israel kritisiert, wird als Antisemit gebrandmarkt. Sie benutzen unser schlechtes Gewissen, damit wir kirchlich, gesellschaftlich und politisch zu dem, was geschieht, schweigen, obwohl es doch gerade darum geht, auch Israel aus der Sackgasse zu befreien. Denn Zukunft kann es nur für Israelis und PalästinenserInnen gemeinsam geben.

Genau daran arbeitest Du, Clemens, indem Du Friedensgruppen in Israel und Palästina vernetzen hilfst und indem Du Dialog und Solidarität zwischen Menschen aller Religionen in der Region förderst. Du vertrittst den Ansatz "sich zum Sprachrohr derjenigen Kräfte zu machen, die für Frieden und Versöhnung eintreten", wie Du in Deinem Artikel zur Gelassenheit sagst. Damit wird das 5. Merkmal Deiner Arbeit deutlich: Du beziehst alle Ethnien, Kulturen und Religionen ein und hilfst so, sowohl den Antisemitismus wie die Islamfeindschaft auch in unsrem Land zu überwinden.

Damit stellst Du auch der deutschen Friedensforschung eine klare Aufgabe: das Tabu zu durchbrechen, das auf Stellungnahmen zur Politik des Staates Israels liegt. Die Forschung könnte z.B. zum Frieden in Westasien beitragen, wenn sie nicht nur die Waffenlieferungen an Saudiarabien thematisierte, sondern auch die an den Staat Israel - insbesondere die Lieferung von U-Booten, die atomar aufgerüstet werden. Außerdem wäre eine öffentliche Debatte darüber zu initiieren, was es im Blick auf unser Grundgesetz bedeutet, dass deutsche Soldaten in Israel von israelischen Soldaten im Häuserkampf trainiert werden, die am Gazakrieg teilgenommen haben und deshalb in ein laufendes Verfahren der UNO unter dem Vorwurf der Beteiligung an Kriegsverbrechen verwickelt sind.Vgl. http://www.welt.de/politik/ausland/article145789159/Bundeswehr-soll-in-Israel-den-Haeuserkampf-lernen.html , 1.9.2015.

6. Ein letztes Merkmal: Du hast Dich bei der "Gesellschaft für Systemische Therapie und Beratung" auch psychologisch ausbilden lassen. Das wäre für alle Menschen in Europa nötig, denn unser System bezieht Menschen auch deshalb so erfolgreich ein, weil die individualistische Mentalität des Rechnens, Berechnens und des Nutzenkalküls alle Lebensbereiche durchdringt. Dagegen hilfst Du, Mitgefühl, Solidarität und gegenseitige Beratung zu fördern. Ich denke, dass dazu auch Deine Ausbildung zum Kirchenmusiker geholfen hat. Denn Musik macht einfühlsam.

So möchte ich abschließend noch einmal aus Deinem Artikel zur Gelassenheit zitieren: "In Deutschland sehe ich meine Aufgabe darin - mit Dietrich Bonhoeffer gesprochen - nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern auch dem Rad in die Speichen zu fallen". Ich deute das so: Das Rad unserer gesamten von Geld, Macht und Nutzenkalkül getriebenen Zivilisation treibt Menschheit, Erde und sich selbst in den Abgrund. Das sagt Dein eingangs zitiertes Urteil: "Unsere westliche Leit-Kultur ist zu einer Leid-Kultur für viele Menschen weltweit geworden." Mit

  • Deinem persönlichem Einsatz bis hin zum zivilen Ungehorsam,
  • politischer Mobilisierung,
  • prophetischer Klarsicht,
  • Arbeit für die Transformation der politischen Ökonomie hin zu mehr Gerechtigkeit,
  • interreligiöser Solidarität und
  • mitfühlender Achtsamkeit

- und dies alles verbunden mit unermüdlicher Informationsarbeit - leistest Du einen wichtigen Beitrag zum Aufbau einer neuen Kultur des Lebens. Dafür dankt Dir nicht nur das Preiskomitee, sondern auch ich persönlich - und im Übrigen: ich freue mich auf den nächsten Newsletter.

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Fußnoten

Veröffentlicht am

06. März 2017

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