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Laudatio auf Martin Niemöller: Widerstand, wo es um den Menschen geht

Vor 125 Jahren, am 14. Januar 1892, wurde Martin Niemöller in Lippstadt geboren. Er war U-Bootkommandant im Ersten Weltkrieg, Pfarrer, führender Vertreter der Bekennenden Kirche, persönlicher Gefangener Adolf Hitlers, Kirchenpräsident sowie Präsident im Weltrat der Kirchen und ein leidenschaftlicher Friedensaktivist. Martin Niemöller, der am 6. März 1984 in Wiesbaden starb, führte ein Leben im Widerstand und mit Widersprüchen. Anlässlich seines 125. Geburtstags erinnern wir an diese bedeutsame Persönlichkeit nachfolgend mit einer Laudatio auf Martin Niemöller, die Martin Stöhr aus Anlass der Verleihung  der Carl von Ossietzky-Medaille am 8. Mai 1983 in der Universität Oldenburg gehalten hat. 

Widerstand, wo es um den Menschen geht

Von Martin Stöhr

Als ein Jüngerer aus der nächsten Generation empfinde ich es als große Auszeichnung, auf einer Veranstaltung der Liga für Menschenrechte zu Ehren von Martin Niemöller und Heinz Brandt zu sprechen. Noch gibt es mehr Universitäts- und Straßennamen, die nach Machthabern als nach Widerstandskämpfern benannt sind. Ossietzky wie Niemöller wurden - peinlich für die Entscheidungsgremien und die sie prägende Gesellschaft - nicht für würdig befunden, einer Universität oder einer Straße ihren Namen zu leihen.

Am 8. Mai 1945 wurde Deutschland vom Nationalsozialismus befreit. Im Namen des "unsterblichen deutschen Volksgeistes" wurden am 10. Mai 1933 Carl von Ossietzkys Bücher in die Flammen geworfen, mit einer wissenschaftlich-germanistischen und einer plebejisch-teutonischen Begründung, sie seien "frech und anmaßend". Meine Rede will helfen, in Erinnerung an Carl von Ossietzky die Tapferkeit und Freiheit eines Christenmenschen bekanntzumachen, der bis heute für Frieden und Menschenrechte arbeitet: Martin Niemöller.

Der Publizist und der Prediger, beide waren sie Pazifisten. Der eine engagierte sich früh für eine entschiedene Friedenspolitik und einen menschlichen Sozialismus. Der andere wuchs innerhalb der deutschnationalen, christlich-unchristlichen Mehrheit des Volkes auf. Niemöllers Lernprozeß dauerte länger. Beide lebten in der Freiheit und für die Freiheit eines Gewissens, das Hitler bekanntlich für eine jüdische Erfindung hielt. Von beiden gilt, was der Vorsitzende des Nobelpreis-Komitees, Fredrik Stang, 1936 von Ossietzky sagte:

"Er ist nicht nur ein Symbol, er ist etwas ganz anderes und mehr: Er ist eine Tat, und er ist ein Mann."

Die Bergpredigt ist wie die faszinierende Hoffnung, Schwerter zu Pflugscharen umzuwandeln, heute für die Leute ins Gerede gekommen, die sie gönnerhaft als eine idealistische Kompensation der harten Realität betrachten, nach der Frieden durch Aufrüstung zu sichern notwendig sei. Der Satz "Alle wollen den Frieden" ist nur für die richtig, die auch Wege des Friedens gehen, nur Mittel des Friedens anwenden und die volle Wahrheit über die Rüstung sagen.

1929 deckte der Herausgeber der Weltbühne in einem Artikel "Windiges aus der deutschen Luftfahrt" die in der Weimarer Republik verbotene Aufrüstung der Luftwaffe auf. Im selben Jahr wurde er zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt, die er im Mai 1932 antrat. In jener Zeit wählte Martin Niemöller noch NSDAP. Aber schon in seiner Zeit als Offizier hatte er gelernt zu widersprechen. Der U-Boot-Kommandant lernt nach ordensträchtiger und tödlicher Militärcourage später die lebensrettende Zivilcourage. Er weigert sich 1919, ein Schiff dem Sieger Großbritannien auszuliefern:

"Herr Commodore, ich melde gehorsamst, daß ich einen Befehl bekommen habe, den ich nicht ausführen werde."

So erzählt er in seiner Autobiographie "Vom U-Boot zur Kanzel", die in der Nazizeit erscheinen durfte. Der Krieg war hier, wie für viele Zeitgenossen innerhalb und außerhalb Deutschlands, so "natürlich" wie die Ehe von Thron und Altar, wie die Arierparagraphen in den studentischen Verbindungen, wie die Huldigungen von Professoren und Juristen an eine vermeintlich gottgegebene Obrigkeit und wie die Hinnahme sozialer Ungerechtigkeit. Nach seinem Abschied von der kaiserlichen Marine, einer landwirtschaftlichen Ausbildung und vom Freicorps studiert er Theologie, wird Pfarrer der Inneren Mission in Münster und schließlich in Berlin-Dahlem. Er löst sich langsam aus seinen Traditionen.

Über ein 1917 versenktes Schiff, dessen Matrosen die Besatzung von Niemöllers U- Boot ertrinken läßt, schreibt er später:

"Und plötzlich breitete sich das ganze Rätsel Krieg vor unseren Augen aus, mit einem Mal wußten wir aus einem Stückchen eigenen Erlebens um die Tragik der Schuld, der zu entgehen der einzelne kleine Mensch einfach zu schwach und zu hilflos ist."

Krieg als Verhängnis, Schuld als Fatum, Geschichte als Tragik, der einzelne zu ohnmächtig, die Dominanz der Werte von Volk und Vaterland zu groß - Niemöllers ursprüngliche Vorstellungswelt war jene, die Carl von Ossietzkys Lebenswelt tödlich gefährdete. Es war die nicht-nationalsozialistische Disposition für den Nationalsozialismus.

Es gibt wenige Menschen, die ihr Leben so radikal ehrlich gelebt haben und so menschlich dabei blieben, daß sie lernten, umkehrten, neue Gedanken und Wege einschlugen. Eine sehr persönliche Bindung an Christus gab ihm dort die Souveränität eines christlichen Zeugen und Nonkonformisten, wo es schick war, die Zukunft als die Verlängerung der Vergangenheit zu begreifen, wo es bequem war, seine Ohnmachtsgefühle zu pflegen oder den Experten den Lauf der Dinge zu überlassen, wo der Liebe zur Gewalt mehr vertraut wurde als der Gewalt der Liebe.

Niemöller lernt im Widerstehen. Als Hitler ihn in jenem berühmten Gespräch am 25.1.1934 anbrüllt: "Die Sorge um das Dritte Reich überlassen Sie mir und sorgen Sie für die Kirche!", da reklamiert Niemöller als Patriot auch seine christliche Verantwortung für "Volk und Vaterland". Wo käme die Kirche hin, wenn sie nur für sich und nicht für die Menschen da wäre?

Thomas Mann erinnert im Nachwort zu Niemöllers Predigten (1938 in den USA erschienen) daran, daß der eigentliche Grund für Niemöllers Verhaftung - trotz Freispruchs durch das Gericht - in seiner "politischen Agitation" bestand. Die Bibel ernstzunehmen, ist ein politischer Akt. Als Christ unpolitisch zu sein, ist ebenfalls eine politische Entscheidung - zu Gunsten des status quo und zu Ungunsten der Mühseligen und Beladenen. Der Jude Jesus war damals nicht artgemäß und Niemöller widersprach jeder deutschtümelnden Domestizierung seiner revolutionären Botschaft. Thomas Mann macht das an einem Predigtsatz deutlich, der sich gegen die "Vergottung des Staates" wendet:

"Wir werden ohne Murren der Welt geben, was ihr gehört. Aber wenn die Welt fordert was Gottes ist, dann müssen wir mannhaft Widerstand leisten, daß wir ihr nicht geben, was Gottes ist."

Und Thomas Mann fährt fort:

"Das Evangelium selbst hatte sich in der Brust dieses Mannes erneuert, er, der geglaubt hatte, es zu kennen, hatte es in tiefer Ergriffenheit neu entdeckt und seine Entdeckung übertrug sich auf seine bürgerliche Gemeinde."

Im gleichen Jahr 1938, als Niemöller aus der Gestapohaft ins KZ kam und Carl von Ossietzky starb, schrieb Thomas Mann im Blick auf die "Zuschauer" der Vorgänge in Deutschland:

"Jeder, auch jeder Staat, dachte nur an sich, versteckte sich hinter den elenden Felsen seiner Neutralität und sah zu, wie der Andere ans Kreuz geschlagen wurde. Einer nach dem anderen. Ich glaube wirklich, daß seit dem Tag von Golgatha die Trägheit des menschlichen Herzens sich nicht so kläglich-tragisch offenbart hat wie in unseren Tagen."

Niemöller dachte nicht an sich, kannte keine Neutralität und keine Trägheit des Herzens, weil Christus keine kannte. Als er aus dem Konzentrationslager kam, hat er einige Defizite seines Christseins und seiner Kirche sehr klar gesehen und formuliert:

Die Kirche hat - wenn sie überhaupt (wie in der Bekennenden Kirche) Widerstand leistete - zu stark für die Freiheit nur der Kirche gefochten und zuwenig für die Nichtchristen, die Minderheiten, die Demokratie und den Rechtsstaat gekämpft. Obwohl der Pfarrernotbund, dem sich schon 1933 etwa 2.000 von den 14.000 Pfarrern Deutschland anschlossen und der der Anfang der Bekennenden Kirche war, sich gegen die Einführung des Arierpragraphen in der Kirche wandte, konnte Niemöller 1946 sagen:

"Nun fragt uns Gott, und ihm haben wir zu antworten, ob wir Christen in Deutschland mit dem Berg von Schuld nichts zu tun haben. Und wie soll unser Gewissen vor Gottes Angesicht auf diese Frage antworten? Haben wir wirklich von alldem nichts gewußt, oder haben wir vielleicht nur nichts wissen wollen? Daß es Konzentrationslager gab, und daß man die Kommunisten einsperrte, stand in den Zeitungen zu lesen; daß die Schwachsinnigen und Geistesgestörten ermordet wurden, konnte man überall geflüstert hören; daß die Synagogen brannten, haben unsere Augen mit ansehen müssen. - Ging uns dies alles nichts an? - Mich hat seit meiner Heimkehr immer wieder der Gedanke gequält: Es könnte so sein, daß am Jüngsten Tage der Herr Christus mich ruft und mich fragt: Ich bin gefangen gewesen (und er zeigt dabei auf die Kommunisten im Konzentrationslager des Jahres 1933) - und du hast mich nicht besucht; ich bin hungrig gewesen (und er zeigt dabei auf die Massengräber der verhungerten Griechen) - und du hast mich nicht gespeist; ich bin umgebracht worden (und erzeigt dabei auf die Millionen Urnen meiner jüdischen Mitmenschen) - und du hast gemeint: Ich kenne den Menschen nicht. Soll ich meines Bruders Hüter sein? Und was soll ich dann antworten? Würde ich auch ein einziges Wort zu meiner Rechtfertigung sprechen können?

Es gab 1933 und in den darauffolgenden Jahren in Deutschland vierzehntausend evangelische Pfarrer und annähernd ebensoviele Gemeinden. Wenn wir erkannt hätten, daß in den Kommunisten, die ins Konzentrationslager geworfen wurden, der Herr Jesus selber gefangen dalag und nach unserer Liebe und Hilfe Ausschau hielt, wenn wir gesehen hätten, daß beim Beginn der Judenverfolgung der Herr Christus es war, der in den geringsten unserer menschlichen Brüder verfolgt und geschlagen und umgebracht wurde, wenn wir da zu ihm gestanden und uns zu ihm bekannt hätten, ich weiß nicht, ob Gott uns dann nicht beigestanden hätte und ob dann nicht das ganze Geschehen einen anderen Lauf hätte nehmen müssen. Und wenn wir mit ihm in den Tod gegangen wären, ob es dann nicht bei einigen zehntausend Opfern geblieben wäre? Ich bin überzeugt, der ganze Krieg mit seinen dreißig und mehr Millionen Opfern hätte nicht zu kommen brauchen."

Niemöller denkt an Dänemark und Norwegen und an die Chancen eines gewaltfreien Widerstandes, den er auch bei Gandhi sah. Im Stuttgarter Schuldbekenntnis, 1945 wesentlich von Niemöller formuliert, wird gerade die Schuld der Christen und Kirchen ausgesprochen. Aber noch fehlt jede Analyse, warum der Nationalsozialismus siegen konnte. Niemöller wird nicht müde, tiefer zu bohren. Er nennt die obrigkeitlichen, antidemokratischen, militaristischen und antisemitischen Traditionen Deutschlands beim Namen. Er kennt sie aus seiner eigenen Tradition. Jener Ungeist soll nicht noch einmal siegen.

Konsequent ist seine Ablehnung der Wiederaufrüstung und des ihn begründenden Antikommunismus, den Thomas Mann die größte Torheit des 20. Jahrhunderts nannte. Er erlaubt es vielen Deutschen, sich zu exkulpieren. Niemöller eröffnet der deutschen Provinz und ihrem Provinzialismus nach 1945 die geistige und politische Weite der Ökumene, d. h. des ganzen bewohnten Erdkreises. Der Ursprung seines ökumenischen und internationalen Denkens liegt in der Begegnung mit Widerstandskämpfern vieler Nationen, Konfessionen und politischen Positionen im KZ. Niemöller fährt nach Moskau auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. "Landesverräter" und "Agent Moskaus" sind noch die feinsten Attribute, die seine Gegner, die das christliche Abendland meinen, mit Waffen verteiden zu müssen, für ihn bereithalten.

1954 läßt er sich von Otto Hahn sachkundig über die Folgen von Atom- und Wasserstoffbomben machen. Hahn wird bald mit den Göttinger Achtzehn gegen jede deutsche Atombewaffnung protestieren. Niemöller weiß, wovon er redet, wenn er in seiner berühmten Kasseler Rede 1957 die Ausbildung zum Soldaten eine Ausbildung zum Verbrechen nennt. "Das Leben auf der ganzen Erde kann heute ausgelöscht werden."

Beim Ostermarsch und bei Antiatom-Mahnwachen ist der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau und spätere Präsident des Weltkirchenrates ebenso dabei wie beim Eintreten für Menschenrechte in Ost und West. Viele verdanken ihm ihre Befreiung aus russischer Kriegsgefangenschaft oder aus politischer Haft.

Er ist Pazifist geworden. Er hat die zerstörerischen Leistungen der Militärcourage gesehen und selbst daran mitgearbeitet. Was uns retten kann, ist eine Zivilcourage, nein zu sagen gegen jede Vorbereitung, die Menschheit zu vernichten. Der damalige Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß stellt Strafantrag gegen Niemöller wegen Beleidigung der Bundeswehr. Die Staatsanwaltschaft schlägt das Verfahren nieder.

Niemöllers politische Phantasie ist hellwach, als er sieht, wie zuerst die Bundesrepublik, dann die Deutsche Demokratische Republik in die Lagersysteme der Großmächte eingebaut werden. Gewaltdenken, Abschreckung, Konfrontation und Feindbildproduktion werden als entscheidende Kriegsursachen von ihm benannt. Er arbeitet für eine deutsche Wiedervereinigung; sein Kampf gegen die Aufspaltung in Ost und West ist nicht national begründet. Er hängt damit zusammen, daß er sieht, wie aus einem möglichen Brückenkopf Europa feindliche Widerlager werden können. Er schreibt 1954:

"Ein wiedervereinigtes Deutschland würde ohne Zweifel viel sozialistischer aussehen als die westliche Bundesrepublik heute und sicherlich viel weniger kommunistisch als die jetzige DDR. Deutschland würde einen westlichen Grundcharakter haben, aber keinen ausschließenden Gegensatz zur östlichen Welt darstellen."

Der frühere Offizier sagt 1960 in Bergen-Belsen:

"Ein Mensch, der einem Befehl folgt, mit dem er einem anderen etwas antut, der hat den Menschen schon verraten. Es gibt keine Berufung auf den Befehl als Entschuldigung. Jeder ist für das, was er tut, auch verantwortlich. Leistet überall und immer tapferen Widerstand, wo es um den Menschen geht."

Diese Rede war an die Jugend gerichtet, deren Staatsverdrossenheit, Entpolitisierung oder Politisierung -je nach Geschmacklosigkeit - viele Beobachter so bitter beklagen. Niemöller gehört zu denen, die die verschüttete christliche Tradition des Widerstandsrechtes neu entdecken, jene Tradition, die rechtzeitig warnt und widersteht, wenn Menschen gefährdet werden. Er exponiert sich politisch, wenn Gottes Ebenbild dessen Einmaligkeit auch bei massenhaftem Vorkommen nicht verachtet werden darf, geschlagen wird. Als einer der ersten spricht er in Deutschland gegen Kolonialismus und Rassismus. Er sieht: Die Welt ist nicht länger weiß. Hochrüstung in den Industrieländern und Unterentwicklung in der Zweidrittelwelt gehören für ihn schon früh zusammen. Das eine bedingt das andere.

"Die Angst, die Völker und Menschen voreinander haben, ist ja eine ständige Bedrohung des Friedens; man fürchtet, dem andern im Ernstfall nicht gewachsen zu sein, und man rüstet, um stark zu werden. Aber der andere rüstet auch, und mit der wachsenden Rüstung wächst auch die Angst auf beiden Seiten. Haß, Angst, Rüstung - am Ende wartet der Wahnsinn eines neuen Krieges, der diesmal die ganze Menschheit bedroht.

Von dieser Bedrohung brauche ich nicht mehr zu sagen; aber von einer anderen Bedrohung des Friedens muß noch mit aller Deutlichkeit gesprochen werden: Mehr als die Hälfte aller heute lebenden Menschen leben am unteren Rande und unter dem Existenzminimum in den weiten Gebieten Asiens, Afrikas und Südamerikas. Der Zweite Weltkrieg hat unseren Blick von dieser Tatsache abgelenkt; heute warden wir sehr nachdrücklich daran erinnert, weil diese Hunderte von Millionen Menschen ihr Daseinsrecht anmelden."

In den sechziger Jahren fragten einige Studenten Professoren, die in der Nazizeit Karriere gemacht hatten, wie sie ihr damaliges opportunistisches Verhalten erklären. Ein Ordinarius für Anlistik antwortete: "Mein damaliges Versagen ist daraus zu verstehen, nicht zu entschuldigen: Ich habe vor Menschen mehr Furcht gehabt als vor Gott."

Ein wenig von diesem Geist der Freiheit durch die Beachtung des ersten Gebotes findet sich in einer von Niemöller wesentlich mitinspirierten Erklärung der vorläufigen Leitung der Bekennenden Kirche vom 28. Mai 1936. Dort schrieb man an Hitler (nicht öffentlich):

"Wenn hier Blut, Rasse, Volkstum und Ehre den Rang von Ewigkeitswerten erhalhalten, so wird der evangelische Christ durch das erste Gebot gezwungen, diese Bewertung abzulehnen. … Wenn den Christen im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauung ein Antisemitismus aufgedrängt wird, der zum Judenhaß verpflichtet, so steht für ihn das christliche Gebot der Nächstenliebe."

In meinem Elternhaus hing unter einem Bild Martin Niemöllers ein Wort, das er aus dem Konzentrationslager geschrieben hatte:

"Wir haben nicht zu fragen, wie viel wir uns zutrauen, sondern wir werden gefragt, ob wir Gottes Wort zutrauen, daß es Gottes Wort ist und tut, was es sagt."

Wir stehen heute vor der Notwendigkeit einer Wende, die eine echte Umkehr im biblischen Sinn ist, nicht die viel gepriesene Wende nach rückwärts. Christus nachzufolgen, zersetzt den opportunistischen Glauben, daß die Anbetung der Götzen Wachstum und Sicherheit, Ordnung und Feindschaft so unkritisch weitergehen könne wie bisher. Es wächst der Mut, sich für Menschlichkeit und Frieden, internationale Gerechtigkeit und Befreiung von vielen Pharaonen unserer Zeit zu engagieren. Von Martin Niemöller ist hierzu lernen. Die Konversion (eine heute notwendige der menschlich-biblischen Möglichkeiten zur Umkehr) einer Rüstungsindustrie in Friedens- und Entwicklungsindustrie, eine Konversion der Menschen, die andere sanft oder brutal an die herrschenden Verhältnisse anpassen statt die Verhältnisse den Menschen anzupassen, ist notwendig.

Er war bei aller Schärfe ein Mann der Versöhnung. Die Dienstanweisung an die SS in Dachau hieß: "Sie stehen als einzige Soldaten auch in Friedenszeiten Tag und Nacht am Feind, am Feind hinter dem Draht."

Niemöller durchschnitt ständig solche Stacheldrähte, die Menschen voneinander trennten und zu Feinden machten. Er bleibt bis heute ein Mensch, der mit Respekt und Herzlichkeit auch denen begegnet, die anders denken als er. Er weiß, wohin jenes Stacheldrahtdenken führt, das die Staatsfeinde, die Systemgegner, das "Zentrum des Bösen" (Ronald Reagan) ausmachen und anderslebende, andersglaubende, andersdenkende oder andersfarbige Menschen so ausgrenzen will, daß sie hassenswert, bekämpfbar, ja vernichtbar werden. Bei ihm ist unsentimentale Liebe zu lernen. Es ist die Gegenbewegung zu dem von Carl von Ossietzky kritisch gekennzeichneten Kannibalismus. Hitler und sein keineswegs ausgestorbener Geist werden 1931 von Carl von Ossietzky hellsichtig so beschrieben:

"Die gleiche Not, die alle schwächt, ist Hitlers Stärke. Der Nationalsozialismus bringt wenigstens die letzte Hoffnung von Verhungernden: den Kannibalismus. Das ist die fürchterliche Anziehungskraft dieser Heilslehre. Sie entspricht nicht nur den wachsenden barbarischen Instinkten einer Verelendungszeit, sie entspricht vor allem der Geistessturheit und politischen Ahnungslosigkeit jener versackenden Kleinbürgerklasse, die hinter Hitler marschiert. Diese Menschen haben auch in bessern Zeitläuften nie gefragt, immer nur gegafft. Für das Schauspiel ist gesorgt, ebenso für ihr Muschkotenbedürfnis, die Knochen zusammenzureißen, vor irgend einem Obermotzen zu melden."

Martin Niemöller hat in bitteren Lektionen seinem Volk und gegen sein Volk, aber im Interesse aller Menschen gelernt, nicht gegafft, sondern sich engagiert; nicht mehr vor irgendeiner Autorität strammgestanden, sondern den Willen Christi zu leben versucht. Angesichts der modernen Massenvernichtungsmittel und der sie begleitenden Sicherheitsdoktrinen ist Kannibalismus der fortschrittlichste Rückfall in die menschliche Selbstvernichtung. Er ist modern, wissenschaftlich, politisch und strategisch denkbar und machbar. Menschlich und christlich aber weder denkbar noch machbar. Für diese Position steht Martin Niemöller.

Albert Schweitzer, den Niemöller 1917 vor Afrikas Küste beinahe gefangen oder versenkt hätte, wurde Niemöllers Verbündeter im Kampf gegen jede Rüstung. Schweitzer schrieb 1961 seinen Dank an Martin Niemöller, der auch unser aller Dank an ihn ist:

"Wir danken Dir für die Art, in der Du dieser Berufung Folge leistest und sie erfüllst. Möge Dir noch die Gnade zuteil werden, noch zu erleben, daß dem Kampfe, in dem Du Dich bewährst, Sieg zuteil wird."

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, März 1984, 45. Jahrgang S. 145ff.

Veröffentlicht am

18. Januar 2017

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