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Algerien: Eiserne Lady auf Klassenfahrt

Das Land ist reich, aber die Ergebnisse der Schulpolitik sind äußerst bescheiden. Die Bildungsministerin will das nun endlich ändern

Von Sabine Kebir

Seit der 1962 errungenen Unabhängigkeit lavieren alle algerischen Regierungen zwischen traditionalistischen Positionen und der Moderne zugewandten Strömungen. Dabei halten die Vertreter des orthodoxen Lagers das Bildungswesen seit jeher fest im Griff. Dem reichen Erdölland ist es bis heute zwar gelungen, die allgemeine Schulpflicht durchzusetzen und Universitäten nicht nur in Groß-, sondern auch in mittleren Städten zu unterhalten. Die Bildungsergebnisse jedoch muten allseits bescheiden an und liegen weit unter dem Durchschnitt vergleichbarer Länder nicht nur in Afrika. Besonders katastrophal steht es um Geschichts- und gesellschaftspolitische Bildung in den Grund- und Mittelschulen, selbst in den Lyzeen als den höheren Lehranstalten.

Mit dem Gebot, umfangreiche Passagen aus dem Koran auswendig zu lernen, ersetzen die öffentlichen nicht nur die kaum noch existierenden Koranschulen. Sie vermitteln ein Wissen, das mit bestimmten Grundaussagen des Korans übereinstimmt. So lernen die Kinder eine vom Islam übernommene alttestamentarische Version der Schöpfung des Menschen, hören aber nichts von Darwins Evolutionslehre. Bücher darüber sind keineswegs verboten.

Grässlicher Höhepunkt der Kontroversen um Schulen und Universitäten war der blutige Bürgerkrieg in den 90er Jahren, als eine islamistische Guerilla über 800 Lehranstalten in Brand setzte, um sie als Hort der Unmoral zu geißeln. Es sollte erzwungen werden, dass Schülerinnen und Lehrerinnen prinzipiell das Kopftuch tragen, Mädchen nicht mehr am Sportunterricht teilnehmen, Französisch- wie Musikunterricht abgeschafft werden.

Der 1999 zum Präsidenten gewählte Abd al-Aziz Bouteflika konnte den kriegerischen Amoklauf der Fanatiker nur eindämmen, weil er den Islamisten Konzessionen machte. Sie betrafen wenig überraschend das Bildungswesen, das zu modernisieren Bouteflika vor der Wahl ausdrücklich versprochen hatte. Dazu jedoch hätte es den Austausch wenigstens von Teilen eines islamistisch gefärbten Lehrkörpers gegen säkulare Pädagogen geben müssen, darüber hinaus einen Wechsel bei den Schulverwaltungen. Nur wäre damit das Land schwerlich zu befrieden gewesen. Ein tendenziell strenggläubiger Anteil der Bevölkerung hätte sich einer solchen Flurbereinigung widersetzt. Immerhin bewirkte Bouteflika, dass die französische Sprache, die zu beherrschen in qualifizierten Berufen unabdingbar ist, wieder vom zweiten Schuljahr an gelehrt wurde. Die Ende der 80er Jahre verfügte Verschiebung auf die fünfte Klasse war annulliert.

Da sich Algerien aus den Kompromissen, die den Bürgerkrieg eindämmen halfen, bis heute nicht herausgearbeitet hat, dümpelt das Bildungswesen ineffizient vor sich hin. Trotz hoher Studentenzahlen bringt es zu wenig von den Fachkräften hervor, die importierte Maschinen und Anlagen zu warten verstehen. Vom Vermögen, industrielles Equipment selbst zu produzieren, ganz zu schweigen.

Sprachliches Tohuwabohu

Immerhin wurde 2014 Nouria Benghabrit zur Ministerin für das nationale Bildungswesen ernannt. Der damals schon schwerkranke Bouteflika wollte offenbar zum Ausdruck bringen, dass er sich seiner Zusage von 1999 durchaus bewusst sei. Die tatkräftige Mittsechzigerin forschte bis dahin als Kultursoziologin über Ausbildungssysteme, die allerdings den Mut zur reformerischen Zäsur brauchten. Seit 2002 war Benghabrit Mitglied verschiedener sozialwissenschaftlicher Foren in Afrika, von 2003 bis 2006 Präsidentin des arabischen UNESCO-Komitees für Hochschulbildung, schließlich vor ihrem Aufstieg zur Ministerin Vizepräsidentin des Verwaltungsrates des Africa Governance Institute. Als Ministerin lässt sie keinen Zweifel an ihrem Willen, das Ruder im Bildungswesen herumzuwerfen.

2015 etwa griff Benghabrit das linguistische Problem der algerischen Grundschulen auf: die von Psycholinguisten beklagten Schwierigkeiten der Kinder beim Erlernen des Hocharabischen, deren Ursache ein rigoroser Ausschluss des Volksarabischen - der so genannten Derjša - aus den pädagogischen Programmen ist. Die Unterschiede zwischen der volksarabischen Muttersprache und dem Hocharabischen sind derart, dass viele Kinder einem vom ersten Tag an in Hocharabisch erteilten Unterricht nicht folgen können. Sie sind für den gesamten Schulverlauf dazu verurteilt, leistungsschwach zu bleiben. Realiter wird in der Schule dann doch auf die Derjša zurückgegriffen. Um aber einen Übergang zum Hocharabischen zu gewährleisten, müsste die Derjša zunächst im Sprachbewusstsein der Schüler grammatikalisch strukturiert werden.

Dies hatte eine Gruppe von Lehrern bereits Ben Bella, erster Präsident eines unabhängigen Algeriens, Anfang der 60er Jahre geraten. Der lehnte ab, weil nur der ausschließliche Gebrauch des Hocharabischen es den Algeriern erlaube, mit den Arabern anderer Länder ordentlich zu kommunizieren.

Benghabrit, die diesen Fehler endlich beheben will, wird von der islamistischen Parteienliga Grüne Allianz angeklagt, die "heilige Sprache des Korans", die auch die wirkliche Sprache des algerischen Volkes sei, anzugreifen. Diesem Milieu gilt die Derjša als Folge kultureller Verarmung in der Kolonialzeit. Tatsächlich entstand sie schon vor einem halben Jahrtausend, als die Berber-Dialekte mit dem Arabischen verschmolzen. Weil das bei Marokkanern, Algeriern und Tunesiern gleichermaßen geschah, können sie sich untereinander besser verständigen als mit Orientalen. Der Streit um das Gewicht der Muttersprache gewinnt noch an Brisanz, da mit der Aufwertung des Berberischen zur zweiten Offizialsprache Algeriens Forderungen lauter werden, das Berberische nicht nur fakultativ zu lehren, sondern für alle Schüler obligatorisch zu machen. Nouria Benghabrit ist Politikerin genug, um diese Option keineswegs auszuschließen, lässt aber durchblicken, dass sofortiger Vollzug das sprachliche Tohuwabohu an Algeriens Schulen noch einmal vergrößern würde.

Parallel dazu ringt die Bildungsministerin mit der Lehrerschaft um arbeitsrechtliche Fragen. Jahrzehntelang wurde ein durch die wachsende Bevölkerung stetig steigender Bedarf an Lehrern durch kaum oder gar nicht qualifizierte Hilfskräfte gedeckt. Viele davon arbeiten inzwischen Jahrzehnte an ihren Schulen und verlangen, als ordentliche Pädagogen anerkannt zu werden. Benghabrit will dem nachkommen, sofern die Hilfslehrer eine Prüfung ablegen und sich bei unzureichendem Resultat freiwillig qualifizieren.

Unterstützt von ihren Gewerkschaften, verweigern sich die Betroffenen diesem Angebot und legen den Unterricht durch immer wieder aufflammende Streiks lahm. Ordentlich bestallte Pädagogen protestieren in gleicher Weise gegen den - nicht nur ihrer Berufsgruppe geltenden - Beschluss der Regierung, den Bezug der Rente erst bei Erreichen des 55. Lebensjahres für Frauen und des 60. für Männer zu ermöglichen. Bislang reichten 32 Dienstjahre. Nun verlangen die Lehrer, schon nach 15 Dienstjahren pensioniert zu werden. In einem Alter also, in dem sie die größte pädagogische Reife erlangt haben. Es geht um ein Alter, in dem sich viele - mit der staatlichen Rente als Rückhalt - selbstständig machen wollen.

Leck beim Abitur

Mit anderen Worten, die Erziehungsministerin steht einer Lehrerschaft gegenüber, die offenbar in Luftschlössern wohnt, wie sie nur in einem Land mit erheblicher Erdölrendite errichtet werden. Sie muss mit Morddrohungen leben. Im Sommer 2016 platzte ein Komplott gegen sie, als während des Zentralabiturs offenbar wurde, dass ein Teil der Schüler die Fragen im Voraus kannte. Bald stellte sich heraus, dass Benghabrits islamistische Gegner für das Leck gesorgt hatten, um sie zu diskreditieren. Große Teile des Abiturs mussten wiederholt werden. Unterstützung erhält die "Eiserne Lady" - wie die Ministerin auch genannt wird - von zahlreichen Elternvereinen und einem Teil der Gewerkschaften. Premierminister Abdelmalek Sellal hält unbeirrt an ihr fest: Die Schulreform dürfe nicht an ideologischen Hürden straucheln. Dass diese immer wieder auftauchen, ist ein Beispiel dafür, wie demokratischer Aufbruch in der arabisch-islamischen Welt den Obskurantismus überwinden muss, will er nicht scheitern. In Europa wird dies nur allzu häufig ignoriert.

Quelle: der FREITAG   vom 18.01.2017. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

18. Januar 2017

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