Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de

 

Uri Avnery: Antisemitische Zionisten

Von Uri Avnery

WAS MICH wirklich erwischt hat, war der Applaus.

Da saßen sie am runden Tisch, die Vertreter der ganzen Welt, und applaudierten ihrer Hände Werk, der Resolution, die sie einstimmig angenommen hatten. Der Sicherheitsrat ist ebenso wenig wie die Knesset Applaus oder eine andere spontane Aufwallung gewohnt. Und doch klatschten sie in die Hände wie Kinder, die gerade ihre Weihnachtsgeschenke bekommen hatten.

(Es war tatsächlich ein Tag vor Weihnachten und der erste Tag von Chanuka. Dass beide zusammenfallen, kommt nur alle Jubeljahre vor, da die Christen den Sonnenkalender und die Juden immer noch einen - abgeänderten - Mondkalender benutzen.)

Die Delegierten waren überglücklich. Sie hatten gerade etwas erreicht, das ihnen viele Jahre lang verwehrt gewesen war: die Verurteilung des eklatanten Bruchs des Völkerrechts durch die Regierung Israels.

Aufeinander folgende Präsidenten der USA hatten ihre anachronistische Vetomacht benutzt, um die UN davon abzuhalten, ihre Pflicht zu tun. Jetzt wagte es Präsident Barak Obama direkt vor dem Ende seiner Präsidentschaft, die Regierung Benjamin Netanjahus, einer Person, die er von ganzem Herzen hasst, herauszufordern.

Deshalb konnte die höchste internationale Körperschaft nach Jahren der Frustration eine Resolution über Israel, die ihren Überzeugungen entspricht, annehmen. Kein Wunder, dass sie sich wie Schulkinder benahmen, die gerade in die Ferien entlassen worden waren. Allerdings könnten sich diese Ferien leider als sehr kurz erweisen.

DEM ANSCHEIN nach war die Freude übertrieben. Die Resolution hat kaum eine praktische Bedeutung. Sie hat keine Zähne. Netanjahu hätte das alte orientalische Sprichwort anwenden können: "Die Hunde bellen und die Karawane zieht weiter."

Aber Netanjahus unmittelbare Reaktion war eine ganz andere. Er betrug sich wie ein verwundetes Tier: er lief Amok, schlug um sich, biss jeden, der in Reichweite war.

Einige seiner Reaktionen grenzten ans Lächerliche. Er hätte die Resolution herunterspielen und sich über sie lustig machen können, wie es viele israelische Führer viele Male zuvor getan hatten. Stattdessen berief er seine Botschafter aus dem Senegal und aus Neuseeland (herkömmlicherweise freundlich gesinnten Nationen) ab, sagte Besuche ausländischer Staatsmänner ab, bestellte ausländische Botschafter ein, um sie am Weihnachtstag abzukanzeln, warf mit Beleidigungen um sich und besudelte besonders Präsident Obama.

Das war offensichtlich dumm. Der Präsident hat noch 21 Tage vor sich, 21 lange Tage, in denen er Netanjahu wehtun kann. Zum Beispiel könnte er die Verabschiedung einer unwiderruflichen UN-Resolution zulassen, den Staat Palästina als Vollmitglied der UN anzuerkennen. Ein solcher Schritt kann nicht widerrufen werden.  Im Augenblick ist das gesamte offizielle Israel in Erwartung eines solchen Schrittes in Panik.

Wenn Netanjahu Machiavelli gelesen hätte, wüsste er, dass man keinen Löwen herausfordern soll, wenn man ihn nicht töten kann. Ich würde hinzufügen: Besonders einen Löwen, den man zuvor schon viele Male beleidigt und verwundet hat. Selbst Löwen werden manchmal wütend.

Aber Netanjahus Verhalten mag nicht so dumm sein, wie es zunächst aussieht. Tatsächlich kann es ganz klug sein. Das hängt von seinem Ziel ab.

Als diplomatische Strategie ist es eine Katastrophe. Aber als Strategie, die Wahlen zu gewinnen, ist es ganz vernünftig. Hier haben wir den großen Helden, den neuen König David, der für sein Volk kämpft und der der ganzen Welt die Stirn bietet. Gibt es irgendeinen in Israel, der sich mit ihm messen kann?

IN DEN SCHLIMMEN alten Tagen Golda Meirs sang eine Musikgruppe, die der Armee zur Unterhaltung diente, ein hübsches Lied, das mit den Worten begann: "Die ganze Welt ist gegen uns/ Aber das ist uns egal …" Dazu tanzte die Gruppe herum.

Aus irgendeinem Grund erfüllt es Juden mit Zufriedenheit, wenn die ganze Welt sie verdammt. Es bestätigt, was wir schon immer gewusst haben, dass alle Nationen der Welt uns hassen. Das zeigt, wie besonders und überlegen wir sind. Mit unserem eigenen Verhalten hat es überhaupt nichts zu tun, Gott behüte. Es ist einfach der pure Antisemitismus.

Netanjahu übertrifft Golda. Die alte Dame sieht jetzt mit Neid auf ihn aus dem Himmel herunter (oder von einem anderen Ort zu ihm herauf?).

DER ZIONISMUS  sollte eigentlich Israel von diesen alten jüdischen Komplexen befreien. Wir sollten eine normale Nation werden: Israelis anstatt "Exil"-Juden, eine Nation, die von anderen Nationen bewundert würde. Anscheinend ist uns das nicht so ganz gelungen.

Aber es gibt eine große Hoffnung. Tatsächlich ist die Hoffnung riesig. Ihr Name ist Donald Trump.

Er hat bereits getwittert, dass sich hinsichtlich der UN alles ändern werde, sobald er die Macht übernommen hat.

Wird es das tatsächlich? Weiß irgendjemand - ihn eingeschlossen - wirklich, was er im Sinn hat? Kann Netanjahu da ganz sicher sein?

Es stimmt schon, Trump schickt einen rabiaten jüdisch-amerikanischen extrem rechten Zionisten als seinen Botschafter nach Tel Aviv (oder nach Jerusalem, wir werden sehen). Einen Mann, der so rechts ist, dass er Netanjahu selbst wie einen Linken aussehen lässt.

Aber gleichzeitig hat Trump einen radikalen weißen Rassisten mit eindeutig antisemitischen Referenzen zu seinem engsten Assistenten gemacht.

Vielleicht hängt es, wie manche meinen, vollkommen von Trumps Launen ab. Wer weiß schon, wie seine Laune am Morgen der ersten wichtigen UN-Abstimmung über Israel sein wird? Wird er Trump der Zionist oder Trump der Antisemit sein?

TATSÄCHLICH kann er beides sein. Das ist für ihn wirklich kein Problem.

Das erklärte Ziel des Zionismus ist es, alle Juden der Welt im jüdischen Staat zu versammeln. Das erklärte Ziel der Antisemiten ist es, die Juden aus allen Ländern zu vertreiben. Beide Seiten wollen also dasselbe. Kein Konflikt.

Von Anfang an erkannte dies der Gründungsvater des Zionismus Theodor Herzl. Er ging ins zaristische Russland, das von Antisemiten regiert wurde, und bot ihnen einen Handel an: Wir nehmen euch die Juden ab und ihr helft uns dabei, sie davon zu überzeugen, dass sie das Land verlassen sollten. Das war auf dem Höhepunkt der mörderischen Pogrome. Aber die Juden, die Russland verließen, gingen massenhaft nach Amerika und nur wenige gingen ins von den Osmanen regierte Palästina.

Das war kein einzigartiges Kapitel. In der gesamten Geschichte des Zionismus wurden viele Versuche unternommen, Antisemiten dafür einzuspannen, dass sie die Umsetzung des zionistischen Projekts unterstützten.

Schon bevor die zionistische Bewegung entstand, predigten amerikanische und britische Evangelisten die Sammlung der Exiljuden im heiligen Land. Vielleicht wurde Herzl von ihnen inspiriert. Diese Botschaft von der Erlösung der Juden hatte jedoch eine geheime Klausel. Die Rückkehr der Juden nach Palästina wäre die Vorbedingung für die Wiederkunft Christi. Dann aber würden sich die Juden zum Christentum bekehren. Die Juden, die sich weigern würden, Christen zu werden, würden vernichtet.

Als 1939 die Nazi-Gefahr offensichtlich wurde, rief der Führer der radikalen Zionisten Se’ev Jabotinsky seine Anhänger zu einer Konferenz in Polen zusammen. Auch die Führer der Untergrundbewegung Irgun in Palästina nahmen daran teil. Einer von ihnen war Abraham Stern mit dem nom de guerre Ja’ir.

Die Versammlung beschloss, an die antisemitischen Befehlshaber der polnischen Armee heranzutreten und ihnen einen Handel anzubieten: Ihr bewaffnet und trainiert polnische Juden und wir werden Palästina befreien und die polnischen Juden dorthin bringen. Die Offiziere waren einverstanden und in Polen wurden Trainingslager eingerichtet. Der Zweite Weltkrieg verhinderte die Ausführung des Plans.

Mit dem Ausbruch des Krieges befahl der trotz allem begeisterte anglophile Jabotinsky dem Irgun, mit allen Aktionen gegen die Briten aufzuhören und stattdessen mit ihnen zusammenzuarbeiten. Stern schlug das Gegenteil vor. Sein Credo war: Unser Feind ist Britannien. Der Krieg bietet uns eine Gelegenheit, die Briten zu vertreiben. Der Feind unseres Feindes ist unser Freund. Adolf Hitler ist zwar Antisemit, aber jetzt ist er unser potenzieller Verbündeter.

Sterns Ansatz verursachte eine Spaltung im Irgun. Eine wütende Debatte brach in allen geheimen Zellen aus. Als 16jähriger nahm ich daran teil. Da ich aus Nazi-Deutschland geflohen war, war ich gegen Sterns These.

Stern schuf eine eigene Gruppe (sie hieß später Lechi, das sind die hebräischen Anfangsbuchstaben von Kämpfer für die Freiheit Israels, auch "Stern-Gang" genannt). Er schickte einen Sendboten in die neutrale Türkei, der dem deutschen Gesandten einen Brief an "Herrn Hitler" überreichte; in dem Brief bot Stern Zusammenarbeit an. Der "Führer" antwortete nicht. Das war natürlich vor dem Holocaust.

Stern wurde von den Briten gefangen genommen und "auf der Flucht erschossen". Als der Krieg zu Ende war und Sowjetrussland zum Feind Britanniens und des übrigen Westens wurde, wandten sich Sterns Erben an Stalin und boten ihm Zusammenarbeit an. Stalin, dessen Antisemitismus damals gerade stärker wurde, ging nicht auf das Angebot ein.

Während des Krieges war Adolf Eichmann einer der Architekten des Holocaust. Er war der für die Organisation der Transporte der ungarischen Juden nach Auschwitz zuständige SS-Offizier. In Budapest stellte er Kontakte zu der von Israel Kastner geführten Gruppe von Zionisten her und schloss mit ihm einen Handel ab. Als Geste des guten Willens gestattete Eichmann Kastner, ein paar hundert Juden in die neutrale Schweiz zu schicken.

Eichmann schickte das Gruppenmitglied Joel Brand mit einem seltsamen Angebot an die zionistische Führung in Jerusalem nach Istanbul: Wenn die Alliierten die Nazis mit tausend Lastwagen beliefern würden, würde die Deportation der ungarischen Juden abgeblasen.

Entgegen seinen Instruktionen überquerte Brand die Grenze zum von den Briten besetzten Syrien und wurde von ihnen verhaftet. Die Deportation der ungarischen Juden - damals waren es zehntausend pro Tag - ging weiter.

Was schlugen die Nazis in dieser bizarren Affäre vor? Meine Theorie ist, dass Heinrich Himmler bereits entschlossen war, Hitler zu entthronen und einen separaten Frieden mit den westlichen Alliierten zu schließen. Eichmann diente seinem Plan, Kontakte mit den Alliierten herzustellen. Als waschechter Antisemit war Himmler überzeugt, dass die Juden die Welt beherrschten.

Einige Zeit nach dem Krieg schrieb Eichmann in israelischer Gefangenschaft seine Memoiren. Er schrieb, er glaube, dass die Zionisten das "biologisch positive" Element der jüdischen Rasse seien.

Mahmood Abbas schrieb übrigens als Student der Moskauer Universität seine Dissertation über die Zusammenarbeit zwischen Nazis und Zionisten.

KÖNNEN ZU TRUMPS Assistenten jetzt gleichzeitig rabiate Zionisten und rabiate Antisemiten gehören?

Aber gewiss doch.

Diese Woche verurteilte unser extrem rechter Verteidigungsminister Avigdor Lieberman den Plan Frankreichs, in ein paar Tagen in Paris eine Konferenz über den israelisch-palästinensischen Frieden einzuberufen. Die israelische Regierung befürchtet, dass Außenminister John Kerry dort seinen detaillierten praktischen Plan für eine Friedensvereinbarung vorlegen wird, der auch die Errichtung des Staates Palästina enthält. Dieser Plan würde von der Konferenz und dann vom UN-Sicherheitsrat angenommen werden.

Dies wäre Präsident Obamas letzte Gelegenheit. Kein Veto.

(Übrigens stimmt Kerrys Plan fast genau mit dem Friedensplan überein, den meine Freunde und ich vor 59 Jahren, also 1957, veröffentlichten. Wir nannten ihn "das Semitische Manifest".)

Wutschäumend verglich Lieberman das Vorhaben mit der Dreyfus-Affäre. Vor etwa 120 Jahren wurde der jüdische Hauptmann der französischen Armee Alfred Dreyfus zu Unrecht wegen Spionage für Deutschland angeklagt, verurteilt und auf die Teufelsinseln in Französisch-Guayana geschickt. Später wurde er freigesprochen. Der zionistische Mythos will es, dass Theodor Herzl, der damals Korrespondent einer Wiener Zeitung in Paris war, von dem Ereignis so erschüttert war, dass es ihn zur Idee des Zionismus inspirierte.

Die bevorstehende Pariser Konferenz, versicherte Lieberman wütend, sei die neu aufgelegte Dreyfus-Affäre, nur dieses Mal sei die Anklage gegen das gesamte jüdische Volk gerichtet.

Aber macht euch keine Sorgen, Donald Trump und seine antisemitischen Zionisten werden schon alles wieder in Ordnung bringen.

Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler

Weblink:

Veröffentlicht am

31. Dezember 2016

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von