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Mehr als eine Schlacht

In Mossul lodert der Irakkrieg von Neuem auf. Die Dauer der Kämpfe wird auch davon abhängen, wie viel Rückhalt der IS aus der Bevölkerung erhält

Von Lutz Herden

Es mag so klingen, ist aber alles andere als ein Aphorismus. "Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will", schrieb Heinrich Heine in seinen politischen Berichten aus Paris. Der "heutige Tag" im Irak soll die Schlacht um Mossul sein. Von Krieg zu reden, trifft es besser. Und der ist das Resultat nicht allein eines massierten Aufmarschs vor wie eines islamistischen Aufgebots in der Stadt, sondern ebenso jüngster irakischer Vergangenheit. Zu erforschen, was diese gewollt, sprich: angerichtet hat, führt zwangsläufig zum Islamischen Staat (IS) und zu der Frage: Wenn nur 4.000 IS-Kämpfer in Mossul stehen, warum hält eine solche Minderheit seit mehr als zwei Jahren über eine Million Menschen, vorwiegend Sunniten, in Schach?

Durch Repressalien? Oder dank eines Einvernehmens, weil diese Präsenz - wenn nicht als willkommen - so doch als hinnehmbar empfunden wurde? Wäre das so - und einiges spricht dafür -, hätte es viel mit der Geschichte des Islamischen Staates im Irak zu tun, die eine andere ist als in Syrien. Von Anfang an war das wie eine Armee agierende Konglomerat modern bewaffneter und professionell geführter Milizen auch eine Reaktion auf die Zustände im Land. Schließlich hatte die bis 2011 dauernde US-Besatzung einer schiitischen Elite in Politik und Militär zu autoritärer Dominanz verholfen. Der bis 2015 mehr herrschende als regierende Premier Nuri al-Maliki hielt wenig von einem in der Verfassung verankerten, alle Volks- wie Religionsgemeinschaften erfassenden partizipativen Regime in Bagdad.

Gegen solcherart Selbstermächtigung setzte der IS brachialen Machtwillen. War Terrorpraxis, Guerilla und Gegenstaat. Verteidigte sich, indem er angriff. Seine Ideologen hießen Kalif Al-Baghdadi und waren Schaufensterpuppen, seine Kommandeure kamen aus der sunnitisch geprägten Armee des 2003 von den Amerikanern gestürzten Saddam Hussein und waren Strategen. Dieses Staatsheer so komplett aufzulösen wie die Staatspartei, so dass Hunderttausende zu Fremden im eigenen Land wurden, war kein Fehlgriff, sondern Flurbereinigung der Besatzungsmacht. Allerdings sollte sich zeigen, wer die sunnitische Nomenklatura kollektiv demütigt, züchtet Revanche und Rache. Der treibt sie, wie 2014 geschehen, zum Vormarsch auf Bagdad. Zum Stehen gebracht haben den IS seinerzeit schiitische Milizen des Predigers Muqtada as-Sadr und die US-Luftwaffe, nicht die Nationalarmee. Es schien so, als sollte der Irakkrieg von Neuem ausgefochten werden.

Um dieses Vorspiel der "Schlacht um Mossul" sollte man wissen. Es kann zweierlei bedeuten: Entweder sind die Gefechte schnell vorbei oder dauern länger, als für das Überleben einer Großstadt gut sein kann. Entweder haben die IS-Kommandeure längst den Rückzug befohlen und ließen nur symbolische Einheiten zurück, deren Kämpfer den Tod des Märtyrers suchen. Oder sie haben sich in einer Festung eingegraben, der Wohnviertel als Bastionen dienen. Sicher ist nur, der Irakkrieg lodert nun endgültig wieder auf. Nicht nur Kurden und Araber, auch Amerikaner und Briten treten an, als hätte dieses Land nicht Totengräber genug.

Irgendwann werden Sieger von Verlierern zu unterscheiden sein, irgendwann werden die Bewohner von Mossul erfahren und entscheiden, ob sie befreit oder besetzt wurden. Weil das im Irak eine offene Frage ist, hat der IS eine Überlebenschance. Der kommende Tag ist ein Resultat des heutigen.

Quelle: der FREITAG vom 16.11.2016. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

17. November 2016

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