Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Ursula Sladek: “Nur wer selbst handelt, kann etwas ändern”

Vortrag bei der Tagung des Lebenshauses Schwäbische Alb "’We shall overcome!’. Gewaltfrei für die Vision einer Welt ohne Gewalt und Unrecht. Drei biographische Zugänge" am 15.10.2016 in Gammertingen

Von Ursula Sladek

26. April 1986: Die Atomkatastrophe in Tschernobyl, der größte anzunehmende Unfall, verstrahlte weite Teile Weißrusslands und der Ukraine und machte diese für Jahrzehnte unbewohnbar. Hunderttausende Menschen wurden umgesiedelt, ihre Dörfer dem Erdboden gleichgemacht. Junge Soldaten und Wehrpflichtige wurden als sogenannte Liquidatoren eingesetzt mit verheerenden gesundheitlichen Auswirkungen. Die Radioaktivität machte an den Grenzen nicht Halt und ganz Europa war von mehr oder weniger hoher Strahlen-belastung betroffen.

Ich war damals noch sehr naiv. Als Mutter von fünf Kindern im Alter zwischen vier und dreizehn Jahren und Frau eines Landarztes mit einer großen Allgemeinpraxis kümmerte ich mich bis dahin wenig um Politik, und nicht mehr um Umweltfragen als viele andere. So war ich zunächst überzeugt, dass die Reaktion auf Tschernobyl nur der Ausstieg aus der Atomkraft sein könnte, und Politik und Energieversorger ein Ausstiegskonzept erstellen würden. Die Realität allerdings sah anders aus: Politiker tranken öffentlichkeitswirksam verstrahlte Milch, um die Ungefährlichkeit zu demonstrieren. Das Umweltministerium erhöhte die Grenzwerte für Radioaktivität in Nahrungsmitteln, um die Menschen in Sicherheit zu wiegen. Energieversorger wurden nicht müde, der Bevölkerung zu erklären, dass ein solcher Unfall bei uns nie passieren könne und es daher kein Grund zur Beunruhigung gäbe. Da wurde mir auf einmal klar, dass wir - die Bürger - die Dinge selbst in die Hand nehmen müssen und nicht darauf vertrauen können, dass Veränderungen von Politik und Energiewirtschaft ausgehen.

Wir hatten gemeinsam die große Vision der schnellstmöglichen Abschaffung der Atomenergie. Wenig später kam dann auch die Ächtung der fossilen Energien hinzu, die mit ihren Emissionen maßgeblich zum Klimawandel beitragen. Nach Tschernobyl war mir klar geworden, dass ich mich darum kümmern muss, die Welt so zu gestalten, dass auch unseren fünf Kindern und deren Kindern und Kindeskindern ein gutes Leben möglich ist. Und der Gedanke geht ja weiter: es geht ja nicht nur um die Zukunft der eigenen Kinder, sondern um alle Kinder, ja um alle Menschen, und nicht nur in Deutschland oder Europa sondern in der ganzen Welt.

Eine kleine Gruppe aktiver Bürger fand sich einige Monate nach Tschernobyl in Schönau zusammen, um einen Beitrag zum schnellstmöglichen Atomausstieg zu leisten. Wir nannten uns damals wie so viele Nach-Tschernobyl-Initiativen zunächst "Eltern gegen Atomkraft", ein Name, den wir bald ersetzten durch "Eltern für atomfreie Zukunft". "Ich bin nicht gern gegen etwas", so ein Mitglied der Initiative, "ich möchte lieber bei etwas Positivem mitmachen". Dieses Bedürfnis haben wohl eher die meisten Menschen, obwohl das "Rebellische" auch dann nicht verloren gehen darf.

Unser gemeinsames Ziel motivierte und beflügelte uns, die Informationen und Kenntnisse zu beschaffen, mit denen wir unser Ziel in Angriff nehmen konnten. Dies war allerdings nicht so einfach, denn Ende der achtziger Jahre gab es noch kein öffentlich zugängliches Internet, das heute Informationsbeschaffung für jedermann leicht macht. Wir verschlangen Bücher zum Thema Energie, ließen uns von Experten komplizierte Zusammenhänge erklären, besuchten Vorträge und Veranstaltungen.

Ein Vortrag von David Freeman, dem Energieberater von US Präsident Jimmy Carter, inspirierte uns in Bezug auf unser weiteres Vorgehen. Er machte nämlich klar, dass Energieverschwendung eines der größten Probleme innerhalb der Energiewirtschaft ist (das hat sich bis heute nicht geändert) und zeigte auf, wie die Purpa Gesetzgebung in den USA nach der ersten Ölkrise in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts Einfluss auf die Energiewirtschaft nahm. So sollten z.B. neue Kraftwerke nur dann gebaut werden können, wenn der Antrag stellende Energieversorger nachgewiesen hatte, dass er alle Energieeinspar- und Effizienzmaßnahmen innerhalb seines Kraftwerkspark und Kundenstammes durchgeführt hatte. Diese Logik überzeugte uns und wir wendeten uns zunächst dem Verbraucher zu - denn das lag uns ja am nächsten.

Die Idee, Energiesparen als Mittel zu nutzen, den Ausstieg aus der Atomenergie zu beschleunigen, begeisterte uns sehr und wir starteten sofort in unserer Gruppe Eltern für atomfreie Zukunft e.V. einen Eigenversuch: Wir stellten Energiespartipps zusammen und wollten herausfinden, ob man auch mit weniger Strom auskommen kann, ohne dass sich dadurch die Lebensqualität verändert. Denn nur noch kalt essen oder schmutzig herumlaufen wollte natürlich keiner. Als wir nach einigen Monaten Bilanz zogen, konnten wir alle mehr oder weniger große Einsparungen vorweisen - je nachdem, wie hoch unser Verbrauch vorher war. Dieses Ergebnis gab uns den Mut, unsere Stromsparaktivitäten auszudehnen.

Nun wollten wir die Bevölkerung von Schönau und Umgebung motivieren, ebenfalls sparsam und überlegt mit Strom umzugehen und haben die "Stromsparwettbewerbe" erfunden. "Höher, weiter, schneller" - hier sollten Stromkunden miteinander wettstreiten, wer am wenigsten Energie verbraucht oder in einem definierten Zeitraum am meisten sparen kann. Das Ganze wurde mit attraktiven Preisen belohnt, die Schönauer Geschäftswelt war Sponsor und gleichzeitig inhaltlich eingebunden. Die Stromsparaktivitäten haben durch den Zusammenschluss vieler Bürger, die vom Wissen zum Handeln gekommen sind, viel Vertrauen für unsere Bürgerinitiative geschaffen und den Grundstein dafür gelegt, dass wir später erfolgreich sein konnten.

Wir argumentierten mit Umweltgründen ("auch am heimischen Herd entscheidet es sich, wie schnell aus der Atomenergie ausgestiegen werden kann") und mit finanziellen Auswirkungen ("Strom sparen - Geld sparen"). Zum Stromsparwettbewerb gab es dann eine spezielle Tippserie "Entwickeln Sie ein liebevolles Verhältnis zu Ihrem Stromzähler und besuchen ihn einmal wöchentlich". Diese Tipps entwickelten im Lauf der Zeit so etwas wie Kultcharakter, die Leser amüsierten sich und folgten erstaunlicherweise diesen Tipps mehr als den rein informativen.

Nicht nur da merkten wir, dass der Zugang zu den Menschen nicht nur über Informationen erreichbar ist. Im Rahmen der Energie Aktivitäten hatte sich in Schönau eine Kabarettgruppe gebildet, die uns durch ihre gelungenen Auftritte immer wieder Kraft gab und auf witzige Art und Weise Informationen transportierte. Die "Wattkiller" - ein Quartett aus vier Lehrern - entwickelten eine hohe Professionalität und traten nicht nur bei unseren Veranstaltungen in Schönau auf, sondern begleiteten uns auch auswärts, z. B. zu den evangelischen Kirchentagen.

Heute haben wir leider keine eigene Kabarettgruppe mehr, aber wir sind der Tradition des Kabaretts treu geblieben und sind der einzige Energieversorger mit angeschlossener Kabarettbühne. Bei uns in Schönau waren schon fast alle Größen des bundesdeutschen Kabaretts - sogar Dieter Hildebrand durften wir noch bei uns begrüßen.

Für den Umbau der Energiewirtschaft spielen die Erneuerbaren Energien die entscheidende Rolle - also haben wir mit dreißig Bürgern aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und allen Altersschichten eine kleine Firma gegründet, um Wasserkraftwerke zu reaktivieren, Blockheizkraftwerke zu finanzieren und vieles mehr in diesem Bereich. Wir haben uns mit den Technologien vertraut gemacht, mit Schwierigkeiten, Hemmnissen und wie damit umzugehen ist. Und wir haben eine Entdeckung gemacht, die uns für die weiteren Aktivitäten sehr viel Mut gemacht hat: "eine gute Idee scheitert selten an Geld". Menschen sind bereit, ihr Geld in sinnvolle Projekte zu stecken und damit Zukunft zu ermöglichen.

Doch vor allem der regionale Energieversorger war nicht begeistert von unseren Aktivitäten und versuchte uns zu behindern, wo immer möglich. Trotzdem hielten wir lange an der Möglichkeit einer vernünftigen Zusammenarbeit fest. Auch als der Energieversorger der Stadt Schönau vorzeitig einen neuen Konzessionsvertrag anbot mit einem Köder von 100.000 DM für die Stadt. Wir - und davon konnten wir auch den Gemeinderat überzeugen - wollten nichts weiter als umweltfreundliche Bedingungen in dem Vertrag, die allerdings strikt abgelehnt wurden. Da entwickelten wir einen Plan: Wir boten der Stadt dieselbe Summe, damit der Vertrag nicht sofort neu abgeschlossen wird. Die gewonnene Zeit bis zum regulären Ablauf des Konzessionsvertrages wollten wir nutzen, um ein bürgereigenes Energieversorgungsunternehmen aufzubauen, das in erster Linie ökologischen Zielsetzungen verpflichtet ist. Dieses sollte sich nach dem regulären Ablauf des Vertrages um die Stromkonzession in Schönau bewerben. In Zukunft könnten wir dann unsere eigenen Rahmenbedingungen für eine zukunftsfähige Energieversorgung gestalten und die Bürger auf diesem Weg mitnehmen. Als der Gemeinderat trotz unseres Angebotes entschied, den Vertrag mit dem bisherigen Energieversorger sofort zu verlängern, leiteten wir einen Bürgerentscheid in die Wege.

Damit begann für uns eine neue Phase. Wir lernten unglaublich viel über politisches Handeln und wie man erfolgreich ist: Witz, Kreativität und Haltung sind so wichtig wie gute Argumente, wenn es zu überzeugen gilt. Die Bürgerentscheide waren die Zeit unserer intensivsten Zusammenarbeit in der Gruppe - hier wurden Argumente ausgetauscht, auf den Prüfstand gestellt und immer wieder auf ihre Verständlichkeit und Überzeugungskraft hinterfragt. Klare und einfache Botschaften mussten es ein, damit jeder verstehen konnte, worum es ging. Dabei war es uns wichtig, die Themen selbst zu bestimmen und nicht auf Angriffe der Gegenseite mehr als notwendig zu reagieren. Nach einem harten Wahlkampf gewannen wir zum größten Erstaunen der Gegner unseres Projektes den Bürgerentscheid mit deutlicher Mehrheit und konnten zügig mit dem Aufbau der Elektrizitätswerke Schönau beginnen. Technische, juristische, wirtschaftliche und ökologische Fragestellungen waren gleichzeitig zu bearbeiten und natürlich waren wir hierbei auf die Zusammenarbeit mit vielen Fachleuten angewiesen. Das Gesamtwerk jedoch stand in unserer Verantwortung.

Der Energieversorger versuchte nun die Umsetzung des Projektes durch überhöhte Kaufpreisforderungen für das Stromnetz zu vereiteln. Der Kaufpreis ist der Hebel, mit dem eine Stromnetzübernahme unwirtschaftlich gemacht und verhindert werden kann. Mehr als doppelt so viel wie die von uns errechnete Höhe des Kaufpreises wollte der Energieversorger von uns für das Schönauer Netz haben und weigerte sich, die Grundlagen seiner Berechnungen offen zu legen. Doch wir ließen uns nicht einschüchtern. Wir hatten das Geld für den von uns mit größter Sorgfalt und Genauigkeit berechneten Kaufpreis in Höhe von rund 4 Millionen DM über Beteiligungen von engagierten Menschen bei uns aus der Region, aber auch aus ganz Deutschland zusammen bekommen. Und wir waren uns sicher, dass ein Kaufpreis von 4 Millionen DM für das Schönauer Stromnetz eher zu hoch als zu niedrig war. Vier Jahre lang dauerte es, bis der nächste Beschluss des Gemeinderates zum Schönauer Netzkaufstreit erfolgte. Die Preisfrage war zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht geklärt. Inzwischen hatte es einen Bürgermeisterwechsel und eine Gemeinderatswahl gegeben. Mit einer Stimme Mehrheit fiel dann der Beschluss: die Elektrizitätswerke Schönau sollten für die nächsten 15 Jahre die Stromkonzession bekommen. Aber die Gegner des Projektes forderten nun ihrerseits einen Bürgerentscheid. Das war hart, denn dieses Mal wussten die Gegner, dass mit uns zu rechnen ist. Es wurde eine Kampagne gegen uns gestartet, die seinesgleichen sucht. Der Energieversorger verbreitete über seine mehrmals wöchentlich verteilten Flugblätter mit der "Autorität" des "Amtierenden" jede Menge Unwahrheiten. Wir setzten auf die persönliche Ansprache und besuchten innerhalb von 4 Wochen nahezu jeden Schönauer Bürger.

Bei den Bürgerentscheiden war die richtige Mischung aus Emotionalität und Information wichtig, wobei die Informationen nachprüfbar richtig sein mussten, damit wir nicht an Vertrauen verlieren. Vertrauen ist überhaupt die wichtigste Sache in der Kommunikation. Wir haben die Bürgerentscheide deshalb gewonnen - da bin ich mir sicher - weil die Menschen Vertrauen in uns hatten. Weil ihnen klar war, wir müssen gerade stehen für das, was wir ihnen sagen, wir können uns nicht davonstehlen, wenn sich herausstellt, dass wir ihnen die Unwahrheit gesagt und etwas vorgemacht haben.

Aber dieser zweite Wahlkampf war die uns nicht nur psychisch schwer zu verarbeiten, sondern ließ uns auch physisch an unserer Grenzen stoßen. Wir trafen uns nach den "Hausbesuchen" jeden Abend bei uns zu Hause, diskutierten über das, was wir positiv oder negativ erlebt hatten, und wie es weitergehen sollte. So wurde es oft zwei oder drei Uhr am Morgen, und ich saß dann um 6.30 Uhr total erschlagen auf der Bettkante, und musste mich ganz schön zusammenreißen, um die Kinder zu wecken und für die Schule zu richten.

Aber welch ein Glücksgefühl, den Bürgerentscheid trotz aller Schwierigkeiten zu gewinnen! Bei einer Wahlbeteiligung von rund 85 % erreichte die EWS 52,4 % Zustimmung. Knapp, sagte die Presse, aber eine Differenz von 4,8 % war nach diesem Wahlkampf einfach unglaublich!

Diesen Erfolg feierten wir mit einem südländisch anmutenden Fest auf dem Rathausplatz von Schönau. Das Feiern spielte überhaupt eine wichtige Rolle bei unserer Arbeit. Die Vision "Abschalten aller Atom- und Kohlekraftwerke, eine Energieversorgung zu 100 % aus Erneuerbaren Energien" ist so groß, dass sie in Etappen aufgeteilt werden muss und das Erreichen eines jeden Etappenziels wurde bei uns gefeiert: Die Preisverleihungen bei den Stromsparwettbewerben, der Gewinn der Bürgerentscheide, die Stromnetzübernahme und viele andere Anlässe gaben Grund zum Feiern. Lebenslust und Lebensfreude war immer Teil unserer Arbeit und hat viele Mitstreiter angezogen und tut das bis heute. Angesichts unserer Erfolge, die hart erarbeitet waren, mussten wir aber auch aufpassen, keinen "Höhenrausch" zu bekommen, sondern eine "Kultur des Siegens" zu praktizieren. Nur so war es uns möglich, die Gräben durch die Bürgerentscheide und die jahrelange emotionsgeladene Diskussion relativ schnell wieder zuzuschütten.

Beim zweiten Bürgerentscheid wurde die Feierstimmung allerdings etwas beeinträchtigt durch die Ansage des Energieversorgers, sein Netz nur nach Zahlung des überhöhten Netzkaufpreises von 8,7 Millionen DM herauszugeben. Das hieß, wir hatten zwar mit zwei gewonnenen Bürgerentscheiden eine demokratische Legitimation wie kein anderer Energieversorger, doch im Grunde waren wir so weit wie bisher. Noch immer saß der Energieversorger am längeren Hebel. Da half es auch nichts, dass der Energieversorger uns auf die Möglichkeit zu klagen hinwies, denn wir wussten, wie lange solche Klagen dauern konnten - durchaus einmal bis zu annähernd zwanzig Jahren. Da wir nach Tschernobyl nicht aufgebrochen waren, uns für den Rest unseres Lebens mit dem Energieversorger vor Gericht zu streiten, musste es eine andere Lösung geben. Und dies war unsere Idee: wir wollten die 8,7 Millionen DM zahlen, allerdings unter Vorbehalt, was in einem solchen Fall möglich ist. Dann könnten wir sofort mit unserem Projekt beginnen und später in Ruhe das zu viel gezahlte Geld gerichtlich zurückfordern. Es gab nur ein Problem: uns fehlten 4,7 Millionen DM - woher nehmen? Weitere Beteiligungen waren nicht möglich, weil das die Netzübernahme unwirtschaftlich gemacht hätte. Also mussten wir das Geld geschenkt bekommen. Ein wahnwitziger Plan, den wir aber sofort in die Tat umsetzen und um Spenden baten. Zu Hilfe kam uns dabei eine große Werbeagentur, die für uns eine professionelle Spendenkampagne entwickelte. "Ich bin ein Störfall", so lautete der Slogan - der Mensch als Spender für Schönau ein Störfall für die Atomwirtschaft!

Diese Kampagne wurde von den Medien begeistert aufgenommen und die Atomkraftgegner aus dem In- und Ausland spendeten großzügig. Ich überwand meine Scheu, öffentlich aufzutreten und reiste wie einige andere aus unserer Gruppe in ganz Deutschland umher, stellte unser Projekt vor und bat um Spenden. Schließlich machte der Erfolg der Spendenkampagne dem Energieversorger Angst um seinen Ruf, er lenkte ein und reduzierte den Preis. Am Ende zahlten wir 5,8 Millionen DM - immer noch viel zu viel.

Der Prozess, den wir dann anstrengten, endete 2005 mit einem absoluten Erfolg für uns: das Schönauer Netz war nicht einmal die von uns berechneten 4 Mill. DM wert, sondern lediglich 3,5 Mill. DM. Der Energieversorger musste alles, was wir ihm Zuviel gezahlt hatten, mit Zins und Zinseszins zurückgeben. Trotzdem: der Prozess war ein Wagnis. Aufgrund unserer detaillierten Berechnungen des Netzkaufpreises waren wir zwar sicher richtig zu liegen, aber Gerichte sind oft unkalkulierbar, man weiß nie, wie sie am Ende entscheiden. Bei unserem Prozess hatte ja ein Gutachter die wesentliche Rolle gespielt, insofern war die Auswahl des Gutachters von entscheidender Bedeutung, ebenso wie die Bekräftigung beider Parteien, das Gutachten zu akzeptieren. Wichtig war auch, dass wir uns auf einen Gutachter einigen konnten, der bisher nicht für die Atom- und Kohlewirtschaft gearbeitet hatte.

Die Strommarktliberalisierung 1998 machte es möglich, den Strom für die Schönauer Bürger nur noch aus ökologischen Quellen zu beschaffen und ein Jahr später gingen die Elektrizitätswerke Schönau als bundesweiter Ökostromanbieter an den Start.
Heute sind die Elektrizitätswerke Schönau eine Genossenschaft mit annähernd 5.000 Gesellschaftern. Ihr Ziel ist nicht Gewinnmaximierung, sondern sie wollen möglichst schnell und effektiv die Energiewende vorantreiben. Neben den eigenen Aktivitäten wie bundesweiter Ökostrom- und Gasverkauf, Bau und Betrieb von Erneuerbaren Energien Anlagen, sowie Strom- , Gas- und Wärmenetzen, begeistern und befähigen wir Menschen sich an der Energiewende zu beteiligen - die Kommunikation mit den Menschen ist nach wie vor ein großer Teil unserer Arbeit. Der Erfolg unserer Projekte und die damit verbundene Medienöffentlichkeit ist eine wichtige Werbung für die Energiewende, denn sie hat eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Botschaft: Es kommt auf jeden einzelnen an! Jeder kann am Umbau der Energiewirtschaft hin zu einer zukunftsfähigen und nachhaltigen Energieversorgungsstruktur mitwirken und aktiver Teil der Veränderung werden.

Die Geschichte der Elektrizitätswerke Schönau ist eine Erfolgsgeschichte, aber natürlich hatten wir auch mit Niederlagen zu kämpfen, es gab Hindernisse, die wir nicht bezwingen konnten, nicht alles ist uns geglückt.

Zu Beginn unseres Engagements glaubten wir, einen Ansatzpunkt gefunden zu haben, um die gesamte Energiepolitik elegant zu verändern. Das aus dem Jahr 1935 stammende Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) beinhaltete ursprünglich über die Innenminister die Mitsprache und Interessenvertretung der Kommunen. Dies änderte Hitler, der die Energiefrage nur noch unter dem Aspekt der Wehrhaftmachung sah, so dass die Kommunen keine Rolle mehr spielten. Gelänge es uns - so unsere Überlegung - über die Politik eine Änderung des EnWG derart zu erreichen, dass die Innenminister und somit auch die Kommunen wieder vertreten wären, hätten wir unglaublich viel erreicht. Also vertieften wir uns in das Gesetz, spürten Widersprüche auf, argumentierten. Mein Mann und ich machten uns auf nach Bonn, wo wir Gespräche mit Abgeordneten aller Parteien zu Thema Energiewirtschaftsgesetz hatten. Wir stießen allgemein auf großes Desinteresse, nur zwei Abgeordnete stiegen etwas tiefer ein. Doch wir gaben nicht auf, befassten uns noch intensiver mit dem EnWG, diskutierten mit Abgeordneten von Bund und Ländern. Unsere letzte große Aktion war, alle Volkskammer Abgeordneten anzuschreiben, mit der Aufforderung im Rahmen der Wiedervereinigung das bundesdeutsche Energierecht nicht zu übernehmen. Aber auch hier scheiterten wir. Heute weiß ich warum: Es ist uns nicht gelungen, den Abgeordneten klar und einfach verständlich zu machen, worum es ging, auch für die ostdeutschen Kommunen. Stattdessen haben wir uns in rechtliche Details verloren. Wenn wir heute die damals versendeten Briefe noch mal lesen, verstehen wir sie selbst nicht mehr. Doch dass wir nicht das Geringste erreichen konnten, war für uns damals so enttäuschend, dass wir kurz davor waren, unser Engagement ganz einzustellen. Aber dann führte die gemachte Erfahrung zu einem Strategiewechsel: wenn eine Änderung von oben nicht möglich ist, muss sie eben von unten stattfinden. Nicht von der Politik, sondern von den Bürgern, den Menschen.

Diese Strategie verfolgen wir bis heute. Natürlich versuchen wir weiterhin auch auf die Politik Einfluss zu nehmen, aber wir setzen nicht mehr unsere Hoffnungen darauf. Wenn die Politik nicht die notwendigen Rahmenbedingungen schafft, sondern mit ihren Gesetzen die Energiewende bremst, so suchen wir nach neuen Modellen zur Umsetzung.

Zum Umgang mit Hemmnissen macht es oft Sinn, sich schon im Vorfeld von Ereignissen oder Entscheidungen zu überlegen, was denn der "worst case" sein könnte und welche Handlungsmöglichkeiten es dann gibt. Zum Bespiel bei der ersten Gemeinderatsentscheidung über die Stromnetzvergabe in Schönau. Wir waren uns durchaus bewusst, dass wir an dieser Stelle endgültig gestoppt werden könnten. Hier rettete uns die Idee, einen Bürgerentscheid durchzuführen. Wichtig jedoch war, dass wir das gleich in der Gemeinderatssitzung bekannt machten. Hätte nämlich der Bürgermeister den neuen Vertrag mit dem Energieversorger schon unterschrieben, hätten wir keine Chance mehr gehabt.

Wie man mit Hemmnissen und Hindernissen umgeht ist oft ausschlaggebend für den Erfolg. Nicht allein auf das Glück vertrauen oder mit dem Kopf durch die Wand, sondern mit Kreativität nach anderen gangbaren Wegen suchen. Die Gemeinschaft ist gerade in schwierigen Situationen sehr wichtig - dass man sich gegenseitig stützt und Hoffnung macht. Die haben wir bei den Bürgerentscheiden erlebt, wenn wir uns nach den "Hausbesuchen" trafen. Manche hatten Misstrauen, Ablehnung und sogar Feindseligkeit zu spüren bekommen, so dass sie am Erfolg zweifelten. Aber andere konnten von solch positiven Erfahrungen berichten, dass alle Zweifler wieder aufgerichtet wurden. Eine starke Gemeinschaft kann Berge versetzen - davon bin ich überzeugt!

Und natürlich schöpfe ich auch Lebensmut für mein Engagement aus der Gemeinschaft von Menschen mit gleichen Visionen, gleichen Zielen. Besonders wichtig für mich, dass mein Mann und ich gemeinsam handeln und dass unsere Kinder sich durch unser Engagement nicht haben abschrecken lassen. Alle Fünf sind sehr ökologisch und sozial eingestellt und zwei unserer Söhne bestimmten jetzt im Vorstand der EWS die Unternehmenspolitik mit. Die beiden sind die Garanten für die Kontinuität in der Unternehmensphilosophie.

Dann gibt uns auch "Das Schönauer Gefühl" die Kraft, weiter zu arbeiten, weiter zu kämpfen, nicht aufzugeben. Das Schönauer Gefühl, das ist die Gewissheit, dass wir Bürger nicht machtlos sind, dass wir etwas bewegen können. Auch wenn es manchmal nur wenig scheint, was der Einzelne tun kann, aber in der Gesamtheit entsteht aus vielen kleinen Dingen durchaus Großes. Denkt man z.B. an all die Bürger, die in die Erneuerbaren Energien investiert haben. In der Regel mit vergleichsweise geringen Summen verglichen mit Großinvestoren. Doch jede zweite Kilowattstunde Strom aus Erneuerbaren Energien ist von Bürgern finanziert und realisiert worden.

Viel Kraft schöpfe ich auch daraus, etwas Sinnvolles zu tun. Kürzlich stieß ich auf eine psychologische Studie, die zum Ergebnis hatte, dass die Menschen am glücklichsten sind, die in ihrem Tun einen übergeordneten Sinn sehen.

Doch manchmal verlässt mich durchaus auch der Mut in unserer gewaltbereiten, ungerechten, zerstörerischen Welt. Unser Förderverein, FuSS e.V. (Förderverein für umweltfreundliche Stromerzeugung und Energieverteilung Schönau e.V.), veranstaltet zusammen mit der Katholischen Akademie Freiburg und der Fabrik für Handwerk, Kultur und Ökologie, auch Freiburg, aktuell zum Thema "Fluchtgrund Klimawandel" eine Reihe mit Vorträgen, Filmen und Diskussionen. Bisher haben wir in zwei Expertenvorträgen vor Augen geführt bekommen, wie groß schon heute die weltweiten Migrationsbewegungen aufgrund von Klimaveränderungen und Katastrophen sind und was die Menschheit in den nächsten Jahrzehnen erwartet. Da kann man schon mutlos werden, ob das überhaupt zu schaffen ist. Um die Klimaerwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, müssen die Emissionen von Klimagasen bis zum Jahr 2015 um 80 bis 95 % reduziert werden - das ist eine gewaltige Herausforderung.

Aber ist die Größe der Herausforderung ein Grund aufzugeben? Ja, es ist richtig, vielleicht schaffen wir das nicht. Aber wer etwas tut, kann gewinnen, wer nichts tut, hat auf jeden Fall schon jetzt verloren.

Wir müssen selbst handeln, wenn sich etwas ändern soll - das ist meine Erfahrung aus dem Reaktorunfall von Tschernobyl, als Politik und Energieversorger nicht bereit waren, etwas zu ändern und wir in Schönau rebellisch die Dinge selbst in die Hand genommen haben. Die Übernahme des Stromnetzes und der Stromversorgung in Schönau war nur mit diesem "rebellischen Geist" möglich, sieben Jahre Kampf und zwei Bürgerentscheide hat es gebraucht, bis die Schönauer Bürger sich gegen die Übermacht des großen Energieversorgers und die lokalen Widerstände durchsetzen konnten. Auch die Belegung unserer evangelischen Kirche in Schönau 1998 mit einer großen Photovoltaik-Anlage den "Schönauer Schöpfungsfenstern" war nur mit einer "Solarrevolution" möglich. Das Denkmalamt hatte eine PV-Anlage auf der Kirche untersagt, doch der Ältestenrat der Kirche und die Schönauer Bürger wollten das nicht hinnehmen und errichteten die Anlage zunächst ohne Genehmigung, die daraufhin jedoch von der obersten Denkmalbehörde nachträglich erteilt wurde. Heute kämpfen wir für das in der Verfassung verbriefte Recht der Kommunen, die Energieversorgung in eigener Regie zu betreiben, was durch das kartellrechtliche Regime konsequent verhindert wird.

Mit "Rebellion" gegen die Ohnmächtigkeit ankämpfen heißt, von der Ohnmacht in die Macht zu kommen, in die Macht, selbst etwas zu ändern, auch wenn es schwierig ist und kaum realisierbar scheint. Und dann Erfolg zu haben - das gibt einen Motivationsschub für weitere Aktivitäten und weitet dabei auch den Kreis der Engagierten aus. Genau das haben wir immer wieder erlebt. Und es macht einfach auch Spaß, einem Dinosaurier - und das sind die großen Energieversorger - mit - übertragen gesagt- einem spitzen Gegenstand an die empfindlichste Stelle zu stechen, dass dieser einen großen Satz macht und sich bewegt.

Wir müssen bei unserem Handeln auch bereit sein, in ganz neue Richtungen zu denken, denn so viel ist klar: wir müssen uns verabschieden, von dem Gedanken des stetigen Wachstums und immer währenden Konsumierens, von der Befriedigung eigener materieller Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Umwelt und Mitmenschen, wo auch immer auf der Welt sich diese befinden.

Die Energiewende ist keine technische Veranstaltung, sondern sie muss von uns mit Leben gefüllt werden. Die Erneuerbaren Energien sind dezentral, das heißt wir müssen mit der Energiewende auch eine Strukturwende vollziehen: weg von den zentralistischen Strukturen hin zu dezentralen Strukturen, da sind wir Bürger, die Kommunen und örtliche Gemeinschaften gefragt. Wir als Bürger, als Verbraucher, als Stromkunden, als Wähler müssen aber auch Druck auf Politik und Wirtschaft machen mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten: auf der Straße und im persönlichen Gespräch. Wir müssen durch unser eigenes Handeln Handlungsdruck erzeugen, und notfalls auch nicht davor zurückschrecken, Gerichte anzurufen. Wir müssen uns miteinander vernetzen und voneinander lernen. Und trotz all dem notwendigen Druck nicht auf "die da oben warten", sondern einfach die Dinge selbst in die Hand nehmen, so wie die Schönauer Bürger und viele andere das nach Tschernobyl und Fukushima getan haben.

Es gibt im Leben zwei entgegengesetzte Pole, die über das persönliche Selbstverständnis entscheiden:

Auf der einen Seite: "Auf mich kommt es an". Ich verändere die Welt durch mein Tun und Lassen, ich bin ein ganz wichtiger Bestandteil dieses Kosmos, es geschieht nichts ohne mich.

Auf der anderen Seite: "Ich bin ein Muckenschiss im Weltall" - so klein, so unbedeutend. Es ist egal, was ich tue, es ändert nichts am Gesamten.

Zwischen diesen beiden Polen müssen wir uns entscheiden - wo will ich stehen, wie schätze ich mein Leben und mich selbst ein. Ich habe mich gegen die Muckenschiss-Fraktion entschieden.

Ursula Sladek, Jg. 1946, Mutter von fünf Kindern,  Grund- und Hauptschullehrerin und bis Ende 2014 Vorstand der von ihr mit gegründeten Netzkauf EWS eG, auch als Elektrizitätswerke Schönau (EWS) bekannt. Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl gründete sie 1986 zusammen mit Schönauer Bürgern den gemeinnützigen Verein "Eltern für atomfreie Zukunft", dessen Vorstand sie mehr als zehn Jahre lang war. Aus diesem Engagement der Schönauer Bürger gingen dann die ersten deutschen Ökostromanbieter Elektrizitätswerke Schönau hervor, deren Arbeit mit zahlreichen Preisen geehrt wurde.

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Veröffentlicht am

28. Oktober 2016

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