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Immanuel Röder - Ein kaum bekannter Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkrieges aus Korntal, Württemberg

Von Johannes Maier

Aus Anlass des 100. Geburtstages des Kriegsdienstverweigerers Immanuel Röder am 7. Januar 2016 ist es dem Autor wichtig, für das Gedenken an ihn öffentlich ein Zeichen zu setzen. Nur wenige evangelische Kriegsdienstverweigerer des Zweiten Weltkrieges sind bisher bekannt. Zur "Deutschen Evangelischen Kirche" (DEK von 1933 bis 1945) gehören Hermann Stöhr, 1898 bis 21. Juni 1940, Martin Gauger, 1905 bis 23. Juli 1941, Dietrich Bonhoeffer, 1906 bis 9. April 1945, und mit Richard Kaszemeik, 1914 bis 27. November 1944, ein erst vor kurzem entdeckter weiterer evangelischer Kriegsdienstverweigerer. Immanuel Röder war zwar auch evangelisch, hat aber nicht zur DEK gehört. Alle fünf sind hingerichtet worden. Dietrich Bonhoeffer hatte sich allerdings dem aktiven Widerstand angeschlossen.

 

Wegen Widerstand gegen das NS-Regime ermordet

Der Name Immanuel Röder fand bei der Einweihung des Kriegerdenkmals mit der Aufschrift ‚Die Toten mahnen uns zum Frieden’ im Jahr 2001 auf dem Friedhof in Korntal einen Platz. Auf der letzten Bronzetafel einer Reihe von acht Tafeln unter der Überschrift "Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" wird er an unterster Stelle erwähnt mit "Immanuel Röder 1916 - 1940", einer von fünf. Die anderen vier hatten entweder jüdische Wurzeln oder waren Euthanasie-Opfer.

Immanuel, geb. am 7. Januar 1916, zweites von vier Kindern des Evangelisten Karl Röder und seiner Frau Mathilde war offenbar schon als Junge recht ansprechbar auf die befreiende Botschaft des Evangeliums. Mitzuerleben, wie seine Heimatgemeinde und darüber hinaus die Evangelische Kirche in Deutschland sich dem Nationalsozialismus angepasst hat, gerade in den entscheidenden Jahren von 1930 an, führte ihn in den Widerstand gegen das NS-Regime. Der Vater war 1934 verstorben. Daher fehlte Immanuel zwar möglicherweise die Rückenstärkung. Aber nach der Reichspogromnacht um den 10. November 1938 schreibt er, 22-jährig, auf einer offenen Postkarte an seine Mutter: "Dieses Reich wird untergehen!" Sein Onkel, Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges und NS-Anhänger, bekämpft seinen Freimut. Das treibt ihn noch mehr in die Opposition zumindest innerhalb seiner Familie.

Immanuel hat nicht die Wahl, sich auf ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung nach Grundgesetz Art. 4 (3) zu berufen, was heute sogar noch Soldaten im Einsatz haben. Er entzieht sich der Rekrutierung irgendwann nach dem 29.04.1938 von München aus durch Flucht in die damals von ihm sicher geglaubte CSSR. Der am 15. März 1939 erfolgte Einmarsch deutscher Truppen mit dem Ziel der Zerschlagung der "Rest-Tschechei" macht seine Pläne zunichte. Seine Flucht wird aufgedeckt. Er wird verhaftet und laut Aussage der Schwester Immanuels, Dorothea Ehmann, geb. Röder, wegen ‚Fahnenflucht’ von einem Wehrmachtsgericht zunächst zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Seinem Bataillonskommandeur ist diese Strafe allerdings zu milde. Dessen Berufung bringt ihn vor das Gericht der Wehrmachtskommandantur in Berlin. Dort wird er zum Tod verurteilt. Am 17. Oktober 1940 wird er im Zuchthaus Brandenburg-Görden/Havel enthauptet. Er wurde nur 24 Jahre alt.

Der Korntaler Immanuel Röder gehört für mich mit in eine Reihe vorbildlicher Menschen wie z.B. die Geschwister Hans und Sophie Scholl, eingeschlossen deren zahlreiche andere Mitglieder der ‚Weißen Rose’, die sich zu Beginn des Jahres 1943 mutig dem NS-Unrecht öffentlich widersetzt haben. Immanuels Widerstand hatte früher begonnen!

Es lag für mich als Forscher auf der Hand, dass es ohne eine Deutung des Verhaltens Immanuels und seiner Entscheidungen nicht möglich sein würde, den Jugendlichen und jungen Erwachsenen Immanuel Röder in sein religiöses und gesellschaftliches Milieu einzuordnen. Dies war für mich gerade deswegen nötig, weil leider die schriftlichen Quellen - ein "ganzes Bündel Briefe aus Gefängnis und Zuchthaus" (Zeitzeugnis von Dorothea Ehmann) auf tragische Art und Weise im Jahr 2005 verloren gegangen sind. Deshalb zeige ich aus anderen Korntaler Quellen mögliche Gründe auf für die Distanzierung Immanuels von seiner Heimatgemeinde, der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal und darüber hinaus von der ‚Deutschen Evangelischen Kirche’ jener Jahre. Immanuel zählt zwar zu den evangelischen Kriegsdienstverweigerern. Aber er gehörte nicht zur DEK, weil die Evangelische Brüdergemeinde Korntal seit ihrer Gründerzeit (1819) eine rechtliche Sonderstellung im Sinne eines Privilegs noch hatte bewahren können. Dieses war einst vom württembergischen König gewährt worden, der damit eine Auswanderung dieser Menschen nach Russland hatte verhindern wollen.

Rehabilitation widerständiger Menschen erst in diesem Jahrtausend

Die Entwicklung der Neubewertung widerständiger Menschen im "Dritten Reich" wie zum Beispiel der Kriegsdienstverweigerer, Wehrkraftzersetzer, Fahnenflüchtige, Deserteure und Kriegsverräter in der Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland hat sich über mehr als 60 Jahre hin gezogen. Erst im Mai 1997 stellte eine grundlegende Entschließung des Bundestages fest: "Der Zweite Weltkrieg war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg, ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen."

Erst in den Jahren 1998 und 2002 beschloss der Deutsche Bundestag mit rot-grüner Mehrheit ein "Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege". Damit wurden verurteilende strafgerichtliche Entscheidungen aufgehoben, die "unter Verstoß gegen elementare Gedanken der Gerechtigkeit nach dem 30. Januar 1933 zur Durchsetzung oder Aufrechterhaltung des NS-Unrechtsregimes aus politischen, militärischen, rassischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen ergangen" sind. Im Änderungsgesetz vom 23. Juli 2002 wurden zusätzlich "auch Urteile der Militärgerichte gegen Deserteure der Wehrmacht pauschal aufgehoben". Also erst in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends kam die rot-grüne Mehrheit im Deutschen Bundestag gänzlich weg von der Verachtung der im Dritten Reich verfemten, als Schwerverbrecher oder Vaterlandsverräter bewerteten Kriegsdienstverweigerer, Fahnenflüchtigen usw. hin zur Rehabilitation und Anerkennung, ja zur völligen Entkriminalisierung der Opfer der NS-Militärjustiz durch entsprechende Gesetze.

Bedeutung der Erinnerung an das Leben und Sterben Immanuel Röders für heute

Was könnte es heute heißen, uns an den frühen Kriegsdienstverweigerer im Zweiten Weltkrieg, Immanuel Röder, zu erinnern? - Ich schlage eine ganze Reihe von Möglichkeiten des Gedenkens vor. Eine davon wäre, eine partei- und gemeindeübergreifende ‚Ideenwerkstatt’ interessierter Bürger zu bilden, die weiter daran arbeitet, Immanuels Leben und Sterben zu einem "Teil der Identität der Bürgerschaft Korntals" (der langjährige Stadtrat Wilfried Haag, SPD) werden zu lassen.

Die Perspektiven für die Bundeswehr, die seit Juni 2012 von unserem gegenwärtigen Bundespräsidenten Gauck vertreten werden, sehen den verstärkten Einsatz der Bundeswehr weltweit im deutschen und atlantischen Interesse vor. Als Ausdruck des gewachsenen Gewichts Deutschlands in der Welt halten Gauck und ein beachtlicher Teil der Wissenschafts-Elite Deutschlands eine militärische Zurückhaltung heute für verfehlt. Deutschland sei, so die gängige Formel, eine gefestigte Demokratie und verfüge über eine Parlamentsarmee. Die Zeiten, da Deutschland sich aus Scham- und Schuldgefühlen heraus wegen zweier Weltkriege im vergangenen Jahrhundert habe zurücknehmen müssen, seien vorbei. Das ist die offizielle Position von Joachim Gauck, vor 1989 Pfarrer der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Demgegenüber erinnere ich sehr gerne an den ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der am 1. Juli 1969 vor Bundestag und Bundesrat in Bonn gesagt hat: "Nicht der Krieg, sondern der Friede ist der Ernstfall, in dem wir uns alle zu bewähren haben." Heinemann war Jurist, nicht Pfarrer. Man hat ihn den ‚Bürgerpräsidenten’ genannt. Er war einer derjenigen, die schon vor dem Dritten Reich, aber auch während des Dritten Reiches Farbe bekannt haben. Er hat die Stuttgarter Schulderklärung der EKD vom 19. Oktober 1945 unterschrieben. Und er war es, der den Deutschen ins Stammbuch geschrieben hat, den Frieden vorzubereiten, nicht den Krieg! Was sollte Immanuel Röder anderes gemeint haben mit seinem Satz unmittelbar nach der Reichspogromnacht vom 9. auf 10. November 1938: "Dieses Reich wird untergehen!"?

Immanuel Röders Leben und Sterben gibt uns auch heute Fragen auf: Wie wollen wir uns aufstellen im Hinblick auf unsere gegenwärtige Verantwortung für den Frieden: für eine Entwicklung in Richtung ‚neue Kriege’ mit Beteiligung der Bundeswehr? Oder in Richtung tatkräftiger Unterstützung einer Friedensarbeit im Sinne ‚Ziviler Konfliktbearbeitung’ mit Prävention vor einem Konflikt, Begleitung während eines Konflikts bzw. Nachsorge nach einem Konflikt?

Veröffentlicht am

11. Mai 2016

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