Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Lebenshaus-Tagung 2015 “We shall overcome!”

Zusammenfassung und Impressionen aus den Beiträgen der Referentin und der Referenten

Am 17. Oktober 2015 fand die Tagung "’We shall overcome!’ Gewaltfrei aktiv für die Vision einer Welt ohne Gewalt und Unrecht. Drei biographische Zugänge" in Gammertingen (Kreis Sigmaringen) statt. Im Mittelpunkt dieser Veranstaltung, die von 36 Organisationen und Initiativen unterstützt unterstützt wurde, standen die Vorträge von Heinz Rothenpieler, Ute Finckh-Krämer und Jochen Stay. Im nachfolgenden Artikel hat Axel Pfaff-Schneider diese Vorträge zusammengefasst und ein paar Eindrücke wiedergegeben. Die Bilder stammen von Csilla Morvai.

Von Axel Pfaff-Schneider (aus: Lebenshaus Schwäbische Alb, Rundbrief Nr. 87 vom Dez. 2015 Der gesamte Rundbrief Nr. 87 kann hier heruntergeladen werden: PDF-Datei , 656 KB)

Als Moderator habe ich mich vor der Veranstaltung zu unseren Referierenden informiert und blickte dabei auf bewegte Lebensgeschichten, auf eine Fülle von Informationen und beeindruckende Aktivitäten. Ich fragte mich, wie es den Referierenden wohl gelingen wird, uns davon etwas komprimiert und lebendig zu vermitteln. Und dann war ich erneut total davon beeindruckt, wie wir gebannt ihren Worten, ihrer Gestik und Ausstrahlung folgten und ihre Geschichte und ihre Botschaft aufnahmen.

Heinz Rothenpieler: Mein Weg zum Frieden mit den Armen

Heinz Rothenpieler steht vor uns, genauer gesagt er läuft vor uns hin und her, während er beginnt zu erzählen, frei und ohne Manuskript, gestikulierend, ganz präsent.

Heinz knüpft an seinen heutigen beruflichen Alltag als hauptamtlicher Mitarbeiter des Vereins Lernen-Helfen-Leben e.V. an. Er berichtet vom Besuch in einer Schulklasse, die ganz hellhörig wird, wenn er sehr persönlich davon erzählt, wie er zur Entwicklungshilfearbeit gekommen ist. Und er berichtet von seiner jüngsten Reise in den Kongo zusammen mit einem Förster aus Deutschland, einem Spezialisten für tropischen Regenwald, um sich vor Ort über den Stand von Aufforstungsprojekten zu informieren und vor allem, um mehr Menschen vor Ort für ihren Wald und die dringend notwendige Wiederaufforstung zu interessieren.

Heinz ist gelernter Bankkaufmann. Wie für so viele andere in seiner Zeit begann seine politische Sozialisation mit der Einberufung zur Bundeswehr. Erst dort merkte er, dass er das Schießen ablehnt, verweigerte den Gebrauch der Waffe, wurde als Kriegsdienstverweigerer anerkannt und aus der Bundeswehr entlassen. Als Zivildienstleistender lernte er den Verband der Kriegsdienstverweigerer (VdK) kennen und gründete zusammen mit anderen "Zivis" und örtlichen Jugendlichen eine lokale Gruppe des VdK. Durch die überregionalen Kontakte des Verbandes kam er zur War Resisters’ International (WRI) in London, wo er verschiedene Persönlichkeiten der gewaltfreien Bewegung jener Zeit kennen lernte. 1972 wurde dort auch unter seiner Mitarbeit das deutsche "Manifest für eine gewaltlose Revolution" herausgegeben, durch welches in der antimilitaristischen Bewegung Deutschlands einige Diskussionen ausgelöst wurden. Er wurde Mitbegründer des "Informationsdienstes für gewaltlose Organisatoren" und der Graswurzelwerkstatt. Sein Studium der Sozialpädagogik war stark von seinem politischen Engagement beeinflusst. Prägend für ihn war die Teilnahme an Trainings für gewaltlose Aktion mit dem US-Amerikaner Eric Bachman. Diesem Thema war schließlich auch seine Abschlussarbeit in Sozialpädagogik "Training in gewaltloser Aktion" gewidmet. Darin versuchte er eine Antwort zu finden, warum die gewaltfreie Aktion in Deutschland eher ein Schattendasein fristet. In seinen Augen bestand bis dahin die deutsche, institutionelle Friedensarbeit doch eher aus "Papierkampagnen".

Das änderte sich allerdings mit Beginn der Antiatomkraft-Bewegung. Beruflich arbeitete Heinz damals bei der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF). Danach arbeitete er als Sozialarbeiter im Bereich Vormundschaften. Doch das Thema Frieden ließ ihn nicht los, und so begann er erneut zu studieren: Geschichte und Philosophie. Ihn interessierte brennend die Frage, was die Geschichte zu den Problemen des Friedens sagt. Ernüchtert musste er feststellen, dass Geschichtsschreibung doch in erster Linie eine Geschichte der Kriege ist. Er erkannte, dass vor dem Hintergrund ihrer Zeit die Pazifisten mit ihren Analysen zu Kriegsursachen und ihrer Aufklärungsarbeit durchaus einen "großartigen Kampf gegen Militarismus" führten. Geprägt hat ihn der Völkerrechtler Hans Wehberg mit seinem Werk "Vorbereitung des künftigen Friedens". Damit wurde die für ihn wichtige Frage beantwortet, was denn Pazifisten während eines Krieges tun können, wenn sie ihn schon nicht verhindern konnten: sie müssen den zukünftigen Frieden vorbereiten. Schließlich gründete er die Zeitschrift Der kleine Pazifist - Hefte für Völkerrecht und Arbeit für den Frieden, später umbenannt in DER PAZIFIST. Auf diesen inhaltlichen Diskussionen basierend veröffentlichte er u.a.1990/1991 "Die Vision einer gewaltlosen Friedensarmee - Bürgerdiplomaten in Bagdad".

Über sein juristisches Interesse kam es 1989 zur ersten Begegnung mit dem aus dem Kongo stammenden Prof. Mbaya von der Juristischen Fakultät der Uni Köln. Das verbindende Thema waren die Kriege im Kongo. 1992 gründeten sie die Organisation Dialog International - Fördergemeinschaft für demokratische Friedens-Entwicklung. In den Folgejahren organisierten sie mehr als 25 Kongo-Tagungen zusammen mit der kongolesischen Diaspora, der Oppositionsbewegung gegen das damalige Mobutu-Regime. Folgerichtig entstanden so auch erste Entwicklungshilfeprojekte im Ostkongo, und 2004 reiste Heinz zum ersten Mal in den Kongo. Er berichtet eindrucksvoll von dem, was er vor Ort erlebte, die Armut und das Elend vieler Menschen, aber auch deren Freundlichkeit und Lebensfreude. Er erzählt uns, wie er lernen musste, das Elend zu sehen und mit dem Leiden der Menschen umzugehen, ohne dabei gefühllos zu werden. Das ist es, was er meint, wenn er von seinem "Frieden mit den Armen" spricht. Heinz beleuchtet am Beispiel Kongo die Möglichkeiten des Rechts und der Einflussnahme auf Politik. So konnte über Lobbyarbeit in den USA eine breite öffentliche Diskussion über die finanziellen und materiellen Hintergründe des Krieges in Gang gesetzt werden. Erreicht wurde, dass Unternehmen nachweisen müssen, woher sie ihre Rohstoffe bekommen. Das hat wesentlich mit zu einer Austrocknung des Bürgerkriegs im Kongo beigetragen. Für die Praxis von Dialog International stellte sich die Frage, wie im Kongo den Menschen konkret geholfen werden kann. Im Rahmen seiner ersten Kongoreise 2004 stellten sie fest, wie sehr Not und Elend davon herrühren, dass große Waldflächen abgeholzt und die Böden ausgelaugt sind. Vor einer politischen Arbeit für den Frieden ist es notwendig, die existenziellen Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.

Seit 2006 ist Heinz hauptamtlicher Mitarbeiter des Vereins Lernen-Helfen-Leben e.V. und dort u.a. zuständig für Projekte im Kongo und für Schulprojekte zum Thema "Regenwaldschutz". "Frieden mit den Armen" ist für ihn heute auch die Suche nach dem Frieden mit der Natur.

Heinz könnte noch lange berichten und erzählen. Auf Nachfrage aus dem Publikum berichtet er auch von hoffnungsvollen Ansätzen in Deutschland. Und auf die Frage von Ute Finckh-Krämer nach seiner Einschätzung zum Bundeswehreinsatz im Kongo zur Absicherung der ersten demokratischen Wahlen bezeichnet er diesen als "großen Erfolg", allerdings ganz anders als von der Politik gedacht. Die beteiligten Soldaten wären so erschüttert gewesen von dem, was sie dort vorfanden, dass sich seitdem viele von ihnen in der Unterstützung von Entwicklungsprojekten beteiligen.

Zum Schluss verdeutlicht Heinz noch einmal, wie wichtig es seiner Ansicht nach ist, dass Frieden und Entwicklung wieder viel stärker zusammen gesehen und organisiert werden müssen.

Ute Finckh-Krämer: Gewaltfreie Alternativen aufzeigen und dafür einzustehen, ist der einzige Weg zu einer friedlicheren Welt

Auch Ute Finckh-Krämer steht frei und locker vor uns und verbindet in ihrer ruhigen und klaren Sprache ihren persönlichen Werdegang mit den großen Linien der Politik.

Ute ist in einem Pfarrhaus aufgewachsen, in dem beide Eltern "Selig sind die Friedensstifter" als Lebensmotto betrachteten und sich klar gegen Krieg positionierten. Ihr Vater engagierte sich jahrzehntelang für Kriegsdienstverweigerer, ihre Mutter bemühte sich in ihrer Familie und in diversen Ehrenämtern in Schule, Kirche und Politik geduldig um konstruktive Konfliktbearbeitung. In der gesamten Familie wurde lebhaft über Krieg und Frieden diskutiert, wobei es, so berichtet Ute mit einem Schmunzeln, wohl auch schon mal ziemlich lautstark und ganz und gar nicht konstruktiv zugegangen sein muss. Für Ute war es jedenfalls nicht leicht in einer Zeit, in der Kriegsdienstverweigerung politisch hoch umstritten war, einen Vater zu haben, der sich in diesem Bereich engagierte. Es bedeutete nämlich in der Schule gelegentlich für sein Engagement angegriffen zu werden. Die damals jugendliche Ute musste für sich klären, wie sie damit umgehen will. Sie entschied sich dafür, nicht auszuweichen, sondern inhaltlich zu argumentieren. Das dafür notwendige Material fand sie im Arbeitszimmer ihres Vaters. Darunter auch das Buch "Krieg ohne Waffen?" von Boserup und Mack, das sie nachhaltig beeindruckt hat. Als sie später als Studentin im ersten Semester auf einem Auswahlseminar der Studienstiftung des Deutschen Volkes ein Kurzreferat über ein selbst gewähltes Thema halten sollte, referierte sie die Hauptthesen dieses Buches. Und wurde aufgenommen…

Als Studentin der Mathematik in Tübingen engagierte sie sich dann bei Ohne Rüstung Leben, - die damals von ihr mit gegründete Ortsgruppe existiert bis heute. Beteiligt war sie auch in der Vorbereitungsgruppe für die erste große gewaltfreie Blockade eines Atomwaffendepots, die im Sommer 1982 in Großengstingen stattfand, also an dem Ort, der im Rahmen unserer Veranstaltung am Folgetag besucht werden soll. Für uns überraschend ist, dass die dortige Eberhard-Finckh-Kaserne, die uns regionalen Friedensbewegten gut bekannt ist, nach einem entfernten Verwandten ihres Großvaters benannt ist.

Ute nennt es den roten Faden in ihrem Leben, nämlich das Lebensmotto ihrer Eltern, das nach und nach auch ihr eigenes wurde. Dazu gehört auch, zu wissen und wertzuschätzen, wie wichtig die Grundrechte sind, z.B. das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung oder auf freie Meinungsäußerung. Ute wurde damals aber nicht weiter aktiv, weil sie sich bewusst für einen "normalen" Beruf als Mathematikerin und für Familie entschied. Mitglied der SPD wurde sie schon früh. Sie sah und sieht sich als Teil der friedensbewegten SPD mit der Idee, selbst Brücken innerhalb der Partei zu bauen und Entscheidungen in Richtung Friedenspolitik mit zu beeinflussen.

Der berufliche Weg ihres Mannes führte sie nach Minden in Westfalen, wo 1988 der bundesweite Kongress "Ohne Waffen, aber nicht wehrlos" stattfand, und wo 1989 der Bund für Soziale Verteidigung (BSV) gegründet wurde. Damit hatte sie endgültig ihren eigenen Schwerpunkt in der Friedensarbeit gefunden. Doch mit Blick auf Familie und Beruf hielt sich ihr Engagement (noch) im Rahmen, indem sie lediglich als Kassenprüferin fungierte. Bis Ende der neunziger Jahre war sie dann überwiegend damit beschäftigt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Ein weiterer Umzug der Familie brachte sie 1992 nach Berlin. Dabei stellte sie fest, dass in der SPD ein eklatanter Mangel an Friedensstifterinnen herrschte, sodass sie beschloss, selbst aktiver zu werden und sich 2002 in der Rolle der Kassiererin in einem Unterbezirk wiederfand. Ute berichtet uns lebhaft, wie sie die dort vorgefundenen internen Konflikte als ein hervorragendes Praxisfeld für konstruktive Konfliktbearbeitung kennengelernt hat.

Zu diesem Zeitpunkt waren ihre Kinder so selbstständig, dass sie sich zusätzlich zu ihrer Arbeit in der SPD auch wieder im Bund für Soziale Verteidigung engagieren konnte. 2005 wurde sie in den Vorstand gewählt. Sie konnte damit zwei Aspekte ihrer bisherigen Lebensgeschichte im Sinne ihres roten Fadens einbringen, nämlich die Idee, Militär abzuschaffen und Konflikte gewaltfrei auszutragen. Parallel arbeitete sie in einer Teilzeitstelle im Bundespresseamt, wo sie lernte, wie in Berlin die obersten Bundesbehörden funktionieren, welche Handlungsspielräume auf den verschiedenen Ebenen bestehen, wo die Fachkompetenzen sitzen und nach welchen Spielregeln das Ganze funktioniert.

Ihr innerparteiliches Engagement in der SPD führte dazu, dass sie gefragt wurde, ob sie bereit wäre, 2013 als Direktkandidatin im Wahlkreis anzutreten. Über die Landesliste schaffte sie es dann tatsächlich in den Bundestag. Seit zwei Jahren nun ist sie Bundestagsabgeordnete und versucht ihr Wissen über konstruktive Konfliktbearbeitung im parlamentarischen Raum einzubringen und all die Themen zu bearbeiten, die friedenspolitisch relevant sind. Das sind die Themen Abrüstung, Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung im gleichnamigen Unterausschuss des Auswärtigen Ausschusses, friedenspolitische Themen im Unterausschuss Zivile Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und vernetztes Handeln und das Thema humanitäre Hilfe im Ausschuss für Menschenrechte und Humanitäre Hilfe. Sie berichtet uns, wie sie im Auswärtigen Ausschuss unversehens zur Ukraine-Expertin wurde. Und als es um die ersten Waffenlieferungen an die halbautonome Kurdenregion im Irak ging, begründete sie in ihrer Fraktion, warum Waffenlieferungen und diplomatisches Engagement für einen innerirakischen Verständigungs- und Versöhnungsprozess nicht zusammenpassen.

Dabei spielen ihre Mitarbeiterin und Mitarbeiter im Büro und als Referenten eine wichtige Rolle. Ute gewährt uns so einen Einblick in die Hintergründe der Arbeit einer Abgeordneten, die mit viel Geschick sehr wohl dazu beitragen kann, dass Positionen der Friedensbewegung Gehör finden und in die politische Praxis einfließen. Doch einfach ist das erkennbar nicht. Sie komme sich immer noch als "embedded peace activist" vor. Fast alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages, auch die, die als Mitglieder der Opposition gegen viele oder alle Bundeswehreinsätze stimmen, halten ihrer Erfahrung nach das Militär für eine notwendige Institution und glauben letztlich daran, dass Gewalt nur mit Gegengewalt bekämpft werden kann, oder, dass es in eskalierten Konflikten oft notwendig ist, Partei zu ergreifen. Was das bedeutet, machte sie am Beispiel des aktuellen Russland-Ukraine-Konfliktes deutlich. So wäre eine rechnerisch mögliche rot-rot-grüne Koalition spätestens im März 2014 wieder zerbrochen, als die Linke sich voll auf die Seite Russlands schlug und die Grünen die Position der ukrainischen Regierung gegen alle kritischen Nachfragen verteidigten. Sie war dann positiv überrascht, dass in diesem Fall ein großer Teil ihrer Fraktion zu der Erkenntnis kam, dass zumindest bei der Gewalteskalation im Donbass beide Seiten gleichermaßen Unrecht hatten.

In diesem Zusammenhang erfahren wir auch, dass von den Vertretern des Auswärtigen Amtes im Auswärtigen Ausschuss sehr gute Konfliktanalysen für Problemregionen geliefert werden, die deutlich erkennen lassen, wie diplomatische Spielräume für Konfliktmanagement genutzt werden könnten. Sobald jedoch die Bundeswehr irgendwo beteiligt ist, geraten diese Analysen ins Hintertreffen zugunsten von militärischen Sicherheitsaspekten. Soweit als möglich nutzt Ute auch parteiübergreifende Kontakte für Initiativen, die der Diplomatie Vorrang geben vor militärischem Engagement.

Zu guter Letzt bekräftigt Ute, dass sie mehr denn je davon überzeugt davon sei, dass eine Welt ohne Krieg und Gewalt möglich ist und wir auf allen Ebenen der Gesellschaft etwas dafür tun können, dass Konflikte gewaltfrei ausgetragen werden.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob sie mit der aktuellen Entwicklung einen neuen Kalten Krieg sieht, verweist sie auf deutliche Unterschiede zur Situation in den 60ziger und 70ziger Jahren. Die Situation verhärtet sich zwar zunehmend, jedoch gibt es viel mehr Ebenen der Kommunikation, z.B. in Form von Städtepartnerschaften, als in jener Zeit. Besorgt äußert sie sich jedoch über Entwicklungen hin zu einem neuen Wettrüsten, und dass vor diesem Hintergrund die Chancen eines Abzugs der letzten amerikanischen Atomwaffen in Deutschland, in Büchel, schlechter werden. Positiv sieht sie die neue Aufwertung der OSZE, die z.B. mit ihrem Einsatz in der Ukraine gestärkt wird.

Eine andere Frage gilt dem Vergleich von Internetprotestaktionen und dem klassischen Straßenprotest. Als positives Beispiel für den Zusammenhang beider Formen benennt sie die Aktion Aufschrei, die sowohl durch Petitionen über den Bundestagsserver als auch über Papier-Unterschriftenlisten zu einer öffentlichen Behandlung des Themas im Petitionsausschuss geführt haben.

Jochen Stay: Mut zum Erfolg - Die Macht der scheinbar Ohnmächtigen

Jochen Stay ist erkältet an diesem Tag, trotzdem wirkt er sprühend vor Energie, bisweilen etwas spitzbübisch. Was und wie er uns seine Geschichte erzählt, ist sehr persönlich, selbstkritisch und reflektiert. Es sei für ihn eine Herausforderung und ungewohnt, so viel über sich selbst zu berichten, wo es in seinen Vorträgen, in Aktionen und Kampagnen doch immer um das "wir" geht, und man seiner Meinung nach im Team doch am Besten ist.

Geboren und aufgewachsen ist Jochen in Mannheim. Sein Elternhaus war unpolitisch. Über die evangelische Jugend seiner Kirchengemeinde wurde er innerhalb kurzer Zeit politisiert: Mitarbeit in einem AK Dritte Welt, eine Jugendbegegnung der Partnergemeinde in der DDR und mit 16 Jahren die Teilnahme an der großen Demo der Friedensbewegung 1981 in Bonn. Ab 1986 war er zwei Jahre lang in Mutlangen in der Pressehütte aktiv. Aus seiner heutigen Sicht war dies seine "Ausbildung" im gewaltfreien Widerstand gegen die Pershing II Raketen. Zwar war der Abzug der Pershing II ein Erfolg, auch dass Wackersdorf nicht gebaut wurde, aber der hochgefährliche Atommüll wurde weiter produziert und nun zur Aufarbeitung ins Ausland verschickt.

"Ich war schon Atomkraftgegner, bevor ich genau wusste, warum", so schildert er seinen Weg in den Kampf gegen die Gefahren der Atomkraft. Für ihn war einfach klar, dass das gefährlich ist. So nahm er sein Mutlangen-"knowhow" mit in den Widerstand gegen die Castor-Transporte. Jochen schildert lebhaft, wie sie damals tagelang Transporte beobachteten und Informationen sammelten, so wie er zuvor die Bewegungen von Pershing-Raketen zu ihren Alarmstellungen beobachtet hatte. Sein Versuch eines Studiums zeigte ihm schnell, dass er ein Mann der Praxis ist und nicht so sehr der Theorie. Um sich zu finanzieren, hielt er aber Vorträge, schrieb Beiträge für Zeitungen und wurde Redakteur der Zeitschrift Graswurzelrevolution. 1992 zog er ins Wendland und organisierte dort zusammen mit anderen die großen gewaltfreien Sitzblockaden gegen die Castor-Transporte im Rahmen der Kampagne X-tausendmal quer. Seit dem Jahr 2000 wurde er als Bewegungsarbeiter über die Bewegungsstiftung finanziert. Auch wenn er sich weitgehend selbst darum kümmern musste, "seine" SpenderInnen zu finden, hat er es doch als Privileg empfunden, so leben zu dürfen. In der Zeit von 2005 - 2010 wurde er im Rahmen einer Teilzeitstelle durch die Bewegungsstiftung beauftragt, andere bei ihrer Arbeit in sozialen Bewegungen zu beraten. Seit 2011 ist er Vollzeit "richtig angestellt" bei der Anti-Atom-Organisation .ausgestrahlt - gemeinsam gegen Atomenergie. Auch wenn 2013 die Castor-Transporte nach Gorleben gesetzlich gestoppt wurden, so ist das Thema bekanntermaßen noch lange nicht vom Tisch. Er sieht .ausgestrahlt nicht als Mitgliederorganisation, sondern als eine Art Dienstleister für Interessierte und Gruppen.

Im zweiten Teil seines Beitrages sucht Jochen nach den Triebfedern für sein Engagement. Schon als Jugendlicher wollte er nicht nur einer von 5 Milliarden Menschen sein, sondern er wollte sich unterscheiden von anderen und etwas bewegen. Seine besondere Stärke ist es, dass er sich auf eine Sache fokussieren und all seine Kräfte mobilisieren kann. Zu seinen Erfolgen beigetragen hat sein "Dickschädel" und die Fähigkeit, seit früher Jugend Nein-Sagen und Ungehorsam gelernt zu haben. Nicht angepasst zu sein, sich aktiv zu widersetzen hat er immer als Stärke erlebt. Ihm geht es darum, praktisch die Welt zu verändern. Dabei hat er immer wieder erlebt, wie ihn die sinnliche Wahrnehmung von Unrecht, z.B. in Form der Feldstellung einer Pershing II-Rakete, viel mehr motiviert, als davon nur zu hören. Von anderen wird ihm zurück gemeldet, dass sie ihn als jemanden erleben, der Mut und Hoffnung ausstrahlt, dass man etwas verändern kann. Er hat sich selbst gefragt, woher das in ihm rührt und erkannte hier die Sozialisation in der evangelischen Jugend. Hoffnungsvolle Liedtexte auf Kirchentagen und Gedichte der Befreiung aus Nicaragua haben in ihm Bilder von Mut und Zuversicht erzeugt. Und schließlich, so räumt er ein, spielte bei so mancher Entscheidung für den nächsten Schritt auch die Liebe eine Rolle.

Was macht seine politische Arbeit aus? Erfolg ist möglich! Erfolg ist organisierbar! Das ist seine feste Überzeugung. Es scheint ihm auch so zu sein, dass seine persönliche "Null-Linie" für die Bewertung von Problemen und Erfolgen woanders liegt, als bei vielen anderen Menschen. Auch bei großen Erfolgen sehen sie nur eine Verbesserung der Lage z.B. von minus zehn auf minus sieben. Damit erscheinen die Probleme immer noch riesengroß. Bei ihm aber markiert der Ist-Zustand die Null-Linie, so dass ein solcher Erfolg für ihn eine Verbesserung von null auf plus drei darstellt. Somit wird alles Erreichte zum Positiven. Um Hoffnung zu haben, ist es auch wichtig, Erfolge zu sehen. In der Arbeit gegen die Atomenergie geht es aber oft darum, etwas zu verhindern, und selbst wenn das gelingt, wie z.B., dass ein AKW Wyhl nie gebaut wurde, so wird das nicht unmittelbar gesehen. Was man sieht, sind die noch existierenden AKW, aber nicht die verhinderten! Ist das nicht eine Schieflage in der Wahrnehmung von Erfolgen, die es nicht leicht macht, über Jahre aktiv zu sein? Und so formuliert er: "Wenn sich die Kleinen und scheinbar Ohnmächtigen zusammenschließen, haben es die Großen und scheinbar Mächtigen ungeheuer schwer, ihren Willen durchzusetzen."

Er verdeutlicht eine weitere persönliche Stärke am Beispiel der im Jahr 1997 organisierten größten Aktion gegen Castor-Transporte. Zu Anfang waren viele Gruppen im Wendland dagegen, er jedoch beharrte darauf, das zu organisieren. Damit gibt er einen Blick frei in die Dynamik von Bewegungen und in die Prozesse, mit denen Aktionen und Kampagnen entwickelt und ausgehandelt werden, was sie erfolgreich macht oder eben auch nicht. Aus seiner Sicht geht es darum, dass Einzelne und Gruppen ihren Spielraum nutzen. Dazu braucht es aber auch die Bereitschaft und Fähigkeit, selbstkritisch die eigene Rolle und Methoden zu reflektieren. Jochen benennt hier beispielhaft seine Rolle als ein inoffizieller Sprecher der Anti-AKW-Bewegung, in die er sich vor allem von der Presse gedrängt sieht. Eigentlich steht er solchen Sprechern kritisch gegenüber, zumal er die Arbeit in der Bewegung als kollektives Handeln sieht. Andererseits sieht er auch die Erwartungen von vielen, dass jemand die Initiative ergreift. So hat er die Rolle dann doch bewusst angenommen. Er zeigt damit das Spannungsfeld zwischen Führung und Graswurzelbewegung auf. Nach Fukushima gab es vier große Demonstrationen, zu denen nicht von großen Bündnissen aufgerufen worden war, sondern nur von wenigen Organisationen. Der Erfolg dieser Demonstrationen gab letztlich denen Recht, die vorgeprescht sind. Es blieb aber ein schaler Beigeschmack aufgrund der Top-Down-Entscheidung. Zum Schluss verweist Jochen auf die ihm häufig gestellte Frage, woher er seine Kraft und Energie für unermüdlichen Einsatz nimmt. Er antwortet dann gerne: "Andere Leute haben auch Hobbys, für die sie sich rund um die Uhr engagieren".

Am Ende des Tages bin ich müde und auch am Ende meiner Konzentration. Während die Referierenden erzählten und berichteten tauchten in meinem Kopf Bilder auf von Szenen und Ereignissen aus meiner eigenen friedenspolitischen Sozialisation. Ich frage mich, was unsere Referierenden voneinander unterscheidet und was sie gemeinsam haben. Sie sind in ihrer Art, in ihrem Temperament und in ihrem Arbeitsstil und inhaltlichen Schwerpunkten sehr unterschiedlich. Doch so unterschiedlich sie sind, so sehr ist ihnen eines gemeinsam: sie gehen ihre Wege mit langem Atem und mit großer Leidenschaft. Das ist es, was mich ermutigt und anregt. Und mein Eindruck von der Tagung ist, dass andere Teilnehmenden das auch so erlebt haben. Es geht darum, immer wieder neu zu schauen, was uns wichtig ist. Wo und wie kann ich mich mit meinen Stärken und Leidenschaften so einbringen, dass ich daraus auch Kraft schöpfen kann, so wie ich es bei unseren Referierenden erleben durfte. Ganz im Sinne von Howard Zinns Zitat, das als Motto und Leitfrage der Tagung diente:

"Wie kann es ein Mensch in dieser Welt voller Kriege und Ungerechtigkeit schaffen, sich sozial zu engagieren, weiter zu streiten und gesund zu bleiben, ohne sich aufzureiben, aufzugeben oder zynisch zu werden? Ich möchte euch davon überzeugen, dass die Welt zwar nicht sofort besser werden wird, aber dass wir das Spiel nicht verloren geben dürfen, bevor nicht alle Karten ausgespielt sind. Diese Metapher habe ich absichtlich gewählt, denn das Leben ist ein Glücksspiel. Wer nicht mitspielt, vergibt jede Chance, zu gewinnen. Nur wer mitspielt, erhält sich wenigstens die Möglichkeit, die Welt zu verändern." (Howard Zinn)

Fußnoten

Veröffentlicht am

20. Dezember 2015

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