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Der “alkoholisierte Bettler” als Ebenbild Gottes?

Köln bekommt einen neuen Weihbischof, der in die Franziskus-Zeit einer Kirche an der Seite der Armen passt

Von Peter Bürger

Köln, neben oder nach Paderborn das reichste oder zweitreichste Bistum der Welt, bekommt mit dem ehemaligen Düsseldorfer Stadtdechanten Rolf Steinhäuser einen neuen Weihbischof. Das ist eine gute Nachricht, denn die am 11. Dezember veröffentlichte Ernennung trifft einen Pastor, der nicht erst in der neuen Franziskus-Zeit das Ideal einer Kirche an der Seite der Armen entdeckt hat. Dazu sei hier ein 15 Jahre zurückliegender Ausschnitt berichtet.

In den späten 1990er Jahren zeigte die neoliberalistische Religion auch in Düsseldorf ihr wahres Gesicht der Menschenverachtung. In Düsseldorf erklärten Lobbyisten aus dem Bereich der Wirtschaft: "Obdachlose aber seien wie Graffitis und Taubenkot, kein Anblick, der zur Steigerung von Attraktivität und Kaufkraft beiträgt’". Daher gehörten "die Obdachlosen weggeräumt"…(vgl. dazu: NRZ 13.03.1997; WZ 15.03.1997).

Im Kommunalwahlkampf 1999 sprachen dann auch die CDU-Spitzenkandidaten in ihrer "Mettmanner Erklärung" von einer Verteidigung der Öffentlichen Ordnung gegen "Alkoholismusszenen, Pennertum und aggressives Betteln". Ein Teil der CDU-Mitglieder nahm später die populistische Kampfparole "Pennertum" mit aufrichtigem Bedauern zurück. Hierzu zählte jedoch nicht der neu gewählte Düsseldorfer Oberbürgermeister, der sein Versprechen einer harten Gangart gegen sogenannte Randgruppen radikal wahr machen wollte.

Die Stimmungsmache bekam ich als Begleiter von substituierten Drogengebrauchern mit HIV-Infektion hautnah mit. Eine Lynch-Parole war in der Nachbarschaft zu meinem Arbeitsplatz angebracht worden. Bereits im Oktober 1999 hatten wir, d.h. ehrenamtlich oder hauptberuflich in der Sozialarbeit engagierte Christen, Ordensleute, evangelische Seelsorger und das Straßenmagazin fiftyfifty, eine "Ökumenische Erklärung zur Achtung gegenüber Wohnungslosen und Suchtkranken" vorgelegt. Am Ende ist sie von über 100 TheologInnen, 160 Vertretern von Sozialberufen und fast 2000 weiteren Bürgern & Bürgerinnen unterschrieben worden. Rege Aktivitäten und wunderbare Erfahrungen im Zusammenhang mit dieser Initiative sind in einer Dokumentation nachlesbar (s.u.). Wir wurden als linke Christen identifiziert, standen aber in respektvollem, ja gutem Kontakt zur FDP-Ratsfraktion.

Am 20. Januar 2000 fand aufgrund der breiten Proteste dann im Rathaus-Plenum eine Öffentliche Anhörung zur neuen - repressiv angelegten - Düsseldorfer Straßenordnung statt. Neben Sprechern unserer Ökumenischen Initiative wurde dort auch Stadtdechant Rolf Steinhäuser gehört. Seine Stellungnahme, die in keiner Weise mit uns abgesprochen war, fiel denkbar eindeutig aus und fand ein intensives Medienecho:

"Für mich ist jeder Mensch ein Geschöpf Gottes, unendlich wertvoll, einzigartig und mit einer unveräußerlichen Würde ausgestattet. Ich möchte sogar das alte Wort ‚Ehrfurcht’ verwenden. Auch der Drogenabhängige, der Stadtstreicher, der vernachlässigt wirkende Jugendliche mit Hund, der alkoholisierte Bettler ist zuerst einmal ein Mensch, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist. […] Das Instrumentarium einer Ordnungspolitik kann natürlich eine Innenstadt ‚Penner und Punker frei’ halten, löst damit aber nicht ein einziges Sozialproblem. Wer den Betroffenen helfen will und nicht nur ein vorzeigbares Stadtbild präsentieren möchte, aus dem alle öffentlich sichtbare Not ‚verräumt’ ist, muss einen intensiveren Zugang zu den Notleidenden suchen".

Als "leidgeprüfter" Altstadtbewohner gab der Stadtdechant auch eine ganz spezielle Expertise ab:

"Ich möchte allerdings nicht verschweigen, dass die Menschen, die hier [durch nächtliche Ruhestörung etc.] auffällig werden, in der Mehrzahl nicht zu der Szene der Punker, Stadtstreicher oder Drogenabhängigen gehören. Darum ist es mir ganz wichtig, dass es hier keine Ungleichbehandlung verschiedener Gruppen gibt. Ein Ordnungsrecht muss für alle in gleicher Weise gelten. Auch für die, die genug Geld haben, sich nobel in der Altstadt voll laufen zu lassen und dann provozieren."

Dieses Votum ging deutlich über die rheinisch-katholische Devise "Leben und leben lassen" hinaus. Später begegnete ich bei einer Obdachlosenversammlung im Franziskanerkloster einem Wohnungslosen mit westfälischem Zungenschlag. Es ergab sich im Gespräch, dass er sogar aus meiner sauerländischen Geburtskommune stammte. Seinem folgenden Leumundszeugnis zum Stadtdechanten habe ich damals den größten Wert beigelegt: "Der Steinhäuser, das ist ein echter Pastor der alten Art. Wenn Du bei dem klingelst, gibt es immer ein gutes Wort - und auch was zu essen."

Literaturhinweis:

Bürger, Peter / Kirchhöfer, Holger (Red.): Ökumenische Erklärung von Düsseldorfer TheologInnen und Christen in Sozialberufen zur Achtung gegenüber Wohnungslosen und Suchtkranken und die Auseinandersetzung um die Düsseldorfer Straßenordnung (DstO). Dokumentation und Pressespiegel August 1999 - März 2000. Düsseldorf: Initiative "Ökumenische Erklärung" [Armenküche] 2000. [Auszug im Internet: www.ik-armut.de/inhalt/Doku-oeku.htm ] [Enthält im Dokumentarteil auch die Stellungnahme von Stadtdechant Msgr. Rolf Steinhäuser bei der Anhörung zu neuen "Straßenordnung" am 20.1.2000 im Rathaus.]

 

Veröffentlicht am

14. Dezember 2015

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