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Leben mit dem Schwert auf einem Pulverfass

Von Adam Keller

Auf Tel Avivs Dizengoff-Straße sah ich Anfang dieser Woche eine Taxi-Plakatwand mit einer riesigen israelischen Flagge, unter der der Slogan stand: "Zusammen werden wir gewinnen!" Es ist kein neues Phänomen. In den letzten Jahren - in Zeiten mit wachsender Krise, Blutvergießen, Krieg, klugen Geschäftsleuten und Beratern, erleben wir den Wert von Patriotismus und werbendem Verkauf.

Auf der Ibn Gvirol Straße ziemlich nah an dem Taxi mit dem Slogan, waren Tausende von Demonstranten, die sangen "Wir stehen zusammen ohne Hass und Angst" und "Wir stehen zusammen ohne Rassismus und Angst!". Derselbe Ruf wurde in Jerusalem vor einer Woche gehört, und er soll auch morgen in Haifa gehört werden. Was ist der Unterschied zwischen dem "Zusammensein" des Taxistandes und dem der Demonstranten auf der Straße?

Vor allem die Tatsache, dass das zweite "Zusammensein" speziell und explizit Juden und Araber einschließt, die da zusammen auf der Straße gehen und zusammen von einer Zukunft von Frieden in diesem miserablen Land träumen.

Am Montag brachten viele israelische Zeitungen das Foto eines auf dem Boden liegenden Toten - ein klares Beispiel des schnell wachsenden Genre, das einige Kolumnisten "Die Pornographie des Todes" nennen. Der Mann, dessen toter Körper von einem der Soldaten fotografiert wurde, der ihn vor fünf Minuten tötete, war der 22-jährige Raed Jaradat - ein Student aus Sair, bei Hebron. Laut seinen Freunden hatte er sich sehr über das Töten von Dania Irsheid aufgeregt, einem 17-jährigen Mädchen, das letzte Woche von Soldaten bei einem Hebroner Checkpoint getötet wurde, angeblich, als sie versuchte, ihn mit dem Messer zu erstechen. Diese Behauptungen werden wahrscheinlich nie auch nur teilweise untersucht. Wie viele Jugendliche war Jaradat ein eifriger Benutzer der sozialen Medien. Zuletzt waren einem Foto von ihrem im Blut liegenden Körper die Worte hinzugefügt: "Stell dir vor, das ist Deine Schwester."

Am Morgen ging Raed Jaradat zur Anun-Kreuzung nördlich von Hebron, wo israelische Soldaten ihre Pflicht taten und gerade aus den Panzern stiegen und nicht sehr aufmerksam waren; Jaradat nützte den Augenblick und stach einem in den Hals. Er wurde sofort von einem andern Soldaten getötet. Ein Ambulanzteam hob ihn - Gilead Mazmur - auf und versuchte, ihn auf dem Weg nach Jerusalem zu retten.

Ganz ungewöhnlich brachte der erste israelische TV-Kanal einiges von der palästinensischen Seite. Der Reporter besuchte das Dorf Sair und zeigte, wie der Bruder des Toten weinte: "Raed!, Raed nur eine Stunde bevor dies geschah, sah ich ihn. Er sah wie sonst aus. Ich kann nicht glauben, dass ich ihn nie wieder sehen werde." Dahinter standen Dutzende von Kindern aus dem Dorf und zündeten Reifen an und sangen "Raed - gesegneter Märtyrer! Wir werden Raeds Weg folgen", und bereiteten sich auf eine Konfrontation mit den Soldaten vor, die ins Dorf kamen. Der Reporter ging dann zum Vater des Soldaten, der am Bettrand saß, als er nach drei Tagen Koma aufwachte: dies ist das zweiten Mal, dass mir dies geschieht. Im letzten Jahr wurde mein älterer Sohn Niv in Gaza verletzt und ich eilte an sein Bett; nun ist es der jüngere, Gilead. Der Mörder versuchte unseren Gilead, ein gutes Kind, musikalisch begabt und von jedem geliebt, zu töten. Sieh, wie diese Kinder im Dorf den Mörder bewundern und ihm folgen wollen. Ich fürchte, dass diese Situation noch sehr lange dauern wird."

Ich schrieb in den letzten Tagen immer wieder an diesem Artikel. Seit ich damit begann, gab es noch mehrsolche Fälle: mehr Palästinenser wurden bei ihrem Versuch, mit Messern auf Soldaten loszugehen, getötet … Die Regierung entschied, dass die Leichen den Familien nicht zurück gegeben werden, weil es bei jeder Beerdigung Massendemonstrationen gab. Die Regierungsentscheidung löste trotzdem eine Reihe von Massendemonstrationen in den besetzten Gebieten aus: Man verlangte die Rückgabe der Toten an die Familien. … Der Notaufnahmeraum war voll Verletzter, zehn von scharfen Schüssen . andere waren vom Einatmen des Gases betroffen. …

In den frühen Tagen der "dritten. Intifada" oder der "Welle von Terror" gingen viele Palästinenser durch israelische Städte und griffen willkürlich Zivilisten an. In den letzten zwei Wochen waren alle diese Messerstechereien in den besetzten Gebieten vor allem gegen bewaffnete Soldaten.

Der Flächenbrand, dessen Ende in Ost-Jerusalem keiner voraussehen kann, wurde durch offenkundige Akte von Siedlern und israelischen Politikern ausgelöst, die versuchen, den Status quo des Al-Aqsa- Moschee-Compounds in der Altstadt zu verändern, dass Juden dort das Beten erlaubt wird. Das ist für viele Teilnehmer nur ein vorbereitender Schritt, um den jüdischen Tempel dort aufzubauen, wo die Moschee steht. Der US-Außenminister Kerry, bei seinem Versuch, die Situation zu beruhigen, konzentrierte sich auf die Moschee und brachte es dahin, dass mit Netanjahus Einverständnis Kameras an diesem sensiblen Ort angebracht werden. Die sollen 24 Stunden am Tag laufen, um abzusichern, dass es nicht Israel ist, das den religiösen Status Quo verletzt. Das scheint aber zu wenig und zu spät zu sein. Außerdem entfernte die israelische Polizei die Kameras, die von muslimischen, religiösen Behörden angebracht worden waren. Nun ging es um die Frage, wer befestigt die Kameras und wo genau auf dem Heiligen Berg, und wer würde autorisiert sein, das Filmmaterial auszuwerten. Jeder dieser Punkte muss verhandelt werden, was Monate oder gar Jahre dauern würde.

Die palästinensische Nachrichtenagentur berichtete, dass Präsident Abbas von Kerry gefragt wurde, wie man die Situation beruhigen könne und zitierte die Antwort: "Die Unruhe wird von zornigen jungen Leuten angeführt, die alle Hoffnung verloren haben, von Leuten, die ihre Unabhängigkeit suchen." Auch Haaretz zitierte palästinensische Offizielle, die sagten, die Spannungen um den Tempelplatz sind wesentlich, aber der palästinensische Zorn dreht sich auch um die anhaltende Besatzung, die Aggression der Siedler und die fehlende politische Lösung. Falls Herr Kerry glaubt, dass man mit der Befestigung von Kameras um die Al-Aqsa-Moschee eine Beruhigung erreichen könnte, dann irrt er sich vollkommen. Wir sind auf die Straße gegangen, um zu sagen: nun reicht’s - wir haben genug von der Besatzung.

Abgesehen von dem Kamera-Problem hatte der Ministerpräsident Netanjahu nichts Ermutigendes für die Palästinenser (oder die israelischen Bürger). Beim Knesset-Außenministerium und Verteidigungs-Komitee bemerkte der Ministerpräsident explizit: "In dieser Zeit und in nächster Zukunft bleibt die Kontrolle aller Gebiete bei uns. Die Leute fragen mich: Ob wir immer mit dem Schwert leben müssen? Ja." Er wolle keinen bi-nationalen Staat - d.h. es gibt keine Pläne, die Gebiete zu annektieren; das israelische Gesetz dort einzuführen und den palästinensischen Bürgern die israelische Staatsangehörigkeit zu geben und das Recht zu wählen. Der Ministerpräsident möchte die jetzige Situation beibehalten und die "vorübergehende" Herrschaft beibehalten, bis sich die Bedingungen im Nahen Osten verändert haben" …

Aber wenn der Chef der Regierung Israels offen seine Absicht erklärt, weiter die Kontrolle über die ganzen (besetzten) Gebiete zu haben, worüber soll dann noch verhandelt werden?

Bei einer Konferenz im Netanya-Akademischen Kolleg wurde eine warnende Stimme gehört: Brigadegeneral Guy Goldstein, stellvertretender Koordinator von Regierungsangelegenheiten in den Gebieten: "Wir sind in der Mitte einer Konfrontation, deren Ende nirgendwo in Sicht ist. Abu Mazen führt keine Politik des Terrors. Er versucht, die Situation zu beruhigen. Aber ohne einen politischen Prozess, bei dem beide Behörden - die israelische und die palästinensische - aktiv beteiligt ist, wird die andauernde Konfrontation kein Ende finden. Selbst, wenn es eine gewisse Ruhe gibt und ich wünsche, dass es bald ruhige Tage ohne weitere Angriffe gibt, werden die Grundbedingungen dieselben bleiben. Wir sitzen auf einer Art von Pulverfass."

All dies geschieht zusammen mit dem 20. Jahrestag der Ermordung von Ministerpräsident Yitzhak Rabin. Die Tatsache, dass es einen offiziellen - vom Gesetz vorgeschriebenen - Jahrestag für prominente Politiker gibt, um Trauer über den Mord eines Ministerpräsidenten auszudrücken, ohne mit dem Elefanten mitten im Raum zusammen zustoßen: die Oslo-Abkommen, die Yitzhak Rabin unterzeichnete und um deretwillen er ermordet wurde.

Naftali Bennett - Chef der Partei "Jüdisches Heim" - der zum Bildungsminister befördert wurde , musste eine Rede halten, die Rabin beim Gedenken der Regierung vor Hunderten von Jugendlichen lobte; auch bei einer Live-Übertragung vom Bildungs-TV-Netzwerk. Benet sprach über Rabin: Was für ein großer Patriot und Zionist er war, ein Militär, der von Israel träumte, bevor es errichtet wurde und der eine bedeutende Rolle im Kampf von 1948 hatte, ein mutiger Soldat, der den großen Sieg 1967 mit errungen hatte und Jerusalem vereinigte. Später hatte er eine politische Karriere und wurde unter nicht genau angegebenen Gründen - die offensichtlich eine schreckliche Sache war, die uns alle lehrt, wie wichtig es ist, Toleranz und Pluralismus aufrecht zu erhalten, ermordet. Auch die anderen Reden dieser Reihe enthielten nicht das Wort "Oslo" und das Wort "Frieden" war selten.

Diese Worte wurden auch nicht in den anderen offiziellen Aufrufen von den Organisatoren des Gedenkens en masse veröffentlicht. Es fand am Samstagabend in Tel Aviv auf dem Rabin-Platz statt, wo Zehntausende erwartet wurden. Alle Stämme Israels sind Teil unserer Gesellschaft und müssen sich vereinigen, um gemeinsam jeden Disput unter uns nur mit demokratischen Mitteln zu lösen. Israel steht vor dem Problem, schwierige, wichtige und historische Entscheidungen zu treffen. Solche Entscheidungen müssen nur durch einen demokratischen Prozess und in Übereinstimmung mit ethischen Werten gelöst werden. Der Mord an Ministerpräsident Yitzhak Rabin muss als schlimmes Warnungszeichen für die israelische Gesellschaft dienen." Aber was ist das Wesen dieser schwierigen Notwendigkeit? Frieden? Gebiete? Besatzung? Palästinenser? Die Organisatoren der Demonstration ließen bewusst solche Anspielungen aus - mit dem staatlichen Ziel, dass auch die vom rechten Flügel teilnehmen können.

Daniel Bar-Tal, ein Professor der Soziopolitischen Psychologie der Universität Tel Aviv und der Leiter eines jüdisch-arabischen Ko-Existenz-Instituts, sammelte in den letzten Jahren seines Lebens viele Zitate aus Yitzhak Rabins Reden - Zitate, die so deutlich anders waren als die der offiziellen Reden:

"Es ist nicht länger unvermeidbar, dass wir ein Volk sind, das alleine wohnt, noch stimmt es, dass die ganze Welt gegen uns ist. Wir müssen aus der Isolierung ausbrechen, die uns fast 50 Jahre in ihrem Griff hielt. Wir müssen die weite Reise in Richtung Frieden, Versöhnung und internationale Zusammenarbeit machen. Wenn wir dies nicht tun, werden wir auf einer leeren Station allein bleiben." (13. Juli 1992)

"Wir können an jede Tür klopfen, jeden Versuch abschneiden, um Frieden zu machen. Moralisch haben wir das Recht, uns zu weigern mit der PLO am Verhandlungstisch zu sitzen, eine Hand zu schütteln, die ein Messer gehalten hat oder eine Pistole zog. Wir können mit Abscheu jedes Angebot der PLO zurückweisen - das würde bedeuten, wir würden im selben Umfeld leben, in dem wir bis jetzt gelebt haben: endloser Krieg, Terrorismus und Gewalt. Aber wir haben den andern Weg gewählt, den Weg, der uns eine Chance lässt, die Hoffnung gibt." (21. Sept 1993)

"Wir sind sicher, dass beide Völker auf demselben Stück Land leben können, jeder unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum, wie die Propheten gesagt haben; wir können diesem Land von Felsen, diesem Land voller Grabsteine, den richtigen Geschmack von Milch und Honig geben. In dieser Zeit bitte ich das palästinensische Volk dringend: Unsere palästinensischen Nachbarn, ein ganzes Jahrhundert Blutvergießen hat in uns Hass gegen jeden von euch gepflanzt - heute strecken wir einander im Frieden die Hände entgegen." (4. Mai 1994)

Yigal Sarna schrieb heute in Yediot Ahronot : "Am Samstagabend will ich zu der Kundgebung gehen, weil das alleine übrig geblieben ist. Ich will dort sein, wo das Blut vergossen wurde - was die halbe Bevölkerung zu vergessen versucht und das die religiösen Zionisten als eine gerechte Strafe ansehen, die dem bösen Rabin zuteilwurde. Ich werde also noch einmal zu der Kundgebung gehen, um die schrecklichen Konsequenzen zu betrauern: die Umwandlung von Rabins Israel zu dem von Bibi. Um die Klage des Trübsinns derer zu hören, die einst das Land führten und deren Platz von jenen abgerissen wurde, die versuchen, den Tempel wieder aufzubauen; sogar auf Kosten eines ewigen Krieges mit anderthalb Milliarden Muslimen. Ich will dort stehen und mich an Rabin erinnern und an meinen Vater, der eine halbe Generation älter als er war - und die beide dasselbe wünschten; einen israelischen Staat, der als ein Teil des Nahen Ostens lebt , ein florierendes Mitglied der Familien der Nationen - nicht ein Ghetto, das auf Rache und Blutvergießen gebaut ist.

Peace now und Meretz veröffentlichten für ihre Unterstützer einen Aufruf, an der Rabin-Kundgebung als großer, solider Block teilzunehmen. "So dass unsere Präsenz Rabins Weg zum Frieden und den zwei Staaten - für die er ermordet wurde - betont wird. Es ist dringend nötig, heute auf diesen Pfad zurück zu gehen. Wir stehen zusammen auf dem Rabinplatz und sagen dem Ministerpräsidenten, dass wir nicht damit einverstanden sind, für immer mit dem Schwert zu leben. Es gibt Hoffnung und Hoffnung wird vorherrschen."

Auch wir von Gush Shalom werden bei dieser Kundgebung dabei sein, um uns an die jungen Leute zu wenden, die an dem Tag, an dem Rabin ermordet wurde, noch nicht geboren waren und die Israels letzte und beste Hoffnung sind. Immer nahmen diese jungen Leute begeistert die Schilder mit den beiden Flaggen von Israel und Palästina, Seite an Seite in die Hand und trugen sie als Abzeichen auf ihren Kleidern. Auch dann, als das Thema Frieden mit den Palästinensern bei den Reden vom Podium nicht gehört wird.

Drei Tage vor der Kundgebung ging ich über den noch ganz leeren Rabinplatz. Ich ging am Denkmal vorbei, dort wo der Mord geschah, und ging weiter. Rund um den Platz hatten die offiziellen Organisatoren große Fotos aus Rabins Leben hingehängt. Die Fotos waren sorgfältig ausgewählt. Auffällig abwesend war das historische Händeschütteln mit Arafat, auch kein einziges aus der Oslo-Ära. Da hing doch tatsächlich eines mit König Hussein von Jordanien, der Frieden mit Jordanien, der keine territorialen Zugeständnisse machte, ist weniger kontrovers. Es gab Fotos von Rabin in Uniform während seiner Militärkarriere und eines mit US-Präsident Gerald Ford aus der Zeit, in der Rabin israelischer Botschafter in Washington war.

Bemerkenswert ist ein Foto: es zeigt einen Besuch Rabins in Ramallah - ein vor-Oslo-Besuch. Das war noch der alte Rabin, der "eine, der der PLO nur auf dem Schlachtfeld begegnen will" und der den Soldaten den Befehl gab, "den Aufständischen der ersten Intifada die Arme und Beine zu brechen." Aber genau so wagte er auf einer Straße in Ramallah zu stehen, um mit einer großen Gruppe von palästinensischen Passanten zu sprechen. Der Ausdruck auf dem Foto gibt einen deutlichen Eindruck, dass Rabin ernsthaft zuhörte, was sie zu sagen hatten.

Quelle:  Crazy Country - Blog von Adam Keller . Übersetzung: Ellen Rohlfs (Anmerkung: Ellen Rohlfs war auf dem Platz, als Rabin ermordet wurde. Sie erlebte auch die Kerzenkinder in den folgenden Tagen, die trauernden Jugendlichen auf dem Platz, und dass der Platz in Rabinplatz umbenannt wurde. In Erinnerung daran übersetzte sie diesen Artikel von Adam Keller).

Veröffentlicht am

08. November 2015

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