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Wahrheit ist nicht verhandelbar!

In Kolumbien bemüht sich die "Stiftung Nydia Érika Bautista" um Aufklärung

Von Knut Henkel

Die "Stiftung Nydia Érika Bautista" kämpft in Kolumbien für Aufklärung und gegen das "Verschwindenlassen". Etwa 200 Fälle werden von den Juristen der Stiftung vertreten, die zu den bekanntesten des Landes gehört.

Revoltosas steht auf dem Schild über dem kleinen Laden, der in Bogotás Stadtteil La Soledad gerade die Türen geöffnet hat. Unruhestifterinnen heißt das und darunter steht "Hände, die schaffen und kämpfen". Hergestellt wird in und für den kleinen Laden vor allem Handarbeit - kleine bestickte Taschen, Ohrringe, Schmuck, aber auch selbst genähte Kleidung. "Es sind Angehörige von unfreiwillig Verschwundenen, die nähen, entwerfen, basteln und für uns ist der Laden eine zusätzliche Einnahmequelle", erklärt Yaneth Bautista lächelnd. Sie ist die Vorsitzende und Gründerin der Fundación Nydia Érika Bautista. Die Stiftung gilt als die aktivste von rund zwei Dutzend Organisationen, die sich gegen das gewaltsame Verschwindenlassen von Menschen in Kolumbien engagieren und für Aufklärung und Bestrafung der Täter eintreten.

Erst vor ein paar Monaten ist die Stiftung an die neue Adresse in der Carrera 20 in Bogotá gezogen. "An unserem alten Standort waren wir nicht mehr sicher und auch unser privates Haus, wo meine Tochter aufgewachsen ist, mussten wir aufgeben. Es genügte den Sicherheitsstandards nicht", erklärt die Menschenrechtsaktivistin. Sie lebt ein Leben unter Beobachtung und permanenter Anfeindung. Mehrere Jahre hat sie im Exil in Deutschland gelebt, dort für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International gearbeitet und sich für die Rechte der Angehörigen von gewaltsam Verschwundenen engagiert - in Kolumbien, aber auch in Mexiko oder Guatemala eine weitverbreitete Praxis.

Die Vorsitzende Bautista ist gut vernetzt, sie hält den Kontakt zu Menschenrechtsaktivisten in Argentinien, Brasilien, Mexiko oder Guatemala und deren Erfahrungen fließen in ihre Arbeit ein. So geht beispielsweise der Vorschlag innerhalb der Wahrheitskommission, eine Subkommission für die unzähligen gewaltsam Verschwundenen zu bilden, auf Anregungen aus dem Ausland zurück. Doch bevor die Wahrheitskommission tätig werden kann, müssen erst die Friedensverhandlungen zwischen der FARC-Guerilla und der kolumbianischen Regierung zu einem erfolgreichen Ende gebracht werden. Konkrete Vorschläge, die in Kolumbien längst nicht überall gern gehört werden. Das belegen fünf Pamphlete von paramilitärischen Organisationen, die seit September letzten Jahres auftauchten und auf denen der Name von Yaneth Bautista aufgeführt ist.

Es sind nicht nur die Nachfolgeorganisationen der Paramilitärs, die gegen die Aufarbeitung der Vergangenheit mit massiven Morddrohungen mobilmachen: So hat ein Polizeikommando jüngst versucht das zweistöckige Wohnhaus zu durchsuchen, in dem die Stiftung untergebracht ist. Für die arbeiten ausschließlich Angehörige. "Sie sind es, die in Kolumbien de facto die Arbeit der Ermittlungsbehörden machen. Sie klopfen an Türen, machen Zeugen ausfindig, suchen nach geheimen Gräbern. Sie widmen ihr Leben dem Kampf gegen die Straflosigkeit", erklärt Andrea Torres Bautista. Sie ist die Anwältin der Stiftung, Tochter von Yaneth Bautista und hat ihr juristisches Staatsexamen gemacht, um gegen die omnipräsente Straflosigkeit vorzugehen. Das ist alles andere als einfach und oft auch riskant.

Im Falle von Nydia Érika Bautista, einer Aktivistin der Guerillaorganisation M-19, die in Bogotá Sozialprojekte im bettelarmen Süden der Stadt mit aufbaute, waren es Soldaten der 20. Brigade, die sie verschleppten. Das belegen Aussagen des ehemaligen Mitarbeiters des militärischen Geheimdienstes Bernardo Garzón. Der war nicht nur in das gewaltsame Verschwindenlassen von Nydia Érika Bautista, sondern auch in das von mindestens einem weiteren Dutzend Menschen, oft Aktivisten linker Organisationen, involviert. Darunter auch der Verlobte von Yaneth Bautista, Cristóbal Triana. Er wurde zwei Tage vor Nydia Érika Bautista verschleppt und sein mutmaßlicher Tod könnte auch auf das Konto der Militärs gehen. Aufschluss soll die Vernehmung von Bernardo Garzón bringen, der im Januar festgenommen wurde und dessen Aussage nach langen Jahren des Stillstands wieder Bewegung in die Ermittlungen bringen könnte. Das ist nicht im Interesse der Verantwortlichen, zu denen laut den jahrelangen Recherchen der Stiftung General Álvaro Hernán Velandía Hurtado gehört. Er stand deswegen schon einmal vor Gericht, aber kam wegen Formfehler wieder frei.

Militärs und militärischer Geheimdienst könnten auch hinter den jüngsten Drohanrufen stecken, die im April und Mai bei der Stiftung eingingen. Die hat immer wieder Mitarbeiter im Ausland in Sicherheit bringen müssen - zuletzt Erik Arellana Bautista. Er war für die filmische Dokumentation der Aussagen der Opfer verantwortlich und ist der Sohn von Nydia Érika Bautista. Im Frühjahr 2013 musste er nach Hamburg fliehen. Bewaffnete waren in seine Wohnung eingedrungen und hatten Computer und sämtliches Archivmaterial gestohlen. Ein harter Schlag für die Stiftung, die nur wenige Straßen entfernt ist und vor allem eins will: Klarheit, weshalb man ihre Angehörigen gewaltsam hat verschwinden lassen. Diese Kernforderung der Opfer ist nicht verhandelbar. Dass die Täter nicht in jedem Fall eine gerechte Strafe erhalten werden, dass wissen Andrea Torres, ihre Mutter Yaneth Bautista und ihre Mitstreiter ganz genau.

Förderhinweis: Der Autor bereiste Kolumbien mit Unterstützung von Brot für die Welt - Evangelischer Entwicklungsdienst.

Quelle: Neues Deutschland vom 14.07.2015.

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Veröffentlicht am

18. Juli 2015

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